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RELOAD FESTIVAL 2010 – TAG 1

Ort: Twistringen - Alte Ziegelei

Datum: 02.07.2010

Bereits zum fünften Mal war die alte Ziegelei in Twistringen Tummelplatz für Festivalfreunde, die es gern mal krachen lassen. Wunderbar zwischen Bäumen, Seen und alten Gebäuden gelegen, zog es in diesem Jahr erstmals auch eine Terrorabordnung in die Nähe Bremens; allerdings mit ein wenig Verzögerung, da vor dem Vergnügen zunächst die Arbeit stand, die es mir nicht erlaubte, vor 18.30 Uhr an der Mainstage aufzuschlagen.

Dort begrüßte mich jedoch gleich das DISCO ENSEMBLE aus Finnland mit den ersten Klängen vom wunderbaren „Bay of Biscay“, das auch ihr aktuelles Album „The Island of Disco Ensemble“ eröffnet. Zwar musste der Vierer gegen die Hitze (das Thermometer zeigte immer noch Temperaturen jenseits der 30°C-Marke) und noch ziemlich leere Ränge ankämpfen, diejenigen, die sich schon vor der Bühne eingefunden hatten, zeigten sich dafür zurecht ausgesprochen angetan vom druckvollen Post-Hardcore-/ Indie-/ Punk-Sound der Jungs, die seit 1996 Musik machen und inzwischen vier Longplayer ihr Eigen nennen. Als willkommene Abkühlung richtete sich im Bedarfsfall stets ein Wasserschlauch auf die überhitzte Crowd und schon konnte weitergetanzt werden. Anders als der Bandname vermuten lässt, wurde durchgängig mit viel Schmackes gerockt. „Protector“, das ebenfalls von der Ende Mai erschienenen Langrille stammte, schaltete kurzfristig einen Gang zurück, mit „White Flag for Peace“ schloss sich dann aber auch umgehend ein wahrer Kracher an, dem man sich kaum entziehen konnte. Entsprechend gingen auch „We Might Fall Apart“ und „Drop Dead Casanova“ vom 2005er Silberling „First Aid Kit“ umgehend ins Bein. Das Elektro-Gefrickel von Sänger Miikka Koivisto, der seit 2000 beim DISCO ENSEMBLE am Mikro und den Tasten agiert, markierte mit „Get Some Sleep“ nach einer knappen Stunde das Ende des regulären Sets, doch sollte es noch einen kleinen Nachschlag geben (scheint auf Festivals langsam in Mode zu kommen). „So Cold“ traf nun nicht unbedingt auf die Außentemperaturen zu, dafür dürften die Fußballfans die Textzeile „don’t cry for me Argentina“ schon mal auf das für den nächsten Tag anstehende WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien gemünzt haben, nach dessen Ende Fußball-Deutschland gern die Südamerikaner in kollektiver Trauer sähe. Zuvor hatte Miika bereits einem Oranje-Fan zum Weiterkommen seiner Elf gratuliert – wer weiß, vielleicht steht uns ja noch eine Partie gegen unsere westlichen Nachbarn ins Haus. Beim Reload durfte auf jeden Fall noch mal ordentlich abgetanzt werden. Insbesondere beim letzten Track „Magic Recoveries“ (vom gleichnamigen Album, das vor zwei Jahren in die Läden kam) veranstaltete Drummer Mikko Hakila ein wahres Schlagzeug-Inferno, mit dem die Show dann leider bereits um 19.40 Uhr endete, obwohl laut Timetable noch 20 Minuten Zeit gewesen wäre.

