Ort: Bielefeld – Forum
Datum: 17.11.2024
Im vergangenen Jahr hatte ich das Vergnügen, den Nikolausabend zusammen mit SÓLSTAFIR in ihrer Heimatstadt Reykjavik zu verbringen. Die Band feierte dort ihren Tourabschluss und ich nutzte die Gelegenheit, mir gleich auch das beeindruckende Island ein wenig näher anzusehen. Die Stadt, in die es mich an diesem Sonntagabend zog, ist jetzt nicht ganz so reizvoll wie das Eiland im nördlichen Atlantik, dafür war die Anreise von Osnabrück nach Bielefeld zur „Nordic Descent Tour“ allerdings auch deutlich kürzer. Im Gepäck hatten Bandgründer, Sänger und Gitarrist Aðalbjörn „Addi“ Tryggvason, Sæþór Maríus Sæþórsson (Gitarre), Svavar Austman Traustason (Bass) und Ari Steinarsson (Drums – in Vertretung für Hallgrímur Jón Hallgrímsson) ihre brandneue Platte „Hin Helga Kvöl“, die es in Deutschland immerhin aus dem Stand bis auf #19 gebracht hat. Außerdem teilten sich die Herrschaften den Nightliner mit der Death Doom Metal-Kapelle HAMFERÐ von den Faröern und den finnischen ORANSSI PAZUZU, die sich psychedelischem Black Metal verschrieben haben.
Den Anfang machten um 19.35 Uhr die sechs Jungs von HAMFERÐ im bereits gut gefüllten und mit knapp 800 Besucher:innen ausverkauften Forum. Wobei das so auch nicht stimmt, denn Bassmann Jenus wurde von Victor Brandt (DIMMU BORGIR, ENTOMBED AD, WITCHERY, CEMETARY SKYLINE) ersetzt, da der Fähringer aus mir unbekannten Gründen nicht mit auf Konzertreise gehen konnte. Kollege Brandt hat sich jedoch als würdiger Ersatz erwiesen und gemeinsam hat es die Düstertruppe über 40 Minuten amtlich krachen lassen. Eine Setlist habe ich nicht zu bieten, der hallige Gesang mit Growls-Parts war grundsätzlich auch schwierig zu verstehen, mal ganz davon abgesehen, dass Jón Aldará in seiner Muttersprache performte. Für den atmosphärischen Start sorgte aber wohl der Song „Í hamferð“, bevor der langsame Kopfnicker „Marrusorg“ emotional, ja fast schon verträumt übernahm. Beide Tracks stammten vom jüngsten und dritten Studio-Output „Men Guðs hond er sterk“, der im März das Licht der Plattenläden erblickt hat. Des Weiteren meine ich „Hon syndrast“ vom 2018er „Támsins likam“ gehört zu haben. Nicht nur diese Nummer wurde vom Auditorium wohlwollend aufgenommen; gleichzeitig zeigte sich der Fronter recht theatralisch, ehe ein kurzes „Thank you, we are HAMFERГ als direkte Interaktion mit dem Publikum reichen musste. Dafür verbreitete „Ábær“ mit viel Schmackes schwermütige Endzeitstimmung, um mit „Hvølja“ ein wahres Inferno anzuzetteln. Und schon war es Zeit für das letzte Lied, bei dem man sich fragte, ob Jón womöglich seine Stimme verloren hatte, denn plötzlich waren keine Vocals mehr zu hören. Tatsächlich lag es aber nur an einem gezogenen Stecker, dass der dämonische Nordmann für einen Moment verstummt war. Benannt haben sich die 2008 gegründeten HAMFERÐ übrigens nach der färöischen Bezeichnung für die geisterhafte Erscheinung eines auf der See verstorbenen Mannes und auch die Texte sind an die Seefahrersagen der Färinger angelehnt.
