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SKI-KING – ROADKILL CAFÉ

Ort: Oldenburg – Cadillac

Datum: 15.05.2015

In meiner Heimatstadt Osnabrück tobt die Maiwoche mit zig Cover-Bands und ich fahre 130 Kilometer nach Oldenburg, um mir die Halbplayback-Show von SKI-KING anzusehen? Natürlich! Erstens wächst bei gut besuchten Stadtfesten insbesondere an von der Witterung begünstigen Wochenenden bei mir das Verständnis für Amokläufer und zweitens covert SKI-KING nicht einfach, sondern ist ein echter Vollblut-Musiker, der bereits seit 30 Jahren Musik macht und in dieser Zeit 19 Platten rausgebracht hat. Acht davon übrigens mit eigenen Songs und auch stilistisch lässt sich Andrew James Witzke nicht gern festlegen. Aktuell liegt der Fokus auf Rock, Country und Rockabilly, doch auch Indie, Grunge und Goth Rock standen bereits auf dem Programm. Davon hätte der Wahl-Nürnberger, der als US-Soldat nach Deutschland gekommen ist (btw: was wohl aus Elvis geworden wäre, wenn er in good old Germany geblieben wäre…) gern auch ein bisschen berichtet, aber leider war das Oldenburger Publikum gegen 2.00 Uhr nicht mehr so aufnahmefähig, um ein paar Minuten seiner Zeit abseits der Musik für einen kleinen Blick auf das Leben von SKI-KING zu investieren. Stattdessen wurde lautstark nach dem nächsten Song gerufen, was den Künstler natürlich auch ehrt, aber es war dem temperamentvollen Rock’n’Roller schon anzumerken, dass er gern auch noch einen Moment von sich erzählt hätte. Zumal man ihm auch nicht vorwerfen konnte, zuvor nicht bereits eine wirklich schweißtreibende und grandiose Ein-Mann-Show abgeliefert zu haben – und das über nahezu 4 ½ Stunden! Aber beginnen wir ganz am Anfang…

Los ging’s nämlich um 20.45 Uhr mit dem Duo ROADKILL CAFÉ, das mitsamt zwei Akustikgitarren die Bühne des Cadillacs enterte und das erste Cover des noch jungen Freitagabends ablieferte. Die Wahl fiel auf „Black Velvet“ von ALLANAH MYLES, das zunächst nur von einer Klampfe begleitet wurde, ehe zum nächsten Song „Boys Will Be Boys“ auch die Dame am Mikro zum Sechssaiter griff. Das Auditorium hielt währenddessen einen sehr deutlichen Sicherheitsabstand von mehreren Metern, was sich auch bei der Interpretation von AREATHA FRANKLINs „I Say A Little Prayer For You“ nicht änderte. Mit dem BEATLES-Track „I Saw Her Standing There“ gab das Pärchen ein wenig Gas, konnte damit über einen leicht nervösen Eindruck jedoch nicht ganz hinwegtäuschen. Wer weiß aber auch schon, wie oft die beiden überhaupt auf einer Bühne gestanden haben und das Auditorium spendete zwar freundlichen Applaus, die Geräuschkulisse im Saal zeugte allerdings nicht unbedingt von ungeteiltem Interesse. Mit der Motown-Nummer „I Heard It To The Grapevine“ versuchte der Zweier das Publikum zum Klatschen zu animieren, doch erst die Erwähnung des Namens SKI-KING führte zu vereinzelten spitzen Schreien und so wurde dank des finalen „Let’s Have A Party“ noch ein bisschen Alarm gemacht. Eine echte Aufwärmübung waren diese 20 Minuten sicher nicht, aber ein durchaus netter Einstieg, der zweifellos aber bis auf die grundsätzliche Cover-Idee mit dem Hauptact wenig zu tun hatte.

