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ROCK HARD FESTIVAL 2006 – TAG 2

Ort: Gelsenkirchen - Amphi-Theater

Datum: 04.06.2006

Da ich angenehmerweise (danke einer guten Freundin) beim Rock Hard Festival nicht in einem ungemütlichen Zelt nächtigen muss, erreichte ich am Sonntag gut erholt die Location und wurde auch prompt von den gerade beginnenden GOJIRA lautstark empfangen.
Da die Franzosen erst kürzlich mit ihrer DVD „The Link alive“ einen wirklich guten Eindruck bei mir hinterlassen konnten, war ich natürlich gespannt auf die Performance der Komplex-Metaller. Und das ging anscheinend nicht nur mir so, denn schon recht früh am Tag wurde es recht voll im Rund des Amphi-Theaters. Und die angetretenen Fans derber Musik-Kunst wurden nicht enttäuscht. Auch wenn der Sound etwas basslastig von der Bühne blies, bot das Quartett einen wirklich guten und engagierten Auftritt. Besonders überzeugen konnten vor allem Songs vom „The Link“-Album, wie z.B. „Wisdom Comes“. Auch wenn die neueren Tracks sicherlich etwas eingängiger sind, stehen die Fans von GOJIRA eben genau auf die Mischung aus brachialen Riffs, catchy Arrangements, komplexen Drum Patterns und dem wirklich abwechslungsreichen Gesang. Und bei den Meinungen gab es wie vorher erwartet kein Zwischending. So hörte man entweder z.B.: „Man, die haben’s voll raus“ oder: „Was’n das für ein Müll?“ Bei mir und der Mehrheit war es ohne Zweifel ersteres.

Sicherlich hat es Tim „Ripper“ Owens und BEYOND FEAR mehr als nur geholfen, dass er für einige Jahre Fronter der Metal-Legende JUDAS PRIEST war und derzeit bei ICED EARTH das Mikro schwingt. Doch diese Tatsachen außen vor gelassen, hat das Quartett ein richtig ordentliches Album abgeliefert und wollte seine Qualitäten nun auch endlich live unter Beweis stellen. Und mit u.a. dem Lead-Gitarristen John Comprix hat sich der Ripper wirklich Top-Leute ins Boot geholt, die auch live eine Top-Leistung boten, welcher der recht schlechte Sound leider nicht gerecht wurde. Doch ab der Hälfte des Sets wurde es etwas besser, und so wurden z.B. „The Faith“, „Save me“ und „and… You will die“ auch ordentlich von den zahlreich angetretenen Mattenschwingern gefeiert. Dass der Ripper einiges drauf hat, weiß man schon seit seinen WINTERS BANE-Tagen, und auch wenn der Gute mittlerweile einige Kilos zugelegt hat, saß auch an diesem sonnigen Nachmittag jeder Ton und jeder Eierkneif-Kreischer auf den Punkt. Sichtlich erfreut über die verdiente durchweg positive Resonanz verließen BEYOND FEAR dann nach einem kurzweiligen Gig die Bühne, und viele waren sich sicher, dass Jon Schaffer in Zukunft sicherlich wieder ein Sänger-Problem haben dürfte, verfolgen BEYOND FEAR ihren Weg konzentriert und kontinuierlich weiter.

