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RISE AGAINST – STRIKE ANYWHERE – RENTOKILL

Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 08.02.2009

Ein Sonntag der Gegensätze: Statt in die Kirche pilgerten die Menschen in den Bielefelder Ringlokschuppen, um sich überlauter Musik und Geschrei auszusetzen. Und das natürlich nicht morgens, sondern abends. Ist zu dieser Zeit bei den meisten sonst schon die schlechte Laune über den unweigerlich näherkommenden und arbeitsamen Montagmorgen durchgeschlagen, wurde dies an diesem Tage durch Euphorie und Vorfreude ersetzt. Statt dem gemütlichen Sofa zu frönen, entschied man sich lieber, stundenlang auf engem Raum zu verharren und zu riskieren, von zig Menschen angerempelt zu werden. Hätte man das Wochenende in aller Ruhe in den eigenen, beheizten vier Wänden ausklingen lassen können, nahm man nun je nach Erfolg bei der Parkplatzsuche und beim Einlass mehrere quälende Minuten in Eiseskälte in Kauf, bis man den endlich den Auftrittsraum des Grundes für all dieses Chaos der Gegensätze betreten durfte: RISE AGAINST!

Doch auch Letztgenanntes musste erst einmal geschafft werden – und auch das stellte sich an diesem Abend im Gegensatz zu den meisten anderen Abenden als schwerer heraus. Ein kleines Missverständnis in Sachen Gästelistenplanung führte dazu, dass ich nur unter erschwerten Bedingungen mit meiner Begleitung den Laden betreten konnte und leider auch auf den Auftritt von RENTOKILL verzichten musste. Immerhin kann ich aber von den ersten mit Musik gefüllten Minuten des Konzertes dies überliefern:

Setlist RENTOKILL
Discontent Industry
Political Aspect Of Unpolitical Thinking
Tonic
Step Over the Wall
Anything
The Object
Sounds Of A Pityful End
Primitime Killers
Collection Complete
Go & Get It Right

Für mich begann also der musikalische Teil des Abends mit STRIKE ANYWHERE. Diese legten dann auch direkt mit ihrer Interpretation melodischen Hardcores los und zeigten, warum man es wohl für eine Gute Idee hielt, sie ins Vorprogramm von RISE AGAINST zu stecken. Ebenfalls ihre politische Sichtweise in keinster Weise verschweigend und sehr extrovertiert antifaschistisch ausgerichtet waren die Gemeinsamkeiten mit dem Headliner doch sehr schnell auszumachen. Ähnlich nicht sonderlich abweichend dann das Liedgut, vielleicht an manchen Stellen etwas ausfallender, dafür aber auch leider nicht ganz so tiefgehend wie bei der noch folgenden Hauptband. Den gut gelaunten Zuschauern gefiel es überwiegend trotzdem. Es wurde fleißig gepogt, was die Luft im Ringlokschuppen wie immer nicht gerade angenehm machte. Also gefroren hat man nicht! Der ehrlich gesagt relativ kurze Überblick, den ich mir im Vorfeld über die Band verschafft hatte, verriet mir, dass es neben einer ordentlichen Mischung aus älteren und aktuellen Stücken auch ein paar ganz neue in die mir leider nicht geläufige Setlist geschafft haben. Der Sound war doch ganz passabel und das dafür Verantwortliche Quintett muss sich sicherlich nicht nachsagen lassen, auf CD ihrem Können zwangsläufig durch technische Hilfsmittel großartig nachzuhelfen. Eine Live-Band durch und durch. Das merkten auch die Feierwilligen, die ergo jede Gelegenheit zum Singalong nutzten – und die Fünf aus Richmond, Virginia, retournierten mit ordentlich Bewegung auf der Bühne. Ein Spaß für offensichtlich den größten Teil der Anwesenden, so dass STRIKE ANYWHERE zufrieden den Rest des Sonntags verbracht haben sollten, während die Jungs von RENTOKILL emsig umher zogen, um dem Publikum persönlich ihre CDs anzubieten. Von Rockstar-Allüren also keine Spur.

Diese machen sich aber scheinbar langsam aber sicher bei dem Headliner RISE AGAINST breit. Angefangen bei völlig übertriebenen Preisen in Punkto T-Shirts und generell am Merchstand, sollte sich der Eindruck später noch verschärfen. Dafür aber dick PETA2 am Start, die einem ansatzlos (und vor allem unaufgefordert!) einredeten, dass man 40 Menschen in Dritte-Welt-Ländern tötet, wenn man ein Stück Fleisch ist. An dieser Stelle sei jeder seiner eigenen Meinung dazu überlassen, ich finde allerdings die Strategie „Hey, wenn du RISE AGAINST gut findest, darfst du kein Fleisch essen und musst hier unterschreiben“ nicht so ganz sauber, besonders wenn man mal einen Abend lang nicht mit den negativen Seiten des Lebens konfrontiert werden will, sondern einfach nur in Ruhe Musik erleben möchte.

