Ort: Osnabrück – Rosenhof
Datum: 30.11.2024
Im vergangenen Jahr haben SELIG ihr 30-jähriges Bandjubiläum mit einer großen Tour gefeiert, die damals an einem Freitagabend im Osnabrücker Rosenhof startete. Jetzt waren Jan Plewka (Gesang), Christian Neander (Gitarre), Leo Schmidthals (Bass) und Stephan „Stoppel“ Eggert (Drums) erneut auf Konzertreise und beehrten das ehemalige Kino am Rosenplatz ein weiteres Mal, denn der zweite Teil der „Und endlich unendlich“-Tour war im vollen Gange. Nicht wenige Besucher in der nahezu ausverkauften Venue waren Wiederholungstäter und der Altersdurchschnitt ließ zudem vermuten, dass etliche auch schon zu den Fans der ersten oder zweiten Stunde zählten. Andere mögen erst nach der Reunion 2008 dazugekommen sein – man muss wissen, dass das 30-jährige Bestehen einen kleinen Haken hat, denn SELIG hatten sich 1999 für neun Jahre offiziell aufgelöst. Die Jungs aus Hamburg-St. Pauli haben aber ganz offenkundig die Lust an der gemeinsamen Musik wiedergefunden und inzwischen blicken sie auf drei Alben zurück, die vor der Trennung entstanden sind und bereits auf fünf, die seit 2009 erschienen sind. Genug Material, um einen Samstagabend mit einem Haufen Hits zu füllen und genauso sollte es auch ab 20.05 Uhr kommen.
Das Setup war mit dem aus dem letzten Jahr identisch, fünf Bildschirme bildeten das Backdrop, auf dem zunächst das Bandlogo zu sehen war, später aber auch Pics und bewegte Bilder aus der Bandgeschichte gezeigt wurden. Nach dem Intro legten die Hanseaten mit „Unsterblich“ vom 2017er „Kashmir Karma“ sogleich amtlich los und auch die als eher unterkühlt geltenden Osnabrücker ließen sich nicht lang bitten. Nachdem Jan Plewka sein Auditorium begrüßt hatte und seine einfache Formel für den Weltfrieden verkündet hatte („Seid freundlich zueinander!“), stand die „Kleine Schwester“ (1995 auf „Hier“ veröffentlicht“) mit dezentem Hippie-Einschlag auf dem Programm. Vom gleichen Album stammte auch „Arsch einer Göttin“, bei dem sich das Publikum textsicher und Jan (wie im Übrigen den ganzen Abend über) in bester Tanzlaune zeigte. Das bassbetonte „Alles auf einmal“ vom 2013er „Magma“ schloss sich ausgelassen an, ehe „Alles ist nix“ als Metapher für die Einsamkeit gedacht war (Kollege Plewka erzählte die Geschichte vom Flugbegleiter und der Keyboarderin einer Elektroband, die sich Hals über Kopf verliebten, direkt zusammenzogen und sich nie wieder gesehen haben) und gemeinsam abgefeiert wurde. Offensichtlich hatten alle Beteiligten die nötige Betriebstemperatur erreicht und so wurde nicht nur diese Nummer nach allen Regeln der Kunst zelebriert. Gleiches galt entsprechend auch für „Hey Ho“, das 2010 auf „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ das Licht der Plattenläden erblickte. Emotional schloss sich „Neuanfang“ an. Es handelt sich um die aktuelle Vinylsingle, die Jan als Manifest des Band-Unterbewusstseins beschrieb und die zum kollektiven Chorgesang und Armeschwenken führte. Mit „Lass mich rein“ ging es hingegen wieder weit zurück in der SELIG-Diskografie und zu knackigem Gitarren-Gegniedel durfte ausgelassen getanzt oder wahlweise auch wie 1991 bei den H-BLOCKX gehüpft werden (O-Ton Jan Plewka). Die Münsteraner Crossover-Helden haben übrigens erst vor ein paar Wochen im Rosenhof das 30-jährige ihres Debüts „Time To Move“ gefeiert. Doch zurück zu SELIG, die nahtlos ihr „High“ von ihrem selbstbetitelten 1994 Erstling raushauten und die Anwesenden eindrucksvoll wissen ließen, was Grunge ist. Nicht nur dafür gab’s viel Beifall und mit „Mädchen auf dem Dach“ wurde gleich der nächste Hit präsentiert – diesmal das erste Lied überhaupt, das die Combo jemals geschrieben hat. Keine Frage, dass diese Zeit mit vielen Erinnerungen für den Vierer verbunden ist. Bis 2014 zählte zu SELIG auch noch der Keyboarder Malte Neumann, ob der allerdings auch beim Ausflug an einen See in Leos rotem Golf dabei war, ist nicht überliefert. Jan erzählte von einer Rückfahrt nach ausgiebigem Alkohol- und Cannabisgenuss, die jedoch eine jähe Unterbrechung durch eine Polizeikontrolle fand. Kaninchenrote Augenpaare starrten den Polizisten an, der jedoch nur cool sagte: „Fahrt weiter, wir suchen dickere Fische als euch.