Nach dieser amtlichen Ripper-Bedienung war es an der Zeit für die gute-Laune-Schweden von EVERGREY, die mit ihrem düsteren ProgMetal denn auch am helllichten Nachmittag vollends begeistern konnten. So war das weite Rund schwer gefüllt, und es zeigte sich, dass die Herren doch schon sehr viel mehr Fans haben, als man allgemein annimmt. Merkwürdigerweise gab es von dem neuen Meisterwerk „Monday Morning Apocalypse“ nicht viel zu hören, ein Umstand, der zeigt, wie eigenwillig die 5 Herren nach wie vor agieren. Andererseits aber auch, wie ausgeglichen (auf höchstem Niveau!) das Songmaterial ihrer bisher 6 Alben ist, denn das Stimmungsbarometer fiel zu keiner Zeit ab. Die härtere und metallischere Gangart der aktuellen Scheibe übertrug sich denn auch auf die agile Liveperformance. Neben Ausnahmefronter Tom S. Englund, der wieder mal einige lockere Sprüche auf Lager hatte, brilliert auch immer wieder der Jungspund Jonas Ekdahl hinterm Kit. Sein wildes Gerühre (bei fehlerfreiem Spiel) erinnert ein ums andere Mal an „Das Tier“ aus der Muppet-Show. Auch Gitarrist Henrik Danhage und Bassist Michael Hakansson tobten sich auf der großen Bühne mit sichtlich viel Spaß aus, die Keys von Rikard Zander waren allerdings diverse Male ein wenig zu weit im Vordergrund. Kleinkram, denn die Party lief auf vollen Touren weiter, was bei Krachern wie „Blinded“ oder „More than Ever“ zu Beginn ja auch kein Wunder ist. Bei „I´m Sorry“ brauchte Tom erneut nicht allzu viel singen, da ihm der Text aus tausenden von Kehlen entgegenschallte. Die Meute ließ sich auch immer wieder bereitwillig zu Spielchen animieren. „She Speaks to the Dead“, „Mark of the Triangle“ und vor allem einer der wundervollsten und großartigsten Songs der letzten 10 Jahre „A Touch of Blessing“ ließen diesen formidablen Gig der Schweden zu einem vollen Triumphzug werden. Verdientermaßen kamen alle 5 Musiker nach dem letzten Song an den Bühnenrand, um sich in den Armen liegend nach allen Regeln der Kunst abfeiern zu lassen! Einzigartig!

Nun war es also Zeit für die erste richtige Schepper-Band an diesem doch ziemlich auf Melodic ausgerichteten Festival-Tag. Die „bekloppten“ Trolle aus Finnland stürmten die Bühne und sorgten gleich vom ersten Song an für gute Stimmung. FINNTROLL waren da und hatten die mittlerweile schon gut angeheiterte Meute sofort auf ihrer Seite. Zwar kamen die Gitarren recht breiig aus den Boxen, aber bei den Troll-Metallern wird eh mehr auf die Keys-Melodien abgefeiert, welche dann auch bei Knallern wie „Jaktens Tid“, „Kriegsmjöd“, „Fiskarens Fiende“ und natürlich „Trollhammaren“ lautstark mitgesungen wurden. Klar, die Texte dürften aufgrund der Sprache auch die wenigsten können. So lieferten FINNTROLL einen erwarteten guten Gig ab, bei dem alleine der neue Fronter Vreth (alias Mathias Lillmans von TWILIGHT MOON) in seinen Bewegungen recht ungelenk und auch etwas unsicher wirkte. Gesanglich bot allerdings auch dieser schwedisch sprechende/ singende Finne eine einwandfreie Leistung, und so sah man die Fan-Meute ausgiebig feiern, tanzen, stagediven und sogar eine Polonaise quer durchs Infield wurde gestartet. Man kann sich nur wünschen, dass FINNTROLL bald mit ihrem neuen Sänger (ob das nun Vreth sein wird, steht noch nicht 100% fest) ins Studio gehen werden, um den Fans bald wieder live und mit neuen Songs ordentlich einzuheizen!

Nachdem ich den Auftritt von SOILWORK bei der „Neckbreaker’s Ball“-Tour etwas enttäuschend fand, war ich natürlich gespannt, wie die Schweden heute drauf sein würden. Wie auch bei den restlichen Festival-Dates half Peter Wildoer von DARKANE an der Schießbude aus, was durch die Klasse des Schlagwerkers aber niemanden weiter auffiel. Ansonsten waren SOILWORK um einiges besser drauf als noch vor kurzem in GM-Hütte und so saßen diesmal nicht nur die Gitarren-Parts optimal, sondern auch Speeds Gesang einwandfrei, und diesmal hatte man auch nicht den Eindruck, dass der glatzköpfige Shouter technische Hilfe bei den cleanen Parts in Anspruch nehmen würde. Alleine der auch jetzt etwas dumpfe Sound und die zu lauten Keys schmälerten den Genuss von Übersongs, wie „Rejection Role“, „Light the Torch“, „Follow the Hollow“, „Stabbing the Drama“ und natürlich „Nerve“ sowie „As we Speak“ ein klein wenig. Dabei war zu bemerken, dass vor allem die melodischen Songs inkl. Mitsing-Refrains am besten ankamen, die straighteren und meist älteren Kracher lösten da nicht so eine Euphorie aus. Dafür konnte die Instrumental-Fraktion vollends überzeugen, wobei vor allem (noch) Session-Axtmann Daniel Antonsson und sein Gitarren-Kollege Ola Frenning mit fetten Riffs aufwarten konnten. Hauptbewegungspunkt war natürlich Basser Ola Flink, der mal wieder unablässig über die Bühne wuselte und dabei wie immer reichlich Spaß in den Backen hatte. So sorgten SOILWORK zum zweiten Mal an diesem Wochenende für ne Menge Stimmung im Amphi-Theater.