Die gab es zum Glück dann aber auch noch, nämlich dann, als die Klänge des Intros verstummten und ein riesiges Banner mit der Aufschrift „RISE“ aufgezogen wurde. Dann nämlich starteten RISE AGAINST mit „Drones“ durch und entfachten ein wirklich außerordentliches Maß an Euphorie. Sofort schienen nahezu aus jedem Munde im ausverkauften Schuppen die Lyrics des Songs vom „The Suffer & the Witness“-Albums zu hallen und schon jetzt war klar, warum die Karten bei eBay schon zu Unsummen gehandelt wurden. Als nächstes und damit schon überraschend früh ertönte „Give it all“ – und der Aufforderung kamen allesamt umgehend nach. Geht mir der Titel in den Clubs mittlerweile echt schon fast auf die Nerven (nichts gegen den Song an sich, aber es gibt doch nun wirklich reichlich andere gute RA-Songs, die zur Abwechslung auch mal gespielt werden dürfen) belebte der Live-Vortrag meinen Geist in der Hinsicht dann allerdings schon. Wie aus einer Kehle hallte der Refrain – bei weitem nicht zum letzten Mal an diesem Abend! Der eröffnende Moshpart von „State of the Union“ leitete die nächste Mitgröhlrunde ein und in den vorderen Reihen sowie in der Mitte tobte das Leben, dass man schon Angst haben musste, dass jenes bei dem ein oder anderen dabei evtl. enden könnte. Aber daran wollen wir gar nicht erst denken, sondern erheben uns lieber von der Euphorie getragen in die Lüfte: „Ready To Fall“. Hier war was los! Eine wirklich sehr beeindruckende Stimmung, die sehr viel Spaß machte! Was bis hier hin so eindrucksvoll geklappt hatte, griff dann überraschender Weise ausgerechnet bei der ersten Single-Auskopplung des aktuellen Albums „Appeal to Reason“ nicht so ganz: Denn die eigentlich zum mitschreien prädestinierten Parts im Refrain („We Crawl…! und „We sweat…!“) von „Re-education (Through labor)“ wurden nicht so wirklich genutzt. Schade, änderte aber trotzdem nichts am souveränen Vorgehen des Chicagoer Quartetts on stage. Vielleicht etwas zu souverän für meinen Geschmack. Die Aktionen auf der Bühne wirkten wenig spontan, nicht wirklich von der Energie des Publikums getrieben. Stattdessen latschte man von Punkt zu Punkt, als wären es zu passierende Streckenposten oder nutzte im Fall von Sänger Tim McIlrath (endlich mal mit ansehnlicher Frisur) das extra aufgebaute Podestchen, um sich seine Beifallsbekundungen abzuholen. Lieber wechselten RISE AGAINST scheinbar ihre Riesenbanner, drei an der Zahl – hätte man sich sparen können, wenn man stattdessen mit einer gute Bühnenshow geglänzt hätte (ich erinnere daran, dass HEAVEN SHALL BURN 2007 auf dem Vainstream-Festival mal statt eines Banners lediglich ein T-Shirt Größe: M aufhängten und deren Show darunter keinesfalls litt). Auch in Sachen Ansagen hielt man sich weitestgehend zurück, und wenn dann war es eher Geschwafel wie „Ihr seit die lauteste Crowd, vor der wir bisher gespielt haben!“ – hat er garantiert auch noch niiieeee in anderen Städten gesagt. Naja, wie dem auch sei: musikalisch war das Gebotene an diesem Abend dafür wirklich einwandfrei: Songs wie „Chamber the cartridge“, „Stained glass and marble“, „Behind closed doors“, „Like the angel“, „Collapse (Post-Amerika)“, „Heaven knows“, „Long forgotten sons“ und „The good left undone“ – dessen Textzeile „all you have to do is shout it out“ wirklich Programm war – saßen perfekt. Die Stimme McIlraths hallte prächtig kräftig und herrlich kratzig durch den Raum, wurde aber vom Soundmann auch explizit nochmal ein paar Stufen lauter rausgearbeitet, um nicht im recht guten Klang der Instrumente unterzugehen.

Es folgte der Zugabenblock, den man allerdings auch erst als solchen erkennen musste. Denn als RISE AGAINST kurz die Bühne verließen und nur Tim und Gitarrist Zach auf der Bühne blieben, um eine Akustikversion von „Hero of War“ zu spielen, war das Entschwinden der Übrigen ja eher als zweckdienlich denn als das Signal des Abschieds zu deuten – zumal auch mal eben erst so ca. 50 Minuten rum waren. Ebenfalls akustisch ertönte „Swing life away“, ehe man dann wieder vollzählig mit „Audience of one“ und dem Übersong (und mir im Stile des Games „Guitar Hero“ stets bunte Farben vor den Augen erscheinen lassenden) „Prayer of the Refugee“ auch den letzten Rest Sauerstoff aus dem Ringlokschuppen saugten.

Mal abgesehen von den anfänglichen Strapazen sind eine Spielzeit von mal gerade knapp über 60 Minuten, überteuerte Merchandise-Preise, eine nicht gerade überraschenden Setlist und eine relativ uninspirierten Bühnenshow nicht gerade die Eindrücke, die man von so einer Veranstaltung mitnehmen möchte und meiner Meinung nach einer Band wie RISE AGAINST unwürdig. Diese haben allerdings rein musikalisch außerordentlich gut unterhalten und die Stimmung war wirklich ein Erlebnis! Man mag sie an dem ein oder anderen Abend schon mal noch besser gesehen haben, aber auf dem Leistungs-Niveau, wo man sich da bewegt, ist dass alles mehr als positiv zu sehen.

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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