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SHAI HULUD – WINDS OF PLAGUE – DEAD HEARTS

Ort: Hamburg - Logo

Datum: 10.12.2007

Soviel vorne weg: Dieser Abend hat mir wieder in Erinnerung gerufen, warum ich einmal als Jugendlicher angefangen habe Hardcore zu hören…

SHAI HULUD sind wieder da. Das zweite Mal auf Tour in Deutschland ohne eine neue Platte im Gepäck, während man vor einigen Jahren kaum eine Chance hatte, die Band so zu erleben, wie sie es verdient hätte. Man erinnere sich nur an die chaotischen Auftritte Ende der Neunziger, wie z.B. den in Münster, wo Geert die ersten Male am Mikrofon stand. SHAI HULUD gehören zu den Bands, die wahre Meilensteine auf „Revelation Records“ veröffentlicht haben. Das erste Release „A Profound hatred of man“ gehört neben der ersten BURN und QUICKSAND Single zu den Meilensteinen des Post-Hardcores. Wer diese Scheiben nicht im Regal stehen hat, sollte dies schleunigst ändern. Jetzt mit Metal Blade im Rücken scheint man sich erst einmal den Arsch abspielen zu wollen, hoffentlich nicht, um den Release des neuen Albums noch weiter hinauszuzögern. Nachdem sie 2006 mit PARKWAY DRIVE das Molotow unsicher machten, machten sie dieses Mal Station im Logo. Ohne großen Namen im Gepäck verirrten sich auch nur ca. 50-70 zahlende Gäste an einem Montagabend im traditionsreichen Hamburger Club (Hier haben aufstrebende Bands meist ihre ersten Auftritte hingelegt, wie z.B. FAR, QUEENS OF THE STONE AGE oder INTERPOL, um nur einige zu nennen). Die Anwesenden haben aber eins gezeigt: man braucht keine Massen an Zuschauern, um einen tollen Abend zu haben. Es reicht, wenn die Anwesenden die Band wirklich lieben und sie zu einem dermaßen hinreißenden Auftritt verleiten, wie es SHAI HULUD an diesen Abend gezeigt haben. Und Ladies: Hört mehr Hardcore. Denn wo bekommt ihr eure Shirts für läppische 8 Euro? SYSTEM OF A DOWN knöpfen euch 40 Euro ab. Nuff said.
Also nun mal von Anfang an.

DEAD HEARTS

Einige Tage vor dem Konzert mit dem aktuellen Album „Bitter Verses“, erschienen auf Ferret Records, vertraut gemacht, ist das Album aus meiner Playlist im Moment nicht mehr wegzudenken. Emotionaler Old-School-Hardcore, wie er nur von wenigen heutzutage authentisch gespielt wird. Ohne Fashion-, Metal-, Emo- oder sonst wie Attitüde verwässert, von sympathischen Menschen vorgetragen. Und wenn das Publikum merkt, dass die Band es ernst meint, wird nach Aufforderung auch nach vorne gekommen. „This is the first time that it actually worked!“ wurde vom verblüfften Shouter Derek Dole festgestellt. Dieser turnte vor der Bühne herum und band die textsicheren Besucher auch gleich in die Performance mit ein. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie lange ich auf keinem Konzert mehr war, wo das Publikum nicht nur Zuschauer und Klatschvieh ist, sondern ein Teil des Ganzen. Der alte Jugendzentrums-Spirit ist anscheinend doch noch nicht ganz der Vergessenheit anheim gefallen. Super. Drummer Josh Heatley hatte nur mit derbem Feedback zu kämpfen, ansonsten hat der Sound einem sofort gepackt. „Tomorrow never comes! Forever falling down!“ ist obendrein auch einer der geilsten Shout-Outs der letzten Zeit. Sehr toller Auftritt einer sehr tollen Band!

