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SELIG

Ort: Bremen – Aladin

Datum: 10.10.2014

SELIG feiern Geburtstag. Nicht den eigenen, sondern den Umstand, dass ihr jüngstes Album heute das Licht der Plattenläden erblickt hat. Es handelt sich dabei um keine normale Studio-Langrille, wie sie zuletzt im vergangenen Jahr mit „Magma“ veröffentlicht wurde, sondern um ein Best of, welches deshalb auch gleich einmal die Titel „Die Besten (1994-2014)“ trägt. Nun haben die Musiker die entsprechenden Songs nicht einfach nur auf Tonträger pressen lassen, sondern sie zu viert mit neuen Arrangements versehen – ganz so wie die Herren der ersten Stunde ihre Stücke heute empfinden. Zu viert? Ja, Malte Neumann hat seinen Platz hinterm Keyboard verlassen und ist laut Fronter Jan Plewka jetzt auf Helgoland – was immer er da auch tun mag. Dass sich in der Band was verändert haben musste, zeigte auch schon das Bühnenbild, denn statt eines mit Zebrafell-Stoffen verbrämten Tasteninstrumentes stand auf der Stage ein Hochglanz-Digitalpiano, an dem sich im Laufe des Abends bis auf Drummer Stoppel alle versuchten.

Wie bei SELIG üblich, gab es keinen Support-Slot und es sollte sich mit dem Start um 20.15 Uhr auch sehr schnell zeigen, dass die Bremer keine Aufwärmphase brauchten. Gleich mit den ersten Klängen von „5000 Meilen“ (2010 auf „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ erschienen) waren die als so steif geltenden Hanseaten voll da und auch jenseits des Fotograbens wurde mit viel Elan und Spielfreude agiert. Genau 20 Jahre ist es her, dass das selbstbetitelte Debüt für Furore sorgte – verstaubt ist davon nichts, aber in der Tat bringen die Neuinterpretationen einen ganz eigenen Flair in den Sound, wovon man sich auch bei „Sie hat geschrien“ überzeugen konnte. Ehrensache, dass die Zuschauerschaft textsicher war und lauthals mitgesungen hat. Sehr cool schloss sich „Arsch einer Göttin“ („Hier“ – 1995) an, bevor es mit dem eindringlichen „Wenn ich an dich denke“ aktuellen Stuff mit Bassmann Leo am Klavier gab. Und siehe da: bei SELIG hängt neuerdings auch mal der Himmel voller Geigen! Rhythmusgetrieben schloss sich „Mädchen auf dem Dach“ an, bei dem es heuer auch einen englischsprachigen Part und gut gelauntes Klaviergeklimper gab. „Die Besten“ animierten zum gemeinsamen Arme schwenken“ und schon folgte „Alles auf einmal“. Zum treibenden „Regenbogenleicht“ wurde die Stage in blaues Licht getaucht, das meinen Augen übrigens deutlich besser bekam als die weißen LED-Strahler, die regelmäßig blinde Flecken vor meinen Augen tanzen ließen. „High“ wurde man davon allerdings nicht, dafür entwickelten sich dessen wabernden Melodien zu einem hochenergetischen Gegniedel und Geschrammel, bevor es deutlich ruhiger im alterwürdigen Aladin zuging. Christian Neander und Leo griffen sich jeweils die akustischen Varianten ihrer Stamminstrumente, Stephan „Stoppel“ Eggert bekam eine kleine Handtrommel und Jan eine Mundharmonika. So versorgt, setzte sich das Quartett an den Bühnenrand und performte mit kleinem Besteck eine reduzierte Variante von „Hey Ho“. Während das Publikum noch die letzten Gesänge übernahm, wurden die Gitarren wieder unter Strom gesetzt und es ging zurück ins Jahr 1997, in dem „Blender“ erschien, von dem das nun folgende „Popstar“ stammte, für das auch Herr Plewka kurz zur Langaxt griff, bevor er für „Kleine Schwester“ an die Tasten wechselte. Nach dem verschwurbelten Sounds dieses Liedes entwickelte sich „Glaub mir“ zu einer wahren Jam-Session und „Ich fall in deine Arme“ vom 2009er „Reunion-Longplayer „Und endlich unendlich“ zum großartigen Emotions-Overkill. Mit Schmackes übernahm „Lass mich rein“ – nahtlos überblendet in das knackige „Wenn ich wollte“. Höhepunkt des regulären Sets war jedoch ohne Wenn und Aber „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“, das ein wenig ruhiger, aber umso intensiver als das ursprüngliche Original gespielt und selbstverständlich nach allen Regeln der Kunst abgefeiert wurde.

21.40 Uhr war es inzwischen und ein ganz kurzer Break stand an, bevor es mit dem nachdenklichen „Gott“ und dezenten Bläsern vom Band weiterging. „Schau Schau“ kannte indes keine Zurückhaltung und ging straight ab durch die Mitte – ebenfalls ein Stück, das vom Auditorium mit größter Begeisterung aufgenommen wurde. Gleiches galt für „Ohne dich“, bei dem Kollege Schmidthals den Cellobogen strich. Ganz großes Kino, das nach einer abermaligen winzigen Pause seine Fortsetzung im druckvollen „Ist es wichtig?“ und dem Versprechen „Wir werden uns wiedersehen“ fand. Das letztgenannte Lied wirkte dabei etwas roher als die fünfjährige Vorlage und wusste ebenfalls restlos zu gefallen. Das unterstrichen auch die Anwesenden mit ausführlichen „Oho“-Intonationen, die gleichzeitig SELIG für allerlei Verbeugungen Zeit ließen. Ein letztes Mal verschwanden die vier Hamburger im Off, um schließlich die Fans mit Melodica und Cello beim gefühlvollen Abschlusssong „Fadensonnen“ zu verabschieden.

Nach zwei Stunden wirkten Musiker und Fans dann auch gleichermaßen „selig“. Es ist aber auch einfach immer wieder aufs Neue ein großes Vergnügen, ein Live-Konzert von SELIG zu erleben. Zudem bekam Bremen an diesem Abend von Jan Plewka den Titel „beste Stadt“ verliehen, nachdem beim letzten Besuch an der Weser im April letzten Jahres nur der zweite Platz drin war, was natürlich mit Buh-Rufen der Einheimischen quittiert worden war. Nun musste sich der quirlige Sänger am Ostertorsteinweg aber so wohl gefühlt haben, dass der Spitzenplatz vergeben werden konnte. Wenn man dem Herrn Glauben schenken darf, geht es dort übrigens zu wie im irischen Dublin. Nun gut, wir lassen das mal so stehen und unterziehen diese Aussage bei Gelegenheit einer näheren Überprüfung.

Setlist
5000 Meilen
Sie hat geschrien
Arsch einer Göttin
Wenn ich an dich denke
Mädchen auf dem Dach
Die Besten
Alles auf einmal
Regenbogenleicht
High
Hey Ho
Popstar
Kleine Schwester
Glaub mir
Ich fall in deine Arme
Lass mich rein
Wenn ich wollte
Von Ewigkeit zu Ewigkeit

Gott
Schau Schau
Ohne Dich

Ist es wichtig?
Wir werden uns wiedersehen

Fadensonnen

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