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ROCKO SCHAMONI (LESUNG)

Ort: Münster - Prinzipalsaal

Datum: 10.09.2009

Nachdem ROCKO SCHAMONI zwei Jahre lang aus seinem letzten Roman „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ vorgelesen hatte, stand in Münster „irgendwas“ auf dem Programm. Hinter dieser kryptischen Umschreibung verbargen sich Textfragmente aller drei bisher veröffentlichten Bücher und außerdem noch ein kleiner Ausschnitt seines neuesten Werkes, das sich noch in der Mache befindet, in Münster „als FDP unter den Städten“ jedoch bereits zum Vortrag gebracht wurde. Was es damit auf sich hatte?

Wie möglicherweise bei der kommenden Bundestagswahl die Freien Demokraten, sollten die rund 250 Münsteraner im nahezu voll besetzten plüschigen Prinzipalsaal als Zünglein an der Waage fungieren und entscheiden, ob die neue Story um den inzwischen 15 Jahre älter gewordenen Protagonisten aus „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ was taugt. Mit besagtem Michael Sonntag, der nach Auskunft seines Schöpfers inzwischen alt und scheiße aussieht, konnte sich umgehend ein Zuschauer identifizieren, der sehr zur Rockos Freude ein beherztes „Wie ich!“ ausrief. Wie wir erfahren durften, plagt sich der arme Sonntag inzwischen mit dem Gebrüll der schlecht erzogenen Nachbarskinder herum, stellt in Gedanken CDs mit den 50 schlimmsten Kindersounds zwecks Feindzermürbung zusammen und lebt in seiner monatlichen Stadtmagazin-Kolumne Gewaltorgien aus. Alles sehr zur Erheiterung des Publikums, das zu Beginn der Veranstaltung zunächst erfuhr, dass es sich heuer um eine „Raucherlesung“ handele. Zwar sei Rocko eigentlich Nichtraucher, aber aus zivilem Ungehorsam zum Protestraucher geworden, weshalb er einfach möglichst viele Kippen verdampfen lassen wolle, während er seine „Buchstabenpolonäse“ veranstalte. Die begann mit einem Kapitel aus den „Sternstunden“, die auch Schamoni ganz offensichtlich immer noch zu erheitern wissen. Seine Beschreibung eines langweiligen und geradezu einschläfernden Besuches beim Psychologen (im coolen Hamburg-Slang „Hackenschrauber“ genannt“), ließ ihn selbst breit grinsen – eine Gefühlsregung, die sich noch einige Male wiederholen sollte und zum ausgelassenen Lachen des Auditoriums passte, das sich an der ebenfalls so oder ähnlich passierten Geschichte um das „olympische Feuer der Liebe“ nicht minder erfreute. Auch Maff hat es wohl wirklich gegeben. Ein „Nasendrogist“ und Plakatierer, der die Romanfigur Michael Sonntag mit Aushilfsjobs versorgt und eine ganz eigene Art hat, seinen Stoff zu schnupfen. Mit letzten Infos über die Hamburger Drogenszene der Achtziger Jahre und die Aussicht auf Speed-Bowle und frisches Spritzbesteck entließ der Entertainer, Musiker, Autor, Schauspieler, Clubbetreiber (im Detail: der Golden Pudel Club in Hamburg) und festes Mitglied des Komik-Ensembles STUDIO BRAUN seine Fans nach 40 Minuten in die Pause, um im Anschluss mit dem bereits erwähnten FDP-Vergleich weiterzumachen. Es folgte ein Ausflug nach Lütjenburg, ein 6000-Seelen-Kaff in Holstein, das nach Aussage von ROCKO SCHAMONI bereits seit 650 Jahren im Sterben liegt und in dem er seine Jugend als Dorfpunk verbracht hat. Wir waren also angekommen im zweiten Buch des Multitalents, das in diesem Jahr auch als Kinoadaption zu sehen war und zudem 2008 im Hamburger Schauspielhaus mitsamt der STUDIO-BRAUN-Kollegen HEINZ STRUNK und JACQUES PALMINGER uraufgeführt wurde. Quintessenz der Mannwerdung in der Provinz: „Gewalt ist unser Geld und wir wollen gern zahlen“ – nur haben Rocko und seine Kumpels eher kassiert als ausgezahlt. Es mögen schlimme Jahre gewesen sein, amüsanter hätte man sie aber wohl kaum in Worte fassen können.

Mit seinem ersten Buch „Risiko des Ruhm“, welches vor neun Jahren erstmals erschien und 2007 im Zuge des Hypes um „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ als „Director’s Cut“ mit weiteren Geschichten neu aufgelegt wurde, wurden die Texte deutlich schräger. Zunächst entschuldigte sich der Hamburger Tausendsassa jedoch dafür, dass sein Debütroman so schlecht geschrieben sei, aber der Verlag habe da ganz einfach seine Aufsichtspflicht verletzt, dann erläuterte er seine geniale Geschäftsidee eines „visuellen Hörbuchs“, um dann in medias res zu gehen. Die Episoden „Paris“ und „Die Sache mit dem Koksain“ (der erste Schamoni-Text überhaupt!) verbreiteten einen abstrusen HELGE-SCHNEIDER-Flair, bei dem man Sinn und Verstand vergebens suchte. Die sonst als dröge geltenden Westfalen zeigten sich begeistert von den chaotischen Hirngespinsten des Ich-Erzählers, so dass als Zugabe „Der schwarze Hahn“ gewünscht wurde. Hier handelte es sich nicht um einen Gockel, sondern um ein Schiff, auf dem homoerotische Liebe hoch im Kurs stand und auf dem die Romanfigur angeheuert hatte. Zweifelsohne extrem versponnenes Seemannsgarn, mit dem ROCKO SCHAMONI seine Ausführungen beschloss.

Fehlte zu guter Letzt die obligatorische Frage, wo man nach dem Signier-Part noch hingehen könne, Antworten gab’s genug, schließlich ist in einer Studentenstadt wie Münster am Donnerstag praktisch schon das Wochenende angebrochen. Für mich war’s leider noch nicht ganz so weit, weshalb ein Absacker mit ROCKO SCHAMONI der baldigen Rückfahrt nach Osnabrück weichen musste, statt an der „Polonäse der Gewalt durch Münster“ teilzunehmen. Ein gelungener Abend mit bestem Anarcho-Humor – bleibt zu hoffen, dass das neue Buch nicht allzu lang auf sich warten lässt und Rocko demnächst wieder zu Glimmstengel, Bier, Sekt und Taschenbuch greift.

Copyright Fotos: Jörg Arensmann

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