WINDS OF PLAGUE

War ich am Anfang schon überrascht, dass DEAD HEARTS als erste Band heran mussten, zeigten WINDS OF PLAGUE überdeutlich, dass sie die zweite Position nicht verdient hatten. Eigentlich hätten sie auf dieser Tour überhaupt nichts zu suchen, denn was Sänger Jonathan Cook für eine Prollo-Attitüde ausstrahlt, ist für meinen Geschmack leider nicht tolerierbar. Ich wusste bisher nicht, dass FLER ein Metal-Gothic-Death Sideproject hat. Das Publikum konnte mit den Jungs ebenfalls nichts anfangen und schaute ebenfalls fragend nach vorne. Lediglich drei Unentwegte, die auch vom Outfit her in eine Hip-Hop-Crew gehörten, fanden Gefallen an dem Dargebotenen, gaben es aber schnell auf, ihren Violent-Dance auszuüben. Wer die Band zusammen in ein relatives Old-school-Hardcore Package gepackt hat, sollte seine Entscheidungen in nächster Zeit etwas mehr hinterfragen, denn der Auftritt hat fast die gesamte Stimmung getötet. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Musikalisch war das zweifellos nicht zu verachten. Die beiden Nicks an der Gitarre leisteten fantastische Arbeit, die Keyboardparts kommen richtig gut, die Breakdowns wiegen Tonnen, aber… sucht euch einen anderen Sänger. Der Mann überstrahlt leider alles, was man an der Band gut finden könnte. Und ich habe das jetzt mal diplomatisch ausgedrückt. Meine Begleitung fand noch drastischere Worte. So entfernte sich die sichtlich enttäuschte Meute rasch von der Bühne und SHAI HULUD machten sich auf, einen der besten Auftritte der letzten Jahre hinzulegen.

SHAI HULUD

Als Sänger Eric Dellon ebenfalls vor der Bühne anfing loszulegen, war bei den Anwesenden sofort ein hohes Level an positiver Energie zu spüren. Dieses steigerte sich im Laufe des Abends immer mehr, da die Band einen sichtlichen Adrenalinschub durch die Publikumsreaktionen bekam. Eric flitzte von einer Seite zur Anderen und sang die meiste Zeit mit den Fans im Arm die Klassiker, so dass man fasziniert dem Treiben zusah, um im nächsten Moment selbst mit Hand anzulegen. Die Songs der ersten EP wurden am Stück gespielt und ließen den Schreiber dieser Worte kurzzeitig die irdische Welt verlassen. Gab es jemals eine bessere Mischung aus Aggression, Hass und Traurigkeit gepaart mit musikalischer Genialität? Ich denke: Nicht vieles kommt dem Songwriting von SHAI HULUD nahe. Trotz aller Rhythmus-Wechsel und Vertracktheit stets melodisch und hörbar zu bleiben, muss man erst einmal schaffen. Und wie gesagt: Da war dieses Gefühl, mit wildfremden Menschen etwas gemeinsam zu haben: Die Liebe zur Musik, zur Band, die schon soviel durchgemacht hat und trotzdem immer weiter macht. Danke Matt Fox! Und das einzige Gründungsmitglied Matt Fox war es denn auch, der das Energielevel immer weiter entfachte, da er sichtlich ergriffen war und sich tausend Mal für die tollen Reaktionen bedankte. Es wäre das erste Mal seit langer Zeit, dass ihn seine Musik wieder abheben lassen würde. Dann disste er London und erkor Hamburg zur Hulud-Stadt. Das Publikum ließ keine Ruhe und so wurden nach Ende der Show noch insgesamt fünf Songs zum Besten gegeben. Mehr wusste die Band nicht zu spielen und wies noch einmal daraufhin, dass es das erste Mal auf der Tour passieren würde, das sie alle ihre Songs gespielt hätten. Und wie gesagt, das Ganze war möglich mit den wenigen Besuchern, ohne irgendein Handy, ohne irgendeine Digicam. Nur die Musik und der Moment zählte…

Man sollte aber nicht vergessen zu erwähnen, dass der Rest der Band sich mittlerweile ebenfalls wahnsinnig gut eingespielt hat. Drummer Brian ist unheimlich tight und trägt einen tollen Bart, der aber von der Länge her noch vom zweiten Gitarristen Ryan übertrumpft wird. Und das zweit dienstälteste Mitglied Matt Fletcher ist in seinem Herzen immer noch das Hardcore-Kid von nebenan. Matt war nach dem Auftritt völlig high und versank mit den Fans in Gesprächen und vergaß darüber, der Merchandiserin zu helfen, die händeringend Nachschub brauchte. Ein wahnsinniger Auftritt, den ich noch lange in Erinnerung halten werde. Immer wenn ich wieder einmal denke, dass Musik heutzutage nichts mehr bewegen kann, werde ich an diesen Auftritt denken. Danke Jungs!

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