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REAMONN – KAIN

Ort: Bielefeld - Stadthalle

Datum: 18.02.2007

Nach all dem Indie-Geschrammel, Speed-Folk und Electro, war an diesem grauen Sonntag die Zeit für straighten Rock gekommen. Nachdem REAMONN ihre Konzerte um ein halbes Jahr verschieben mussten (die Gründe dafür erklärte Sänger Rea während des Gigs persönlich), hatten sie heuer den Weg ins Zentrum Ostwestfalens gefunden und um 19.30 Uhr hatte sich eine imposante Schlange vor der Konzertstätte gebildet, die auf ein ausverkauftes Haus schließen ließ. Natürlich kamen die Fünf nicht allein, zur Einstimmung waren noch die Berliner KAIN und ein Fräulein Catrin von Spannenberg mit von der Partie.

Pünktlich um 20.00 Uhr starteten die Hauptstädter vor vollen Rängen mit einem Stück ihres Debütalbums „Leben im Schrank“, das zwei Tage vorher in die Plattenläden gekommen war und von dem werbestrategisch sehr schlau, 6-Track-Snippet-Sampler im Volk verteilt wurden. „Pack Dich“ und „Liebes Tagebuch“ gefielen mit heftigen Rock-Hooks und eingängigen deutschen Texten. Möglicherweise schon ein bisschen zu hart für den ein oder anderen REAMONN-Fan, die sich anfangs auch sehr zurückhielten, aber höflichen Applaus spendeten. Derweil wurde es auf der Bühne etwas unruhig, da es offensichtlich technische Probleme mit dem Schlagzeug gab. Diese unfreiwillige Pause nutzte Sänger, Gitarrist und Texter Lino, der in seiner Trainingshose nebst Mütze ein wenig aussah, als habe er den ganzen Tag im Bett verbracht und sei dann ganz schnell kurz vorm Auftritt aufgestanden, um ein bisschen aus der Bandgeschichte zu plaudern. KAIN sind keineswegs Musikneulinge, bereits seit zehn Jahren treiben sie sich in Probenräumen und auf Bühnen rum, sind bei vier REAMONN-Shows Support und gehen im Anschluss gleich weiter in eigener Sache auf Tour. Nachdem auch Drummer Paul wieder einsatzbereit war, war es Zeit für den Titelsong „Leben im Schrank“, der eher ruhig begann, dann aber ordentlich rockte und dank seiner immensen Melodienvielfalt auch beim Publikum hervorragend ankam. Die Bühnenshow des Quartetts ließ nichts zu wünschen übrig, ist natürlich auch eine schöne Sache, wenn man von der aufwendigen Lichttechnik des Headliners partizipieren kann, die in einer abgespeckten Version auch bei KAIN zum Einsatz kam. „Kaffee zum Mitnehmen“ war eine Spur zurückhaltender, erinnerte etwas an REVOLVERHELD und bei „Zaubern“ hatten die Jungs die Zuschauer bereits in der Hand. Ohne besondere Aufforderung wurde mitgeklatscht und auch die Singspielchen mit dem Auditorium klappten überraschend gut, wenn sich der männliche Gesang auch etwas dünn anhörte. Der „Überfliegerpilot“ offenbarte besonders gut Linos stimmliche Qualitäten, die sich zwischen cleanem Gesang und fast schon Geshoute bewegten. Gleichzeitig war’s auch der Titel mit der meisten Nähe zum Grunge, genauso wie letzte Zweifel an der Vorbildfunktion von Bands wie NIRVANA oder PEARL JAM ausradiert wurden. Mit einem letzten Hinweis auf die Homepage und der Bitte, doch zahlreich ins Gästebuch zu schreiben, verabschiedeten sich KAIN mit „Bastard“ nach 30 Minuten von den Bielefeldern, die durchaus Gefallen gefunden hatten am temporeichen Alternative-Grunge-Rock-Mix, den die Berliner ihr Eigen nennen. Auch uns konnte das Spree-Quartett vollends überzeugen, was man von der sich direkt anschließenden Darbietung nicht zwingend sagen konnte.

Wie bereits angekündigt sollte die Umbaupause nämlich von einer kleinen musikalischen Live-Darbietung untermalt werden, auch mal was neues. Plötzlich standen da auf einer Bühne inmitten des Auditoriums eine Sängerin plus Bassist, die ein paar Stücke performen durften. Leider muss man sagen, denn die ziemlich zappelige Dame, die sich als Catrin von Spannenberg vorstellte, verfügt zwar über eine gute Stimme, war aber stilistisch völlig fehl am Platze bei einem „Rock Publikum“. So forderten schon nach 2 Liedern einige Anwesende lautstark das Ende dieser Performance, doch man musste es noch länger ertragen…

