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ROCKO SCHAMONI (LESUNG)

Ort: Münster – Metropolis

Datum: 04.12.2010

Er hat es wieder getan. Er hat erneut ein Buch geschrieben. Und daraus liest er vor. Nicht nur, aber auch. So geschehen in Münster, wo ROCKO SCHAMONI zur „Nichtraucherlesung“ ins Metropolis eingeladen hatte. Das ehemalige Kino am Bahnhof war zu diesem Zweck mit Bierbänken bestuhlt worden, die auch fast ausnahmslos besetzt waren, als ROCKO SCHAMONI, der als Entertainer, Musiker, Autor, Schauspieler, Clubbetreiber (Golden Pudel Club in Hamburg) und festes Mitglied des Komik-Ensembles STUDIO BRAUN (gemeinsam mit Heinz Strunk und Jacques Palminger) seit Jahren ein Garant für feinsten Blödsinn ist, um kurz nach 20.00 Uhr die Bühne betrat und seinen Arbeitsplatz für die kommenden gut zwei Stunden einrichtete.

Dazu gehörte auch die Anweisung ans Publikum, die Handys wieder anzustellen, da es sich sowohl um eine Raucher- als auch um eine Handylesung handelte. Rauchen durfte zwar am Ende nur Rocko und Handys klingelten den ganzen Abend über auch keine, aber großartige Unterhaltung gab es auch ohne dieses Beiwerk, denn Herr Schamoni zog wieder alle Register. So ließ er seine Zuhörer wissen, dass er einen neuen Roman namens „Tag der geschlossenen Tür“ gemacht hat, den er extra total schlecht geschrieben hat, weil er seinen Verlag Piper scheiße findet. Hauptprotagonist des vierten Schamoni-Werkes ist wie bereits bei „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ aus 2007 Michael Sonntag, dem es nicht nur immer noch beschissen geht, sondern der inzwischen auch alt geworden ist. Ausdrücklich wies der Autor in diesem Zusammenhang darauf hin, dass das Werk keinesfalls autobiografisch sei und beschrieb die Arschlochkinder und ihre Mutter, mit der sein Antiheld in der Nachbarschaft zu kämpfen hat. Seine Waffe sind dabei stets vorrätige, mit Wasser gefüllte Luftballons und Pflastersteine (die zwar im Buch nicht vorkommen, aber Rocko gerade in den Sinn kamen). Und natürlich die aberwitzigen Kolumnen, die Sonntag schreibt und bisweilen schräge Auswüchse annehmen. Natürlich durfte auch die Liebe nicht zu kurz kommen, die in diesem speziellen Fall auf den Namen Marion Vossreuther hört und in einem Handy-Laden arbeitet. Die Beschreibung dieser schönen aber öden Person sorgte nicht nur im Auditorium für Heiterkeit, auch der Herr Schriftsteller neigte dazu, sich über seinen eigenen Mumpitz köstlich zu amüsieren. Insbesondere die durchgeknallten Buchanfänge, die wohl nicht nur der fiktive Michael Sonntag an diverse Verlage geschickt hat, sorgten auf und vor der Stage für ausgiebiges Gelächter und breites Grinsen. So gab’s „Email für Emil“ und „Europa – meine Liebe“ auf die Ohren, was einem direkten Angriff auf das Zwerchfell gleich kam. Der grandiose Schwachsinn, den ROCKO SCHAMONI einmal mehr verzapft hat, nahm mit einem drogengeschwängerten „Ausflug ins Glück“ und Sätzen wie „Das Schicksal ist ein grausamer Croupier“ seinen weiteren haarsträubenden Verlauf. Nach jeder Menge neuem Stuff (hirnrissige Geschäftsideen des Herren Novak & sprudelnde Quellen der Nutzlosigkeit), druckreifen Werbeslogans für die Westfalenmetropole Münster und einer Pause mit Speedbowle, die an der Bar gereicht wurde, damit das Auditorium auch die noch anstehende lange Lesenacht durchhielt, las der Meister des tiefsinnigen Humors noch etwas aus seinen alten Büchern, nachdem er entschieden hatte, dass der Applaus bei seinem erfolglosen 2000er Erstling „Risiko des Ruhms“ am größten war. Er nannte es mit dem Hinweis auf AC DC seinen persönlichen „Highway To Hell“, der sich mit der komplett sinnfreien und absolut herzerfrischend vorgetragenen „Paris“-Geschichte ausnehmend unterhaltsam gestaltete.

Entsprechend schnell war auch die Zeit vergangen. Inzwischen war es 22.00 Uhr und Rocko wollte sich von seinen Fans, die vereinzelt auch schon bei seiner „Rocko liest irgendwas“-Stippvisite in Münster dabei waren, verabschieden. An ein Ende des Abends war natürlich noch gar nicht zu denken. Erstens suchte der Wahlhamburger noch nach Ausgehmöglichkeiten in der Stadt des Westfälischen Friedens, weshalb er seiner Zuhörerschaft gleich einmal eine „Polonäse der Gewalt“ durch die Innenstadt vorschlug, bei der auch kein Kaugummiautomat verschont bleiben sollte, zum anderen wollten die Anwesenden noch einen Nachschlag, den sie auch bekommen sollten. Dafür griff Schamoni erneut zu seinem Debüt und erklärte „Die Sache mit dem Koksain“. Muss ich noch extra erwähnen, dass auch diese Storyhanebüchen war und sich auch der Autor ob des abgedrehten Anarcho-Humor das Lachen nicht verkneifen konnte? Es war einfach extrem kurzweilig, was ROCKO SCHAMONI da zu Papier gebracht hatte bzw. sich spontan aus den Fingern sog. Seinen Figuren hauchte er bisweilen vermittels eines besonders breiten norddeutschen Slangs Leben ein, wenn er sich nicht gerade über seinen eigenen Quatsch kaputtlachte oder sich daran freute, dass die Münsteraner (neben den Osnabrückern und Bielefeldern, die ebenfalls mit Metropolis waren, weil die Location allein mit den Bewohnern Münsters ja gar nicht zu füllen gewesen wäre) ebenfalls erheblichen Spaß an seinen fantastischen Absurditäten hatten. Nach „Risiko des Ruhms“, „Dorfpunks (2004) und „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ freue ich mich auf „Tag der geschlossenen Tür“, das im Januar erscheinen wird und natürlich auf Rockos nächsten Besuch in meinen Breitengraden.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer Potthoff

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