Setlist DISCO ENSEMBLE
Bay of Biscay
Pitch Black Cloud
Bad Luck Charm
Semi Eternal Flame/ Undo
?
We Can Stop Whenever We Want
Protector
White Flag For Peace
We Might Fall Apart
Life of Crime
Drop Dead Casanova
Lefty
Get Some Sleep

So Cold
Worst Night Out
Black Euro
Magic Recoveries

Ich nutzte die Umbaupause, um an der Clubstage nach dem Rechten zu sehen, die es in diesem Jahr erstmalig gab und in einem Zelt in der Nähe untergebracht war. Erstaunlicherweise wehte unter dem Vier-Mast-Dach (die Seiten hatte man schlauerweise offen gelassen) ein laues Lüftchen. Das lag möglicherweise am Hardcore-/ Metal-Geballer, das DEATH BY STEREO produzierten. In Höchstgeschwindigkeit bolzten die vier Jungs aus Orange County, die inzwischen ebenfalls 14 Dienstjahre auf dem Buckel haben, in Twistringen alles nieder. Das Publikum, welches einigermaßen geschlossen von der Mainstage rüber gepilgert zu sein schien, zeigte sich zwar in Teilen ziemlich bewegungsfaul, aber das muss wohl der immer noch vorherrschenden Hitze geschuldet werden. Für den einen oder anderen wird’s auch schlicht und ergreifend zu heftig gewesen sein, so dass sich die Reihen am Ende etwas gelichtet hatten, als Sänger Efrem Schulz das finale „I Sing For You“ skandierte. Der Song findet sich auf dem sechsten Studiowerk der Amis, das Anfang des Jahres das Licht der bundesdeutschen Plattenläden erblickt hat. Damit blieb das Quartett ebenfalls deutlich unter der veranschlagten Spielzeit – wird schon irgendwelche Gründe gehabt haben, immerhin standen allen Kapellen (mal abgesehen von den Openern) mindestens 60 Minuten laut Timetable zu.

Bei DIE HAPPY waren dies bereits 1 ½ Stunden, die Marta Jandová und ihre Jungs bis auf wenige Minuten auch komplett genutzt haben. Bevor Ende September eine neue Studioscheibe erscheint, sind die Ulmer auf „Best of“-Festivaltour und in diesem Sinne starteten die Alternative Rocker auch gleich mit „Big Boy“ vom 2003er Longplayer „The Weight Of The Circumstances“ fett durch. „Easy Come Easy Go“ ließ einen kurzen Moment zum Durchatmen, ehe es mit „NY – Tokyo“ wieder in die Vollen ging. Welche Wünsche zumindest das männliche Auditorium an den gut gebauten Flummi namens Marta hatte, wurde schnell bei den diversen „Ausziehen!“-Rufen deutlich und immerhin bediente der bestens aufgelegte Springinsfeld die Fantasien seiner Fans, indem die dunkelhaarige Fronterin ein wenig an ihrem Shirt rumnestelte und schon mal prophylaktisch darauf hinwies, dass sie gern eine Mund-zu-Mund-Beatmung hätte, sollte sie umkippen. Ansonsten übernahm der kleine Wirbelwind auch schon einmal den Job am Wasserschlauch, nachdem sich die Menge zu „Love To Hate You“ beim Springen und Hüpfen verausgabt hatte. Die durfte beim traurigen „The End“, das DIE HAPPY für eine sehr gute Freundin spielten dann auch eine Auszeit nehmen, bevor sie Martas vollen Körpereinsatz bei ihrem Lieblingslied „Sleeping Time“ begutachten konnte. Natürlich durften auch die Schreispielchen mit dem Publikum nicht fehlen. Inzwischen war es an der alten Ziegelei richtig voll geworden, so dass die Zuschauerstimmen auch zu hören waren, wobei natürlich wieder die Herren der Schöpfung gewonnen haben. Zu „Genuine Venus“ (ein Song über den kranken Model-Wahn) war dann wie beim ältesten Track der DH-Diskografie „Violent Dreams“ geschlechterübergreifendes Tanzen angesagt, ehe „I Am“ für den demokratischen Romantikteil in der Setlist verantwortlich zeichnete. Als kleinen Ausblick auf die kommende Langrille präsentierte der Vierer „Rebel In You“, bei dem die Festivalbesucher ihre Sangeskünste unter Beweis stellen konnten, um schließlich schweren Herzens „Goodbye“ sagen zu müssen. Der Klassiker vom 2002er „Beautiful Morning“ sollte aber dann doch noch nicht das Ende gewesen sein, denn DIE HAPPY legten mit ihrer ersten Singleauskopplung „Supersonic Speed“, die vor einer Dekade rausgekommen ist (zu diesem Zeitpunkt gab es DIE HAPPY übrigens schon seit sieben Jahren) noch ein echtes Schmankerl nach. Marta Jandová ließ noch ein letztes Mal ihre kraftvoll-kratzige Stimme aufheulen, nachdem Gitarrist Thorsten Mewes das obligatorische Foto vom Publikum gemacht hatte und schon stieg das große Finale, das mit viel Applaus für alle Beteiligten belohnt wurde. Im Herbst gehen DIE HAPPY dann mit neuem Studiomaterial auch wieder Clubtour.

