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RAMMSTEIN – EXILIA

Ort: Dortmund - Westfalenhalle

Datum: 12.12.2004

Ich habe in meinem Leben wahrlich schon einige Konzerte besucht, teilweise nachzulesen auf diesen noblen Seiten. Aber manches ist größer als das Leben selbst und so stand an diesem kalten Dezember Abend ein besonderes Event auf dem Programm: RAMMSTEIN mit der Tour zur aktuellen „Reise, Reise“-Scheibe. Ursprünglich wollte man ja „nur“ am Samstag in Dortmund auftreten, aber schon nach kürzester Zeit war klar, dass es ein Zusatzkonzert am folgenden Tag geben würde. Also die Sachen gepackt, die A2 befahren und an einem strategisch günstigen Ort einen Parkplatz abgegriffen, um sich dann einen kurzen Fußweg zur Dortmunder Westfalenhalle 1 zu bahnen. Eine relativ überschaubare Schlange deutete es bereits an, die Organisation verlief zügig und reibungslos. Und noch eins wurde klar: Das RAMMSTEIN-Publikum besteht zu 70 Prozent aus mittelalten Normalos, die man hier nicht unbedingt erwarten konnte. Dazu ein paar Metaller und ein paar Grufties, fertig war die Melange, die nur wenige Die Hard-Fans aufzuweisen hatte. Im Gegensatz z.B. zu den ONKELZ, wo ja 80 Prozent der Anwesenden ein Bandshirt tragen.

Wir hatten natürlich keinen Fotopass (dafür muss man schon gottähnlichen Status besitzen), aber immerhin Innenraumkarten, die Fete konnte also beginnen. Ganz vorne hatte man Bändchen verteilt und die Glücklichen durch Wellenbrecher von der restlichen Bevölkerung abgeriegelt. Als Vorgruppe fungierten die Italiener EXILIA, welche damit so illustren Kapellen wie ESKIMOS & EGYPTS, den FARMER BOYS oder auch CLAWFINGER folgten. Man „durfte“ ja auch schon die Labelkollegen von OOMPH! auf deren Tour supporten. Da stellt sich mir die Frage, ob die Südländer mit ihren Plattenverkäufen jemals wieder das Geld reinholen werden, mit welchem sich die BMG bei dieser RAMMSTEIN-Tour eingekauft haben muss. Punkt 20 Uhr ging es dann los und wie erwartet gaben die Jungs um Frontfrau Masha ordentlich Gas, in nahezu demselben Outfit wie bei dem OOMPH!-Konzi in der kleineren Westfalenhalle II. Für die anwesenden „Beamtenmetaller“ mag das ganze ja wie rasanter Death Metal geklungen haben, der erfahrene Hartwurstfan erkennt aber nur soliden Aggro/ Nu Rock, der ohne die weibliche Frontröhre vollkommen beliebig wäre. Die gedreadlockte Sängerin verfügt wirklich über eine beeindruckende Stimme, sozusagen die Gianna Nannini des Metals. Leider sind die Stücke doch eher austauschbar, bis auf ein paar Ausnahmen wie die Singles „Stop playing God“ oder „Coincidence“ (so heißt im übrigen auch eine gerade erschienene EP). Masha mühte sich die Anwesenden auf Touren zu bringen, da wurden CDs in die Menge geworfen, die Leute immer wieder zum Schreien animiert, aber so richtig sprang der Funke nicht über. Nach 35 Minuten war dann mit „Where I’m wrong“ die Geschichte auch schon zu Ende und EXILIA verabschiedeten sich mit (zu) großer Pose, einige CDs wird man im nachhinein sicher verkauft haben.

