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SÓLSTAFIR – BEASTMILK

Ort: Helsinki – Nosturi

Datum: 26.10.2013

Der Oktober soll ja der regenreichste Monat in Helsinki sein – warum also nicht mal den Wettergott herausfordern und ein paar Tage in Finnlands Hauptstadt an der Ostsee verbringen? Insbesondere, wenn sich dieses Vorhaben mit einem erstklassigen Konzert vierer Isländer verbinden lässt? Um es vorweg zu nehmen: Petrus hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht und mir statt meines Outdoor-Aufenthaltes auf der Festungsinsel Suomenlinna einen Tag verordnet, der nach Möglichkeit überdacht gestaltet werden sollte. In diesem Sinne suchte ich zunächst mein Heil in der wirklich beeindruckenden Felsenkirche (die 1969 in selbigen gesprengt wurde) und wunderte mich, warum russische Touris in dem Gotteshaus um die Wette fürs heimische Fotoalbum posten, als wäre damit auch eine Aufnahme in den Playboy verbunden (wenngleich man immerhin bekleidet blieb). Mit Kirchen werden SÓLSTAFIR wohl nicht so wahnsinnig viel im Sinn haben, bezeichnen sich die Herren doch selbst als „antichristian icelandic heathen bastards“, weshalb ich den Abend eher als „schwarze Messe“ im Nosturi, einer im positiven Sinne abgerockten Konzert-Location direkt am Hafen, die auf zwei Ebenen mit guter Sicht zur Bühne und zusätzlichen Leinwänden Platz für 900 Besucher bietet, beging.

Andere Länder – andere Sitten lernte ich schnell und stellte fest, dass man zumindest in diesem Laden sein Bier nicht mit vor die Bühne nehmen darf, sondern in einem abgetrennten „K18“-Bereich zu sich nimmt, zu dem Minderjährige keinen Zutritt haben. Diese Regelung scheint jedoch grundsätzlich zu gelten, zumindest begegnen einem entsprechende Reglements immer wieder und ich muss gestehen, dass ich nichts dagegen einzuwenden hatte. Geraucht wird in Finnland ebenfalls vor der Tür, einem ungestörten Musikgenuss stand also nichts im Wege und so legte pünktlich um 21.00 Uhr auch die ortsansässige Formation BEASTMILK los. Die Kapelle verortet sich selbst stilistisch in Richtung „Apocalyptic Post-Punk“ und trat in der beliebten Vierer-Kette Gitarre (Goatspeed), Bass (Arino), Drums (Paile) und Vocals (Kvohst) an. Der Herr am Mikro war offensichtlich ein Freund großer Gesten, dürfte an seinem Gesang jedoch hier und da noch ein wenig feilen. Insgesamt zeigte sich das Kleeblatt gitarrenverliebt und wie es sich für Finnen gehört auch ein wenig düster. Außerdem war man so nett, die Ansagen in englischer Sprache zu machen, so dass auch ich verstehen konnte, dass bei „Forever Animal“ Adolf Hitler thematisiert wurde. Nach Verehrung klang der Text, der etwas breiig aus den Boxen kam, glücklicherweise nicht und so legten die Jungs mit „Death Reflects Us“ von ihrem kommenden Debütalbum „Climax“, das Ende November das Licht der Plattenläden erblicken wird, treibend nach. Dem folgenden „Red Majesty“ hätte ein wenig mehr Schmackes gut getan, dafür hatte dann „Surf The Apocalypse“ wieder ordentlich Rhythmus und Drive und auch das finale „The Wind Blows Through Their Skulls“ ließ noch einmal das Tempo anziehen. Nach 35 Minuten waren BEASTMILK an dieser Stelle mit ihrem Set durch, ernteten noch einmal freundlichen Applaus des noch lückenhaften, aber nicht auf Bühnenabstand bedachten Auditoriums, bevor sich der Vorhang schloss und hinter schwarzem Tuch der Umbau für die Isländer vonstatten ging.

Setlist BEASTMILK (ohne Gewähr)
Void Mother
Children of The Atom Bomb
Love In A Cold World
Forever Animal
Death Reflects Us
Red Majesty
Surf The Apocalypse
The Wind Blows Through Their Skulls