Setlist DIE HAPPY (unvollständig)
Big Boy
?
Easy Come Easy Go
NY – Tokyo
Love To Hate You
The End
Sleeping Time
?
?
Genuine Venus
Violent Dreams
Peaches
I Am
Rebel In You
Like A Flower
Goodbye

Supersonic Speed

Inzwischen hatte sich die Dämmerung über die norddeutsche Tiefebene gelegt und angesichts nunmehr wirklich angenehmer Temperaturen hatte sich das Festivalgelände, auf dem auch nahezu alle kulinarischen Wünsche erfüllt wurden, weiter gefüllt. Wie das große Backdrop im Hintergrund der Mainstage bereits verriet, waren nun THE BOSSHOSS an der Reihe, das Reload zu rocken. Pünktlich um 22.30 Uhr erklang deshalb das Intro der Spree-Cowboys, die in Twistringen ihre Instrumente wieder unter Strom gesetzt hatten, nachdem sie zuletzt ausgiebig und unter orchestraler Begleitung „low voltage“ unterwegs waren. Angetan mit Stetson, Jeans und Feinripp-Unterhemd legte das Septett mit „I’m On A High“ in bewährter Manier los und zog damit die Zuschauer gleich auf seine Seite. Von der ersten Minute an wurde eine riesige Party gefeiert. Die Jungs spielten sich einmal quer durch ihre Platten, wobei das Hauptaugenmerk auf Songs vom letztjährigen „Do Or Die“ bzw. dem 2006er „Rodeo Radio“ lag. Die Zeiten des Coverns im Country-Style sind spätestens seit „Do Or Die“ vorbei und so wurden auch die Eigenkompositionen amtlich abgefeiert. Wobei man nicht verhehlen kann, dass die BOSSHOSS-Variationen wie beispielsweise PLASTIC BERTRANDs „Ca Plane Pour Moi“ einfach Granaten sind. Dementsprechend ging’s auch bei der Nummer rund. Percussionist Ernesto Escobar de Tijuana griff zur Melodika, während Hank Wiliamson die Mundharmonika blies und Boss Burns mit seinem Hüftschwung die Frauen verrückt machte. Die bekamen mit „Rodeo Queen“ auch gleich einen Song verehrt, für den Mr. Burns seinen begnadeten „Stuhltanz“ vollführte, ehe „Sabotage“ vom 2005er Debüt „Internashville Urban Hymns“ den „real guys“ gewidmet war. Bei diesem Song unternahm Ernesto auf einer Art Surfbrett einen kleinen Ausflug über den Köpfen der Fans, bevor er zu „21th Century Buttkickin Love Affair“ seine „Keytar“ in Anschlag brachte und mit viel Schmackes und sehr präsenten Langäxten die nächste Runde eingeläutet wurde. Dem gleichen Silberling „Do Or Die“ war auch die Gänsehaut-Nummer „Break Free“ entlehnt, die insbesondere mit einem langen Instrumentalteil zu gefallen wusste. Rhythmusbetont und mit Hand Claps schloss sich „Boon And Bain“ an, um es auf der Zielgeraden gewaltig krachen zu lassen. Für das spritzige „Last Day (Do Or Die)“ hatte Gitarrist und Sänger Hoss Power den Cowboyhut gegen eine Melone getauscht, um nach einer im Fluge vergangenen Stunde anzukündigen, dass die Zeit für den letzten Song gekommen sei. Also wurde zum knackigen „Go! Go! Go!” nochmals das Tanzbein geschwungen, was aber nicht heißen sollte, dass die Herrschaften damit entlassen waren. Zunächst kam Hoss zurück, bevor sich der Rest der Truppe ebenfalls wieder an den Instrumenten einfand und Boss seinen reich bebilderten, nackten Oberkörper präsentierte. „Stallion Battalion“ vom gleichnamigen Silberling aus 2007 verwandelte das beschauliche Areal an der alten Ziegelei alsbald in einen Hexenkessel. Ein Zustand, an dem sich auch bei „Jesus Built My Hotrod“ nichts änderte, als Boss Burns sein Mikro gegen ein Megafon tauschte. Am Ende stand noch ein Ausflug in die Anfangstage der Band an, für den zunächst einige Mädels aus dem Publikum rekrutiert werden mussten. Eine Aufgabe, die Drummer Frank Doe übernahm, weshalb Gitarrist Russ T. Rocket von den sechs Saiten hinter die Schießbude wechselte. Die Damen wurden als Rhythmusgruppe für den Klassiker „Yee Haw!“ benötigt und es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass sie nicht umher kamen, mit dem Wasserschlach bespritzt zu werden, so dass aus der Veranstaltung auch gleich noch ein kleiner Miss-Wet-T-Shirt-Contest wurde. Die Zeiger der Uhr bewegten sich bereits Richtung Mitternacht, Hoss Power zeigte zum wiederholten Male den „Thanxs“-Schriftzug auf der Rückseite seiner Akustikgitarre, doch für einen Track hatte die Meute noch Zeit. Die Wahl fiel auf den ersten Single-Erfolg von THE BOSSHOSS: „Hey Ya!“ – eine Adaption des OUTCAST-Hits, der allerdings erst gespielt werden konnte, nachdem Hank und Boss ihre Bierdusche beendet hatten. Mitsamt Disco-Einlage und Instrumentalgefrickel artete das Finale irgendwann im wahrsten Sinne des Wortes in ein Gelage aus, denn zum Schluss lagen alle außer Ernesto und Frank am Boden, um im Liegen weiterzuspielen, während vor der Bühne die Fans alles taten, um ihre erstaunliche Rhythmuslosigkeit vergessen zu machen. Die „Hey Ya!“-Gesänge klangen nämlich nicht so prickelend, aber schön war’s trotzdem…

