Konzert Filter

REVOLVERHELD – STEREOTIDE

Ort: Halle (Westf.) – Gerry Weber Event Center

Datum: 20.11.2014

Ich will ehrlich sein, als ich REVOLVERHELD vor ziemlich genau 9 Jahren das erste Mal live erleben durfte, in meinem Wahlwohnort Gütersloh wohlgemerkt, hätte ich der Combo keine lange Halbwertszeit eingeräumt. Ihr gefälliger Pop Rock schien mir zu glattgebügelt, zu sehr auf den kurzfristigen Erfolg getrimmt, viel zu wenig charakteristisch. Doch die Zeit hat mich (einmal mehr) Lügen gestraft. Nach 4 Alben ist man unbestritten zu einer erwachsenen und vor allem sehr erfolgreichen Band gereift, die in Germany fast in der obersten Liga spielt. Die ausverkauften Venues der aktuellen “Immer in Bewegung”-Tour sprechen da Bände, zudem konnte man dieses Jahr Raabs Bundesvision Song Contest gewinnen, was abermals den Bekanntheitsgrad gesteigert haben dürfte. Nichtsdestotrotz handelt sich beim Sound der Norddeutschen natürlich nicht um progressiven Indie Rock oder Post-Irgendwas-Song-Kaskaden voller Anspruch. Doch die eine oder andere Ecke und Kante hat man sich mittlerweile erarbeitet, wenngleich in gewissen Kreisen der Name REVOLVERHELD noch immer Angst und Schrecken auslöst. So durfte ich erst heute zufälligerweise den hasserfüllten Text eines Facebookfreundes über den Triumph der revolverheldischen Mittelmäßigkeit und Spießigkeit “genießen” und überlegte mir, ob ich meinen abendlichen Konzertbesuch wohl schamhaft verschweigen müsste… Doch musikalische Sünden sind dazu da, begangen zu werden und letztendlich hat es sich durchaus gelohnt. Doch beginnen wir von vorn…

Im schönen Halle/ Westfalen habe ich nun schon einige Konzertereignisse erlebt, allerdings alle im großen Stadion und fast alle bestuhlt. Heuer sollte es nun das Debüt des nebenan liegenden Event Centers geben, in dem mal laut Homepage auch gut Champagner Empfänge geben kann. Mit 2499 Zuschauer wurde vorab ein “ausverkauft” gemeldet, was mich im Nachhinein doch etwas verwunderte, wäre doch noch Platz für weitere Anwesende gewesen, vielleicht gibt es hier bau- oder sicherheitstechnische Restriktionen. Umso entspannter verlief der Abend, und als der Autor dann auch noch Käsespätzle im Gastro-Angebot entdeckt hatte, konnte quasi nichts mehr schief gehen. Sehr lecker übrigens. Um 19 30 war es dann Zeit für den Opener, der auf den schönen Namen STEREOTIDE hörte und aus Nürnberg stammt. Viel mehr Positives vermag ich über das Quartett nicht zu sagen. Ich bin ja normalerweise ein sanftmütiger und milder Kritiker, aber bereits die offizielle Biographie auf der Homepage der Süddeutschen hatte bei mir Brechreiz ausgelöst. Viel grosskotziger kann man (sich) gar nicht in den Himmel loben. Dass Sänger Stephan Kämmerer z.B. Ende der 80er die Hardrocker FRONTLINE aus der Taufe gehoben hat, die mit “Superstars auf der Bühne standen” oder er in einem “legendären” Studio in LA dasselbe Mikro wie Chris Cornell benutzen durfte. Darum wären STEREOTIDE auch total amerikanisch angehaucht und der Konkurrenz musikalisch voraus. Original Zitat: “STEREOTIDE differs from successful bands in the pop-rock area such as Stanfour and Sunrise Avenue by their great range of musicality.” Schön auch der Satz: “Like the cirque du soleil, various types of art are combined in a very special manner which cannot be found anywhere else.” Lachkrampf oder Weinkrampf anyone? Könnte man nun annehmen, dass diese Zeilen vielleicht auf dem Mist eines wohlwollenden Fangroupies entstanden sind, belehrte einen die Livebegegnung mit der Combo schnell eines Besseren. Ihren durchweg zwar passabel gespielten/ gesungenen aber völlig seelenlosen und formelhaften Pop Rock veredelte der Fronter mit äußerst anbiedernden, aber dafür SEHR selbstbewussten Ansagen. So wäre doch der eine oder andere Song tatsächlich schon in irgendeinem Radiosender gechartet und man würde echt total gute Reactions bekommen. Ne sorry ging alles gar nicht, die Songs ihres Ende 2014 erscheinenden Debüt Albums “Hope” gingen in einem Ohr rein und wieder raus und erinnerten dabei tatsächlich an bekannte Ami-Vorbilder wie 30 SECONDS TO MARS. Aber nur in dem Sinne einer abgekupferten Blaupause. Ich weiß, ich hab selten so Böses über einen Act geschrieben, aber STEREOTIDE gingen mir wirklich gewaltig auf den Zeiger. Dennoch dürften sie dem Beifall nach zu urteilen an diesem Donnerstag einige Fans hinzugewonnen haben. Support Konzept aufgegangen…

