Konzert Filter

SCORPIONS – ICH + ICH – JULI – STANFOUR (NDR 2 PAPENBURG FESTIVAL 2011)

Ort: Papenburg - Meyer-Werft

Datum: 25.06.2011

Die einzig wirklich weltweit überlebensgroße Rockband aus deutschen Landen tritt nach über 40 Jahren ab… welch unschließbare Lücke das hinterlassen wird, verdeutlicht nochmal eindrucksvoll die Farewell-Tour, die wohl nicht nur in Deutschland restlos ausverkauft war/ ist. Als einer der wenigen überlebenden 80er-Dinosaurier Rockbands brach ihnen der kommerzielle Einbruch des Rock-Genres in den 90ern nicht das Genick (sicherlich auch massiv durch ihren xten Frühling mit „Wind of Change“ begünstigt) und trotz einiger nicht überragender, aber dennoch guter Alben, hatte man immer volle Hallen/ Stadien. Weil die Qualität einfach stimmte und man im Gegensatz zu z.B. BON JOVI nicht völlig auswimpte Richtung Hausfrauengeplärre, sondern die Axt weiter auch mal deftig kreisen ließ. Und Balladen waren schon immer ein Bestandteil des Bandsounds, schon in den frühen 70ern. Mit dem großartigen Farewell-Album „Sting in the Tail“ knallten die SCORPIONS mal eben noch das geilste Werk seit „Love at First Sting“ (1984!) raus, was den Abschied noch schwerer macht.

Also nochmal volle 2 Stunden eine exorbitante Rockshow genießen, die es in diesem Format wohl sonst nur noch bei KISS oder AC/DC zu bestaunen gibt. OK, viele ganz alte Fans hätten sicherlich gerne noch ein paar Uraltklassiker gehört, das so was aber wohl utopisch ist, dürfte jedem klar sein… wenn´s danach ginge, dann könnten sie 5 Stunden spielen und hätten immer noch nicht alle Gassenhauer an Bord! Und wenn man um die 60 Jahre alt ist, muss man auch erst mal 2 Stunden schaffen… das ist nun mal einfach so. Ich nutzte die Möglichkeit, die Herren gleich zweimal zu beäugen. Die Setlist war bei beiden Events identisch, ebenso die grandiose Show.

Starten wir mit dem Gig in der Papenburger Meyer-Werft, der mit dem just fertiggestellten Kreuzfahrtriesen „Celebrity Silhouette“ (ca. 230 m lang…) im Becken neben der Bühne natürlich ein ganz spezielles Ambiente bot. Mit einsetzender Dunkelheit wurde die Beleuchtung auf dem Kahn angeschmissen, zusätzlich wurde er von der Seite in wechselnden Farben angestrahlt – geiles Bild, das wohl einmalig sein dürfte! Ach ja, Musik gab´s auch… Völlig verzichtbar war Ex-PUR-Gitarrist ROLAND BLESS zu Beginn, wer hat den denn eingeladen??? STANFOUR konnten im Anschluss das erstaunlich junge Publikum zum ersten Mal begeistern, der Festivalground war trotz Dauerregen gut begehbar zwischen den rechts und links langgezogenen Buden. Nette Hintergrundmucke, wo natürlich ihr Hit „Wishing You Well“ herausstach.

JULI können sich natürlich schon auf eine wesentlich größere Gefolgschaft verlassen und so füllte sich der Platz zusehends auch vor der Bühne mit Jungvolk. Frontdame Eva Briegel gehört nicht nur zu den besten Sängerinnen in Deutschland, sie hat mittlerweile auch genug Erfahrung und Charisma, um eine 25.000er-Meute vor der Bühne zu leiten. Mit Hits wie „Dieses Leben“, „Geile Zeit“, „Perfekte Welle“ oder dem vortrefflich passenden „Regen und Meer“ ist es ja auch nicht schwer, das Radiopublikum zum mitmachen/ -singen zu bewegen. Ich mag die Band zwar auch und live klingt das Material noch einen Tacken rockiger, aber bei solch einem großen Event fehlt mir da einfach die Power hinter. Dazu gesellen sich einige überflüssige Füllersongs, die einfach an einem vorbeilaufen. Positiv bemerkbar machen sich hier aber wieder mal die rechts und links der Bühne positionierten Riesenleinwände, wo man das Geschehen auf der Bühne mühelos von jedem Geländepunkt verfolgen kann. Guter Gig.