Sind wir aber mal ehrlich: SKI-KING braucht auch nicht wirklich irgendeine Form von Einheizer, das erledigt der Mann mit den zahlreichen Tattoos schon selbst. So schlich er kurz vor 21.30 Uhr schnell auf die Stage, um die Technik startklar zu machen, um sogleich mit dem Opener „Have You Ever Seen The Rain“ für seinen großen Einlauf zu sorgen. Der „Unknown Stuntman“ lockte dann auch die Zuschauer näher an den Bühnenrand und mit dem großartigen „Thunder Rolls“ waren auch die kühlen Norddeutschen in Feierlaune. Gewisse technische Probleme mit dem Tablet, welches das Video mit der „Band“ nicht bzw. nicht in der korrekten Geschwindigkeit abspielen wollte, taten dem keinen Abbruch. Man nahm es gelassen und nach ein paar Minuten war der Fehler auch behoben und das grandiose „Red Light“, das auf dem jüngst erschienenen „Sketchbook III“ vertreten ist, konnte fachgemäß performt werden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal ein so großer Fan eines BILLY-OCEAN-Songs werden würde! Zu „Little Girl“ fanden sich schließlich auch die ersten Tänzer und dass „Still Counting“ ebenfalls erst nach gutem Zureden der Technik starten konnte, spielte überhaupt keine Rolle. Andrew fand direkt seinen Einsatz und natürlich wurde auch diese Nummer mit reichlich Applaus bedacht. Gleiches galt für seine gelungene Rockabilly-Fassung von „Creep“ und auch „The Devil’s Right Hand“ wurde zumindest in den ersten Reihen des gut gefüllten Cadillacs ordentlich abgefeiert. Weiter hinten blieb man vergleichsweise statisch, doch das ist insbesondere in nördlichen Gefilden nichts Ungewöhnliches. Dafür rief „Ace of Spades“ in der SKI-KING-Akustikversion die ersten Schuppenschüttler auf den Plan, bevor es einen echten Rockabilly-„Overkill“ gab. Temporeich schloss sich „Holy Diver“ mitsamt Video-Unterstützung an, gefolgt vom countryesken „Breaking The Law“. Zweifellos eignet sich das Material der alten Metal-Recken bestens für eine gekonnte Zweitverwertung im neuen Rock’n’Roll-Gewand, wie Mr. Witzke mit Klassikern wie „Symphony of Destruction“, „Warriors of The World United“ und „Highway To Hell“ wahrlich überzeugend rüberbrachte. Da durfte dann mit „Amigos Para Siempre“ auch ein wenig volkstümliche Stimmung aufkommen und zu „Auf großer Fahrt“ der Klatschtest gemacht werden. Der ehemalige LKW-Fahrer der US-Armee im Rang eines Sergeants hat nämlich den Eindruck, dass wir Deutschen zu jedem Scheiß klatschen – nur leider selten im Takt. Ich habe dazu ja die Theorie, dass Frauen das wortwörtliche Taktgefühl in den Wechseljahren verlieren. Entsprechende unfreiwillige Feldstudien bei UNHEILIG-Konzerten belegen das eindrucksvoll. Bei Männern könnte hingegen der Alkoholkonsum ein wichtiges Indiz sein: Apropos Alk: Heuer stand gar keine Buddel des geliebten Jack Daniels auf der Bühne! Stattdessen gab’s den Whiskey aus einem Teeglas, verbunden mit einem Urlaubsvideo aus Lynchburg/Tennessee, bekanntermaßen der Ort der wahrscheinlich berühmtesten Whiskey-Brennerei weltweit, und dem Song „Thank God For Jack Daniels“. Soll übrigens nicht so doll dort gewesen sein, denn die Luft riecht zwar nach Whiskey, fast wie in einer Sauna mit Jack-Daniels-Duft, aber man darf von dem Zeug nichts trinken. Müssen harte vier Tage gewesen sein… Ganz so trocken ging’s in Oldenburg glücklicherweise nicht zu, darauf noch ein „Hallelujah“ und ab ging’s nach den ersten 80 Minuten in die erste gewerkschaftlich angeordnete Pause; Flüssigkeitsdefizite wieder auffüllen und vielleicht noch ne Kippe rauchen.

