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RELOAD FESTIVAL 2013 – TAG 2

Ort: Sulingen – Mühlenkampsfeld

Datum: 06.07.2013

Nach einer kalten Nacht knallt die Sonne schon in den frühen Morgenstunden auf mein Zelt und schmeißt mich bereits um 8 Uhr aus dem Schlafsack. Erst mal Frühstück besorgen. Zur Wahl steht da einmal das Frühstücksbuffet im Partyzelt für 5 Euro – oder ein kleiner Ausflug in den Ort. Da ich keine Lust habe, irgendwo anzustehen, schnappe ich mir mein Longboard und düse los, Mission: Finde das E-Center. Das ist dann auch gar nicht so weit entfernt wie gedacht. Gerade mal 10 Minuten brauche ich vom Platz aus und komme unterwegs sogar noch an einem Freibad vorbei. Sowas nennt man dann wohl optimale Gelände-Lage für ein Festival.

Überhaupt scheint das Festival in Sulingen vollkommen angekommen und von seinen Bewohnern absolut akzeptiert zu sein. Der Edeka hat seinen Vorrat an unterschiedlichsten Dosenbier-Sorten aufgestockt, das Freibad lässt Reload Besucher für faire 1,50 Euro duschen und in die Fluten springen. Zwei ältere Herren auf dem Fahrrad zeigen mir ungefragt den Weg zum Supermarkt und bieten sogar an, mich auf meinem Board den Berg hinauf zu ziehen. Das habe ich als Festivalgänger in anderen Orten schon ganz anders erlebt.

Dank der anschließenden ausgiebigen Frühstücksorgie verpassen wir die Reload Bandwettbewerb-Gewinner BONEZ aus Wuppertal, die heute den Festivalreigen eröffnen dürfen. Dank einer Lautstärkemessung vom Ordnungsamt verzögert sich hiernach der Spielplan erst einmal um gut 10 Minuten. HACKTIVIST stört das kein Stück. Die Briten soundchecken im Anschluss so lang, dass sich die Fotografen im Graben fragen, ob denn heute überhaupt noch gespielt wird. Nach einer gefühlten Ewigkeit legen sie dann aber doch los. Leicht hyperaktiv rasen die fünf zu ihrer Musik über die Bühne, ganz so als müssten sie wettmachen, was dem noch etwas verschlafenen wirkenden Publikum an Energie fehlt. Bei den dicken Rap/ Nu-Metal-Wänden fühlt man sich gleich an den Anfang des Jahrtausends zurück versetzt. Es wirkt fast so, als hätte man LINKIN PARK mal ordentlich in den Arsch getreten und dann aber irgendwie heimlich doch noch BLOC PARTY für ein bisschen Abwechslung mit ins Schlauchboot geholt. Optisch jedenfalls.

Optisch erinnern ESKIMO CALLBOY mit ihren geradezu durchchoreographierten Headbang-Moves und blutigen Tierkostümen dagegen eher an eine dem System entflohene Boyband. Mit ihrem Porno-Metal/ Trancecore machen sie schon am Nachmittag den Platz voll und bringen die Menge komplett zum Ausrasten. Die Grabencrew von OKS freut sich da besonders über die 150 Meter Gartenschlauch, die endlich geliefert worden sind, und machen die Meute beim Moshen erst mal ordentlich nass. ESKIMO CALLBOY ist definitiv eine Band, die polarisiert: „Achte bloß niemals auf die Texte. Die sind echt zum Kotzen,“ erzählt ein Mädchen neben mir ihrer Freundin, die sich über die Energie auf der Bühne freut. Einzelne Festivalbesucher nehmen die Texte dabei nahezu wörtlich. Als Frontmann Sushi die Menge dazu auffordert sich hinzuhocken, bleibt ein Typ in der Mitte stehen und lässt es sich und seinem besten Freund eindeutig ein klein wenig zu gut gehen. In der Textzeile zuvor lautete es unter anderem „this is not a lollipop“.

