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SÓLSTAFIR – ÁRSTÍÐIR

Ort: Osnabrück - Rosenhof

Datum: 14.12.2017

Im Sommer haben SÒLSTAFIR ihr sechstes Album „Berdreyminn“ veröffentlicht und mit einem Platz 30 in den deutschen Albumcharts den Erfolg des 2014er Vorgängers „Ótta“ fortgesetzt. Auf Ende 1994/ Anfang 1995 datiert sich die Gründungsstunde des isländischen Post-Metal-Psych-Rock-Highlights, das ursprünglich mal in Black-Metal-Gefilden gestartet ist. Vor zwölf Jahren haben sie ihr erstes Konzert in Deutschland gespielt; wie sie zunächst glaubten, ebenfalls in Osnabrück, tatsächlich fand der Gig jedoch in Georgsmarienhütte statt, wie die Jungs von der schroffen Insel im Nordatlantik dann feststellten. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Veranstaltung in der Oeseder Eventhalle, die später allerdings wegen wirtschaftlicher Erfolglosigkeit einem Markt für Landwirtschafts- und Gartenbedarf weichen musste. Vielleicht war im gut gefüllten Rosenhof auch der eine oder andere, der die Band dort schon gesehen hatte, das Verhältnis zwischen Erst- und Wiederholungstäter war zumindest recht ausgewogen, wie eine entsprechende Nachfrage vom einzig verbliebenen Gründungsmitglied, dem Sänger und Gitarristen Aðalbjörn Tryggvason, ergab.

Bevor dieser jedoch die Stage enterte, übernahmen ÁRSTÍÐIR pünktlich um 20 Uhr den Support-Part. Auf dem Zettel hatten Ragnar Ólafsson (Piano & Gesang), Daníel Auðunsson (A-Gitarre & Gesang) und Gunnar Már Jakobsson (ebenfalls A-Gitarre & Gesang) düsteren Indie-Folkrock, der mit entsprechenden Videoeinspielern visuell untermalt wurde. Die Vocals teilten sich im Wesentlichen Ragnar und Gunnar, häufig wurde jedoch wie etwa bei „Systir“ gemeinsam mit Daniel gesungen. Was recht verhalten begann, gewann mit dieser fordernden Nummer an Dramatik und nachdem dann auch noch der SÓLSTAFIR-Drummer Hallgrímur Jón Hallgrímson seinen Arbeitsplatz vorzeitig mit Beschlag belegte, gewann der Sound der 2008 gegründeten Combo, die im vergangenen Jahr einen Longplayer mit ANNEKE VAN GIERSBERGEN aufgenommen hat, noch mehr Tiefe. Leider erhielt die Band, die ebenfalls in Reykjavik beheimatet ist, nicht vom gesamten Publikum die gebotene Aufmerksamkeit, weshalb die getragenen Stücke mitunter durch das Gequatsche in dem ehemaligen Kino am Rosenplatz nicht zur vollen Geltung kamen. Als Ausblick auf die neue Platte, die im kommenden Jahr erscheinen soll, präsentierten die Musiker „Mute“ mit einnehmenden Herzschlag-Rhythmen, ehe sich „Things You Said“ mit leichtem Prog-Rock-Einschlag ins Hirn fraß. In ähnlicher Weise schloss mit „Shades“ auch der 45-minütige Vortrag der Isländer, die nach artiger Verbeugung noch eine A-Cappella-Zugabe zum Besten gaben. Nach der stimmungsvollen ersten Dreiviertelstunde ein sehr getragener, geradezu weihnachtlicher Ausklang, der mit viel Beifall bedacht wurde.

Setlist ÁRSTÍÐIR
Himinhvel (Hvel)
Shine (Hvel)
Systir (unveröffentlicht)
Someone Who Cares (Hvel)
Passion (neu/ unveröffentlicht)
Mute (neu/ unveröffentlicht)
Things You Said (Hvel)
While This Way (neu/ unveröffentlicht)
Shade (Svefns og vöku skil)
Heyr himna smiður (Isländisches Traditional)