Eine halbe Stunde später stand SKI-KING wieder am Mikro, das gleichzeitig auch als Ersatz für Gitarre und Kontrabass herhalten musste und an dessen Ständer entsprechende Fingerübungen vonstatten gingen, wenn sich der Künstler nicht gar wie bei „The Wanderer“ am schlanken Metall räkelte. Doch bis dahin war noch ein bisschen Zeit. Zunächst einmal hieß es mit „The Number of The Beast“ welcome back und „Turn The Page“ zeigte sein enormes Groove-Potenzial, bevor „Paradise City“ inklusive eines prägnanten Kontrabasses bestens ankam. Tiefenentspannt übernahm „Psycho Dad“, das insbesondere von den Al-Bundy-Fans mit Begeisterung aufgenommen wurde. Der „Blitzkrieg Bop“ brachte abermals Bewegung in die Konzertvenue, ehe sich „John The Revelator“ mit knochentrockenem Wüstenfeeling empfahl und einmal mehr SKI-KINGs Stimmgewalt unter Beweis stellte. „Built My Hate Around You” ging erneut ins Bein und wer zu „Gravedigger” nicht tanzte, war vermutlich schlicht schon tot. Andrew James Witzke ist nicht nur Musiker, sondern auch Schauspieler. Demnächst wird er wieder in einem Film mitspielen und dort einen Biker mimen. Den passenden Soundtrack könnte er natürlich auch liefern und ein Lied aus seiner Feder wird vermutlich in dem Streifen tatsächlich zu hören sein. Wir hatten bereits an diesem Abend das Vergnügen und zweifellos stehen die eigenen Kompositionen den Covern in nichts nach. Weitere Beispiele für brillante Neuinterpretationen: das blitzschnelle „Stand By Me“ und das ganz große „Personal Jesus“! Gleich darauf gab’s das versprochene JOHNNY-CASH-Set, das aus einigen der größten Hits des legendären Countrymusikers bestand. Es ist zwar schon bald zehn Jahre her, dass Witzke mit „Hurt“ gegen 90 Konkurrenten einen Tribute-Contest gewann, aber der Sieg dürfte absolut berechtigt gewesen sein. Die Performance des Songs sorgte zumindest bei mir mal wieder für eine Gänsehaut und auch in Sachen ELVIS PRESLEY macht so schnell niemand SKI-KING was vor. Nicht ohne Grund trägt er den „King“ schon im Namen (das vorangestellte „Ski“ ist eine Verkürzung des Nachnamens Witzke in Kombination mit dem ähnlich klingenden Whiskey).

Bevor die Zeit des Kings allerdings kommen konnte, wurde noch einmal ein 30-minütiger Break eingelegt. Inzwischen war es fast 1.00 Uhr und die Reihen im Cadillac hatten sich ob der vorgerückten Stunde deutlich geleert. Schade eigentlich, aber dafür war dann ja vielleicht der harte Kern geblieben, der auch ähnlich viel Ausdauer wie der Hauptprotagonist des Abends zeigte? Zumindest wurde viel getanzt, Songs wie „King Creole“ und „Devil In The Sky“ gingen aber auch direkt auf die Hüften! Zu „Love Me Tender“ durfte kurz gekuschelt werden, dann ging’s auch schon wieder rund. Da brauchte dann auch der Mann aus Franken, der mehr als einmal von einem Anwesenden darauf aufmerksam gemacht wurde, im gleichen Landstrich beheimat zu sein, einen Moment zum Durchschnaufen, um schließlich zu „Great Balls of Fire“ Luftklavier zu spielen. Textsicherheit hatte das Publikum vorab bereits verschiedentlich bewiesen, bei „Symphony For The Devil“ war Ausdauer gefragt, gemeinsam wurden die „Uuh Uuhs“ jedoch hervorragend bewältigt und mit der „Honky Tonk Woman“ kam der Laden noch mal richtig in Fahrt. „Whole Lotta Rosie“ und „TNT“ taten ein Übriges und zu „Highway To Hell“ machte SKI-KING den Anwesenden das Teufelchen, um im Anschluss sang- und klanglos im Off zu verschwinden. Doch keine Angst, er holte nur die Jackie-Flasche, schließlich stand „Whiskey In The Jar“ auf dem Zettel und was nützt der gute Tropfen im Krug, wenn das Glas leer ist? Schnell noch das Shirt in die Ecke werfen und Mr. Kilmister mit dem werkgetreuen Vortrag von „Ace of Spades“ alle Ehren erweisen. Schließlich nennt SKI KING Lemmy Kilmister neben JOHNNY CASH und ELVIS PRESLEY als wichtiges Vorbild und vielleicht hätte er das den Leuten vor Ort auch noch gern selbst erzählt, wenn sie ihm denn zugehört hätten. War wohl einfach schon zu spät für so etwas; allerdings wurde ein Typ nicht müde, immer wieder „Summer Wine“ zu fordern, das auch bereits längst gespielt worden wäre, wenn die Dame, für die das Lied bestimmt war, den weiblichen Part übernommen hätte. Aber die Lady traute sich nicht und so blieb es dabei. Stattdessen gab es jedoch noch einen sehr hörenswerten echten „Ski-King“ und zum Abschluss noch „51th State of America“.