Zu FIDDLERS GREEN ist es wieder etwas leerer, doch das tut der Stimmung beim Set der Irish Folk Punks keinen Abbruch. Wer bei diesen Herren keine gute Laune bekommt, ist selbst schuld. Zu den EMIL BULLS zieht es dann schon wieder ein paar mehr Leute. „Here Comes the Fire“, „The Most Evil Spell“, „Battle Royal“ – Die Jungs aus München wissen, was sie für die Menge gleich zu Beginn spielen müssen, damit der frühe Abend direkt zur Bullen-Partysause wird. Publikumsanimation deluxe, inklusive Konfetti in Bandfarben, dürfen da natürlich auch nicht fehlen. Man merkt, dass die Band diesen Job schon seit fast zwei Jahrzehnten macht: Sie sind einerseits ganz die Bühnenprofis und gleichzeitig doch noch die sympathisch verrückten Jungs von nebenan, mit denen man auch schon mal bis morgens um 6 auf dem Campingplatz feiern kann.

Ähnlich energetisch geht es bei SKINDRED und SICK OF IT ALL weiter. Laut, heiß und dreckig prügeln die Bässe die Menge in Ekstase. Moshen, Crowdsurfen, Wall of Death. Die Security sind die heimlichen Helden des Festivals und werden auch immer wieder von den Bands für ihre gute Laune gelobt. Inzwischen haben sie nicht nur die 150 Meter Gartenschlauch, sondern auch jede Menge Wasserbomben, Wasserpistolen und den Schlauch der örtlichen Feuerwehr am Start und sorgen dafür, dass keiner im Pit trocken bleibt. SICK OF IT ALL donnern sich durch ihre übliche Festival Setlist, dann plötzlich bricht der Song ab: „We have an announcement to make!“ Einer der Security Guards im Graben hat Geburtstag. Die Amis singen zusammen mit der Menge „Happy Birthday“. Nach großem Jubel bitten sie aber noch einmal um Ruhe. Auf der Bühne stehen zwei kleine Mädchen im Kindergartenalter in Sommerkleidchen. Lou Koller hält ihnen das Mikro hin und man hört zwei piepsige Kinderstimmen singen: „happy birthday, lieber Papa, happy birthday!“ Zuckersüß. Dabei geht für eine Sekunde selbst dem härtesten Metal-Fan auf dem Gelände das Herz auf, die kleinen Mädchen werden mit viel Beifall von der Bühne verabschiedet. Danach donnern SOIA weiter, als ob es kein Morgen gäbe.

Eigentlich hätten MOTÖRHEAD heute Abend das Highlight sein sollen, doch aufgrund der gesundheitlichen Lage von Lemmy musste kurzfristig Ersatz besorgt werden. Den haben die Organisatoren des Reloads schnell gefunden: Die australischen Hardrocker von AIRBOURNE haben sich bereit erklärt, auf dem Weg von Frankreich zum Roskilde Festival in Dänemark noch einen kurzen Zwischenstopp in Sulingen einzulegen. Eine absolut würdige Vertretung. AIRBOURNE zelebrieren vor einer monströsen Wand aus Marshall-Amps ihren Auftritt regelrecht. Die Posen sitzen und die Riffs ebenfalls. Der ganze Platz feiert die Australier, als hätte es in den letzten 35 Jahren keine andere Musik gegeben. Und dabei ist die Bands selbst doch erst 10 Jahre alt. Heute Abend leben alle in den frühen Achtzigern. Als Frontmann Joel O‘Keeffe sich dann auch noch eine Bierdose am Kopf zerdeppert und etwas später die Bühnentraverse erklimmt und in luftiger Höhe ein Gitarrensolo hinlegt, gibt es für das Publikum kein Halten mehr. Die Aussies sind das absolute Highlight des Tages, selbst wenn man mit der Musik eigentlich gar nicht so viel anfangen kann. Chapeau!

Anscheinend ist die Masse nach dieser Show derart glücklich bedient, dass viele offensichtlich vergessen, dass hiernach doch auch noch die schwedische Legende AT THE GATES spielen. Ich inklusive. Wie Karsten mir später erzählt, legen diese ebenfalls eine großartige Show hin, allerdings hört ihnen dabei kaum noch jemand zu. Schade.

Copyright Fotos: Karsten Rzehak

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