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SÓLSTAFIR

Ort: Bochum – Christuskirche

Datum: 14.03.2019

Ein ganz besonderes Konzert erwartete die etwa 1.000 Besucher der Christuskirche in Bochum an diesem Donnerstagabend. Wer jetzt bei einem evangelischen Gotteshaus an einen Gospelchor oder ein Orgel-Requiem denkt, könnte allerdings nicht falscher liegen. Stattdessen hatten sich SÓLSTAFIR aus Island angekündigt. Jene Herren, die sich selbst in der Vergangenheit auch schon als „Antichristian Icelandic Heathen Bastards“ bezeichnet haben. Deshalb überraschte es auch nicht, dass auch der Bandgründer, Sänger und Gitarrist Aðalbjörn Tryggvason, davon sprach, er hätte sich niemals vorstellen können, mal in einer deutschen Kirche zu spielen. Dass dies dennoch geschehen konnte, ist zweifellos auch der Aufgeschlossenheit der Verantwortlichen der Christuskirche zu verdanken, denn es handelt sich hier keinesfalls um eine säkularisierte Immobilie, die einer neuen weltlichen Bestimmung zugeführt wurde, sondern um einen Gottesdienstraum, der sich Kirche der Kulturen nennt und neben der religiösen Nutzung eben auch viel Platz für Konzerte oder auch Lesungen lässt. Ein besonderer Glücksfall ist in diesem Zusammenhang die Architektur und die damit verbundene Akustik des modernen Sakralbaus. So hat die Christuskirche zweifellos Konzerthaus-Niveau und dank des prismenähnlichen Dachfaltwerkes ist auch die optische Untermalung ein echter Genuss.

Besser hätte die Location für einen SÓLSTAFIR-Gig also gar nicht gewählt sein können. Zumal der bereits erwähnte Aðalbjörn sowie Sæþór Maríus Sæþórsson (Gitarre), Bassist Svavar Austman Traustason (heuer frisurentechnisch sogar mit vier Rattenschwänzchen gesegnet), Hallgrímur Jón „Grimsi“ Hallgrímsson (Drums) und der von den befreundeten Landleuten ÁRSTÍÐIR ausgeliehene Ragnar Ólafsson an den Tasten nicht allein gekommen waren, sondern auch noch ein vierköpfiges Streicher-Ensemble mitgebracht hatten. Die aktuelle Tour „The Midnight Sun: A Light In The Storm“ steht nämlich unter speziellen Vorzeichen und dazu gehören eben auch klassisch anmutende Streicher und ein richtiges Piano. Pünktlich um 20.00 Uhr gab es allerdings zunächst einmal das bekannte „Náttfari“ vom Band zu hören, zu dem die neun MusikerInnen ihre Plätze einnahmen, um mit „Náttmál“ vom 2014er „Ótta“ für einen orchestralen Auftakt mit viel Melancholie zu sorgen. Das Damen-Quartett saß hier zunächst fast in völliger Dunkelheit an seinen Instrumenten, langsam wurde die großzügige Bühne jedoch in blaues und rotes Licht getaucht und das opulente Finale der Nummer ließ erahnen, dass SÓLSTAFIR auch mit weiblicher Begleitung nichts von ihrem Biss verloren haben. Blaues Zwielicht sorgte derweil beim rhythmusbetonten „Ótta“ für visuelle Highlights, während der schweigsame, stets gut behütete Mann am Sechssaiter, Sæþór Maríus Sæþórsson, zum Banjo griff, ehe „Dýrafjörður“ mit Klavierakkorden und Streichern eröffnet wurde. Massive Gitarrenwände schlossen sich in intensiver Slow-Motion an, um in der Folge mit „Hula“ vom letzten Album „Berdreyminn“, das 2017 erschienen ist, zwischen ruhigeren Passagen und großem Besteck zu changieren. Ragnar setzte sich zu diesem Zwecke ans stromlose Piano und das Publikum durfte zusehen, wie der bärtige Herr Tryggvason entrückt und mit ausgestreckten Armen über die Stage tänzelte. Dank „Miðaftann“ wurde es fast besinnlich und auch eine gewisse Verzweiflung kam ins Spiel – es ist halt tatsächlich so, dass SÓLSTAFIR mit ihrem ganz eigenen, bisweilen psychedelischen Metalsound auch die Schroffheit Islands widerspiegeln. Nach 45 Minuten stand an dieser Stelle eine 15-minütige Pause auf dem Programm, sodass Flüssigkeitsverluste ausgeglichen werden konnte und auch die Blase nicht mehr drücken musste, bevor es in die zweite Halbzeit ging. Zurückgepfiffen wurde das Auditorium von den Ladies an Violine & Co, die auf wirklich charmante Art die Zuschauer auf ihre Plätze zurücklockten, um die Aufmerksamkeit schließlich auf das druckvolle „Lágnætti“ zu richten. Ragnar war an seine Tasten und Regler zurückgekehrt, Aðalbjörn brachte die Verzweiflung, die das Lied implementierte, durch Schreie zum Ausdruck und diese fanden ihre sichtbare Entsprechung wiederum in den Lichtbalken, die mit jedem Schrei im Hintergrund aufblitzten. Wie gut das Lichtkonzept zur Musik passte, bewies auch das temporeiche „Hvít sæng“ mit seinen tiefer gestimmten Krachlatten. Ein ernstes und der 1994 gegründeten Kapelle sehr wichtiges Thema sprach der Fronter im Vorfeld der Nummer „Necrologue“ vom 2009er „Köld“ an: Es ging um Depressionen und dass sich niemand dieser Krankheit schämen muss und sich Betroffene unbedingt Hilfe holen sollen. Klar, dass dieses Stück ebenfalls von einer fast schon greifbaren Intensität war, wofür auch die rote Illumination des Kirchenschiffs sorgte, auf dessen Seitenwände währenddessen riesige Schattenrisse des Sängers zu sehen waren. Mit dem großartigen „Fjara“ (2011 auf „Svartir Sandar“ veröffentlicht) endete das reguläre Set unter dem euphorischen Beifall der Anwesenden, die es erstaunlicherweise die gesamte Zeit über auf den Bänken gehalten hatte. Der Aufforderung zum Mitklatschen kamen die Fans selbstredend gern nach und gemeinsam feierte man zehn Minuten diese hochenergetische Hymne.

