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ROCKO SCHAMONI

Ort: Osnabrück – Lagerhalle

Datum: 18.12.2013

Eine Frauenstimme aus dem Off kündigt mit pathetischen Worten den Erlöser und Weltenretter an – es ist kurz vor Weihnachten, also muss es wohl ein engelsgleiches Wesen sein, welches mit viel Pathos das Christkind lobpreist. Weit gefehlt, denn an diesem Mittwochabend hatte ROCKO SCHAMONI in die Lagerhalle gebeten und ein paar spezielle Stunden bei Bier, Kippen, Musik, abstrusen Geschichten und Gelaber versprochen, dessen Sinn man nicht immer hinterfragen sollte. Aber genau diese Kombination hatte sich der nicht ganz gefüllte Saal mit Sicherheit gewünscht. Die meisten der Zuschauer dürften auch gewusst haben, dass King Rocko keinesfalls ein Ghetto-Kid aus dem nahen Georgsmarienhütte ist, sondern in Schleswig-Holstein groß geworden und seit Jahren in Hamburg ansässig ist. Zudem ist er Mitglied bei Die PARTEI und STUDIO BRAUN, wo er mit den Kollegen Heinz Strunk und Jacques Palminger für Unfug sorgt. Auch nach Osnabrück war der Entertainer, Musiker, Autor, Schauspieler und Clubbetreiber nicht allein gekommen, denn seine Ein-Mann-Band Tex Matthias Strzoda (übrigens neben den bereits genannten Herrschaften das vierte Gründungsmitglied von STUDIO BRAUN) stand ihm für die musikalischen Abschnitte zur Seite.

Zunächst einmal enterte der 47-jährige Träger eines Ballonseiden-Anzuges jedoch allein die Stage und teilte seinem Auditorium mit, dass er sich spontan entschieden habe, den Abend über nur zu labern und auf Texte und Musik zu verzichten. Außerdem sei es ausdrücklich gewünscht, dass die Handys an blieben, auch er selbst könne gern angerufen werden. Im Übrigen handelte es sich um eine Nichtraucher-Lesung, für die ihm die Stadtoberen jedoch in den Vertrag geschrieben hatten, dass er als abschreckendes Beispiel rauchen müsse. Ebenso war er sich nicht zu schade, sich mit Alkohol sozial zu derangieren. Gelesen wurde dann allerdings doch noch und so lernten die Anwesenden Michael Sonntag, den gescheiterten Hauptprotagonisten aus „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ und „Tag der geschlossenen Tür“ kennen. Ausdrücklich wurde betont, dass es sich um eine fiktive Figur handele, die abstruse Kolumnen über Gewaltorgien in Hamburgs Innenstadt schreibt oder amouröse Verwicklungen als Roadie der Punkband BLACK JETS im fernen Graz erlebt. Großartig waren auch die Textproben aus absichtlich unterirdisch geschriebenen Buchprojekten wie „Email für Emil“ oder „Immer Ärger mit Herrn Berger“, die nur den Zweck hatten, von den Verlagen abgelehnt zu werden, um sich an den Ablehnungsschreiben zu erfreuen. Schön war dabei, dass auch Herr Schamoni sichtlich Spaß am Vortrag hatte und sich manches Mal das Lachen kaum verkneifen konnte. Hier und da wurden die gedruckten Vorlagen auch kurzerhand ein wenig angepasst – ganz so wie es dem Künstler beliebte und eindeutig zur Erbauung der Zuschauerschaft. Das – sagen wir mal sehr modern angelegte – Theaterstück über einen Streit am Mittagstisch im Hause eines Staatsanwaltes, dessen zehnjähriger Sohn nicht einsehen will, warum er als Einziger in der Klasse noch keine harten Drogen nehmen darf, kann nur unter erheblichem Alkoholeinfluss entstanden sein und da war es nicht verkehrt, dass im Anschluss ein wenig musiziert wurde. Die Kollegen griffen jeweils zur Akustikgitarre, Tex bediente gleichzeitig noch Hi-Hat und Basstrommel und überwiegend zweistimmig gab es Songs wie „Leben heißt sterben lernen“ oder „Wenn du Menschen triffst“ (ursprünglich von Tex für ANDREAS DORAU geschrieben) auf die Ohren. Mit dem rhythmusbetonten „Mauern“ verabschiedeten sich die beiden dann schließlich in eine kurze Pause, in der man im Foyer eine Koks-Bowle versprach.

Nachdem die versprochenen Amphetamine indes doch sehr schnell aus waren, ging es zügig auf der Bühne weiter, wo Michael Sonntag ein weiteres Mal in den Mittelpunkt rückte, bevor ein zweiter Rock-Block auf dem Programm stand. Für die Zugabe hatten sich die Hanseaten etwas ganz besonderes ausgedacht, denn es gab quer über den Großen Teich eine Live-Schalte zu den Mädels von TLC, um gemeinsam „Waterfalls“ zu performen. Da durften auf der Stage als angemessener optischer Effekt natürlich Nebelschwaden nicht fehlen und auch das Publikum ließ sich nicht lumpen und sang mit. Mit viel Groove und einem Lobgesang auf heißen Kaffee setzte das Duo die akustische Reise fort, die mit Gebläse und Reggae-Versatzstücken enden sollte, bevor ROCKO SCHAMONI mit einer „Polonäse der Gewalt“ durch die Osnabrücker Innenstadt zu ziehen gedachte.

Gern wäre Rocko wohl noch über den von ihm bereits in Augenschein genommenen nahen Weihnachtsmarkt geschlendert, doch der hatte nach gut zwei Stunden Spielzeit um kurz nach 22.00 Uhr schon längst geschlossen und so stellte er seine obligatorische „Wo kann man denn jetzt noch hingehen?“-Frage an seine Zuhörer, die ihn ans Grand Hotel verwiesen. Bleibt zu hoffen, dass auf der kurzen Strecke zwischen Lagerhalle und Grand Hotel nicht doch noch irgendwelche Kaugummiautomaten hingen, die mit Seilen von der Wand gerissen werden konnten. So zumindest der Plan von KING ROCKO SCHAMONI, der mal wieder einen durch und durch vergnüglichen Abend abgeliefert hat.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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