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ROLLING STONE WEEKENDER 2010

Ort: Weissenhäuser Strand

Datum: 12.11.2010 - 13.11.2010

Das zweite Rolling Stone Weekender am Weissenhäuser Strand kurz über Lübeck direkt an der wütenden Ostsee, die die anströmende Masse an Musikliebhabern zweifelsohne wenig gastfreundlich begrüßt, aber das ist schon in Ordnung. Erst das zweite Mal überhaupt ein Weekender in Deutschland, kein Zelten im Dreck, sondern Bungalows und Appartements mit Dusche und Balkon bzw. Terrasse. Der Altersdurchschnitt ist für Festivalverhältnisse enorm hoch, vielleicht nicht nur unbedingt, weil zelten, grillen, saufen mittlerweile zum Festivalalltag gehören und auch nicht, weil nur Altherrenrock geboten würde. Aber der Rolling Stone als Trademark setzt einfach eine gesunde Form an Gediegenheit voraus, die der eine oder andere U30-jährige nicht kennt und sich nicht die Mühe macht, dieses ehrwürdige Magazin mal von innen zu betrachten. Die jung-gebliebenen Alten und die wenigen wirklich Jungen sehen allerdings an zwei aufeinanderfolgenden Tagen nicht gerade unglücklich aus.

Das alte Haldern-Gemeckere tritt gelegentlich trotzdem zutage, zuallererst mit den eröffnenden MIDLAKE, Schweden mit drei Gitarren, Querflöte zweistimmigen Gesang und nordischem Americana, der durchaus als „gereift“ bezeichnet werden kann. In den frühen Tagen mit nerdigen Alleinunterhalter-Keyboards und mehr als schräg-geleierten Vocals, sind sie heutzutage eine Bank in der FLEET FOXES-Liga. Jetzt ist das Weekender nicht nur wegen der festivaluntypischen Jahreszeit anders, sondern ebenfalls durch die Länge des jeweiligen Slots. Anderthalb Stunden für die erste Band, sind im Falle MIDLAKE unter Umständen nicht unbedingt jedermanns Tass Tee. Der rechtzeitigen Abwanderung geschuldet, steht die kleine Gesandtschaft um kurz vor Sieben direkt vor der Bühne des Festsaals, dessen niedrige Decke eigentlich keine großen Hoffnungen auf einen guten Sound wecken kann. Aber weit gefehlt, die Damen von WARPAINT bestätigen den Hype – nicht nur ein wenig, sondern voll und ganz. Auf Tonträger etwas handzahm, begegnet dem Hörer die perfekte Melange aus vertrackten Rhythmen und perfekten 80er-CURE-Melodien, die so einiges mehr an Druck entwickeln. Der Gesang glasklar, einstimmig, zweistimmig und gegebenenfalls in voller Bandbesetzung, beeindruckend routiniert für ein debütierendes Quartett. Und wieder die Gunst (oder die Kunst) des frühen Aufbruchs auf unserer Seite sind wir eine Stunde später direkt vor der Bühne des sehr intimen Rondells Zeugen eines bemerkenswerten Auftritts der Australier von TAME IMPALA. Kurzer Gedankensprung: Ein Rondell ist doch eigentlich rund, oder? Dieses Rondell ist sichelförmig und für TAME IMPALA zu klein. Jedenfalls innerhalb der ersten Viertelstunde stößt besagte Örtlichkeit an ihre Grenzen, so dass Schlafmützen draußen der Musik lauschen müssen. „Solitude Is A Bliss“ erklingt an dritter Stelle, seiner Zeichens der Überhit des Baltic Sea-Weekends. Frühe PINK FLOYD, so früh, dass es SYD BARRETT noch erleben sollte, es hätte ihn aus seinem fast fünfzigjährigen Dornröschenschlaf wach küssen mögen. Aber hier explodieren noch so einige Bomben direkt vor den Gehörgängen der Anwesenden, „Desire Be, Desire Go“ z.B. und Kevin Parker klingt nicht nur so gelangweilt wie JOHN LENNON, sondern auch genauso unnahbar. Währenddessen er – als ob es nichts Einfacheres geben würde – ca. vier Gitarren in einem Song spielt, ohne sie zu wechseln. Die Garnison an Effektgeräten zu seinen Barfüßen spricht für sich, die kaleidoskopischen Soundexperimente für den großen Durchbruch. Absolut fantastisch!

