Ort: Oberhausen – Ebertbad
Datum: 20.02.2026
Am 22. Januar ist SIVERT HØYEM 50 Jahre alt geworden; vielleicht hat sich der Norweger mit der markanten dunklen Stimme ja überlegt, diesen runden Geburtstag mal so richtig groß und in ganz Europa zu feiern. Gründe gäbe es genug, schließlich lassen sich auch bei Platten Jubiläen begehen und sein zweites Solo-Album „Exiles“ kam vor nunmehr 20 Jahren in die Plattenläden, sein sechster Studiostreich „Lioness“ zehn Jahre später. Und zu guter Letzt hat es ja auch im vergangenen Jahr mit „Dancing Headlights“ noch neue Konservenkost gegeben, die auf ihre Livetauglichkeit geprüft werden muss. Die Gelegenheit wollte sich auch der Ruhrpott nicht entgehen lassen, immerhin war es auch das erste Mal, dass SIVERT HØYEM, der als charismatischer Fronter der 1995 gegründeten norwegischen Indie-Kapelle MADRUGADA bekannt geworden ist, in der Stadt war. Als Location hatte der Nordmann sich das Ebertbad ausgeguckt, das in der Tat Ende des 19. Jahrhunderts als „Volksbadeanstalt“ gebaut und bis Anfang der achtziger Jahre als Hallenbad genutzt wurde. Seit Ende der Eighties erstrahlt das Gebäude als Veranstaltungshaus in neuem Glanz und überzeugt mit einer wirklich außergewöhnlichen Architektur, einer tollen Atmosphäre und guter Akustik.
Mit rund 550 Fans, die zum überwiegenden Teil auch in die Altersklasse des Hauptprotagonisten dieses Freitagabends gehörten, war die Location dann auch ausverkauft. Im ehemaligen Becken und auf der umlaufenden Empore erlebten die Besucher:innen ein grandioses Konzert und eine gut aufgelegt Band, wobei ich den sichtlich erschlankten Cato Salsa Thomassen an der Gitarre erst gar nicht erkannt habe. Nicht fehlen durften natürlich Christer Knutsen (Tasten & Gitarre) sowie Drummer Børge Fjordheim – alle drei sind seit Jahren mit von der Partie, einzig am Bass gab es mit dem Schweden Ulf Ivarsson einen Neuzugang. Nach einem langen Intro nahmen die Herrschaften kurz nach 20 Uhr an ihren Plätzen Aufstellung und los ging’s mit dem eindringliche „Blown Away“ vom 2011er „Long Slow Distance“, bevor der Titeltrack der letzten Langrille „Dancing Headlights“ nicht minder emotional übernahm und „Two Green Feathers“ (2024 auf „On an Island“ erschienen) den gefühlvollen musikalischen Vortrag fortsetzte. Sivert ließ es sich derweil nicht nehmen, das Auditorium auf Deutsch zu begrüßen und selbst wenn unter den Anwesenden bestimmt Menschen waren, die „Some Miserable Morning“ erlebt haben, dürfte sich spätestens jetzt der Tag noch zum Guten gewendet haben. „Going For Gold“ heißt es aktuell nicht nur bei der Winter-Olympiade in Italien, sondern auch bei SIVERT HØYEM, der dieses fein instrumentierte Lied 2009 auf „Moon Landing“ veröffentlicht hat. Nach dem eher ruhigen, aber wahnsinnig intensiven Auftakt, war „Into The Sea“ die erste Nummer, die mit viel Drive auch zum Tanzen und Klatschen einlud. „Prisoner of The Road“ hat SIVERT HØYEM 2010 geschrieben, um auf die Flüchtlingssituation aufmerksam zu machen und widmete es an diesem Abend den Menschen im Iran. Vorgetragen wurde das berührende Stück von Christer am Klavier und Sivert an der Akustikgitarre. Für „Now You See Me/Now You Don’t“ kehrte der Rest der Mannschaft auf die Stage zurück und gemeinsam servierte die Band ein weiteres Highlight, das von einem grummelnden Bass vorangetrieben wurde und bei aller Reduziertheit enorm kraftvoll daherkam. Währenddessen suchte der glatzköpfige Sänger erneut die Nähe zum Publikum und kniete am Bühnenrand, bevor es unter zuckenden Lichtblitzen in die Vollen ging. Für das coole „The Boss Bossa Nova“ wechselte Christer an den elektrischen Sechssaiter, dem er großartige Töne entlockte. Gleiches gelang ihm beim fantastischen „Black & Gold“, das als Titelmusik der norwegischen TV-Serie „Occupied – Die Besatzung“ fungierte und auch hierzulande zu sehen war. „My Thieving Heart“ haben Sivert und Christer gemeinsam geschrieben – ein sentimentales Stück, das von einem Seitensprung handelt und von dem beide gegenüber ihren Ehefrauen behaupten, der andere habe die Idee dazu gehabt. Aber es muss ja nicht alles wirklich passiert sein, worüber gesungen wird. Auf jeden Fall ist es ein wunderschönes Lied mit Tiefgang, für das Cato vorübergehend den Job am Tasteninstrument übernommen hatte. Mit dem Kopfnicker „Give It a Whirl“ stand das nächste rhythmusbetone Highlight auf dem Programm, bei dem sich Herr Høyem ordentlich verausgabte und am Ende mit hochgereckten Armen am Boden kniete.
