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ROCKO SCHAMONI (LESUNG)

Ort: Osnabrück – Lagerhalle

Datum: 01.03.2019

St. Pauli – insbesondere die verruchte Seite des Hamburger Stadtteils – steht spätestens seit dem Roman „Der goldene Handschuh“ von HEINZ STRUNK auch beim Feuilleton hoch im Kurs. Während ROCKO SCHAMONIs STUDIO-BRAUN-und-FRAKTUS-Kollege Strunk über den Frauenmörder Fritz Honka und die siebziger Jahre geschrieben hat, thematisiert Schamoni in seinem Buch die Sechziger und die frühen Jahre von Kiez-Größe Wolfgang „Wolli“ Köhler. „Große Freiheit“ heißt es und ist am 18. Februar im Hanserblau Verlag erschienen. Begleitet wird die Veröffentlichung mit einer Lesereise, die ROCKO SCHAMONI auch nach Osnabrück in den weitgehend besetzten großen Saal der Lagerhalle führte.

Hier hatte der Entertainer, Musiker, Autor, Schauspieler und ehemalige Clubbetreiber des Golden Pudel Clubs auf St. Pauli noch ein wenig mit den Nachwirkungen der Premierenlesung im Hamburger Schauspielhaus zu kämpfen, bei der es auch Cola-Rum und reichlich Bier gegeben hatte, weshalb sich der 52-jährige ein Konterbier mit auf die Bühne gebracht hatte. Außerdem hatte er natürlich seinen jüngsten Roman dabei und eine kleine Dia-Schau, mit der er dem Publikum seinen Hauptprotagonisten noch ein weniger näher zu bringen versuchte. Wer von Rocko einen launigen Abend erwartete, wurde möglicherweise ein wenig enttäuscht, denn es ging für die Verhältnisse des Hanseaten erstaunlich ernst zu. Nur hier und da gab es mal eine komische Anekdote zu hören, ansonsten las Schamoni aus seinem Buch, das man vielleicht am besten als Nacherzählung mit Fiktion beschreiben könnte. Ursprünglich wollte der Schriftsteller bereits vor 15 Jahren über den Maler, Graphiker, Satiriker und Humoristen Heino Jaeger schreiben, stolperte dabei über den Puff-Boss Willi und blieb sozusagen bei selbigem hängen. In „Große Freiheit“ berichtet ROCKO SCHAMONI über die frühen Jahre des gebürtigen Sachsens auf der sündigen Meile und entführte sein Auditorium auf diese Weise nach „St. Liederlich“. Man erfuhr von Wollis Ankunft auf dem Kiez, von seinen ersten Jobs als Kleindealer und Koberer und wie er in seiner privaten Wohnung quasi Hamburgs erstes Sexkino eröffnete und welche Probleme er und die Kollegen und Freunde aus dem Milieu mit dem Amtmann Falck vom Hamburger Ordnungsamt hatten. Spannend waren auch die Ausführungen zum Nachtjargon auf der Reeperbahn. So gab es auf St. Pauli eine Sprache mit rund 5.000 Begriffen, die bis Mitte der achtziger Jahre von „Eingeweihten“ gesprochen wurde, um sich miteinander verständigen zu können, ohne das Freier und andere Außenstehende den Inhalt verstehen konnten. Einen Schnellkurs in dieser speziellen Mundart verpasste im Roman „Onkel“ (der im wirklichen Leben Opa genannt wurde und ebenfalls ein sehr spezieller Typ gewesen sein muss) dem noch unerfahrenen Wolli und so wussten dann auch die Osnabrücker, dass der Begriff „Heiermann“ für ein Fünf-Mark-Stück ursprünglich von St. Pauli stammt und der 50-Mark-Schein wegen des abgebildeten Holstentores auch „Lübecker“ genannt wurde. Zum Ende der Lesung, die pünktlich um 22 Uhr Geschichte sein sollte, da Rocko den letzten ICE nach Hamburg bekommen musste, lernte die Zuhörerschaft noch Willi Bartels kennen. Der Mann wurde aufgrund seines umfangreichen Immobilienbesitzes auch „König von St. Pauli“ genannt und wurde zu Wollis Vermieter in einer damals ganz neuen Form von Freudenhaus.

Damit begann der Aufstieg von Wolli Köhlers Aufstieg zum kommunistisch veranlagten Puff-Boss (so bezeichnete er sich wohl selbst und wollte damit auch immer seine Abgrenzung zum Zuhälter ausdrücken) mit Faible für Kunst und Kultur, der allerdings 2017 einsam und verarmt nach zwei Schlaganfällen 85-jährig gestorben ist, nachdem er zuvor sieben Jahre lang seine kleine Sozialwohnung nicht mehr verlassen hatte. Gleichzeitig endete hier die Lesung und wohl auch der Roman, der vom Grundsatz her als Trilogie angelegt ist (was tatsächlich daraus wird, vermag ROCKO SCHAMONI momentan noch nicht zu sagen). Es war ein kurzweiliger Abend, der einen kleinen Einblick in „Große Freiheit“ gegeben hat. Gelesen hatte das Buch gemäß einer Abfrage des Literaten noch niemand im Saal. Auch ich kenne den Inhalt nur insofern er in der Lagerhalle vorgetragen wurde, wage aber zu behaupten, dass er mit dem bereits erwähnten „Der goldende Handschuh“ nur ein gewisses Lokalkolorit gemeinsam hat.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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