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SCHANDMAUL

Ort: Münster - Jovel

Datum: 04.01.2005

Es ist, als kehrten sie nach Hause zurück: Ganz als habe es auf genau diese Band gewartet, bereitet das Münsteraner Publikum SCHANDMAUL einen Empfang, der Königen und siegreichen Rittern vorbehalten schien. Ein Meer aus Händen streckt sich den Musikern entgegen, als sie die Bühne betreten und während unser Fotograf Andreas mutterseelenalleine mit dem Abgesandten der Westfälischen Nachrichten im Graben ein paar Bilder zu schießen versucht (diesmal ausnahmsweise nicht durch Flammenwerfer oder Stroboskopgewitter bedroht), verfolge ich konsterniert und fasziniert zugleich von der Bar aus die Szenerie.

Bereits mit den ersten Takten von „Herren der Winde“ liegen bestimmt tausend treue Knappen und neugierige Debütanten dem Ensemble zu Füßen, tanzen, hüpfen, springen und singen jede einzelne Zeile vollmundig mit. Schon rasch wird es heiß im Jovel, doch geschwitzt wird nicht nur vor, sondern selbstverständlich auch auf den Brettern. Der Bühnenaufbau mutet ein wenig wie eine simplere Westside-Story Variante an: Zwei Ebenen, die obere von der Rhythmusfraktion und die untere von Thomas, Anna und Birgit ausgefüllt, deren Konstellation sich durch ständige Wechsel aber unentwegt ändert. Doch nicht nur das positionelle Rochieren bringt Bewegung in die Sache, denn gerade die Damen legen ein Tanztempo vor, bei dem der durchschnittliche Zuschauer kaum noch sein Bierglas zum Mund führen, geschweige denn eine Geige oder einen Dudelsack hantieren könnte. Das schlichte Dekor wird durch zwei überdimensionale, mit riesigen SCHANDMAUL-Bannern ausgestatte, Ständer komplettiert, auf denen futuristische und in jede Hallenrichtung schwenkbare Lichtstrahler thronen. Passend zum vorherrschenden dunklen Ambiente tragen die Herren schwarze Schürzen, ganz so als wollten sie den Look alter Eisenschmiede imitieren, deren glühende Kohle und siedend heiße Äxte den Hexenkessel anfeuern. Durch diesen einfachen, doch effektiven Look erhalten die Damen die Gelegenheit zu glänzen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Gerade Anna Kränzleins Epaulettenoberteil schillert wie ein Diamentenring und sichert ihr obendrein den Titel für den schönsten Rücken des ja eigentlich noch frühen Jahres. Bei aller Spielfreude da vorne hat das mit den Anfängen der Truppe als ungezwungene Gartenpartyformation natürlich nichts mehr zu tun: Obwohl man Meldungen von leicht nervösen ersten Auftritten vernahm, nimmt sich die Show heute ungemein professionell und durchstrukturiert aus. Da mag Birgit ganz sympathisch eine offenbar nicht vorher geplante Ansage zum Thema „Tanz wie Dir die Beine gewachsen sind“ machen, für die Band selbst gilt diese Aussage wohl eher nicht. Was natürlich nur von Vorteil ist, denn die gut geölte Maschine gibt sich keine Blöße und hangelt sich von einem eingängigen Ohrwurm zum nächsten. Der Schwerpunkt liegt dabei klar auf dem neuen Werk „Wie Pech und Schwefel“, das fast komplett dargeboten wird, doch auch das ältere Repertoire kommt mit „Die letzte Tröte“ , „Der Hofnarr“ und „Walpurgisnacht“ nicht zu kurz. Dabei fällt noch einmal auf, dass die Vergleiche mit RAMMSTEIN und sogar IN EXTREMO ins Leere zielen. Metal findet hier nämlich keiner statt, Riffs werden höchstens einmal angedeutet, dann sofort aber wieder in Schönklang und Spielwitz aufgelöst. Folk ist das und wer gerne sein Guiness im Irish Pub trinkt, wird auch hier seine Freude haben.

Trotzdem gibt es sogar an diesem gelungenen Abend kleine Kritikpunkte. Der notorisch schlechte Sound des Jovels ist heute ausbalancierter als sonst, gerade an der Seite und in der Mitte. Dennoch sind eigentlich nur die Refrains gut zu verstehen und die gelegentlichen Harmoniegesänge gehen gleich ganz unter. Auch haben SCHANDMAUL viele gute, aber wenig sensationelle Songs im Repertoire. Ihr Konzert verläuft somit gleichmäßig und glatt, aber ohne die aufputschenden Adrenalinspitzen, die dem Ganzen noch die Krone aufsetzten. Der feiernden Meute ist das indes egal und sie fordert ihre Helden für eine kurze („Geisterschiff“, „Hexe/ Henker/ Gebt Acht!“) und eine lange Zugabe („Reich der Träume“, „Kalte Spuren“, „Sonnenstrahl“ plus obligatem Rausschmeißer) zurück. Enttäuschte? Keine. Denn schon im April werden SCHANDMAUL, wenn man ihre Ankündigung richtig deutet, erneut nach Münster zurückkehren (auf einer Akustik-Reise). Und dann wohl wieder wie verlorengegangene Töchter und Söhne willkommen geheißen werden.
tocafi

Copyright Fotos: Hellectric

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