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SÓLSTAFIR – ÁRSTÍÐIR – LOUISE LEMÓN

Ort: Kopenhagen – Vega

Datum: 01.12.2018

Endlich ergab sich mal wieder die Möglichkeit für eine meiner beliebten Konzertreisen! Offensichtlich üben diesbezüglich SÓLSTAFIR und Skandinavien einen besonderen Reiz auf mich aus, denn nachdem ich die Isländer in 2013 bereits in Helsinki gesehen hatte, stand nun die dänische Hauptstadt auf dem Programm. Nach ausgiebigem Sightseeing (Info am Rande: den Freistaat Christiana kann man sich zumindest an einem grauen Spätherbsttag getrost sparen, es sei denn, man möchte unkompliziert Gras kaufen) war mein eindeutiger Höhepunkt des Trips passenderweise für den letzten Abend terminiert. SÓLSTAFIR, die sich aktuell wieder auf „Berdreyminn“-Tour befinden, hatten in den kleines Saal des ehrwürdigen Vega geladen und zusätzliche Gäste mitgebracht. Wie bereits im vergangenen Jahr in Osnabrück waren wieder die Landsleute von ÁRSTÍÐIR und zaußerdem noch LOUISE LEMÓN aus Schweden mit von der Partie. Aufgrund der Vielzahl der Bands war der Beginn um eine Stunde vorverlegt worden und tatsächlich enterten die vier Herren von LOUISE LEMÓN äußerst pünktlich die Stage.

LOUISE LEMÓN

Zu diesem Zeitpunkt war im ersten Stock des ehemaligen Gewerkschaftshauses noch reichlich Platz und diejenigen, die womöglich erst gegen 21 Uhr im Vega aufgeschlagen waren, hatten definitiv etwas verpasst. Nicht nur eine wirklich aparte blonde Frontfrau im engen, schwarzen Minikleid, sondern auch einen coolen halbstündigen Vortrag, den die Dame selbst als ‚Death Gospel‘ bezeichnet. Einen ersten Gruß aus dem Studio namens „Purge“ gibt es auch schon und natürlich durften auch Songs von diesem Silberling nicht fehlen. Genannt sei etwa der Opener „Shipwreck“, der für einen düster-ruhigen Start mit viel Wumms sorgte. Zwar hat der Sound durchaus etwas synthetisches, neben dem elektronischen Tasteninstrument sorgten jedoch auch E-Gitarre und -Bass sowie Drums für eine organischen Klangfarbe, die von der hörenswerten Soulstimme der namensgebenden Bandleaderin veredelt wurde. Das nachfolgende „Appalacherna“ verfügte gar über gewisse SÓLSTAFIR-light-Momente, was vielleicht daran lag, dass der Schlagzeuger Grimis Schießbude bearbeiten durfte. Derweil vermittelte „Not Enough“ einen Mix aus verträumten und energischen Klangfolgen, während das sphärische „178“ Goth-Pop-Appeal bewies und das atmosphärische „Thirst“ mit seinem ausgeprägten Langäxten in Bein und Ohr ging. „Cross“ hätte mit seinen loungig-jazzigen Melodien, die von Louise mit einem Schellenkranz begleitet wurden, auch in einer stylischen Bar laufen können, ehe „Montana“ unterstrich, dass sich LOUISE LEMÓN auch auf bluesige Tonfolgen versteht. Die Band sorgte hier für ein opulentes Finale, das Fräulein Lemón allerdings am Ende bereits backstage erlebte, da sie ziemlich sang- und klanglos etwas früher von der Bühne verschwand. Die Aura des Unnahbaren, Ätherischen gehörte wohl zum Konzept und tat dem Hörgenuss keinen Abbruch, denn singen kann die Lady, die auch schon mal mit GRIMES, PJ HARVEY, BANKS und LANA DEL REY verglichen wird, wahrlich und ein Händchen fürs Songwriting und die Auswahl ihrer Musiker hat sie auch.

Setlist LOUISE LEMON

  • Shipwreck
  • Appalacherna
  • Not Enough
  • 178
  • Thirst
  • Cross
  • Montana