Nun folgte eine persönliche Überraschung für mich: Prog- und Melodic-Rock/ Metal ist sonst nicht so die Musik-Richtung, die ich mir privat gerne reinziehe, und von daher hatte ich mich auch nie so intensiv mit den Veteranen von FATES WARNING beschäftigt, aber was die Jungs da heute abzogen, war einfach klasse! Vor allem die neuen Songs vom „X“-Album (z.B. „Left here“ oder „Simple Human“) sind echt super und wurden von der Band auch noch echt tight dargeboten. Ob nun Über-Basser Joey Vera (u.a. auch bei ARMORED SAINT), Saitenhexer Jim Matheos oder der mittlerweile kurzhaarige Sänger Ray Alder (angeblich mit Stimmproblemen am Start, merkte man aber kaum was von), die gesamte Band konnte durch ihre spielerische Klasse und vor allem ihre natürliche Art nicht nur mich, sondern auch die tausenden feiernden Fans sofort für sich gewinnen. Da wurden Songs wie „One“ und „the 11th Hour“ laut mitgesungen, allerdings hatte man auch den ein oder anderen längeren Track im Set, bei denen einige Fans dann doch etwas die Aufmerksamkeit verloren. Diese Songs sind dann wohl doch eher etwas für den Hörgenuss zu Hause. Aber im Ganzen konnten mich FATES WARNING wirklich überzeugen, und ich werde mal zu sehen, dass ich mir „Disconnected“ und „FWX“ bald mal zulege.

Nach den bisher größten Bauarbeiten auf der Bühne (für die Riesen-Lichttreppen u.a.) kamen die Love-Us-or-Hate-Us-Metaller von EDGUY auf die Bühne gestürmt. Aber schon von den ersten Takten des Openers „Lavatory Love Machine“ an war klar, wer hier regierte: King Tobi und seine Mannen! Zu dem brettharten und glasklaren Sound kam eine gigantische Lightshow. Gepaart mit Frontdevil Tobi, der jeden Zentimeter der Bühne erkundete, ergab das einen Abräumergig vor dem Herrn. Herrlich auch seine Fußballansage, dass Schalker und Dortmunder ja doch etwas gemeinsam hätten… sie ständen am Saisonende eh immer hinter den Bayern! HAHA! Das brechend volle Amphitheater ging vollends steil bei Granatensongs wie „Fucking with Fire“, „Vain Glory Opera“, „Mysteria“ oder dem unvermeidlichen „Superheroes“, welches sich tatsächlich (trotz aller Plattheit) zu einem Hit entwickelt hat. Was wieder einmal zeigt, dass die 5 Spaßbacken ihr Ding einfach durchziehen, egal wie viel Kritik ihnen entgegenschlägt. Die allerdings spätestens nach dem bärenstarken aktuellen Album und den ebenso überzeugenden Liveauftritten verstummen sollte. Und dass sie, allen Unkenrufen zum Trotz, vollkommen zu Recht an dieser Stelle direkt vor dem Headliner DIO zocken durften, bewiesen die vollversammelten Besucher, indem sie die Band nach jedem Song abfeierten. Tobi hatte die Menge auch mal wieder voll im Griff, und ein Bombast-Song wie „Sacrifice“ ist einfach nur grandios und lässt keinen Fuß stillstehen. Mit dem Mitgröler „King of Fools“ wurde man in Richtung DIO entlassen. Fantastischer Auftritt, der sogar Kritiker (Greetz, Richard!) überzeugte.