Nach diesem doch eher unpassenden Interludium war es dann aber an der Zeit für den sehnsüchtig erwarteten Hauptact, welcher zunächst mit einem spacigen Countdown Intro die Spannung noch zu steigern suchte. Zu den Klängen des Openers „Starting to live“ fiel dann der Vorhang und gab den Blick frei auf eine perfekt arrangierte Bühne, die gleich 2 Ebenen für die 5 Musiker bereithielt. Von Anfang an und konnten Sound und Lichteffekte überzeugen, für die man allerlei teure Gerätschaften am Start hatte. Leinwände, auf denen Bilder des Konzerts in Übergröße zur Laufzeit projiziert wurden, Moodlights und Strahler aller Arten und Größen. Im Vordergrund standen aber natürlich die musikalischen Ergüsse und da insbesondere Titel des aktuellen Albums „Wish“, das man fast komplett darbot. So folgte nach „C-Inside“ mit „Promise“, Wish“, „Starship“, „Tonight“ und „Sometimes“ gleich ein ganzer Block neuer Kompositionen. Wobei sich Rea die Zeit nahm, vor „Wish“ auf die vergangenen 6 Monate einzugehen, die für den charismatischen Sänger nicht gerade einfach verlaufen waren. Immerhin hatte man ihm prophezeit, dass er möglicherweise nie wieder singen könne, natürlich ein Alptraum für den Iren. Daraufhin wurde dann ja auch die Tour verschoben, aber wie wir nun alle wissen, ist es doch nicht zum Äußersten gekommen und Garveys Stimme klang an diesem Abend einfach nur perfekt. Seine Rede kam sehr emotional rüber und insbesondere der Dank an Frau und Tochter verleitete das Publikum zu Ovationen. Ein weiteres musikalisches Highlight wurde mit der Coverversion „Halleluja“ von LEONARD COHEN präsentiert, welche von Rea im Film „Barfuss“ gespielt wurde. Danach durfte Drummer Mike zu einem Solo ansetzen, welches gleichzeitig als Überbrückung zu einer kleinen Überraschung genutzt wurde: Gitarrist Uwe und sein Bandleader fanden sich inmitten der Fans auf der kleinen Stage wieder, um das Stück „Allright“ in einer sehr intimen Variante zu performen. Dabei drehten sie sich zu allen Seiten, wobei die jeweilige Zuschauerfront dies mit lautem Beifall quittierte. Die Zeit für den Rückweg nach vorne wurde ebenfalls nicht lang, da Sebastian mit einem sichtlich anstrengenden Saxophon-Solo brillierte. Allesamt hervorragende Musiker übrigens, das wurde an diesem Abend deutlich. Kurz danach durfte dann auch Basser Phil seine Talente offenbaren, an einem blau-weiß gestreiftem Kontrabass war er Teil des sehr stimmungsvollen „Out of reach“. Das allseits bekannte „Star“ wurde natürlich ebenso begeistert aufgenommen, oft gab es an diesem Abend Mitsingparts, von den Armbewegungen ganz zu schweigen. Für das Intro von „Beautiful Sky“ hatte man sich etwas ganz besonderes ausgedacht. Garvey stand oben auf der „Empore“ im Schatten, während eine Stimme das Wesen der Menschheit beschrieb bzw. anpries. Am Ende dieses recht pathetischen Parts wurden alle aufgefordert, ihre Hände symbolisch nach oben zu strecken. Der Hauptpart, welcher schon über 90 Minuten währte, fand sein würdiges Ende in „Serpentine“, doch es sollte natürlich noch nicht Schluss sein.

Nach entsprechenden Zugabe-Rufen postierten sich Phil, Uwe und Sebi (mit Klarinette) ganz oben und leiteten wohl DEN REAMONN-Song überhaupt ein: „Supergirl“. Die komplette Halle verwandelte sich in einen Chor und verabschiedete sich schließlich kurz nach 23 Uhr zu „The Only Ones“ von ihren Lieblingen. Keine Frage, versierte Rock Musik weicheren Schlages in Einklang mit einer hervorragenden Bühnenshow dürfte so ziemlich jeden Anhänger glücklich gemacht haben. Dabei wurde die emotionale Seite ob der Technik niemals vergessen, was dem ganzen einen menschlichen Anstrich verlieh. Vergessen die Vorgänge in Oberhausen, wo übereifrige Ordner den einen oder anderen Besucher nicht in den Innenraum ließen, da man für die DVD-Aufnahmen „unverbrauchte“ Gesichter haben wollte. Dafür hatte sich die Band schon kurz danach entschuldigt und der Abend hier und heute in Bielefeld ließ auch keinen Zweifel an dem Zusammenhalt zwischen Fans und Musikern. Die Liebeserklärung an Deutschland setzte dem noch eine schöne Krone auf.

Setlist KAIN
Hass mich
Liebes Tagebuch
Leben im Schrank
Kaffee zum Mitnehmen
Zaubern
Überfliegerpilot
Bastard

Setlist REAMONN
Starting to live
C-inside
Come to me
Promise
Wish
Starship
Tonight
Sometimes
Halleluja
Allright
Out of reach
Just another night
Pain
Star
Intro/ Beautiful Sky
Life is a dream
She’s a bomb
Serpentine

Supergirl
The Only Ones

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