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SPECTRE vs. AIN SOPH – MMM – NAEVUS – ALBIN JULIUS & FRIENDS

Ort: London – Slimelight/ Elektrowerkz

Datum: 24.11.2007

HINOEUMA THE MALEDICTION (10TH ANNIVERSARY)

Eine 2-Mann Terrorverlag-Abordnung hat sich im tristen November auf den Weg nach London begeben, um dort der Hinoeuma the Malediction 10th year birthday Party beizuwohnen, einer unregelmäßigen Veranstaltungsreihe im Dunstkreis von Industrial Music, Experimental, Dark Folk und Avantgarde, die gegenwärtig eben ihr 10-jähriges Jubiläum zu feiern und sich deshalb mit einer interessanten 2-Tages-Veranstaltung angekündigt hatte. An Tag 1 standen unter anderem SUTCLIFFE JUGEND und PETER SOTOS auf dem Programm, unser Trip in Englands Hauptstadt war allerdings erst für den zweiten Tag vorgesehen. Der ein oder andere Szenegänger scheint ähnliche Pläne gehabt zu haben, denn von den vielleicht 100 Zuschauern, die an diesem Abend das kleine Slimelight bevölkerten, waren vermeintlich etwa die Hälfte deutscher Herkunft. Rechnet man dann noch die weiteren „Touristen“ hinzu, bekommt das Ganze doch einen eher internationalen als einheimischen Charakter. International war auch die Besetzung der heutigen Darbietungen, die sich bis auf eine Ausnahme (NAEVUS) gut als Österreich/ Italien – Connection charakterisieren lässt.

Der heimlichen Hauptattraktion des Abends kam gleich die Eröffnungsehre zuteil. ALBIN JULIUS (wohlgemerkt nicht als DER BLUTHARSCH) hatte mit einigen „Friends“ eine spezielle Performance angekündigt. Eingehüllt in dichten Nebel musizierten hier bis zu sechs Personen, darunter Jörg B. und Marthynna als BLUTHARSCH-Stammkräfte und mit freundlicher Unterstützung von Christine (GRAUMAHD) an der Klarinette sowie John Murphy (Schlagwerk) und Lloyd James (Gitarre, Posaune) von NAEVUS. Albin selbst hatte sich seitlich hinter einem Mischpult postiert, von wo aus er diverse Sounds, Stimmen und Gesang sowie Mundharmonika- und Jagdhorn-Klänge beisteuerte und das Publikum zu Beginn einnordete, ihm nach der Show ruhig einen Drink auszugeben. Gemeinsam erklang eine streckenweise improvisiert wirkende Mischung irgendwo zwischen psychedelischem ProgRock und experimentellem Ambient, die durchaus nicht einfallslos war und auch gefällig mit Applaus quittiert wurde. Durch eine Aktion, bei der sich Albin mit Mikro und Taschenlampe bewaffnet zum Bühnenrand vorwagte (s. Fotos), wurde es auf der Bühne zwischenzeitlich auch noch etwas lebendiger. Das abschließende fünfte Stück, welches offenbar einen gewissen Bekanntheitsgrad hatte, uns aber nicht präsent war, beendete dann kurz darauf auch schon die eingeplante Dreiviertelstunde.

Mit NAEVUS stand nun der einzige „einheimische“ Act auf dem Programm. Die seit 1998 existierende Folk/ Indie Formation aus London konnte mich insbesondere mit dem aktuellen Werk „Silent Life“ (2007 erschienen bei Albins Hau Ruck! Label) in den Bann ziehen, insgesamt handelt es sich hierbei um das 5te Album der Insulaner. Sänger/ Gitarrist Lloyd James sowie Schlagzeuger John Murphy betraten die Bühne somit bereits ein zweites Mal, hinzu kamen Bandgründerin Joanne Owen im Kleid und am Bass sowie ein Kaugummi kauender Greg Ferrari an der elektrischen Klampfe. Mit 2 Titeln des bereits erwähnten Albums stieg man ins Set ein, wobei insbesondere „Castles in Spain“ für Wohlgefallen sorgte. Leider hatten sich die Reihen nun ein wenig gelichtet, dafür wurde aber im Folgenden auf den „Nebel des Grauens“ verzichtet. Im weiteren Verlauf wirkten NAEVUS ein wenig gehemmt/ gelangweilt, vielleicht aber auch nur etwas schüchtern, außer Danksagungen gab es bis kurz vor Ende keinerlei Interaktion mit den Besuchern, die dennoch recht zufrieden schienen. Die Setlist bot einen guten Querschnitt durch die vorhandene Discographie. Neben „Silent Life“ wurde auch der Vorgänger „Perfection is a Process“ mit 3 Songs gewürdigt, dazu kam mit „No, Remember“ ein Track von der „Triumph des Todes“-Compilation und „The Body speaks in Tongues“ entstammte der „Sail away“ 7-inch. Bevor mit den prägnanten Gitarrenläufen vom „Dominic Song“ der Auftritt einen sehr gelungenen Abschluss fand, bedankte sich Lloyd bei Veranstalterin Gaya dafür, dass sie derartige Events in Englands Hauptstadt überhaupt erst ermöglicht. Im Gegensatz zu Deutschland scheint das Fan-Potential in dieser riesigen Metropole doch eher gering zu sein.