Inzwischen war es 2.10 Uhr und die letzte Show der aktuellen Tour Vergangenheit. Noch ein paar lobende Worte für die Oldenburger Zuschauerschaft, dann ward SKI-KING nicht mehr gesehen. Sieben Stunden später wollte er schon in Nürnberg sein. Hoffen wir, dass er entweder einen Fahrer hatte oder sich doch noch ein paar Stunden aufs Ohr gelegt hat, bevor er sich auf den Weg gemacht hat. Schließlich soll dort am Samstagabend noch groß gefeiert werden, dass er wieder zuhause ist. Ich bin mir sicher, dass diese Veranstaltung feucht-fröhlich wird und abermals mit jeder Menge fabelhafter Musik verbunden sein wird. Es juckt mir ja schon wieder in den Beinen, mich ebenfalls nach Franken aufzumachen, aber irgendwann muss ja auch mal Schluss ein. Trotzdem: bis bald SKI-KING!

Setlist SKI-KING (ohne Gewähr auf Richtigkeit und Anspruch auf Vollständigkeit)
Have You Ever Seen The Rain (CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL)
Unknown Stuntman (LEE MAJORS)
Thunder Rolls (GARTH BROOKS)
Red Light (BILLY OCEAN)
Little Girl (H-BLOCKX)
Still Counting (VOLBEAT)
Creep (RADIOHEAD)
The Devil’s Right Hand (JOHNNY CASH)
Ace of Spades (MOTÖRHEAD)
Overkill (MOTÖRHEAD)
Holy Diver (DIO)
Breaking The Law (JUDAS PRIEST)
Symphony of Destruction (MEGADEATH)
Warriors of The World United (MANOWAR)
Highway To Hell (AC/DC)
Amigos Para Siempre (9 MM)
Auf großer Fahrt (ROTZ & WASSER)
Thank God For Jack Daniels (SEX SLAVES)
Hallelujah (LEONARD COHEN)

The Number of The Beast (IRON MAIDEN)
Run To The Hills (IRON MAIDEN)
Turn The Page (BOB SEGER)
Paradise City (GUNS’N’ROSES)
Psycho Dad (THE BONES)
Gotta Go (AGNOSTIC FRONT)
Blitzkrieg Bop (THE RAMONES)
John The Revelator (Traditional)
?
Built My Hate Around You (HEARTBREAK ENGINES)
Gravedigger (WILLIE NELSON)
Better Run (BARROOM PROPHETS)
Stand By Me (BEN E. KING)
Personal Jesus (DEPECHE MODE)
Folsom Prison Blues (JOHNNY CASH)
Ring of Fire (JOHNNY CASH)
Walk The Line (JOHNNY CASH)
Ghostriders In The Sky (BURL IVES)
Hurt (JOHNNY CASH)

In The Ghetto (ELVIS PRESLEY)
King Creole (ELVIS PRESLEY)
Blue Suede Shoes (CARL PERKINS)
Devil In The Sky (ELVIS PRESLEY)
Don’t Be Cruel (ELIVIS PRESLEY)
?
Love Me Tender (ELVIS PRESLEY)
The Wanderer (DION & THE BELMONTS)
Johnny Be Goode (CHUCK BERRY)
Great Balls of Fire (JERRY LEE LEWIS)
Symphony For The Devil (THE ROLLING STONES)
Honky Tonk Woman (THE ROLLING STONES)
Whole Lotta Rosie (AC/DC)
TNT (AC/DC)
Highway To Hell (AC/DC)

Whiskey In The Jar (Irish Traditional)
Ace of Spades (MOTÖRHEAD)
Join Me (SKI’S COUNTRY TRASH)
51th State of America (NEW MODEL ARMY)

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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