Natürlich wartete das gesamte Auditorium jedoch vor allem ziemlich ungeduldig auf den Hauptact des Abends, der nach einer 15-minütigen Umbaupause kurz nach 21.00 Uhr mit einem Videoeinspieler auf sich aufmerksam machte. Nachdem die bereits erwähnten Aðalbjörn und Hallgrímur sowie Sæþór Maríus Sæþórsson (Gitarre), Svavar Austman Traustason (Bass) und als Gast an den Tasten Ragnar Ólafsson von ÁRSTÍÐIR ihre Plätze eingenommen hatten, konnte es mit „Silfur-Refur“ vom aktuellen Silberling gleich in medias res gehen. Der Titeltrack „Òtta“ übernahm nicht minder energetisch und atmosphärisch. Wer sich irgendwo im Spannungsfeld zwischen Prog- und Postrock, Alternative, Psychedelic und Black Metal zuhause fühlt, kann gar nicht anders, als von der Musik dieser Männer gefesselt sein. Entsprechend wurde der dieser ganz spezielle Sound, der perfekt zu dem Eiland passt, das SÓLSTAFIR ihr Zuhause nennen, abgefeiert. Wo die Insel auf der einen Seite karg und unwirtlich ist und auf der anderen Seite mit heißen Geysiren überrascht, kontrastieren in der Musik des Quartetts wilde, treibende Passagen mit beinahe zerbrechlichen Momenten. Dynamische Wechsel prägen das Ganze ebenso wie eine schier unbändige Energie, die in jedem einzelnen Lied zu spüren ist. Dass die Vocals dabei in der isländischen Muttersprache vorgetragen wurden, spielte derweil keine Rolle. Die Art und Weise wie der Kollege Tryggvason die Texte performte, reichte schoh aus, um die Stimmung zu verstehen. Wobei Aðalbjörn ungewöhnlich mitteilungsbedürftig war. Üblicherweise reicht ihm eine kurze Begrüßung und zu späterer Stunde ein Bad in der Menge als Interaktion mit den Fans, heuer wurde nicht nur die Band vorgestellt, sondern auch erklärt, dass „Bláfjall“ all denen gewidmet ist, die mit Depressionen zu kämpfen haben. Ein durchaus emotionaler Moment, der gleichermaßen die Atmosphäre auf „Berdreyminn“ widerspiegelt, denn die daraus vorgetragenen Songs „Silfur-Refur“, „Ísafold“, „Hula“ und eben „Bláfjall“ bringen noch einmal ganz spezielle, schwermütige Akzente mit. Die übrigen, natürlich nicht minder mitreißenden Songs stammten von den drei letzten Langrillen „Òtta“, „Svartir Sandar“ (2011) und „Köld“ und markierten somit so etwas wie ein Best of, wobei die Crowd auf das geforderte „Pale Rider“ vom 2009er „Köld“ verzichten musste. Stattdessen gab es den explosiven Titeltrack auf die Ohren und auch das Finale wurde mit einem Stück dieses Albums bestritten: „Goddess of The Ages“ sorgte hier für weitere Gänsehautmomente. Insbesondere diejenigen, mit denen Aðalbjörn an dieser Stelle im Zuschauerraum auf Tuchfühlung ging, dürften den Abend in bester Erinnerung behalten.

Aber auch alle anderen haben ein echtes Ausnahme-Konzert erlebt, das über 110 Minuten äußerst intensiven Musikgenuss bescherte. SÓLSTAFIR sind einfach eine Klasse für sich und genauso eruptiv wie ein isländischer Vulkan. Die ‚Antichristian Icelandic Heathen Bastards’ haben im Rosenhof wahre Soundgewitter losbrechen lassen; ihre Wall of Sound hallt lange nach und nimmt schlicht gefangen. Davon kann man auch keinesfalls genug bekommen und wenn die Anwesenden das Merchandising leer gekauft hätten, wären SÒLSTAFIR eine Woche später sogar wiedergekommen. So hatte es der Frontmann versprochen und Zeit hätten sie theoretisch auch gehabt, denn die aktuelle Tour endet am 20. Dezember in Stockholm. Tatsächlich müssen wir aber wohl noch ein bisschen warten, bis die Nordmannen mal wieder in unsere Ecke kommen. Mit ihrer Konservenkost wissen sie die Wartezeit aber zumindest kongenial zu füllen.

Setlist SÓLSTAFIR
Silfur-Refur
Ótta
Lágnætti
Ísafold
Köld
Hula
Fjara
Bláfjall
Goddess of The Ages

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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