Setlist NAEVUS
Spring Summer Railway
Castles in Spain
Like Arms
Clay Hats
South Bank
Hasty Bastard
The Body speaks in Tongues
No, Remember
Don’t boil
Dominic Song

Die nun folgende Formation sollte unsere Nerven auf die harte Probe stellen. Um es mal ganz ehrlich zu formulieren: Mit dem „Ambient Jazz aus dem Irrenhaus“ der Italiener MMM (aka MACELLERIA MOBILE DI MEZZANOTTE = „Die bewegliche Mitternachts-Fleischerei“) konnten wir so gut wie nichts anfangen und von daher verbrachte die Terror-Fraktion die gute halbe Stunde überwiegend auf dem gemütlichen Sofa am anderen Ende des Raumes. Vorne hatten sich dennoch einige Interessierte eingefunden, um den exzentrischen… nun ja „Sänger“ Adriano Vincenti bei der Arbeit zu beobachten. Dieser schmiss mit einem pornographischen Kartenspiel um sich, wandelte im Publikum und flüsterte seine unverständlichen Botschaften in das selbige. Derweil wurde er von 2, manchmal auch 3 Herren unterstützt, die mit Keyboard Sounds und verzerrten Trötenklängen für eine dissonant-abgefahrene Klanglandschaft sorgten. Sicher alles sehr kunstvoll und wichtig, für uns eher ausgemachter Blödsinn am Stück. Es wäre sicherlich auch cleverer gewesen, diese Truppe als Opener auftreten zu lassen, denn mehr und mehr Besucher verabschiedeten sich (warum auch immer, da will ich MMM nicht die Alleinschuld geben) von der Veranstaltung.

Darunter zu leiden hatte natürlich der letzte Künstlerverbund, den ich bewusst nicht als „Headliner“ titulieren möchte, wenngleich es sich bei Sänger/ Gitarrist Marcello Fraioli schon um eine Art Legende handelt. Immerhin steht der Herr in gleicher Funktion den berühmt-berüchtigten AIN SOPH vor, die seit vielen Jahren mit teils doch recht unterschiedlicher Musik für Begeisterung in der Szene sorgen. Heuer präsentierte er sein Nebenprojekt SPECTRE, welches mit „Mantra Voluntatis“ erst vor kurzem eine neue CD (ebenfalls bei und unter Mithilfe von Albin Julius) auf den Tonträgermarkt gebracht hat. Auf dieser befinden sich übrigens auch Cover Versionen von FOCUS, SERGE GAINSBOURG und eben AIN SOPH selbst („Amanti Tristi“). Bevor es mit der Mischung aus Prog Rock, Folk und Pop losgehen konnte, hatten die drei Herren (neben Marcello noch Gian Patrizio, ein Argento Lookalike am Bass, sowie ein Drummer) alle Mühe, ihren Sound vernünftig auf die Anlage einzustellen. Immer wieder kam es zu Beginn zu Rückkopplungen und ehrlich gesagt wusste der geneigte Hörer nicht genau, wann der Soundcheck beendet
und der eigentliche Auftritt eingeläutet war. Sei’s drum, die Musik konnte so oder so durchaus begeistern, leider wohnten nicht mehr als ca. 30 Interessierte der Darbietung bei, darunter auch Herr Julius nebst Jörg B. in bester Stimmung. Hin und wieder gesellten sich einige der „modischen“ Cyber Grufties hinzu, die jetzt mehr und mehr durch den Saal taperten, um im Keller zu angesagtem Elektro abzutanzen. Allerdings war ihnen der Gitarrensound anscheinend zu bodenständig, Kompositionen wie „House of the King“ gehen als stimmungsvoll erdiger Psych-Rock durch. Auch Marcello ging nicht verbal auf die Anwesenden ein, dafür begeisterte der Bassist mit exzentrischem „Mienen“-Spiel. Alles in allem ein schöner und natürlich selten gesehener Abschluss eines gitarren-orientierten 2ten Festivaltags.

Wenn auch die ein oder andere Kleinigkeit (Running Order, Nebel, MMM, Distanziertheit, Zuschauerinteresse) nicht zur vollsten Zufriedenheit ausfiel, kann man den Machern der Hinoeuma-Reihe nur vollsten Respekt zollen, unter diesen Rahmenbedingungen mit hohem persönlichen Einsatz derlei interessante Bandkonstellationen auf die Beine zu stellen. Wegen meiner gerne weitere 10 Jahre und dann auch sicher wieder irgendwann unter den Augen des Terrorverlags, der so gerade noch die letzte U-Bahn des Tages erreichte, um in die sichere Hotel-Heimstatt zurück zu kehren.

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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