Inzwischen war eine gute Stunde wie im Flug vergangen und der Fünfer verschwand für einen Moment im Off. Zurück kam allerdings nur SIVERT HØYEM, der lediglich mit einer Akustikklampfe und seiner ausdrucksstarken Stimme bewaffnet, den MADRUGADA-Reigen eröffnete. Das herausragende „Majesty“ vom 2002er „Grit“ sorgte sogleich für Gänsehaut und Begeisterungsstürme. „Look Away Lucifer“ wurde 2008 auf „Madrugada“ veröffentlicht. An dieser Platte hatte noch der im Juli 2007 mit nur 31 Jahren verstorbene Gitarrist und Band-Mitbegründer Robert Burås mitgearbeitet; es sollte jedoch für lange Zeit das letzte Lebenszeichen von MADRUGADA sein. Ende 2008 zog man sich auf unbestimmte Zeit zurück, erst 2019 gingen MADRUGADA wieder auf Tour, 2022 erschien mit „Chimes at Midnight“ neue Musik. Im Ebertbad steigerte sich der Song zunehmen und gipfelte in einem fulminanten Finale, für das Kollege Knutsen vom Klavierhocker an die Krachlatte wechselte. Nach eigenem Bekunden zählt „Honey Bee“ zu Siverts persönlichen Favoriten, vielleicht auch, weil die melancholische Ballade ebenfalls vom selbstbetitelten letzten gemeinsamen Album mit Robert Burås stammt. An dieser Stelle zeigte sich das Piano sehr präsent und die Lalala-Gesänge der Zuschauerschaft zeugten davon, dass auch der Pott diesen Klassiker der MADRUGADA-Diskografie liebt. Zuletzt ließ man es mit „The Kids Are on High Street“ („The Deep End“ – 2005) abermals krachen – tosender Applaus war der verdiente Lohn.
Nach einem erneuten kurzen Break standen noch drei weitere Tracks auf der Setlist. „Sleepwalking Man“ steckte einmal mehr voller dunkler Emotionen ohne gefühlsduselig zu sein, ehe „Moon Landing“ unter blauen Lichtblitzen noch einmal ans Eingemachte ging. Für den krönenden Abschluss hatte sich SIVERT HØYEM „Hollow“ aufbewahrt. Dieses Lied ist auf dem letztjährigen Album zu finden und ist seine Reaktion auf die dunklen Mächte, die in der Welt am Werke sind und mit ihren leeren Versprechen die Menschheit ins Verderben reißen. Ein schwermütiges Ende, wie es ganz eindeutig zu SIVERT HØYEM passt! Blieb noch ein Outro, zu dem sich die Band unter zahlreichen Verbeugungen feiern ließ, ehe die beseelte Fangemeinde um 22 Uhr in den Nieselregen verabschiedet wurde.
Böse Stimmen sprechen schon mal von „Selbstmörder-Musik“, wenn es um die hochemotionale Musik von SIVERT HØYEM und MADRUGADA geht. Und natürlich ist es auch keine gutgelaunte Party-Mucke, die man von den Skandinaviern serviert bekommt. Dafür ist es allerdings immer wieder ein Erlebnis, die Ausstrahlung und Intensität, die von der Bühne kommen, live zu erleben. Die Musik ist einfach schön, die Künstler sind vom Fach und mit Herzblut bei der Sache und Siverts Vocals einfach eine Gänsehaut-Garant. Mir war es wieder ein Fest und ich will mich auch nicht mehr über die Stauanfälligkeit der A30 zwischen Nahne und dem Südkreuz aufregen: mal wieder durch’s Ruhrgebiet gekurvt, und schon weiß man, wie gut man es eigentlich hat, wenn man mit Auto durchs Osnabrücker Land fährt.
Setlist
- Blown Away
- Dancing Headlights
- Two Green Feathers
- Some Miserable Morning
- Going For Gold
- Into The Sea
- Prisoner of The Road
- Now You See Me/Now You Don’t
- The Boss Bossa Nova
- Lioness
- Black & Gold
- My Thieving Heart
- Give It a Whirl
- Majesty (MADRUGADA-Song)
- Look Away Lucifer (MADRUGADA-Song)
- Honey Bee (MADRUGADA-Song)
- The Kids Are on High Street (MADRUGADA-Song)
- Sleepwalking Man
- Moon Landing
- Hollow
Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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