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SÓLSTAFIR

Ort: Reykjavik – Gaukurinn

Datum: 06.12.2023

Historisch belegt, habe ich mein erstes SÓLSTAFIR-Konzert 2013 in Münster gesehen. Die Band aus Island und ich feiern also sozusagen Zehnjähriges und da bot es sich einfach an, nach einem Gig im verschneiten Oslo im Februar und einem heimatnahen Konzert in Hamburg im November, der Insel im Nordatlantik zum Jahresende noch einen Besuch abzustatten. Immerhin habe ich die Post-Metal-Kapelle neben diversen Auftritten in Deutschland inzwischen auch schon in allen skandinavischen Kapitalen gesehen, da war der Tourabschluss in Reykjavik natürlich die Gelegenheit, die Jungs um Bandgründer, Sänger und Gitarrist Aðalbjörn Tryggvason vor heimischem Publikum zu erleben. Austragungsort sollte das Gaukurinn sein, eine sympathische Bar mit regelmäßiger Live-Mucke, in der sich knapp 200 Fans und Freunde eingefunden hatten. Für deutsche und skandinavische Verhältnisse ein eher überschaubares Auditorium, vielleicht ist es auch in Island so, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt. Man darf aber auch nicht vergessen, dass in Reykjavik nur etwa 140.000 Menschen leben. Somit ist die isländische Hauptstadt kleiner als mein Wohnort Osnabrück und ob wir allein dort so viele Besucher für einen SÓLSTAFIR-Auftritt zusammenbekämen, wage ich zu bezweifeln.

Diejenigen, die sich im ersten Stock des Gaukurinn eingefunden haben, dürften sich jedenfalls nicht geärgert haben, mitten in der Woche vor die Tür gegangen zu sein. Aðalbjörn, Sæþór Maríus Sæþórsson (Gitarre) und Svavar Austman Traustason (Bass) haben bei ihrem letzten Gig des Jahres noch einmal alles gegeben und es amtlich krachen lassen. Aber halt, fehlte da nicht noch einer? Ja, Hallgrímur Jón „Grimsi“ Hallgrímsson ließ sich aus mir unbekannten Gründen von Ari Steinarsson an den Fellen vertreten und man konnte Ari wahrlich keinen mangelnden Einsatz vorwerfen, wovon auch ein kaputter Drumstick zeugte, der zwischendurch am Bühnenrand landete. Zuvor wurde der Abend kurz nach 21 Uhr vom atmosphärischen „Bláfjall“ vom 2017er „Berdreyminn“ eröffnet. Ein großartiger Auftakt und ein Versprechen auf fast zwei Stunden mitreißende Mucke. „Þín Orð“, 2011 auf „Svartir Sandar“ erschienen, schloss sich hochenergetisch an und mit „Akkeri“ stand ein tiefemotionaler Track vom letzten, 2020er Studioalbum „Endless Twilight of Codependent Love“ auf dem Zettel, mit dem der Vierer erneut in die Vollen ging. „Ör“ gefiel mit einem bluesigen Start, in dessen Folge es jedoch wieder gewaltig zur Sache ging. Auch „Rismál“ (2014 auf „Ótta“ veröffentlicht“) ließ es zunächst langsam angehen, um dann abermals die Langäxte von der Leine zu lassen. Für das eindringliche „Rökkur“ legte der Fronter sein Saiteninstrument für einen Moment aus der Hand, und die Instrumentierung von „Lágnætti“ war anfänglich ebenfalls eher zurückhaltend und der Sound fast schon lieblich, doch dann folgte ein totaler, rhythmusbetonter Abriss mitsamt Stakkatodrums, bevor die Nummer sanft ausklang. Nahtlos ging es mit einem meiner Lieblingsstücke weiter: „Ótta“ schien auch ganz nach dem Geschmack des Auditoriums zu sein, denn es kann spürbar Bewegung in die Crowd. SÓLSTAFIR machten es zudem spannend und zelebrierten den Song in der gebotenen Ausführlichkeit – kurzum: es war der Hammer! Dank „Ritual of Fire“ ging es dann noch einmal neun Jahre weiter zurück in die SÓLSTAFIR-Discografie, denn das Lied stammt von der Langrille „Masterpiece of Bitterness“ und wenn die Herrschaften so etwas wie einen Dance-Kracher haben, dann ist es zweifelsohne „Ritual of Fire“, das über weite Strecken ohne Gesang auskam, den Mann am Mikro stattdessen zum Tanzen brachte und den Mann hinter der Schießbude den besagten Drumstick crashen ließ, derweil Svavar (heute mal unbezopft und stattdessen mit offenem Haar) seinen Bass zum Glühen brachte. Der Vierer lieferte unter Lichtblitzen ein wahnwitziges Soundgewitter ab und nach fast 90 Minuten Spielzeit wandte sich Aðalbjörn tatsächlich zum ersten Mal an seine Fans. In Island macht man möglicherweise aber auch einfach nicht so viele Worte. Schließlich kennt man die Herren auch sonst als eher schweigsam und obwohl die Anwesenden im Gegensatz zu mir die isländischen Texte verstanden haben dürften, wurde nur sparsam mitgesungen. Dabei wäre das fantastische „Fjara“ eine gute Gelegenheit gewesen. Wie auch immer, es war wieder einmal ein Fest, diesen Ausnahme-Song, der regelmäßig aus einer anderen Welt zu stammen scheint, live erleben zu dürfen. Für das finale „Goddess of The Ages“ („Köld“ – 2009) turnte Kollege Tryggvason nicht nur auf dem Absperrgitter der Bühne herum, er animierte das Publikum auch zu lauten Schreien, die er mit der Anweisung „1,2,3“ einforderte. Die kleine Stage, die heuer überwiegend im Dunklen gelegen hatte, wurde noch ein letztes Mal von zuckenden Lichtblitzen erhellt und der ebenso stoische wie wortkarge Hutträger an der Gitarre kniete vor seinem Verstärker, um seine Krachlatte auf das Feinste zum Jaulen zu bringen.

Kurz vor 23 Uhr endete der Auftritt mit der üblichen Verbeugung der Musiker, nur das Rausschmeißer-Lied gab es ebenso wenig wie eine Zugabe („Goddess of The Ages“ ist halt einfach immer der Closer) auf die Ohren. Es war mir in jedem Fall ein großes Vergnügen und eine Ehre, SÓLSTAFIR endlich auch in ihrer Heimatstadt live erlebt zu haben. Island hat sich auch ansonsten nur von seiner besten Seite gezeigt, die Sonne scheinen lassen, mir sogar Polarlichter beschert und auch der Strokkur hat in braver Regelmäßigkeit Wasser gespien. Apropos Wasser: Leitungswasser gab es im Gaukurinn zum Selbstzapfen for free, angesichts der nicht eben günstigen Getränkepreise insbesondere für Alkohol eine gute Sache für den schmalen Geldbeutel.

Setlist

  • Bláfjall
  • Þín Orð
  • Akkeri
  • Ör
  • Rismál
  • Rökkur
  • Lágnætti
  • Ótta
  • Ritual of Fire
  • Fjara
  • Goddess of the Ages

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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