Schnell den Change-over bewerkstelligen und weiter ging’s um 20.35 Uhr mit ORANSSI PAZUZU. Die hatten allerhand Tasten- und Regler-Equipment aufgefahren und brachten einen deutlich abwechslungsreicheren Sound als ihre Vorgänger zu Gehör. „Bioalkemisti“ empfing die Zuschauerschaft mit Synthie-Stakkatos, krachenden Gitarren-Riffs und bösem Gesang von Juho „Jun-His“ Vanhanen. Den Track hatte der Fünfer seinem sechsten, im Oktober veröffentlichten Album „Muuntautuja“ entnommen. Nach diesem wildes, recht experimentellen Aufgalopp zeigte sich „Kuulen ääniä maan alta“ (2020 auf „Mestarin kynsi“ erschienen) nicht minder speziell. Flirrende Elektronik beherrschte den Sound und dass die allermeisten Gäste der finnischen Sprache nicht mächtig gewesen sein dürften, spielte keine große Rolle, denn der Gesang stellte in den 60 Minuten, in denen die Skandinavier aus Tampere auf der Bühne standen, ehe eine Lautmalerei dar. Der Titeltrack „„Muuntautuja“ legte etwas zurückhaltender los, Toni „Ontto“ Hietamäki bearbeitete an dieser Stelle wie auch schon bei „Kuulen ääniä maan alta“ nicht seinen Stahlsaiter, sondern allerlei Tasten und Regler. Ville „Evil“ Leppilahti, der sich hinter seinen Keys im rechten Eck verschanzt hatte, war auch am Mikro zu hören, während Niko „Ikon“ Lehdontie seine Gitarre gegen ein weiteres Tasteninstrument tauschte. Für das hypnotische, von Drummer Jarkko „Korjak“ Salo mit viel Druck versehene „Uusi teknokratia“ griff die erste Bühnenreihe erneut zur Krachlatte, bevor das Stück nahtlos in „Valotus“ überging. Die durchaus begeisterten Zuschauer:innen erwartete brachialer Lärm, bei dem fast keine Melodie mehr hörbar war, was im Anschluss einen Anwesenden zu einem „Ein bisschen lauter bitte!“ motivierte. Die Crowd reagierte mit vereinzeltem Gelächter, an der Lautstärke änderte sich selbstverständlich nichts, weshalb auch der repetitive, basslastige Sound von „Hautatuuli“ in Mark und Bein ging. Nachdem Kollege Lehdontie sich zuvor schon einige Male ordentlich verausgabt hatte, sank Ontto beim fluiden und sehr zwingenden „Vasemman käden hierarkia“ zu Boden. Für das Finale nahmen sich die 2007 gegründeten ORANSSI PAZUZU jede Menge Zeit, Jun-His zog auch gestisch noch mal alle Register, dann war auch dieser ‚Spuk‘ mit einem knappen „Good Night“ schon wieder vorbei.
Setlist ORANSSI PAZUZU
- Bioalkemisti
- Kuulen ääniä maan alta
- Muuntautuja
- Uusi teknokratia
- Valotus
- Hautatuuli
- Vasemman käden hierarkia
Immerhin war es inzwischen auch schon 21.35 Uhr und die Stage musste noch für den Headliner SÓLSTAFIR präpariert werden, wobei die Isländer heuer auf ein Backdrop verzichtet hatten. Um 22.00 Uhr war es dann auch so weit: zu den eröffnenden Klängen von „78 Days In The Desert“ („Köld“ – 2009) nahm der Vierer Aufstellung und groovte sich zunächst ohne Vocals ein. Dass Svavar sich von seinen Rattenzöpfen getrennt hat, ist für mich immer noch ein etwas ungewohnter Anblick, Ari hatte ich bereits in Reykjavik hinter den Fellen erlebt; weshalb Hallgrímur nicht mit von der Partie war, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Nach dem infernalen Getöse von ORANSSI PAZUZU war der SÓLSTAFIR-Sound anfangs ein bisschen leise, dafür aber umso melodiöser und vielseitiger. Auch wenn der Mischer bei „Silfur-Refur“ noch einiges nachjustieren musste, konnte sich die Band mit dem Song vom 2017er „Berdreyminn“ doch schon der ungeteilten Aufmerksamkeit des Auditoriums versichern, was zweifellos auch daran lag, dass der charismatische Aðalbjörn, der