Als um 22.05 Uhr Drummer Guðmundur Óli Pálmason, Gitarrist Sæþór Maríus Sæþórsson und Bassmann Svavar Austman ihre Arbeitsplätze einnahmen, lag die Stage zunächst noch eine ganze Weile im Dunkeln, während die Jungs schon mal mit einem langen Intro und „Ljós i Stormi“ starteten, dem sich dann schließlich auch Fronter Aðalbjörn Tryggvason anschloss. Lange gefackelt wurde bei dem 1995 gegründeten Vierer nicht, stattdessen wurden die Krachlatten auf das Feinste zum Glühen gebracht, dass es nur so eine Freude war und man den musikalisch hervorragend zelebrierten Weltuntergang beinahe de facto herbei wünschte. Zu so früher Stunde wäre das natürlich nicht wirklich schlau gewesen, weil der Gig dann doch sehr kurz ausgefallen wäre. Zumal SÓLSTAFIR noch einige echte Schmankerl auf dem Zettel hatten. Etwa den Klassiker „Ghosts of Light“ vom 2005er „Masterpiece of Bitterness“ oder den grandiose Titeltrack „Svartir sandar“ der letzten Doppel-Scheibe, die vor nunmehr zwei Jahren erschienen ist. Vom gleichen Silberling stammte auch das ausufernde „Stormfari“, das nach allen Regeln der Kunst zelebriert und durch eine weibliche Stimme vom Band eingeläutet wurde. Aðalbjörn – neben dem Mann hinter der Batterie der einzige verbliebene Gründer der Combo – ließ sein kraftvolles, raues Organ erschallen, während anderenorts auch viel instrumental abgeliefert wurde. Zweifellos ging es bei SÓLSTAFIR an diesem Abend einmal mehr amtlich ans Eingemachte, wobei das Quartett in einer geradezu stoischen Ruhe auf der Bühne agierte. Rein optisch könnten die Nordmannen zudem jederzeit bei den Endzeit-Goth-Rockern von FIELDS OF THE NEPHILIM anheuern; okay, die geflochtenen Zöpfe des Kollegen Austman fallen diesbezüglich vielleicht ein wenig aus dem Rahmen, aber das nenne ich mal eine nicht nur für Metallerkreise ausgefallene Frisur. Den Abschluss der regulären Spielzeit markierte „Pale Rider“ (2009 auf „Köld“ veröffentlicht), das vergleichsweise eingängig die Gehörgänge passierte und vermutlich auch deshalb von Herrn Tryggvason den Stempel „Metal- und Lovesong“ erhalten hatte. Mit cleanem Gesang und einer letzten Gitarren-Breitseite war zunächst einmal nach 75 Minuten Schluss, aber natürlich kamen SÓLSTAFIR nach einem kurzen Break auf die Stage zurück und nachdem der bärtige Sänger einen kräftigen Schluck aus der Whiskeyflasche genommen hatte, stand ein weiteres Highlight auf dem Programm. Die ersten Schlagzeug-Takte verrieten bereits das wunderbar eindringliche „Fjara“, das auch umgehend mit Begeisterung vom zahlreich erschienenen Publikum aufgenommen wurde. Überschwängliche Gefühlsausbrüche sind indes nicht unbedingt des Finnen Sache, dafür scheint man allem erst einmal offen zu begegnen und zumindest im Nosturi war auch bei der Support-Band der in deutschen Gefilden häufig anzutreffende Sicherheitsabstand zur Bühne für die Zuschauer kein Thema. Für das letzte Stück des Abends kam noch einmal der BEASTMILK-Sänger ins Rampenlicht zurück, um gemeinsam „Goddess of The Ages“ zu performen. Das Lied war einem Freund der Band gewidmet, der vor einigen Tagen verstorben war und mit einer echten Dampframme in die ewigen Jagdgründe geleitet wurde. Inzwischen waren die Zeiger der Uhr auf 23.40 Uhr vorgerückt und mit einer kurzen Verabschiedung verschwanden SÓLSTAFIR endgültig im Off.

Eines ist schon mal klar: Den Wettbewerb mit den lustigsten Namen gewinnen ganz klar die Isländer, wenngleich die Finnen nicht wirklich abgeschlagen folgen. Man sollte außerdem nicht in dieses Land reisen und glauben, der Sinn der Worte, die man auf Straßenschildern oder an Supermarktregalen sieht, erschlösse sich schon irgendwie. Dafür sind die Suomi aber ein sehr hilfsbereites und nettes Völkchen, das anscheinend durchgängig Englisch spricht. Musikalisch waren SÓLSTAFIR sowieso erneut über jeden Zweifel erhaben und konnten meinem Helsinki-Aufenthalt deshalb sozusagen die Krone aufgesetzt. Oder meinetwegen auch Strahlenbüschel, das heißt der Bandname nämlich übersetzt. Ab dem 08. November gibt es im Übrigen eine Neuauflage des 2002er-Erstling „Í Blóði Og Anda“ zu kaufen. Sollte man sich schon mal vormerken!

Setlist SÓLSTAFIR (ohne Gewähr)
Ljós i Stormi
Köld
Þín Orð
Ghosts of Light
Svartir sandar
Stormfari
Djákninn
Pale Rider

Fjara
Goddess of The Ages

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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