Setlist STEREOTIDE (ohne Gewähr)
Hope
The Hunt
Beautiful Lie
Someday
Losin
Rain
Callin
Heroes

Aber nun zu etwas Erfreulicherem, dem Hauptact, der in kürzester Zeit den angestauten Ärger vergessen machen konnte. Obschon auf Deutsch vortragend, wirkte das Ganze um Klassen professioneller, zudem das Auftreten spontan, ironisch, witzig und sympathisch. Nach einem Intro trat der 6er auf die Bühne, die im Hintergrund eine LED-Wand zu bieten hatte, auf der immer auch mal wieder Live Bilder von Band und Publikum zu sehen waren. Der Opening Dreier „Immer in Bewegung“, das dynamische „Mein Leben ist super“ sowie „Ich werd‘ die Welt verändern“ gab sogleich die musikalische Marschroute des Abends vor. Mal gefühlvoller, mal eher treibender Rock, dazu Witzeleien zwischen den REVOLVERHELDen und viel Interaktion mit dem (kaum überraschend) eher weiblichen Publikum. Über die Jahre hat man sich live doch ganz schön gemausert und vor allem genügend abwechslungsreiches Song Material an der Hand, wobei mir die etwas flotteren Titel wie „Ich werde nie erwachsen“ oder das latent-NDW geprägte „Darf ich bitten“ (mit viel Keyboard-Einsatz von Arne Straube) deutlich besser zusagen als beispielsweise der „Raab-Schmachtfetzen“ „Lass uns gehen“, der allerdings als 2te Zugabe im weiten Rund bestens ankam. Überhaupt zeigten sich die Besucher sehr textsicher und auch musikalisch im Rudel bestens aufgelegt, immer wieder übernahm man ganze Parts, was die Band sichtlich beeindruckte. Die revanchierte sich mit allerlei Gimmicks, die man heutzutage so von Konzerten kennt, hätten eigentlich nur noch Pyro-Effekte gefehlt. „Spinner“ wurde beispielsweise unplugged präsentiert in intimer Wohnzimmer-Athmo mit Stehlampe und Sofa, auf dem 2 ganz junge Konzertbesucher Platz nehmen durften. Sicherlich unvergesslich für die Kleinen. Zudem wurden auch noch Süßigkeiten verteilt, die man vorab von dem entsprechenden Stand im Vorraum als kleines Gastgeschenk erhalten hatte. Ja ein etwas anderes Catering für die sonst auf „Low Carb“ eingeschworene Truppe, die sogar einen Bassisten mit Grecum in ihren Reihen zählt und hin und wieder sozialkritisch wird wie bei „Hinter der Elbe New York“. Für die westfälischen Hallenser gab es zudem eine Weltpremiere. REVOLVERHELD präsentierten zusammen mit Philipp Göhring den Titel „Wer weiss“, mit dem man beim KIKA-Wettbewerb „Dein Song“ im Finale aufgetreten war. Der selbstbewusste Teenager stammt aus dem nahe gelegenen Harsewinkel, da bot sich der Auftritt geradezu an und auch der Song reihte sich nahtlos ein. So verging die Zeit wie im Flug, Pärchen konnten sich zu Titeln wie „Halt dich an mir fest“ aneinander kuscheln und der Rest klatschte eifrig mit.

Gegen 21 30 Uhr endete dann der Hauptteil des Sets, aber natürlich gab es einen Nachschlag. Auch hier hatte man sich noch mal etwas „Besonderes“ ausgedacht, die ersten Töne von „Deine Nähe tut mir weh“ erfüllten das Rund, doch der „Kern“ der Pistoleros ward nicht vorne, sondern auf einer kleinen Bühne rückseitig der Halle aktiv. Als dann auch noch große Bälle über die Köpfe „geschossen“ wurden, neigte sich der Abend so langsam seinem Ende entgegen. Das obligatorische „Freunde bleiben“ wurde angestimmt, und wir machten uns alsbald in die recht kalte ostwestfälische Nachtluft auf. Irgendwie ein programmatischer letzter Titel, war ich doch gespannt, ob ich an diesem Tag wohl einen Facebook-Freund (s.o.) verloren hatte… Aber wenn SO mittelmäßige Spießigkeit klingt, bin ich durchaus bereit, hin und wieder Normalo zu sein. In dieser Form können die REVOLVERHELDen noch einige Duelle bestellen, mehr kann man seinen Fans in 120 Minuten eigentlich nicht bieten…

Setlist REVOLVERHELD
Intro
Immer in Bewegung
Mein Leben ist super
Ich werd‘ die Welt verändern
Bands deiner Jugend
Hinter der Elbe New York
Das kann uns keiner nehmen
Sommer in Schweden
Spinner (unplugged)
Worte die bleiben
Neu anfangen
Halt dich an mir fest
Wer weiss (feat. Philipp Göhring)
Ich werde nie erwachsen
Die Welt steht still
Ich lass für dich das Licht an
Darf ich bitten

Deine Nähe tut mir weh
Lass uns gehen
Freunde bleiben

Copyright Fotos: Karsten Thurau

1 Kommentar

  1. Gut getroffen. Gut geschrieben. Gut BEschrieben. Sehr gut ! Weiter so 🙂 Gruß!

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu REVOLVERHELD auf terrorverlag.com

Mehr zu STEREOTIDE auf terrorverlag.com