ÁRSTÍÐIR

Zunächst einmal fand hinter einem geschlossenen Vorhang der Bühnenumbau für ÁRSTÍÐIR statt, doch bereits nach schlanken 15 Minuten öffnete sich selbiger wieder und Ragnar Ólafsson (Piano & Gesang), Daníel Auðunsson (A-Gitarre & Gesang), Gunnar Már J Auðunsson (ebenfalls A-Gitarre & Gesang) sowie Karl James Pestka (Cello) offerierten ihren düsteren Indie-Folkrock, der in diesem Sommer mit „Nivalis“ seine vierte Langrille erlebt hat. Inzwischen war es auch deutlich voller geworden und mit den zunächst ruhigen Klängen von „Passion“ vom bereits erwähnten jüngsten Studio-Output wusste das Quartett das Auditorium alsbald zu fesseln. Dafür sorgten nicht nur der oft dreistimmige Gesang der Herren Ólafsson und Auðunsson I und II, sondern auch das sehr intensive, rhythmusbetonte Spiel des Vierers. Mit ebenso emotionalen wie kraftvollen Sounds übernahm „Shine“ vom 2015er Vorgänger „Hvel“, ehe mit „Þar sem enginn fer (Sjálfviljugur)“ ein verspielt-beschwingter Song in der isländischen Muttersprache auf dem Zettel stand. In Island war es in diesem Sommer übrigens so kalt und nass, dass die durchschnittliche Temperatur kaum 8°C erreichte und sogar einige Bergwanderwege aufgrund von Schneestürmen wieder gesperrt werden mussten. Dieses – selbst für Island – extrem schlechte Wetter haben die 2008 gegründeten ÁRSTÍÐIR genutzt, um noch ein zweites Album aufzunehmen. So hatten die Dänen dann die Freude, einen neuen Song zu hören, der ebenso schwung- wie gefühlvoll daherkam. Auf Isländisch schloss sich das nächste druckvolle Stück mit einem prägnanten Cello an, ehe für „While This Way“ der SÓLSTAFIR-Drummer Hallgrímur Jón Hallgrímson vorzeitig seinen Arbeitsplatz einnahm und bei der leicht proggigen Nummer zusätzliche kraftstrotzende Akzente setzte. Schließlich kam mit der Violinistin Lotta Ahlbeck ein weiterer Gast auf die Bühne. Während ÁRSTÍÐIR in Kopenhagen ihren letzten Gig mit SÓLSTAFIR spielten, gehen sie gemeinsam ab Sonntag als Headliner auf eine ganz spezielle Weihnachtstour, die sie übrigens auch für einige Termine nach Deutschland führen wird. Im Vega sorgten die inzwischen zum Sextett angewachsenen ÁRSTÍÐIR zusammen für einen wirklich nachhaltigen Musikgenuss, der mit verdientem Applaus bedacht wurde. Leise Passagen wirkten ebenso wie fordernde Augenblicke, die Komposition vom sphärischem und druckvollem Cantus war außergewöhnlich und zwingend. Auf der Zielgeraden gab der Sechser noch einmal richtig Gas, bevor sie sich nach 45 Minuten miteinander vor ihrem begeisterten Publikum verneigten und Grimsi und Ragnar noch eine kurze Pause vor ihrem deutlich schweißtreibenderen Auftritt mit SÓLSTAFIR gönnten.

Setlist ÁRSTÍÐIR

  • Passion
  • Shine
  • Þar sem enginn fer
  • Lover
  • Friðþægingin
  • While This Way
  • Things You Said
  • Mute
  • Shades

SÓLSTAFIR

Wer zwischen 21.30 und 21.45 Uhr ins Lille Vega kam, hätte auch annehmen können, dass der Konzertabend bereits gelaufen war und auf der Stage nicht um- sondern abgebaut wurde. Schuld daran war das grelle Putzlicht, das aus irgendwelchen Gründen eingeschaltet worden war. Der Umstand, dass jedoch das SÓLSTAFIR-Backdrop unbefirrt den Bühnenhintergrund zierte, stellte unmissverständlich klar, dass hier noch Großes zu erwarten war. Das war zumindest jedem klar, der schon einmal SÒLSTAFIR live erleben durfte. Die Band ist sozusagen eine Musik gewordene isländische Naturgewalt, die sofort und ohne jeden Umweg gefangen nimmt. Diesmal fehlte zwar der Einsatz von Videos, doch dieser Mangel war zweifellos nebensächlich, denn in den folgenden 110 Minuten stand schlicht die Musik im Mittelpunkt.  Angekündigt wurden Sänger, Gitarrist und Gründungsvater Aðalbjörn Tryggvason, Drummer Hallgrímur Jón „Grimsi“ Hallgrímsson , Sæþór Maríus Sæþórsson (Gitarre), Svavar Austman Traustason (Bass) und als Gast an den Tasten Ragnar Ólafsson von ÁRSTÍÐIR durch die Klänge von „Náttfari“, die vielversprechend vom Band liefen, bevor die Jungs von der rauen Insel im Nordatlantik mit ihrer Show begannen. Knapp 500 Fans hielt es alsbald nicht mehr auf ihren Plätzen – wobei das Konzert, abgesehen von einer Bankreihe längs neben dem Eingang, natürlich nicht bestuhlt war. „78 Days In The Desert“ vom 2009er „Köld“ war die erste Nummer, die auf der zunächst noch dunklen Bühne performt wurde. Ein straighter Einstieg, der später in Lichtgewittern und schwurbeligen Gitarrenakkorden gipfelte. Nahtlos schloss sich der impulsive Titeltrack des genannten Albums an, auf den mit „Silfur-Refur“ ein bombastischer Kracher folgte. In diesem Sinne ließen sich die Isländer nicht lumpen und feuerten einen absolut hörenswerten Abriss ihres bisherigen Schaffens, der bis ins Jahr 2005 und zur zweiten LP „Masterpiece of Bitterness“ zurückreichte, ab. Repräsentiert wurde diese Veröffentlichung der 1994 gegründeten Kapelle durch den Song „Ljósfari“, der ebenso wie die neuen Stücke („Ísafolf“, „Hula“ und „Bláfjall“) uneingeschränkt zu begeistern wusste. Bei der Zugabe „Bjáfall“ wich der charismatische Fronter von der bandeigenen Regel ab, nicht über die Bedeutung ihrer Lieder zu sprechen und erklärte, die Nummer sei allen Menschen mit Depressionen gewidmet und forderte zugleich die Anwesenden auf, mit depressiven Freunden und Familienmitgliedern zu sprechen. Ein emotionaler Augenblick, der auch ein wenig das Wesen des aktuellen Albums „Berdreyminn“ (#30 der deutschen Charts) widerspiegelte, denn hier herrscht eine spezielle, mitunter sehr schwermütige Stimmung vor. Dank „Ótta“ und „Svatir Sandar“ gab es vor dem Zugabenblock noch zwei Titeltracks der beiden Langspieler aus 2014 („Ótta“) und 2011 („Svartir Sandir“), die gebührend abgefeiert wurden. Insbesondere das epische „Svatir Sandir“ wurde nach allen Regeln der Kunst zelebriert, aber das nach vorangegangene „Ljosfari“, bei dem der schweigsame und absolut mimikfreie Gitarrist und Hutträger Sæþór Maríus Sæþórsson zum Banjo griff, war ganz großes Kino, sodass die 105 Minuten des regulären Sets wie im Flug vergingen.