Setlist THE BOSSHOSS
I’m On A High
Rodeo Radio
Hot In Herre
Ca Plane Pour Moi
Rodeo Queen
Sabotage
21th Century Buttkickin Love Affair
Break Free
Boon And Bain
Last Day (Do Or Die)
Go! Go! Go!

Stallion Battalion
Jesus Built My Hotrod
Yee Haw!
Hey Ya!

Für mich musste der Abend ohne die WALLS OF JERICHO und EXTRABREIT enden, da noch knapp 100 km Autofahrt vor mir standen und langsam aber sicher die Hitze des Tages ihren Tribut forderte. An der alten Ziegelei durfte jedoch noch fröhlich weiter gefeiert werden. Schließlich war mit den beiden Bands ja noch lange nicht Schluss, denn im Anschluss stand noch die Aftershow-Party auf dem Programm, die auf dem Zeltplatz den Geräuschen nach schon im vollen Gange war. Ich schritt derweil auf dem dunklen Pfad Richtung Parkplatz (für etwas ängstlichere Damen wäre der Hauch einer Beleuchtung vermutlich schon ein Segen gewesen) und machte mich gutgelaunt auf den Heimweg, um frisch und munter am zweiten Tag nach dem Duell Deutschland – Argentinien wieder mit Live-Musik beim Reload anzuknüpfen.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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