die Post-Metal-Combo vor 30 Jahren als Black-Metal-Combo aus der Taufe gehoben hat, von Beginn an auf Tuchfühlung mit den Fans ging. Dank „Blakkrakki“ stand der erste Song des achten Longplayers „Hin Helga Kvöl“ auf der Setlist. Das Stück wurde kräftig mitgeklatscht und ging umgehend in Ohr und Bein, bevor „Svatir sandar“ vom gleichnamigen 2011er Longplayer mit einem langen Instrumental für eine ganz besondere, SÓLSTAFIR-typische Atmosphäre sorgte. Seitdem ich die einmalige isländische Natur ein wenig kennenlernen durfte, scheint mir dieser einzigartige Stil tatsächlich die musikalische Entsprechung der Insel aus Eis und Feuer zu sein. Entsprechend sphärisch übernahmen dann auch die Gänsehaut-Langäxte von „Ljós í stormi“, die schließlich in einem wahren Gitarrengewitter mündeten und zum Tanzen einluden. Das druckvolle „Hun andar“ zählte zu den neuen Liedern und überzeugte mit viel Abwechslungsreichtum, konnte aber erwartungsgemäß nicht an das großartige „Fjara“ heranreichen, das einfach zu den SÓLSTAFIR-Überhits gehört. Hier ließen sich die doch eher zurückhaltenden Ostwestfalen gar zu frenetischem Applaus hinreißen. Dass die neue Langrille überaus gelungen ist, bewies wenig später der energiegeladene Titelsong „Hin Helga Kvöl“, bei dem auch ein Keyboard vom Computer eingespielt wurde, ein Vorgang, den Addi damit erklärte, dass der Keyboarder betrunken sei. Mit dem sehnsuchtsvollen „Ritual of Fire“ vom 2004er „Masterpiece of Bitterness“ ging es weit zurück in der SÓLSTAFIR-Diskografie, Svavar animierte die Fans zum Klatschen und es kam mit der epischen Nummer, die auch noch Fahrt aufnahm, abermals Bewegung ins Publikum. Selbiges durfte dann gemeinsam mit den Isländern natürlich auch „Ótta“ vom gleichnamigen Silberling aus 2014 gehörig abfeiern. Mit diesem Lied sorgen SÓLSTAFIR bei jedem Gig für einen großartigen Höhepunkt und auch in der Pudding-Hauptstadt wurde die Nummer nach allen Regeln der Kunst zelebriert.
Eigentlich wären die vier Musiker jetzt um 23.30 Uhr im Off verschwunden, um dann für eine Zugabe zurückzukommen. Da der Backstagebereich laut Aðalbjörn nur so groß wie eine Telefonzelle war, verzichteten die Herrschaften auf einen temporären Abgang und es folgte umgehend die Bandvorstellung, bei der uns der Fronter u.a. wissen ließ, dass Svavar Austman Traustason fünfmal zum sexiest man Islands gewählt wurde. Die üblichen Zähl- und Schreispielchen durften ebenfalls nicht fehlen, nur ins Getümmel stürzte sich Addi Tryggvason diesmal nicht. Stattdessen schüttelte er am Bühnenrand Hände und machte Handyaufnahmen mit den Geräten einiger Leute, ehe die Show um 23.45 Uhr mit den letzten Klängen vom ikonischen „Goddess of The Ages“ und einigen Verbeugungen endete.
Setlist SÓLSTAFIR
- 78 Days In The Desert
- Silfur-Refur
- Blakkrakki
- Svartir sandar
- Ljós í stormi
- Hún andar
- Fjara
- Hin Helga Kvöl
- Ritual of Fire
- Ótta
- Goddess of the Ages
Es war mir einmal mehr ein Fest, SÓLSTAFIR live zu erleben. Der Mix aus alten und neuen Songs war gelungen, Aðalbjörn fast schon in Plauderlaune und auch die Lichteffekte unterstützten den akustischen Genuss. Zwei Supportbands waren angesichts des nachfolgenden Arbeitstages vielleicht etwas viel bzw. wäre es gut gewesen, die Show bereits um 19.00 Uhr beginnen zu lassen. Aber ich meckere auf hohem Niveau, schließlich habe ich ein großartiges Konzert erlebt und auf dem Rückweg hat’s noch nicht mal mehr geregnet!
Copyright Fotos: Jörg Rambow

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