Doch nun harrten die Menschen dem eigentlichen Kommensgrund entgegen, Großes hatte man bereits vorab im Internet lesen können, wie etwa die Setlist, was sich im Nachhinein als Trugschluss erweisen sollte. Jedenfalls war hinter dem riesigen Vorhang bereits alles angerichtet, was die provokanten Ostler so auffahren wollten, um dem Eintrittspreis von 45 Euro einen adäquaten Gegenwert entgegenzustellen. Selbst der Umbau hatte Stil, denn die Bühnenarbeiter trugen alle weißes Hemd plus Krawatte. So gegen 21 Uhr begann ein ausuferndes Intro, welches so ähnlich auch von einer Cold Meat Industry Band hätte stammen können. Weitere 10 Minuten später traten mehrere Herren im Anzug vor den Vorhang, das war aber nur ein Ablenkungsmanöver! Denn nun fiel mit einem Donnerhall die Abdeckung nach unten und gab den Blick frei auf eine bombastische Szenerie. 5 der 6 RAMMSTEINer auf einer erhöhten Ebene, das alles überragende Drumkit dabei meterweit über dem Boden. Die Ebene bestand aus einzelnen, teilweise beweglichen Elementen, in welchen blaue Oszillographen eine gespenstische Dekoration abgaben. Dann öffnete sich eine Tür unter dem Drumkit und Herr Lindemann trat in retrofuturistischer Militaria-Kleidung vor die Massen. Als Opener hatte man passender weise denselbigen des aktuellen Albums gewählt. Nach kurzer Zeit führen die beiden Gitarristen an schwenkbaren Liften ebenfalls gen unten, während Flake mit einem Akkordeon zum Gruppensound beitrug. Optisch war der gute Mann mal wieder völlig durchgeknallt, mit Stahlhelm und Fliegerbrille, wie ein Leiermann im ausgebombten Berlin. Oliver Riedel am Bass glänzte mit Glatze und nacktem Oberkörper, während Gitarrist Paul Landers einen Triolerhut (wenn ich das von meiner Position richtig erkennen konnte) plus Trachtenhose spazieren trug. Insgesamt ein äußerst imposanter Anblick mit natürlich glasklarem Sound. Schnell war klar, dass man ein wenig an der Setlist geschraubt hatte, so entfielen „Dalai Lama“ und „Amour“ komplett, während ansonsten auch die Reihenfolge von den vorangegangenen Gigs differierte. Man spielte immer wieder Blöcke, bestehend aus alten und neuen Songs, was meiner Meinung nach eine gute Wahl war. Beeindruckend auch die sensationellen Lichteffekte, von denen 99 Prozent der anderen real existierenden Bands ihr Leben lang nur träumen können. Dazu bediente man sich ausgiebigst aus der Pyro-Schatztruhe. Bei „Feuer frei!“ setzten sich Lindemann plus Gitarristen eine Art Maske plus Mundstück auf, aus dem sie großzügige Flammen in den Hallenhimmel bliesen. Bei „Du riechst so gut“ schwenkte Till einen Feuerbogen und beim darauffolgenden „Du hast“ überraschte man vor allem die Zuschauer im hinteren Teil mit Feuerstößen, die über angebrachte „Seile“ bis nach hinten in die Halle drangen. Aber man hatte noch mehr Gimmicks auf Lager. Die erste Single der aktuellen CD „Mein Teil“ wurde entsprechend des Inhalts (Die Kannibalen Story von Rothenburg) mit einem kleinen Schauspiel untermalt. Lindemann mit einem Messermikro und Metzgerstracht auf der Jagd nach dem Flake im überdimensionalen Kochtopf. Mit einem Flammenwerfer wurde der gute Mann sogar beschossen (da dürfte es ihm richtig warm ums Herz geworden sein!), bevor eine wilde Jagd über die Bühne folgte. Nachdem mit dem eher simplen „Rein raus“ und „Morgenstern“ der einzige kleine Hänger bei der Songauswahl überstanden war, komplettierten 4 weitere Stücke vom neuen Album eine Art „aktuelles“ Paket. Interessanterweise wurde beim biographisch angelegten „Los“ ein reduziertes zusätzliches Drumkit rechts aufgebaut, auf dem Kollege Schneider herumtrommelte, während Flake dazu einen Schuhplattler präsentierte. Die Zeit nutzt man zum Aufbau weiterer Pyroeffekte, die immer mal wieder zu diversen Gelegenheiten ausgepackt wurden und dem Konzert ein richtiges Eventfeeling verpassten. Leider ging das Publikum zwar ordentlich aber keineswegs euphorisch mit, was aber nicht weiter verwunderlich war (s.o.), viele waren wohl einfach mal neugierig auf diese „große, kontroverse“ Band namens RAMMSTEIN. „Amerika“, die Abrechnung mit unserem großen Nachbarn beendete den regulären Set, wobei eine riesige Konfettiparade in den 3 amerikanischen Landesfarben auf die Zuschauer hernieder prasselte.

Das konnte natürlich noch nicht alles gewesen sein, und so kehrte man mit dem ersten Zugabenblock wieder zurück. Übrigens hatte vorher Till mit „Danke Dortmund“ das erste mal das Publikum verbal bedacht. Die uralte Bandhymne „Rammstein“ eröffnete den zusätzlichen Reigen, hier hatte sich der muskulöse Sänger seine bekannten „Feuerarme“ umgeschnallt und wirkte mit den Flammen wie ein Raketenmensch (dafür blieb der brennende Mantel in der Aservatenkammer). „Sonne“ und „Ich will“ komplettierten den Block, aber da fehlten natürlich immer noch mindestens 2 wichtige Songs. Und so war es dann auch, nachdem die Menge eher ein wenig kläglich (in Anbetracht der Masse von ca. 12.000 Besuchern) eine weitere Verlängerung gefordert hatte, erklang die aktuelle Single „Ohne dich“, die Feuerzeuge gingen an und den Menschen wurde warm ums Herz. Wie erwartet beendete das DEPECHE MODE-Cover „Stripped“ den Abend, gekrönt von einem ganz besonderen Gimmick: Basser Oliver surfte mit einem Plastikschlauchboot über die Köpfe der Menge, Crowdsurfing einmal anders. In früheren Jahren war ja immer der Keyboarder für dieses Spiel zuständig gewesen. Nach und nach verabschiedeten sich dann die Musiker von ihren Fans, als letzter Flake mit seinem kleinen Handkeyboard, von dessen Sorte er bereits eines fachgerecht zerlegt hatte. Das war’s gewesen: Optisch und musikalisch herausragend, fast wie erwartet eine perfekte Show von Perfektionisten. Das nicht gespielte „Engel“ versüßte den nach hause eilenden Zuschauern von der Konserve die anschließende Drängelei. Eben doch kein Event wie jedes andere, auch wenn morgen schon wieder alles vergessen ist und die TOTEN HOSEN die Westfalenhalle besetzen werden. Nichts ist vergangener als das gerade Erlebte, aber die Erinnerungen bleiben…

Setlist RAMMSTEIN
Reise, Reise
Links 2-3-4
Keine Lust
Feuer frei!
Rein raus
Morgenstern
Mein Teil
Stein um Stein
Los
Moskau
Du riechst so gut
Du hast
Sehnsucht
Amerika

Rammstein
Sonne
Ich will

Ohne dich
Stripped

Copyright Foto:
www.rammstein-austria.com

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