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RAINALD GREBE

Ort: Münster – Halle Münsterland

Datum: 03.09.2009

RAINALD GREBE macht jetzt auch Insolvenzeröffnungen und Kaffeefahrten. Er hat nämlich ein neues Management und den Vertrag nicht aufmerksam genug gelesen. So berichtete er seinem Münsteraner Publikum gleich zu Beginn seines rund zweieinhalbstündigen Auftrittes im mit etwa 700 Zuschauern gut gefüllten Congress-Saal der Halle Münsterland. Seine KAPELLE DER VERSÖHNUNG hatte der 38-jährige an diesem Donnerstag zu Hause gelassen, denn auf dem Zettel stand das „Hongkong-Konzert“. Dabei handelte es sich um das aktuelle Solo-Programm des Autors, Liedermachers, Kabarettisten, Schauspielers und diplomierten Puppenspielers, das seinen Namen einem Gig im Hongkonger InterContinental Grand Stanford vor deutschen Geschäftsleuten verdankt.

Das gemischte Auditorium in Münster sah hingegen eher nach einem Querschnitt durch die Bevölkerung als nach Business aus und offensichtlich waren einige Wiederholungstäter im Saal, die bereits bei den ersten Akkorden eines Liedes in lautstarke Verzückung gerieten und regelrecht an Grebes Lippen hingen, der dazu nur ein schwarzes Klavier, einen blauen Bürostuhl und ein Gerät brauchte, um seine Playbacks abzufahren. Rainald macht nämlich eigentlich gar keine eigenen Sachen mehr, sondern sieht sich jetzt als Dienstleister in Sachen Musik. Sprach’s und lieferte als „Dr. Love“ auch gleich den Beweis mit einer „Lady In Red“-Persiflage. Und wer hätte gedacht, dass der Herr Keyboarder bei MATTHIAS REIM war, der übrigens immer besoffen gewesen sein soll und sein One-Hit-Wonder „Verdammt ich lieb dich“ gar nicht selbst geschrieben hat? Es war eine Eingebung von oben, die ihm diesen Song beschert hat, mit dem er eigentlich ausgesorgt gehabt hätte, wäre die Kohle nicht in falsche Projekte geflossen. RAINALD GREBE wartet noch auf die Eingebung, die ihm einen nicht enden wollenden GEMA-Geldregen beschert und macht deshalb zunächst doch mit eigenen Nummern weiter. Dass dabei Lieder über die Finanzkrise, Terrorismus und Piraten vor Afrika nicht fehlen durften, versteht sich von selbst. In Zeiten der Krise bot sich durchaus auch ein Stück über Urlaub in Deutschland an und wer so viel wie Grebe unterwegs ist, kennt auch die Uniformität deutscher Innenstädte, die ebenfalls zur Freude der Zuschauerschaft vertont wurde. Weiter ging’s gedanklich Richtung Japan, wo „Karoshi“ (plötzlicher Tod durch Überarbeiten) kein Einzelfall mehr ist. Diese berufsbedingte Art zu sterben erwartet uns arbeitsschutz-verwöhnten Mitteleuropäer womöglich auch, denn wenn Fledermäuse schon tagsüber fliegen und die Sonne gar nicht mehr untergeht, müssen wir wohl auch mehr Flexibilität in der Arbeitswelt an den Tag legen. Dann kann man möglicherweise auch bald selbst den Neureichen-Song singen, den RAINALD GREBE im Stil der „Mein-Haus-mein-Auto-mein-Boot“-Sparkassen-Werbung zum Besten gab, bevor es um kurz vor 21.00 Uhr in die Pause ging.

Nach 20 Minuten ging es mit einer goldfarbenen Winkekatze (im japanischen Fachjargon als „Maneki Neko“ bekannt) und einem Künstler mit Mundschutz weiter, der wohl in Anspielung an die Schweinegrippe-Hysterie „Wenn ein Lied meine Lippen verlässt“ von XAVIER NAIDOO anstimmte, ehe mit „Wir lagen vor Madagaskar“ der Mitsing-Part begann, dem ein zotiges Medley folgte, welches ohne weiteres von den ANGEFAHRENEN SCHULKINDERn stammen könnte, aber wohl zum Ballermann-Standard-Repertoire gehört. Dank Klimaerwärmung müssen wir vielleicht bald nicht mehr Richtung Mittelmeer, wenn wir in der Sonne brauten wollen, denn in gar nicht so weiter Zukunft wachsen auch in Sachsen Palmen, wie Grebe musikalisch zu verstehen gab. Nach einem Werberundumschlag wurde es mit einem „Kandidaten“-Blues angesichts der nahen Bundestagswahl wieder brandaktuell und auch Silvester ist nicht mehr lang hin, weshalb auch dieser Song hervorragend ins Bild passte. Schon mal vom „Bionade-Biedermeier“ am Prenzlauer Berg gehört? So beschrieb Rainald die hippen Bewohner des angesagten Berliner Stadtteils, die neben 200 Bärlauch-Variationen in erster Linie vom Inhalt ihrer Gemüsequelle leben. Natürlich alles ganz öko und fair gehandelt, weshalb es RAINALD GREBE sehr überrascht hat, dass diese Klientel bei der Wärmegewinnung noch nie auf die Idee gekommen ist, die natürliche Energie just verendeter Pferde zu nutzen. Um die Brisanz aus dieser tierschutzrechtlichen eher bedenklichen Theorie zu nehmen, folgte auf dem Fuße ein Lied über das Verliebsein, das in lauten Technosounds und SCOOTERs „Tanzen oder ficken“ mündete. Dazu drapierte Grebe eine ganze Armada unermüdlicher Winkekatzen auf seinem Tasteninstrument, um bei einem eilig georderten Glas Rotwein den letzten Track anzustimmen.

Tosender Applaus beorderte Herrn Grebe allerdings wenig später angetan mit dem für ihn typischen Indianerkopfschmuck zurück auf die Bühne, um als Triptychon die Romanze vom kleinen Apachen-Jungen Lukas, die Hymne auf Popel-Peter und die Ballade vom armen Klaus zu intonieren. Fehlte nur noch das Volkslied, wie Rainald Guido Westerwelle in der Sauna traf, dann war seiner Meinung nach alles gesagt. Das sahen die Münsteraner anders und so schloss sich nach einer klitzekleinen Pause mit „Die Neunziger“ ein Highlight der Grebe-Diskografie an. Nach einem weiteren Abgang suchte RAINALD GREBE das Gespräch mit seinem Lichttechniker Herrn Friebe, der in den nächsten viertel Stunde noch kräftig in seiner „Kiffer-Loge“ gefordert wurde. Nicht nur, dass er noch einen Rundumschlag seiner technischen Möglichkeiten abliefern musste, während der Hauptprotagonist des Abends letzte Schlaflieder über seine Spiegel-Online-Allergie und Magersüchtige sang; zu guter Letzt musste der Mann im off auch noch Sätze nachsprechen, die Grebe ihm in den Mund legte, was durchaus zur Belustigung des Publikums beitrug, welches schließlich um 22.30 Uhr in die Nacht verabschiedet wurde.

Pointiert, äußerst kurzweilig und mit viel Musik bereitete RAINALD GREBE seinen Fans einen wunderbaren Abend über „Katastrophen, Kaufhausmusik und Liebe im Ausland“. Das langanhaltendes Klatschen am Ende und die vielen Lacher während der Show zeugten von der Zufriedenheit der Anwesenden mit dem neuen Programm, das auch mich bestens unterhalten hat.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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