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ROCKPERRY 2009 – TAG 1

Ort: Vaasa - Vaskilouto

Datum: 17.07.2009

Super Timing und Sprachkurs sei Dank hat man ab und zu auch mal die Gelegenheit, eins der kleineren Festivals weit ab vom Schuss zu besuchen. So paukte ich also seit bereits einer Woche im wunderschönen Vaasa Finnisch, als das örtliche Rockperry Festival Abwechslung bieten sollte. Mit fast ausschließlich finnischen Bands sowie einer bunten Mischung aus Pop, Rock, Punk und Metal bot sich zudem ein guter Querschnitt durch die nationale Musikszene, wer also mal Sommerurlaub mit einem gemütlichem Festival verbinden möchte, dem sei Vaasa, das im Sommer selbst mit den schönsten Hafenstädten Südfrankreichs mithalten kann, mit seiner Meerlage nur zu empfehlen.

Bei äußerst sommerlichen 27 Grad und strahlend blauem Himmel wurde der Fußmarsch zur Insel Vaskilouto, auf der das ROCKPERRY nahe einem Waldstück stattfand, fast schon zur Tortur, wer nahe dem Zentrum wohnte, konnte von dort auch einen Festivalbus bis fast direkt vor die Tore nehmen. Zwei Bühnen (eine Hauptbühne und eine Zeltbühne) boten abwechselnd Programm, das mit einer Startzeit von 15.30 Uhr auch auf die arbeitende Bevölkerung zukam.

Mit einem neuen Album draußen sind KOTITEOLLISUUS momentan auf fast jedem Festival im Lande anzutreffen. Nüchterner aber trotzdem nicht agiler als auf dem SAUNA OPEN AIR vor einigen Wochen leierten sie wieder etwas lustlos ihre Songs runter, doch scheinbar haben die Herren nach mehreren Alben massentauglichen Industrials mit finnischen Texten kultähnlichen Status erreicht, sodass hier sowohl Menge als auch eine Gruppe Securities mit Begeisterung zuschauten.

INDICA haben in Deutschland bisher nur durch die ihre Tour mit NIGHTWISH von sich Hören gemacht, doch sind die 5 Mädels bereits 2004 in ihrem Heimatland stets präsent. Mit seichtem Pop, der hier und da durch eine Violine ergänzt wird, begeisterten sie selbst Mittvierziger Damen im Publikum, doch fehlte dem ganzen einfach der Pep. Frei nach dem Motto „Ups, verspielt, doch Hauptsache die Haare sitzen“ waren die Musikerinnen doch fast schon Statistinnen, einzig Sängerin Jonsu mitunter Entertainerqualitäten. Insgesamt trotz bunter Outfits etwas farblos!

Im Gegensatz zu INDICA zeigten SUNRISE AVENUE, wie Gitarrenpop auszusehen hat. Mit großartigen Melodien und einer Extraportion Ohrwurmpotenzial hat das Quartett in den letzten Jahren bereits ähnlichen Kultstatus wie HIM erreicht, kreischende und lauthals mitsingende Mädels in den ersten Reihen gehörten hier auch heute zum Programm. Ihr gutgelaunter und braungebrannter Sänger Samu Haber (da soll mal einer sagen, Finnland sei immer nur kalt und dunkel) musste hier kaum mit dem kleinen Finger zucken, um die Menge in Fahrt zu bringen, die üblichen Hits fehlten natürlich auch nicht und mit einer Beatboxeinlage stellte er seine Vielseitigkeit unter Beweis. Popgasm gelungen!

Dass im PISA-Gewinnerland Finnland auch mal jemand auf die Idee kommen würde, sich FINTELLIGENS zu nennen, verwundert kaum, dafür erstaunte es umso mehr, dass sich hinter dem gewieftem Namen eine Hip Hop Truppe verbarg. Gut, in nordischen Gefilden werden die Festivals ja ohnehin weniger nach Genres getrennt als vielleicht hierzulande, doch finde ich es fast schon schockierend, dass die Menge im rappelvollen Zelt abging wie Schmitz Katze, sind die Finnen etwa aufgeschlossener als wir Deutschen? Lag es vielleicht an den intelligenten (?) Texten, die unseren BUSHIDO-Auswurf bei weitem übertreffen? Man weiß es nicht, doch vielleicht sollte man in Deutschland mal eine Fallstudie mit Rap bei ROCK AM RING starten.