Offensichtlich fühlten sich die Damen und Herren Musiker an ihrem Arbeitsplatz sehr wohl, denn man verzichtete auf den obligatorischen Abgang für die Zugabe und animierte die Zuschauerschaft stattdessen zu lauten Buh-Rufen, die sie auf das „Good Night“ von Aðalbjörn auszurufen hatte. Man war eindeutig in Spiellaune und mit „Kukl“ hatten die Isländer auch noch einen Song im Köcher, der nicht zum Standard-Repertoire zählt und außerdem so ergreifend ist, dass die Konzertbesucher sich am Ende gar nicht zu klatschen trauten. Fehlte noch das unverzichtbare „Goddess of The Ages“, mit dem eine Bandvorstellung und letzte Interaktionen mit der hingerissenen Anhängerschaft verbunden waren. Am Ende gab es deshalb um 22.05 Uhr absolut verdiente Standing Ovations und die Erkenntnis, Teil eines absolut einzigartigen Gigs gewesen zu sein. Im Übrigen eine Erkenntnis, die angesichts des nicht alltäglichen Auftrittsortes vielleicht auch SÓLSTAFIR selbst hatten. Mir haben die Jungs von der rauen Insel im Nordatlantik auf jeden Fall einen kolossalen Abend beschert – wobei wir natürlich auch das Streichquartett nicht vergessen wollen, das ebenfalls zum Gelingen dieses grandiosen Konzertes seinen wohlklingenden Beitrag geleistet hat.

Setlist

  • Náttmál
  • Ótta
  • Dýrafjörður
  • Hula
  • Miðaftann
  • Lágnætti
  • Hvít sæng
  • Necrologue
  • Fjara
  • Kukl
  • Goddess of The Ages

Copyright Fotos: Daniela Vorndran

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