Bevor die monumentalen Zugaben zum Besten gegeben wurden, versammelten sich Aðalbjörn, Grimsi und die drei ÁRSTÍÐIR-Vokalisten Ragnar, Daníel und Gunnar, um ein Acapella zu trällern, das große Ähnlichkeit mit einem Song von  CROSBY, STILLS & NASH hatte. Das Ganze hatte kurz vor dem ersten Advent durchaus einen Hauch von Weihnachtlichen, war gleichzeitig aber auch denkbar weit von dem entfernt, was im Anschluss auf die Fangemeinde zukam. Denn mit „Fjara“, dem schon kommentierten „Bláfjall“ und dem finalen „Goddess of The Ages“ gingen SÓLSTAFIR noch einmal in die Vollen. Da posierten die beiden gut behüteten Saitenkünstler Marius und Rattenzöpfchen Svavar nicht nur für Fotos, suchte Kollege Tryggvason nicht nur erneut die Nähe zur Crowd und animierte zu Schreispielchen, es wurde auch hochemotionaler und atmosphärischer Metal geboten, der es schlicht aber ergreifend in sich hatte. Diejenigen, die nicht spätestens jetzt restlos begeistert waren, hatten sich vermutlich in der Tür geirrt und wollten eigentlich in den großen Vega-Saal, wo zeitgleich CLUTCH spielten.

Wer sich irgendwo im Spannungsfeld zwischen Prog- und Postrock, Alternative, Psychedelic und Black Metal zuhause fühlt, kann nämlich gar nicht anders, als von der Musik dieser Männer gefesselt zu sein. Entsprechend wurde dieser ganz spezielle Sound, der perfekt zu dem Eiland passt, das SÓLSTAFIR ihr Zuhause nennen, über den gesamten Abend abgefeiert. Wo die Insel auf der einen Seite karg und unwirtlich ist und auf der anderen Seite mit heißen Geysiren überrascht, kontrastieren in der Musik des Quartetts wilde, treibende Passagen mit beinahe zerbrechlichen Momenten. Dynamische Wechsel prägen das Ganze ebenso wie eine schier unbändige Energie, die in jedem einzelnen Lied zu spüren ist. Dass die Vocals dabei in der isländischen Muttersprache vorgetragen wurden, spielte derweil keine Rolle. Die Art und Weise wie der Kollege Tryggvason die Texte performte, reichte schon aus, um die Stimmung zu verstehen. Meinen nächsten „Auslandseinsatz“ in Sachen SÓLSTAFIR sehe ich somit in Norwegen oder Schweden – vielleicht aber auch daheim bei der Combo in Island???

Setlist SÓLSTAFIR

  • Náttfari (vom Band)
  • 78 Days In The Desert
  • Köld
  • Silfur-Refur
  • Ísafold
  • Ótta
  • Ljósfari
  • Hula
  • Svartir Sandar
  • Fjara
  • Bláfjall
  • Goddess of The Ages

Coyright Foto: Ulrike Meyer-Potthoff

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