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SPAIN – JEFF BEADLE

Ort: Bielefeld - Forum

Datum: 10.03.2015

No country for old men: SPAINs Debütalbum erschien 1995. Bereits damals stand die Platte wie ein Außenseiter mit tiefgreifender emotionaler Störung im Regal mit den Neuveröffentlichungen. Die Alben der damaligen Alternative-Rock-Stars hießen „Throwing Cropper“, „MTV Unplugged“, „Monster“ oder „Dookie“. „The Blue Moods of Spain“ sah dagegen auf den ersten Blick aus wie ein Jazzalbum und erheischte kaum mehr als ein zustimmendes Kritikernicken. Für einige Musikkenner bedeutete die merkwürdig monochrom-langsame Mischung aus Folk, Country, Indierock und Blues allerdings nicht weniger als die Welt. Als „Slowcore“ wurde diese Mischung schon damals häufig bezeichnet – eine Bezeichnung, die alles und nichts aussagt.

Im Laufe der 20-jährigen Bandgeschichte erhielt lediglich der Song „Spiritual“ besondere Aufmerksamkeit: JOHNNY CASH coverte diesen auf RICK RUBINs zweitem American-Recordings-Album. Ansonsten blieb es – abgesehen von mehreren Mitgliederwechseln –insgesamt eher still um die Kalifornier. Als Bassist und Sänger mit vermeintlicher Dauerdepression stellte Josh Haden stets den Nukleus der Band dar und er ist es auch, der für den Großteil der musikalischen Seltsamkeiten verantwortlich ist. Sein zurückhaltend trockener Gesang klingt an den harmonischen Stellen ein wenig nach SEBADOHs LOU BARLOW, an den weniger harmonischen Stellen nach einem depressiven Nachrichtensprecher, der die ganze Welt an seinem gebrochenen Herzen teilhaben lassen möchte.

An diesem frühlingshaften Abend ist das Bielefelder Forum knapp zu zwei Dritteln gefüllt, als der JEFF BEADLE mit seinem soliden, aber unspektakulären Vorprogramm beginnt. Wie heißt es passend rechts neben mir: „Ganz nett, aber irgendwie ist allgemein die Zeit des bärtigen Singer-/ Songwritertums abgelaufen.“ Dem gibt es nicht mehr viel hinzuzufügen, außer, dass der Kanadier stimmlich an eine brummelige Version von MICHAEL STIPE erinnert. Alles schon einmal dagewesen, sowohl besser als auch schlechter.

SPAIN gleiten anschließend sanft und bassgetragen in ihr Set: „Love at First Sight“ ist auch der erste Song des aktuellen Albums „Sargent Place“. Durch die fehlende Orgel hat das Stück noch mehr Leerstellen als bereits in der Studioversion, was der merkwürdig tauben Stimmung zusätzlich Gewicht verleiht. Diese Taubheit bleibt für den Rest des Abends bestehen und wird das Venue selbst bei der romantisch-berührenden Melancholie von „Ten Nights“ oder beim bereits erwähnten „Spiritual“ gegen Ende des Sets nicht mehr verlassen. Kenny Lyon addiert den Stücken an vielen Stellen eine gelegentlich etwas zu selbstverliebte Gitarrenarbeit hinzu. Diese punktuell improvisierte Gniedelei nimmt den Stücken zum Teil ihre ursprüngliche, trockene Sachlichkeit, die den Sound der Band besonders in den frühen Tagen auszeichnete.

Die Stücke des aktuellen Albums stellen zusammen mit den Songs des Debütalbums eindeutig die Höhepunkte des Abends dar. Insofern gelingt Haden der Brückenschlag zwischen damals und jetzt annähernd ohne Bruchstellen. Gelegentlich fehlende Spannungsbögen im Set werden schließlich beim finalen „World of Blue“ vergessen gemacht: monoton, verhalten, eruptiv – ein scharf gezeichnete Spirale in den emotionalen Abgrund. Nach dem Konzert hat sich draußen der zaghafte Frühling wieder verflüchtig und einer eiskalten, sternenklaren Nacht Platz gemacht, aber vielleicht fühlt es sich auch nur so an, weil sich die Gliedmaßen nach der emotionalen Abstinenz wieder langsam mit Blut füllen müssen. Beeindruckend.

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