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SÓLSTAFIR

Ort: Hamburg – Gruenspan

Datum: 17.05.2016

SÓLSTAFIR waren in Hamburg, haben alle Songs ihres 2014er Albums „Ótta“ gespielt und die Lieder neu bearbeitet, so dass auch ein Streich-Quartett und ein Piano mit von der Partie waren. Damit ist doch alles gesagt, oder? Natürlich nicht, denn bei den isländischen Metallern um Sänger und Gitarrist Aðalbjörn Tryggvason darf man in dieser Konstellation von einem hochenergetischen, erinnerungswürdigen Abend ausgehen und den hatten die zahlreichen Besucher der altehrwürdigen Location an der Großen Freiheit 58 wahrhaftig.

Mit einem Intro vom Band nahmen die Musiker pünktlich um 20.00 Uhr ihre Arbeitsplätze für die die kommenden Stunden ein und auch die ersten bewegten Bilder flimmerten bereits über die Leinwand im Hintergrund, ehe mit „Dagmál“ ein wirklich eindrucksvoller Start hingelegt wurde. Umgehend hatten SÓLSTAFIR ihre Fans in ihren Bann gezogen und spätestens als Sæþór Maríus Sæþórsson seinen Sechssaiter gegen ein Banjo tauschte, um „Òtta“ angemessen einzuläuten, gab es im Gruenspan kein Halten mehr. Mit einem allmählichen Aufgalopp ging „Lágnætti“ in die impulsiven Vollen – ganz so wie man es von der 1994 gegründeten Combo kennt und schätzt – jetzt aber eben unter Zuhilfenahme von Streichern und Klavier, wobei an dieser Stelle ganz klar das Schlagwerk die treibende Kraft der sphärisch-druckvollen Klänge war. Während die Stage in blaues Licht getaucht war, bat Aðalbjörn das Auditorium um Ruhe, um die Dramatik, welche mit „Rismál“ einhergeht, weiter zu schüren und tatsächlich gehorchte ihm das Hamburger Metalvolk, unter das sich vergleichsweise viele Frauen gemischt hatten. Das straighte „Miðdegi” animierte in der Folge zum Klatschen und verschaffte den Gastmusikern einen Moment Einhalt, bevor diese ihre Instrumente in den ruhigen Momenten des fordernden „Nón“ wieder ins Spiel brachten. Wie uns der charismatische Sänger wissen ließ, waren die Insulaner vor zehn Jahren zum ersten Mal in Deutschland und „Miðaftann“ ist ein Song, den Bassmann Svavar Austman Traustason backstage in Münster geschrieben hat. Das könnte am 01.03.2013 gewesen sein, an diesem Abend spielten die Herrschaften anlässlich der Record-Release-Party von LONG DISTANCE CALLING in der Sputnikhalle und wie es scheint, hat das alte Münsteraner Industriegemäuer kreative Kräfte freigesetzt, die in Hamburg am Klavier zum Besten gegeben wurden. Der Mann mit den geflochtenen Rattenzöpfen wechselte also vom Stahlsaiter ans Tasteninstrument und gemeinsam servierte die Truppe ein langsames, aber sehr intensives Stück, das vom hochexplosiven „Náttmál“ abgelöst wurde, welches gleichzeitig nach knapp 70 Minuten das Ende der ersten Hälfte markierte.

Während an dieser Stelle noch Bilder der rauen Natur Islands präsentiert wurden, war es in der 15-minütigen Unterbrechung an der Zeit, Ausschnitte aus dem Film „Hrafninn flýgur“ zu zeigen. Der Wikingerfilm von 1984 war der erste isländische Film, der auf der Berlinale gezeigt wurde, hätte für meinen Geschmack aber nicht unbedingt sein müssen. Nun sind Vikings und die nordische Mythologie aber auch nicht unbedingt mein Thema und lange ließen SÓLSTAFIR ja auch nicht auf sich warten. Die Streicher hatten noch eine etwas längere Pause, während der Pianist bereits wieder vor Ort war und gemeinsam das lange Instrumental von „Djákninn“ angestimmt wurde. Diese Nummer stammte vom 2011er „Svartir Sandar“ und entwickelte sich ebenfalls zu einem gewaltigen Kracher, während sich das schrammelige „She Destroys Again“, das 2009 auf „Köld“ erschienen ist, langsam eingroovte und dann mit Schmackes zum Rundumschlag ausholte. Währenddessen hatte der Herr am Klavier seinen Arbeitsplatz verlassen und sich eine E-Gitarre organisiert, wohingegen für Svavar in Stuhl bereit gestellt wurde. Auf dem Programm stand (zum ersten Mal live in Deutschland) „Necrologue” – ein mitreißendes Lied, das sich nach Tryggvasons Bekunden praktisch selbst geschrieben hat. Der traurige Grund war der Selbstmord eines Freundes im Winter 2007 und die Stimmung aus Kummer, Verzweiflung und Wut hat dieser Track wirklich gut eingefangen. Blieben noch drei Highlights, ohne die kein SÓLSTAFIR-Konzert denkbar wäre und für die auch das Streich-Quartett wieder ins diffuse Rampenlicht zurückkehrte: „Svartir Sandar“, „Fjara“ und „Goddess of The Ages“ wurden nach allen Regeln der Kunst abgefeiert und selbstverständlich auch in der gebotenen Ausführlichkeit zelebriert, während auf dem Screen ein letztes Mal visuelles Begleitmaterial zu sehen war. Natürlich ließ sich der Fronter auch dieses Mal ein ausführliches Bad in der Menge nicht nehmen und sah mit seiner Uniformmütze einmal mehr aus wie Herr Kaleun nach wochenlanger Feindfahrt im Atlantik. Wie üblich brachte insbesondere Sæþór Maríus Sæþórsson das alles in keiner Weise aus der Ruhe, aber wie sagte Aðalbjörn? Der Mann ist „the coolest motherfucker from iceland“ und das will ich gern glauben…

Um 22.20 Uhr blieben schließlich nur noch letzte Verbeugungen unter den Stakkato-Akklamationen der Crowd, die ein grandioses Konzert erlebt hatte, dann war der schöne Spuk schon wieder vorbei und ich bin mir noch sicherer: ich muss unbedingt mal nach Island! Vorher freue ich mich jedoch noch einmal auf eine SÓLSTAFIR-Kurzversion beim Rockavaria in München und überhaupt hoffe ich, dass die Kapelle bald auch mit neuem Material in unsere Gefilde zurückkommt.

Setlist
Dagmál
Ótta
Lágnætti
Rismál
Miðdegi
Nón
Miðaftann
Náttmál

Pause mit einem15-minütigen Auszug aus dem isländischen Film „Hrafninn flýgur“ („When The Raven Flies“)

Djákninn
She Destroys Again
Necrologue
Svartir Sandar
Fjara
Goddess of The Ages

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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