Das kann man dann auch von den folgenden ICH+ICH sagen. Die verfügen über noch mehr Radio-Hits und sind ja schon mit dem ersten Werk seinerzeit voll durchgestartet. Adel Tawil ist ein sicherer Frontmann, der live auch ohne seine Kollegin Anette Humppe bestens klar kommt. Auch hier gibt´s zwischen den Megahits „Fenster“, „Pflaster“, „So soll es bleiben“ oder „Stadt“ ein paar zähe Füller, die passend zum Nieselwetter vor sich hinplätschern. Stelle ich mir bei einer Clubshow spannender und intensiver vor.

Dass das hier alles bisher nur „Kreisklasse“ war im Vergleich zu dem, was jetzt ab 22 Uhr folgen sollte, wird schon vor Beginn klar. Selbst die letzten Vollbesoffskis quetschten sich Richtung Bühne, alles wartete gespannt auf die ersten Töne von der Bühne und als die Herren Meine/ Schenker/ Jabs/ Kottack/ Maciwoda auf die Bühne stiefeln, setzt ohrenbetäubender Jubel ein und die Gänsehaut startet nicht nur wegen der Kälte einen Ganzkörperangriff. Als sie dann noch agil und mit fettem Sound mit „Sting in the Tail“ durchstarten, wird quer über den Platz gerockt, was die zumeist alten Knochen noch hergeben. Vergessen sind alle die Umbaupausenkapereien der beiden NDR2-Moderatoren (…) und die Sponsoren-Labereien… ihr seid alle die Wichtigsten(…). Die Kälte ist in Nullkommanix aus dem Körper gepustet, denn auf der Bühne wird mächtig (und laut!) Gas gegeben! Die Freude über einen solch fulminant fetten Einstieg schimmert noch verklärt übers Gesicht, da gibt´s gleich mit „Make it Real“ noch einen vor den Bug. Wer die SCORPIONS immer als Balladen-/ Hausfrauencombo abgetan hat, der wird schon jetzt amtlich eines besseren belehrt!

Klaus Meine ist erstaunlicherweise immer noch klar und gut bei Stimme, Schenker der geborene (aber unglaublich bodenständige) Rockstar und klarer Blickfang auf der Bühne, Kottack, das Animal am Schlagzeug, hat der Band nochmal einen regelrechten Kick gegeben – alleine seine Showeinklagen sind einen Besuch wert und Jabs zählt nach wie vor zu den unterbewertetsten Gitarristen der gesamten Rockszene, während Maciwoda am Bass für ein zementiges Fundament sorgt. Glasklarer und dennoch druckvoller Sound, exorbitante Lightshow und ein Riesenbackdrop aus LED-Elementen, auf denen im Wechsel immer neue Bilder gefahren werden. Davor thront Kottack hinter seinem hochgefahrenen Kit und werkelt wie ein Berserker. So was gab´s in den 80ern zu Hauf bei etlichen Stadion-Rockbands, heutzutage ist das so ziemlich einzigartig und nicht minder beeindruckend. Beeindruckend auch, mit welcher Frische hier zu Werke gegangen wird. Knackig, ja fast schon metallisch, geht´s voran mit „Bad Boys Running Wild“, „The Zoo“ und dem von uns erhofften „Coast to Coast“! Größer geht´s nicht, die SCORPIONS waren, sind und bleiben Einzigartig! „Loving You Sunday Morning“ läutet schon mal langsam etwas ruhigere Töne ein, die im „Balladenteil“ mit „The Best is Yet to Come“, „Send Me an Angel“ und „Holiday“ abgefrühstückt werden. Tolle ruhige Momente und zumindest „Holiday“ ja wohl ein unsterblicher Klassiker der Rockmusik, den jedes Kind kennen sollte. Mit dem neuen „Raised on Rock“ nimmt man wieder derbe Fahrt auf, live wird deutlich, wie gut sich das Material der neuen Scheibe in den Klassikerfundus einfügt.