Dem Namen nach ließen DISCO ENSEMBLE eine Mutprobe für die Gehörgänge erwarten, doch Finnland wäre nicht Finnland, wenn hier nicht handgemachte Gitarrenmusik auf dem Plan stünde. Statt Disco gab es hier hausgemachten Rock mit ordentlicher Punkschlagseite zu hören und wenngleich einige Stücke einen Tick Emo rüberkamen, ging hier doch die Party ab. Dies lag nicht zuletzt, wie könnte es auch anders sein, auch am energiegeladenen Auftritt ihres Sängers, der immer wieder von einem Ende der Bühne zum anderen flitzte und zwischendurch sogar noch auf einem Minikeyboard klimperte. Höhepunkt war außerdem eine Coverversion von „Don’t Cry For Me Argentina“. Große Überraschung!

Wenn kreischende Mädels in bester Rockmanier posierenden Teenies auf der Bühne zujubeln, dann konnten nur STURM UND DRANG die Bretter betreten. Die Boygroup der Metalbands hatte auf dem Rockperry quasi ein Heimspiel, wodurch die Stimmung weiterhin auf einem Hoch blieb. Rockige Stücke in bester Power Metal- Manier wie „Break Away“, aber auch gefühlvolle Balladen wie „Indian“ oder „A Million Nights“, bei denen Frauenschwarm Andre Linman die einen oder anderen feuchten Augen zu Tage brachte, wurden textsicher mitgesungen, wobei die schnelleren Stücke natürlich dominierten, bei denen ihr Fronter sich in bester Alexi Laiho Attitüde austoben konnte. Schon erstaunlich, wie ein paar Teenies die Massen so begeistern können.

APOCALYPTICA haben ihre Setlist für die diesjährigen Festivals wohl in Stein gemeißelt, so ging es wieder etwas träge mit „Wherever I May Roam“ los, doch wie die Cellisten mit METALLICA ausnahmsweise nicht viel reißen können, bringen SEPULTURA dann etwas Bewegung in die Menge und einen Perttu, der wild auf sein Instrument einhämmert und den Text selbst ohne Mikro für die ersten Reihen hörbar mitschreit, von Null auf 100 in 3.5 Sekunden. Ansonsten taten „Fight Fire With Fire“ oder „One“ natürlich ihr Übliches. Ebenso hatten sich die Finnen wieder gesangliche Unterstützung geholt, der gute Herr, dessen Identität sich trotz intensiver Recherche nicht rausfinden ließ (wer das Gesicht erkennt, darf mich gern behelligen), gab so in klassischer Heavy Metal Stimme „I’m not Jesus“ und „Live Burns“ zum Besten. Insgesamt war die etwas zu poporientierte Menge aber kaum zu begeistern, wenn hier mehr Pärchen rumknutschen (wo ist das Arsen, wenn man es mal braucht) als Metaller ihre Haare schwingen lassen, ist das für eine Größe wie APOCALYPTICA schon etwas ernüchternd.

Ein letztes Mal für diesen Abend ging es ins gut gefüllte Zelt, die Landesnachbarn BACKYARD BABIES hatten als einzige ausländische Band des Tages zum Stelldichein geladen. Nach all dem finnischen Gebrabbel (auch wenn man hier und da ein paar Fetzen verstand, blieben viele witzige Ansagen doch ein Rätsel) waren englische Anmoderationen doch mal eine Erleichterung. Doch schnell fanden die Schweden heraus, dass man in Vaasa auch schwedisch spricht und so wurde sämtliche Kommunikation mit dem euphorischen Publikum in selbiger Sprache unterhalten (ein „Jag vill att ni hoppa“, zu deutsch: „ich will, dass ihr hüpft“ ist doch einfach nur amüsant), dass nenn ich mal Völkerverständigung, denn sonst bekommt man die nicht-schwedischsprachigen Finnen nur selten dazu, sich der Sprache ihrer einstigen Besatzer zu ertüchtigen. Doch Rock’n’Roll der feinsten Sorte ist wohl das Geheimrezept, hier hüpft, pogt (soweit es denn von den Securities zugelassen wird) und tanzt jeder durch die Gegend, sodass die Hintergarten Kinder auch prompt versprachen, bald wieder zu kommen.

Mittlerweile zeigte die Uhr 0.45 Uhr, die Temperaturen gefühlte 17° C und der Himmel eine leicht schummrige Färbung (so hoch im Norden bleibt es natürlich auch im Juli nachts relativ hell), doch mit APULANTA stand noch eine weitere Band an. Nach 10 Alben und etlichen Nummer 1 Hits sind die Herren natürlich eine feste Größe, die mit ihren kurzen knackigen, punkigen bis rockigen Stücken noch die letzten Reserven der Verbliebenen herauslockten. Wenig Ansagen und kaum Interaktion auf der Bühne, hier stand klar die Musik im Vordergrund, zu der die Menge noch ein letztes Mal alles gab, wenn auch die Müdigkeit langsam überhand gewann. Krönendes Ende eines tollen Tages mit vielen unerwarteten Überraschungen.

Copyright Fotos: Juliane John

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