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PRIMA LEBEN UND STEREO 2007

Ort: Freising - Vöttinger Weiher

Datum: 03.08.2007 - 04.08.2007

Einmal jährlich wird der Rucksack gepackt, das Zelt verstaut und in Münchens Norden gepilgert. Wenn Anfang August der Vöttinger Weiher und sein PRIMA LEBEN UND STEREO-Festival rufen, kann man sich auf zwei Tage mit aufstrebenden, etablierten und durchaus auch kultigen Bands freuen. Leider aber auch auf Regen, wie es z.B. im letzten Jahr durchgehend der Fall war.

Auch dieses Jahr wurde man nicht verschont. Pünktlich zur besten Zeltaufbauzeit regnete es und die Temperaturen waren auch jenseits von Festivaltauglich. So was kann schon auf die Stimmung drücken, wobei man den Organisatoren (wie immer) vorbildliche Arbeit attestieren muss. Kürzeste Laufwege auf einem kleinen aber feinen Gelände unweit des Münchener Flughafens sorgen dafür, dass man selbst auf dem Campingplatz noch das Gefühl hat „Mittendrin statt nur dabei“ zu sein. Pünktlich zum frühen Start um 15 Uhr verzog sich der Regen und die Münchener Nachwuchsbands PARDON MS ARDEN und DEAR HENRY BLISS eröffneten das Konzert mit indiesken Rockklängen vor zunächst wenigen Zuschauern. Die meisten kämpften noch mit ihren Zelten und gesellten sich erst zu YUCCA in die Nähe der Tribüne. Zu deren treibendem Sound wollte sich aber noch nicht die rechte Partyatmosphäre einstellen, die Mägen mussten erst gefüllt werden und der erste Durst gestillt.

Erstes Highlight am Freitag waren NAKED LUNCH, die melancholischen Österreicher mit der bewegten Bandgeschichte überzeugten mit ihren extrovertierten Überleitungen und ihrer reichlich gesammelten Bühnenerfahrung, mochten das Publikum aber nicht so begeistern wie OLLI SCHULZ & DER HUND MARIE. Vom Publikum gefeiert zelebrierten die Norddeutschen ihren Alltagsgeschichtenschlager für die Studentenschaft von Morgen und waren so der ideale Publikumsmagnet für Deutschlands Discotiere vom JEANS TEAM. Zur nächtlichen Düsternis gesellten sich plötzlich blinkende Neonlichter, pulsierende Stroboskope und eine manische Bühnenshow – welche spätestens bei „Das Zelt“ die Schafskälte vergessen lies. Den Abschluss des Freitags begingen DAS POP aus Belgien, deren Sound leider in der allgemeinen Aufbruchstimmung etwas verloren ging und die eigentliche Tanzaffinität so nicht ausspielen konnte.

Der Samstag beginnt mit Milchbrötchen, faden Geschmack im Mund und stinkender Dixie-Toilette. Der freitags noch gemiedene Weiher im Festivalgelände wurde heute stark frequentiert zum Kühle spendenden Nass. Denn die Wolken hatten sich verzogen und die Sonne strahlte, wenig später sollte sich zeigen, was das für Auswirkungen auf die hiesige Festivalkultur haben kann. In der brütenden Sonnenhitze sorgten AUTOPILOT mit fetzigem Krachrock à la FOO FIGHTERS für Stimmungsmache, sollten ihrer stimmstarken Sängerin aber dringend noch einen ebenbürtigen männlichen Part hinstellen. Geschwitzt wie die Hunde müssen die HERREN POLARIS in Ihren schwarzen Outftis haben – das mitgebrachte Keyboard hätte jedenfalls noch mehr zum schwitzen anregen können. Wären die Jungs nur nicht so behäbig auf der Bühne, würde ihr toller Indie-Rock so richtig wirken. Auf dem Sprung sind sie allemal.

Während man selbst mit der Hitze nur durch abwechselndes Bad im Weiher, anschließende innere Brandlöschung und einem Platz im Schatten klarkam, schienen FREIZEIT 98 damit größere Probleme zu haben. Der als ambitionierter Elektro-Synthie-Rockpop angekündigte Stimmungsmacher kämpfte zunächst gegen die Akustik und anschließend mit der selbstproduzierten Langeweile. Derweil füllte sich das Gelände immer mehr, das ideale Festivalwetter lockte nicht nur aus den stickigen Zelten, sondern scheinbar auch aus dem nahen Freising aufs Gelände. Der Samstag hatte ja auch noch einiges zu bieten – z.B. die große Überraschung RAINER VON VIELEN & KAUTZ. Der schmächtige Herr am Mikro verblüffte zunächst mit Stimmakrobatik und dann mit Stimmungsmache der Extraklasse. Als Anheizer perfekt geeignet gab’s ein Potpourri aus Reggae, Funk, Rock & Punk das ganze Menschentrauben vor die Bühne magnetisierte und selbst dann noch begeisterte, als man die Temposchraube gegen Ende des Auftritts etwas zurückschraubte.

Den Konzerthöhepunkt, trotzt der noch folgenden großen Namen, boten sicherlich die Herren FOTOS. Mit ihrem mitreißenden, deutschsprachigem Rocksound zeigten sie, dass sie wirklich nur einen Fingerbreit vom perfekten Poprocksong entfernt sind und dass sie das auch bühnentechnisch perfekt umsetzen können. Das Publikum dankte es mit ersten Crowd-Surfings und permanenter Feierlaune – die getoppt wurde vom „RemmiDemmi“-Cover, welches die FOTOS als Zugabe beisteuerten und wozu die hüpfende Menge die Fische aus dem Weiher hob.

Die Menge war bereit für KANTE, doch die ließen sich zunächst Zeit – und ließen die Tiere unruhig werden. Doch spätestens zur „Party des Jahrhunderts“ lag man sich mit dem Publikum in den Armen und feierte die deutschsprachige Rockmusik aus dem hohen Norden. Dass aber auch der Süden dagegen halten kann zeigte der Electro-Frickel-Papst Martin Gretschmann mit seiner Band CONSOLE. Das Weilheim das Zentrum kreativer Musik ist, beweist Gretschmann nicht nur mit THE NOTWIST. Gemeinsam mit Bandunterstützung ließ er Elektronik-Popträume wahr werden und beendete das Festival mit einem Rausch der Musik.

Wer sich abseits der Bühnenpräsenz umsah konnte sich auch zur Seebühne begeben und dort bis spät in die Nacht hinein zur DJ-präsentierten Tanzmusik feiern, aufgrund der kleinen „Tanzfläche“ jedoch mit nur wenig Entfaltungsmöglichkeit.

Dass sich das PRIMA LEBEN UND STEREO zu einem Geheimtipp in der deutschen Festivallandschaft entwickelt hat, belegt man jedes Jahr aufs Neue. Mit ca. 3000 Gästen ist man klein aber fein und sorgt für fast familiäre Atmosphäre unter Zuschauern und auftretenden Bands, etwas was heutzutage nicht mehr allzu oft zu sehen ist.

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