Wie steht doch so schön in der Rock Hard-Nachlese:GranDIOs! Viel mehr muss man zu dem Auftritt des Altmeisters eigentlich tatsächlich nicht sagen. Wer nicht dabei war, hat definitiv was verpasst! Nicht nur, dass der brettharte, ja schon powermetallische Sound der grandiosen Musiker vollends begeisterte, auch die phänomenale Lightshow setzte ein absolutes Ausrufezeichen der bisherigen Rock Hard-Headliner. Entertainment in Perfektion! Und mittendrin der kleine Große, der trotz seiner 62 (?) Lenze fit wie ein 20-jähriger über die Bühne fegte und eine Spielfreude an den Tag legte, von der sich jeder Musiker eine Scheibe abschneiden kann. Hey, der Mann könnte locker der Opa von etlichen Festivalbesuchern sein! Und macht trotzdem noch allen vor, wie’s geht. Dass DIO die Stimme des Heavy Metal verkörpert wie kein zweiter, dürfte jedem bekannt sein, der schon mal eine Stromgitarre gehört hat in den letzten 40 Jahren. Auch heute eine Gesangsleistung vor der man einfach niederknien muss. Dass die letzten Studioalben eher belangloser Natur sind, ist dabei nebensächlich. Konsequenterweise spielte man auch nichts neueren Datums, das aktuellste kam von der „Dream Evil“-Scheibe, und die ist immerhin auch schon fast 20 Jahre alt! Neben unverzichtbaren Jahrtausendsongs wie „Holy Diver“, „Man on the Silver Mountain“, „Rainbow in the Dark“, „The Last in Line“ oder „Stand Up and Shout“ gab es mit dem Opener „Children of the Sea“ (von SABBATHs „Heaven and Hell“) und dem BLACK SABBATH-Hammer „I“ (vom 92er Dehumanizer-Album) doch einige feine Überraschungen in der Setlist. Dass bei dem Backkatalog nur absolute Überhits aufgeführt wurden, versteht sich von selbst. Und wer die nicht kennt, der hat im harten Genre nix verloren, Punkt. Allerdings gab es heute Nacht wohl niemanden, der die Songs nicht in- und auswendig kannte, so dass jede einzelne Note frenetisch von dem komplett gefüllten Amphi-Theater abgefeiert wurde. Besonderes Schmankerl der Lightshow war die diabolische Einlage bei „Heaven and Hell“, als das ganze Areal in tiefster Dunkelheit versank und lediglich der Meister von einem einzelnen fernen Strahler in Blutrot erhellt wurde! Ein unvergesslicher Anblick! Gänsehaut pur. Die unvermeidbaren Solo-Einlagen der einzelnen Musiker wurden ebenfalls bejubelt. Hier sind mit Craig Goldie, Rudy Sarzo, Simon Wright und Scott Warren allerdings auch Koryphäen ihres Faches am Werk, die das auch heutzutage noch dürfen. Einziger Wermutstropfen dieses ansonsten rundum phänomenalen Auftritts war der finale Abgang ohne eine einzige Zugabe! Lag aber vielleicht auch an der fortgeschrittenen Stunde von 1 Uhr nachts, und dass man damit sowieso schon 15 Minuten überzogen hatte. Zusammen mit BOLT THROWER das absolute Highlight eines erneut optimalen Festivals von Fans für Fans!

So war dieses Wochenende nicht nur gut für einen dicken Sonnenbrand des lichtscheuen Terrorverlegers, sondern wieder ein Beweis, dass der Metal stärker denn je ist und dass sowohl neue/ junge Bands (z.B. LEGION OF THE DAMNED, BEYOND FEAR, GOJIRA) wie auch die Veteranen (z.B. FATES WARNING, BOLT THROWER, DIO) noch lange für volle Hallen und großartige Festivals sorgen werden. Einziger, aber dafür um so größerer Wehrmuts-Tropfen war natürlich der Zwischenfall um Tom G. „Warrior“ Fischer und die damit verbundene Absage des CELTIC FROST-Auftritts. Doch die Schweizer haben fest versprochen, die Show nächstes Jahr nachzuholen und markieren damit zusammen mit dem wieder mal reibungslosen Ablauf und der super Stimmung dieser 3 Tage das eh schon als Pflichttermin fürs nächste Jahr notierte Festival noch mal extra fett!

Copyright Fotos: Torsten Hellge

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