Auf den Schock folgt das eine oder andere Warsteiner (kleiner Wehmutstropfen, die Biersorte betreffend) und die eine oder andere Diskussion, ob man besser bleibt, oder ob der Rest des Abends in der Spielhölle verbracht werden soll. Aber THE NATIONAL nimmt das semiprofessionelle Musikjournalisten-Gespann dann doch lieber mit und… tja, da ich es nun bin, der diese Zeilen verfasst, bleibt einmal mehr die völlige Begeisterung für diese durchaus sehenswerte Band auf der Strecke, wieso auch immer. Matt Berningers Stimme hat mich auf Tonträger fast immer sofort gepackt, aber live mag zwar die bemerkenswerte Präzision der Gruppe an sich und die offensichtliche Getriebenheit des Sängers begeistern, der wie ein am Asperger-Syndrom Leidender über die Bühne „irrt“, aber das war es dann eben schon wieder. Dritter Auftritt, dritter Versuch und ich bin untröstlich, aber es „funzt“ nicht so recht (seit gnädig bitte). Die lang gemiedenen ELEMENT OF CRIME liefern im Folgenden einen derart beeindruckenden Auftritt hin, wie es sich nicht richtig wiedergeben lässt. Musikalisch seit Ewigkeiten nah am Chanson schafft es Sven Regener, sein Liedgut durch rotziges Timbre und seines wahnsinnig sympathischen Auftreten wegen derart nah am Herz seiner Hörer zu transplantieren, wie zumindest ich mir es nicht hätte denken mögen. Allerdings so nah an der Bühne war ich bisher noch nie und unter Umständen ist das ja Gang und Gäbe, bitte erhellet mich! HALLOGALLO 2010 mit Michael Rother von NEU! lassen sich dann endgültig kaum noch in Worte fassen. Wenn eine einzige Gitarre innerhalb von acht Minuten nach Kreissäge, fiepsenden Synthies und dröhnender Cheese Rock-Gitarre klingt, dann… ja was dann eigentlich? Das muss ja nicht jedem gefallen, aber die, die zu später Stunde noch fit waren (bemerkenswerter Weise die ganz alten Semester) nicken kennerisch mit den Köpfen ich starre mit offenem Mund auf die Bühne und mein kleines Brüderle fragt mich allen Ernstes, weshalb denn keiner tanzt. Berechtigte Frage eigentlich. Na, zu Krautrock tanzt man nicht, das ist nicht très chic, aber menschlich und zu HALLOGALLO 2010 würde ich mir ehrlich gesagt ebenfalls eine träumerisch zuckende Masse auf Adrenalin-Alkohol-Base wünschen. Acid wurde uns zumindest (leider?) nicht angeboten.

Der nächste Tag sieht doch etwas anders aus, steht er doch im Zeichen der Spiel und Spaß-Fraktion – schon mittags zieht es uns in die eben schon erwähnte Spielhölle: Electric Air Hockey, Billard, diverse Fahrsimulatoren und etwaige Flipper später haben wir unser angesammeltes Kleingeld verdaddelt und ein Muskelkater deutet sich bereits an, weiter geht’s mir Micro Machines auf dem S-NES, Fußball-Konferenz auf Sky (im Bungalow wohlgemerkt!) und dann leider etwas verspätet zu AIRSHIP vors Rondell, da waren wir leider die Schlafmützen. Um kurz vor Zwölf gab es bereits eine FRITZ RAU-Lesung (50 Jahre backstage!), der leider nicht selbst anwesend sein konnte, da neues Hüftgelenk, auf das er sich bedauernswerter Weise fallen ließ. Via Internet, war es ihm möglich, mit dem gefüllten Rondell zu kommunizieren. Mit der mehr als bekannten Reich-Ranicki-Greisenstimme hält Herr Rau uns eine Vorlesung, die leider wenig mit Sex, Drugs & Rock’n’Roll zu tun, hat, wir dafür den Unterschied zwischen U- und E-Musik erklärt bekommen – fragt lieber nicht. Ich möchte euch nur gerne die Vielfalt der Möglichkeiten vor Augen führen, die diese Art des Festivals mit sich bringt, nicht um euch zu langweilen und nur Band XY hat soundso gespielt, wäre langweilig, jedenfalls entschuldigt mein Abschweifen. Nur habe ich vom Samstag nicht soviel Musikalisches zu berichten, eine Band habe ich ganz und zwei kurz gesehen, der Rest ist Schall und Rauch. Nach TAME IMPALA sind es allerdings die BLACK KEYS, die uns in vorfreudigen Taumel versetzen können und die Erwartungen werden mindestens erfüllt. Die Hendrix-Rocker kommen zuallererst zu ihren Ehren, „Rubber Factory“ im Laufe des Sets gar fast zur gänzlichen Entfaltung. Und wenn Dan Auerbach sicher ein grandioser Sänger (O-Ton eines guten Freundes: „Ich hätte nie gedacht, dass der live so gut singen kann“) und Gitarrist ist, Patrick Carney ist die Art Drummer, der nach einem anderthalb stündigen Set einmal komplett die Hemdfarbe wechselt und mit Blutgeschmack im Mund die Ankunft zur Königsetappe der Tour de Force mit einem beiläufigen Lächeln kommentiert. Ein Drumkit der Marke Ludwig hält unter solchen Tourbedingungen sicher nicht viel länger als ein halbes Jahr. Wenig Soul der Neuen („Brothers“), einerseits schade, andererseits umweht auf der Zeltbühne ein Cannabis-getränkter, mit Schweiß versetzter Wind die Nasen des Publikums, das es JIMI HENDRIX mit glasigen Augen und brennender Gitarre auf die Bühne zum Duell getrieben hätte. Aber einem Auerbach sollte niemand mit solcherart Vergleichen seine kostbare Zeit streitig machen. Wiederum offen Münder. Und um es kurz zu machen, BLITZEN TRAPPER werde ich nie verstehen: weirder Country/ Folk-Rock mit Trucker-Caps. TINDERSTICKS ganz hinten im Baltic-Festsaal, zu viel Avantgarde, Trompete und dem zwar typischen Stuart Staples-Timbre, aber entweder ganz vorne, dass sich die Instrumentierung erschließt oder nicht – wieder eine Band, die ich lieber auf Tonträger genießen mag.

Die Nacht war noch lang, aber sie hatte nichts mehr mit den noch spielenden Bands zu tun, es sei nur soviel verraten; es wurden noch einige merkwürdige Sportarten erfunden und erwachsene Menschen vollführen zu KAREN O AND THE KIDS eine Polonaise. Weekender? Immer wieder gerne!

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