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SCHANDMAUL

Ort: Bielefeld - Triebwerk

Datum: 01.05.2004

Wer den Namen SCHANDMAUL nach wie vor nur mit regelmäßig in Discotheken gespielten und langsam – so meint man – nicht mehr hörbaren Songs verbindet, sollte unbedingt ein Konzert der sechs Musiker besuchen. SCHANDMAUL bedeutet nämlich weit mehr als „Walpurgisnacht“ oder „Vogelfrei“, SCHANDMAUL steht auch für Energie, Stimmung, Kunst, Wunderkerzen und Gänsehaut. Dieses jedenfalls wurde mir sehr eindrucksvoll am 01.05.04 im Triebwerk, Bielefeld bewiesen. Ein Konzert, dem ich anfangs eher kritisch gegenüberstand, da ich mir ebenfalls ziemlich sicher war, dass die Schandmäuler nur aus gewissen Songs bestehen und die Euphorie gegenüber diesen Werken eine Discotheken-Phase sei, die gewiss bald wieder verschwinden würde.

Diese Einstellung schwand jedoch recht zügig, nachdem ich mir die vier Studio- und das Live-Album „Hexenkessel“ der Herrschaften angehört hatte. Insbesondere die CDs „Narrenkönig“ und das neueste Werk „Wie Pech und Schwefel“ bescherten mir eine regelrechte Vorfreude auf das Konzert und gespannt wartete ich am frühen Samstag Abend vor den Toren des Triebwerks – mit Hintergrunduntermalung diverser HipHop-Projekte, die in Anlehnung an eine Veranstaltung der IG-Metall im Ravensberger Park ihre Lippen-Geräusch-Künste zum Besten gaben. Nicht unbedingt zur Begeisterung aller Anwesenden, nicht nur meine gitarrenverwöhnten Ohren empfanden die Töne als gesundheitsgefährdend. So waren dann von den meisten, vorwiegend schwarzgewandeten SCHANDMAUL-Gästen geradezu Erleichterungsseufzer zu hören, als der Kauf der Eintrittskarten und die Kontrolle der Taschen endlich überstanden und die Geräuschkulisse hinter den Mauern des Triebwerks verstummt war. Ungewohnt eng stellte sich die sonst so vertraute Tanzhalle des Triebwerks dar. Der Raum zwischen Bühne und Misch- bzw. Lichtpult war relativ knapp bemessen und ich fragte mich, wo die vielen Gäste unterkommen sollten, die für den ursprünglichen Veranstaltungsort – den Alten Güterbahnhof in Herford – bereits Karten gekauft hatten. Das Konzert wurde nur 4 Tage vor dem Konzert aus organisatorischen Gründen in die vermutlich viel kleinere Discothek im Bielefelder „Ravensberger Park“ gelegt.

Die Räumlichkeiten füllten sich ziemlich schnell, ein Platz in der ersten Reihe war bereits eine Stunde vor Konzertbeginn nicht mehr zu kriegen, da ein großer Teil des Publikums direkt nach Einlass auf die Absperrung zudrängte und den anderen Gästen in Ermangelung an Plätzen nur die Möglichkeit ließ, sich an Merchandise-Stand, Theke oder auf dem Balkon zu sammeln. Von letzerem aus hatte man das zweifelhafte Vergnügen, nur die herumhüpfenden und zappelnden Beine der Musiker sehen zu können, wie Birgit später während des Konzertes entschuldigend anmerkte. Zehn nach acht mag es gewesen sein, als großer Jubel durch die Reihen ging. Schlagzeuger Stefan betrat die Bühne und die ersten Takte vom „Geisterschiff“ ertönten. Nach dem Intro des Songs stürmten auch Sänger Thomas, Gitarrist Ducky, Bassist Matze, Geigerin Anna und Flötistin Birgit auf ihre Plätze und legten mit ihrer energiegeladenen Show los. Ich entschied mich sofort fürs Hüpfen und Mitgröhlen – so wie der größte Teil des restlichen Publikums auch.