„Tease Me Please Me“ ist vielleicht nicht die beste Wahl, rockt aber ebenfalls amtlich, bevor mit dem rasend schnellen „Dynamite“ auch die Ü50-Fraktion gebügelt wird. Hammer! Eine der wenigen Bands weltweit, die es sich noch trauen dürfen, ungestraft ein Schlagzeugsolo zu präsentieren, sind sicherlich Hannover´s Finest. James Kottack spielt zwar kein technisch aufwendiges Solo und ist auch nicht rasend schnell, aber sein Solo ist in einen eigens hierfür gedrehten abgefahrenen Minifilm (mit ihm in der Hauptrolle) eingebaut und darauf abgestimmt, so explodiert auf dem Bildschirm mächtig was, während er volles Mett in die Kessel kloppt. Das ist sehr aufwendig gemacht und mit Witz ausgeführt, zudem ist der Mann (positiv) irre genug, dass er die Lacher auf seiner Seite hat. Trotz der Länge sehr kurzweilig! Am Ende blickt er an das „Blackout“-Cover angelehnt bandagiert vom Bildschirm und die Band steigt mit einem ihrer härtesten Songs wieder ein. Schenker hat sich dem Cover entsprechend ein Maske übergestülpt, was ein witziger Effekt ist und als das gesehen werden sollte, was es ist: Ein Gimmick. „Six String Sting“ kommt gut, „Big City Nights“ kann natürlich alles zum furiosen Ende der regulären Spielzeit.

Man lässt sich nicht lange bitten und kehrt mit einem der größten Hits zurück: „Still Loving You“! Einfach allergrößtes Tennis. Das unvermeidliche „Wind of Change“ kann man sich in der live geschmetterten Version sogar mal wieder gut geben, auch wenn man den Song eigentlich ja nicht mehr hören kann und will. Es wird dennoch wieder einmal deutlich, welch großartige Komposition der Track an sich ist! Das seit 1984 natürlich kein Konzert der SCORPIONS ohne „Rock You Like a Hurricane“ denkbar ist, liegt an der magischen Einmaligkeit dieses Übersongs. Auch wenn sie zahlreiche noch geilere Songs im Fundus haben, das Jahrhundertriff hebt den Song auf den Rock-Thron, wo er auch in 666 Jahren noch thronen wird. Zu Recht! Hier passt jede Note perfekt zusammen, Härte und Melodie, Aggressivität und Eingängigkeit, von solch einem Übersong träumt jede Kapelle. Normalerweise ist ja nach diesem, ähm Hurricane endgültig Feierabend. Doch man lässt sich nochmal zurückholen auf die Bühne, um mit „When the Smoke is Going Down“ einen ruhigen Ausklang zu bieten. Bleibt nur zu konstatieren, dass die Herren in dieser bestechenden Form durch nichts und niemanden zu ersetzen sein werden! Das Acting wirkt zwar natürlich bisweilen etwas arg routiniert und früher war man auch mal agiler auf der Bühne, aber man hat dennoch reichlich Feuer im Arsch (vor allem, wenn man das Alter bedenkt!) und bietet eine grandiose Rock-Show der Superlative, ohne dabei altbacken zu wirken. Immer noch ein einmaliges Erlebnis!

Tolle Veranstaltung der Meyer-Werft, die mit 20 Euro natürlich unschlagbar günstig war.

Setlist SCORPIONS
Sting In The Tail
Make It Real
Bad Boys Running Wild
The Zoo
Coast To Coast
Loving You Sunday Morning
The Best Is Yet To Come
Send Me An Angel
Holiday
Raised on Rock
Tease Me Please Me
Dynamite
Kottak Attack
Blackout
Six String Sting
Big City Nights

Still Loving You
Wind Of Change
Rock You Like A Hurricane

When The Smoke Is Going Down

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu ICH + ICH auf terrorverlag.com

Mehr zu JULI auf terrorverlag.com

Mehr zu SCORPIONS auf terrorverlag.com

Mehr zu STANFOUR auf terrorverlag.com