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PORCUPINE TREE – ANATHEMA

Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 30.11.2007

Seit geraumer Zeit ist im Bereich der Rock Musik eine interessante Rückbesinnung hin zur progressiven Ausgestaltung von Songstrukturen wie in den 70er Jahren erkennbar, zumindest bei einigen aufstrebenden Formationen. Nicht mehr das kurze Erlebnis „Radio Hit Single“ steht im Vordergrund, vielmehr das Durchgestalten von ganzen Alben, der Spannungsaufbau wohl aufeinander abgestimmter Parts. In dieser Tradition sehen sich ganz sicher auch PORCUPINE TREE um ihren Mastermind Steven Wilson, der ganz nebenbei gesagt auch sehr interessante Statements von sich gibt, wie man unserem Interview entnehmen kann. Wenn dann noch als Support eine der besten Dark Rock/ Metal Formationen der letzten 10 Jahre agiert, die ohne Probleme selbst in kleineren Clubs als Headliner auftreten könnte, sollte einem interessanten Konzerterlebnis eigentlich nichts im Wege stehen. Wir und die ca. 1500 (überwiegend erstaunlich alten) anderen Besucher im Bielefelder Ringlokschuppen sollten diesbezüglich auch nicht enttäuscht werden!

Schon sehr zeitig waren wir aufgebrochen, um auch ja nichts von den englischen „Heroen“ um die 3 Brüder Cavanagh zu verpassen, hieß es doch vorab, dass sie aufgrund einer verlängerten Spielzeit des Headliners vor den jeweils angegebenen Zeiten antreten müssten. Kurz vor 8 ging es dann aber doch relativ pünktlich los und in den ersten Reihen hatten sich einige Fans des Supports platziert, dabei wurden u.a. nicht gerade wenige OPETH-Shirts gesichtet. Mit dem wunderbaren Doppel „Fragile Dreams“/ „Empty“ vom genialen „Alternative 4“-Album (die Superlative sind wahrlich berechtigt) stieg man ins Set ein, und auch wenn eine Gitarre nicht auf Anhieb die gewünschten Töne produzierte, war doch schnell diese magische Atmosphäre aufgebaut, mit der mich die Herren über die Jahre schon oft verzaubert haben. Aktuell ist man allen Ernstes ohne Plattenvertrag, arbeitet aber bereits an einer neuen Scheibe, von der man 2 Lieder auf der ANATHEMA-Homepage downloaden kann und von der auch 3 Lieder ins aktuelle Set integriert worden waren. Bei nur 8 Titeln insgesamt vielleicht einer zuviel, aber verständlich, dass man gerade diese Lieder promoten will. Dabei ist eine Hinwendung zu noch etwas softeren Klängen erkennbar, wobei das vermeintliche Titelstück „Angels walk among us“ qualitativ durchaus an ältere Hits anknüpfen kann. Von eben diesen älteren präsentierte man auch noch „Deep“, während 2 Songs von der bislang letzten Studioscheibe „A Natural Disaster“ aus dem Jahre 2003 stammten. Im Vordergrund der Show eindeutig die 3 Brüder an den Klampfen, während Keyboarder Smith und der Schlagzeuger dezent im Hintergrund für das Fundament sorgten. Ungefähr 45 Minuten dauerte das Vergnügen, es hätte gern 3 mal so lang sein dürfen. Das abschließende Instrumental „Hindsight“ mit seinen gesampelten Frauenmonologen gestaltete sich zwar eindringlich, ein alter Klassiker hätte dem Ganzen aber noch die Krone aufgesetzt. Auch zu einer Zugabe reichte es leider nicht, doch wir wollen hoffen, das Quintett bald wieder auf Solotour in Deutschland begrüßen dürfen zu können.

Setlist ANATHEMA
Fragile Dreams
Empty
A Simple Mistake
Closer
Angels walk among us
Deep
Flying
Hindsight

Einige Minuten später stand dann aber schon der Hauptgrund für die Anwesenheit der meisten Ostwestfalen auf der Bühne. Vorne Mastermind Steven Wilson, natürlich barfuss und mit leicht kauzigem Charme, dazu links von ihm der relativ bekannte John Wesley an der Gitarre, der hin und wieder auch sehr gelungenen Gesang beisteuerte. Ein Bassist rechts sowie hinten links und rechts erhöht die beiden Koryphäen Richard Barbieri (Keys) und Gavin Harrison (Schlagzeug) komplettierten das Line Up. Im Hintergrund war eine mittelgroße Leinwand platziert worden, auf der bei einigen Liedern recht kunstvolle Videos vom langjährigen Kollaborateur Lasse Hoile abliefen. Teilweise die Hektik unserer Zeit anklagend, dann wieder Animationen, die an TOOL-Kunstwerke erinnerten. Wilson selbst gab sich unprätentiös mit sauberem aber nicht zu aufdringlichem Gesang, sein uraltes ANATHEMA Shirt sorgte für weitere Sympathien. Witzig auch sein Headbanging, das er bei einigen durchaus vorhandenen härteren Parts einsetzte. Musikalisch in eine ähnliche Kerbe wie der Opener schlagend kommt bei PORCUPINE TREE noch der ausufernde Prog Rock im Stile von solchen Kalibern wie PINK FLOYD oder frühe GENESIS hinzu, mit einigen modernen Zutaten. Mittlerweile ist man ja bei Roadrunner unter Vertrag, dort ist auch das aktuelle, allerorten abgefeierte Werk „Fear of a blank Planet“ erschienen. Dies wurde natürlich mit überwiegend überlangen Kompositionen wie „Way out of here“ oder „Sleep Together“ auch gewürdigt. Sehr beeindruckend auch „Open Car“ von der 2005er „Deadwing“-Scheiblette. Das Publikum staunte, träumte und nickte anerkennend im Takt, was bei Unkenntnis der Songs gar nicht so einfach ist, so komplex sind diese teilweise aufgebaut. Artig bedankte sich der bebrillte Genius bei seinen deutschen Fans dafür, dass sie für die erste Top 20 Album Platzierung in hiesigen Gefilden gesorgt hatten. Die Zielgruppe gehört wahrscheinlich auch altersbedingt noch zu den „ehrlichen Käufern“, auch wurden kaum hochgereckte Handys gesichtet, die sonst allerorten für 10 Minuten YouTube-Ruhm führen sollen. Interessantes Detail am Rande: PT hatten für ihre Show ein Rauchverbot verhängt, zumindest bis zum 1.1. wären Zigaretten in NRW eigentlich noch statthaft. Allerdings hielt sich nicht jeder an diese Anweisung, wie halt so üblich… Währenddessen hatten die Briten mit dem Titelstück der im Februar 2008 bei Peaceville erscheinenden EP ein sehr interessantes Instrumental im Aufgebot. „Nil Recurring“ wie auch 3 weitere Titel waren in den Aufnahmessions zu „Fear…“ entstanden und bislang nur auf Konzerten oder im Webshop erhältlich. Auch der schönste Abend ging allerdings einmal zu Ende, immerhin boten PORCUPINE TREE an die 2 Stunden Musik allerbester Machart und zusammen mit den formidablen Landsmännern im Gepäck muss man bei diesem Konzertabend von einem DER Highlights 2007 für Fans anspruchsvoller Rock Musik sprechen!

Setlist PORCUPINE TREE
Blank Planet
What Happens Now
Sound of Muzak
Lazarus
Anesthetize
Open Car
Dark Matter
Blackest Eyes
Nil Recurring
A Smart Kid
Way Out Of Here
Sleep Together

Even Less
Trains
Halo

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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