Die Schandmäuler hatten ihr Publikum vom ersten Takt an fest im Griff, bereits beim zweiten Song „Teufelsweib“ – eins der älteren Lieder – waren die Gäste nicht mehr zu halten und spätestens jetzt konnte jeder dankbar und froh sein, der seine Ohrstöpsel nicht vergessen hatte. Ein sehr textsicheres Publikum überzeugte die Band dann auch schnell davon, dass das OWLer Publikum doch nicht unbedingt so spröde und langweilig sein muss, wie man immer munkelt. Mir persönlich gefiel die Live-Fassung vom „Drachentöter“ sehr gut, die gleich im Anschluss gespielt wurde. Leider war dem Publikum der Text dieses neuen Songs noch nicht geläufig genug, um richtig mitsingen zu können. Genau wie Thomas, der sehr sympatisch und zur Erheiterung aller Anwesenden beim Song „Seemannsgrab“ improvisierte, als er den Text der dritten Strophe vergaß. Die Gäste gaben sich in dieser Situation auch nur wenig Mühe, das „hmhmhm“ und „duppidu“ singend zu übertönen. Das Toben und Hüpfen im Gedränge des Publikums wurde nach einer halben Stunde dann doch sehr anstrengend und ich sah mir den Rest des Konzertes wie einige andere in entspannter Atmosphäre vom Merchandising-Stand aus an. Die Band legte auch die weiteren anderthalb Stunden eine sichtbare Spielfreude und eine unglaubliche Beherrschung ihrer Instrumente an den Tag – insbesondere Birgit erntete wieder und wieder tosenden Applaus für ihre Flötkünste, so zum Beispiel beim schnellsten und meiner Meinung nach auch genialsten Song „Powerdudler“. Wer danach noch trockene Klamotten am Leib trug, hat eindeutig das beste vom Konzert verpasst.

Immer wieder bezogen die Bandmitglieder das Publikum mit ein – mitsingen, hüpfen, klatschen – natürlich wurden auch die Besucher auf dem Balkon (die mit den schönen Beinen, wie Thomas bemerkte…) nicht vergessen. Sie wurden immer wieder von den Musikern angesprochen und hatten somit sicherlich auch ihren Spaß an dem Konzert, trotz fehlender Köpfe. Interessiert verfolgte das Publikum des Sängers frotzelige, lustige, teils aber auch rührselige und nachdenkliche Ansagen zu den verschiedenen Songs. Mir besonders hängen geblieben ist die Erklärung zur Entstehung des Song „Das Duell“. Thomas erzählte, dass er sich einst in eine Frau verliebte, jedoch damit nicht allein war. Und er hätte seinem Vater (!) diese Verliebtheit ja gegönnt, nur sei er selbst ja viel jünger und schöner gewesen. Sein Vater war jedoch stärker. Ob Wahrheit oder Dichtung sei dahingestellt – jedenfalls sorgte diese Erläuterung für belustigte Gesichter im Publikum und einen gewaltigen Stimmen-Chor beim Lied selbst. Ich fand es wunderbar, dass nach dem Genuss des beim wunderschönen Gänsehaut-Song „Dein Anblick“ recht früh zu bewundernden Wunderkerzen- und Feuerzeugmeers als vorletzte Zugabe auch noch mein zweiter CD-Favorit „Kalte Spuren“ – eine Fast-Ballade vom neuen Album – gespielt wurde. Nach dem letzten von vier weiteren Stücken, die sich das lautstarke Publikum in zwei Zugabe-Teilen einforderte, erklärte Thomas noch, dass sie sich jetzt schnell umziehen und sich in etwa 10 bis 15 Minuten am Merchandising-Stand auf „ein Bierchen“ versammeln würden. Dieses Angebot wurde vom Publikum reichlich genutzt und viele der Anwesenden ließen sich von allen Bandmitgliedern noch Autogramme auf gekaufte CDs, Poster oder „selbstmitgebrachte“ Körperteile oder Kleidung geben. Die Musiker gaben sich auch hier sehr sympathisch und zugänglich und haben sicherlich einige Herzen der Gäste höher schlagen lassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Schandmäuler mit diesem Konzert mehr als einen Fan dazu gewonnen haben und nach dem Erfolg dieses Auftritts nehme ich auch fest an, dass es nicht allzu lange dauern wird, bis die „Powerdudler“ wieder in Bielefeld anzutreffen sein werden.

Playlist:
Geisterschiff
Teufelsweib
Drachentöter
Sichelmond
Leb!
Seemannsgrab
Dein Anblick
Das Duell
Powerdudler
Der Sumpf
Vogelfrei
Waldgeflüster
Der Stein der Weisen
Das Tuch
Der Tyrann
Walpurgisnacht
Die Herren der Winde
Der letzte Tanz

Sturmnacht
Gebt Acht!

Kalte Spuren
Willst Du?

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