“ – ich nehme an, dass sich einige Zuschauer:innen in dem Moment an ähnliche Erlebnisse erinnern konnten. Mir schoss zumindest gleich eine Begebenheit durch den Kopf… Unter Lichtgewittern wurde alsdann das Herzensstück der Band gespielt. Die Rede ist vom wunderbaren „Bruderlos“, das Jan als Essenz von SELIG bezeichnete „Ist es wichtig?“ fragte der Fronter wenig später und nach diesem Ausflug in die Nineties brachten die Hamburger mit „Myriaden“ den Titeltrack ihres aktuellen Longplayers, der 2021 veröffentlicht wurde. Die Nummer, die zunächst ruhig begann und dann Fahrt aufnahm, ist ein Statement gegen die Bildschirmsucht und so freute es Plewka, dass während des Osnabrücker Gigs nur wenige Smartphones gereckt wurden. Stattdessen wurden erneut Arme geschwenkt und Ohoho-Gesänge angestimmt, was Jan zu einem „Das war sinnlich!“ inspirierte. Dank „Sie hat geschrien“ ging es abermals zurück in die Anfangsjahre und zudem in die Vollen! Das Lied verwandelte den Rosenhof ebenso wie „Schau schau“ („Und endlich unendlich“ – 2009) und „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ endgültig in einen Hexenkessel, in dem lauthals mitgesungen und ausgelassen getanzt wurde. Gleichzeitig zeigte sich „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ ausgesprochen gefühlsbetont; einige Gäste nutzten den Song, um sich zu umarmen, ehe das Quartett um 21.50 Uhr die Stage verließ, jedoch von den anhaltenden Publikumschören schon bald zurückbeordert wurde. In der Folge wurde „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ ein zweites Mal angestimmt, bevor Jan der Zuschauerschaft versprach: „Wir sind SELIG aus St. Pauli und wir haben euch was räudiges mitgebracht!“. Auf die Ohren gab es sodann „Wenn ich wollte“, das nicht minder heftig groovte wie „Die Besten“. Selbstverständlich wurde hier auf und vor der Bühne nochmals alles gegeben, Leo spielte bei „Die Besten“ ein Bass-Solo und Jan stellte im Schnelldurchlauf die Crew vor.
Noch einmal verschwanden die Herrschaften im Off, das restlos begeisterte Auditorium übernahm wieder die Chorgesänge und erarbeitete sich auf diese Weise eine weitere Zugabe, für die Christian Neander zur Akustikgitarre griff und bei der Stoppel und Leo zunächst arbeitslos waren. „Ohne dich“ setzte auf der Zielgeraden auf große Gefühle und natürlich wurde aus voller Kehle mitgesungen. „Wir werden uns wiedersehen“ versprach der letzte Song und selbstredend wurde auch dieser Track gebührend gewürdigt. Ob es bereits ein baldiges Wiedersehen im nahe gelegenen Trash gab, entzieht sich meiner Kenntnis. Jan Plewka erinnerte sich auf jeden Fall an die kleine Kneipe und hatte sich überlegt, jetzt jedes Mal dort einzukehren, wenn SELIG in Osnabrück seien. Und wer weiß? Zwar wartete der Nightliner vor der Tür, aber der nächste Gig stand erst für den kommenden Donnerstag in Dresden auf dem Tourplan, da kann man ja schon mal versacken und mit den Bandkollegen und Fans in der Vergangenheit schwelgen. Mir waren 135 Minuten mit SELIG jedenfalls einmal mehr ein Fest! Die Jungs hatten spürbar Bock, die Stimmung war bestens, Sound und Licht ließen ebenfalls keine Wünsche übrig, wenn es nach mir geht, können die Vier jedes Jahr im Herbst nach Osnabrück kommen.
Setlist
- Unsterblich
- Kleine Schwester
- Arsch einer Göttin
- Alles auf einmal
- Alles ist nix
- Hey Ho
- Neuanfang
- Lass mich rein
- High
- Mädchen auf dem Dach
- Hey, hey, hey
- Bruderlos
- Ist es wichtig?
- Myriaden
- Sie hat geschrien
- Schau schau
- Von Ewigkeit zu Ewigkeit
- Von Ewigkeit zu Ewigkeit (Reprise)
- Wenn ich wollte
- Die Besten
- Ohne dich
- Wir werden uns wiedersehen
Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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