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SPIRITUAL FRONT – SEELENTHRON

Ort: Zürich - Werk 21

Datum: 24.06.2006

Fast genau ein halbes Jahr nach meinem letzten unvergesslichen Züricherlebnis mit der ColdMeatIndustry-Rasselbande an Dreikönig rief mich ein weiteres Highlight in unser südliches Nachbarland. Die extravaganten Römer von SPIRITUAL FRONT hatten sich angekündigt und da mir weder das diesjährige WGT vergönnt war, noch die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geniale Kollaboration mit ihren Brüdern, bzw. Schwestern im Geiste von ORDO ROSARIUS EQUILIBIRO am 6. Juno in Leipzig, hatte ich quasi gar keine andere Wahl als der angekündigten „Apocalyptic Folk Nacht“ einen Besuch abzustatten.

Als Opener der Italiener wurde der DIES-NATALIS-Nachfolger SEELENTHON auserkoren und in diesem Zusammenhang tut es mir wirklich Leid, aber… es ging nicht. Das relativ überschaubare Publikum um mich herum war zwar sichtlich angetan von den drei Herren aus Ostdeutschland, aber ihm wird derartig schlimm-schwülstiger Neofolk wohl auch von vornherein gefallen haben. Die beiden Akustikgitarristen, die Sänger Norbert Strahl flankierten, verstanden wohl, ihre Instrumente zu bearbeiten, aber wenn bei einem Neofolk-Liveact die Percussions vom Band kommen, provoziert das schon mal den ersten Minuspunkt auf meiner imaginären Liste. Mir war vorher klar, dass es deutschsprachige Lagerfeuerromantik relativ schwierig hat, bei mir zu landen – wenn sie mir schon auf Konserve nicht gefällt, ist die Chance verschwindend gering, dass sie mich live auf Anhieb überzeugt. (Wobei ich in diesem Zusammenhang auch Gegenbeispiele anführen kann: FORSETI z. B. oder auch UNTO ASHES verwenden live keinen Drumcomputer, sondern einen dekorativen Trommler. Dass hier eine ganz andere, bessere, Atmosphäre entsteht, liegt für mich auf der Hand. Allerdings handelte es sich bei letztgenannten Herrschaften um US-Amerikaner, d. h. die Sprache ist hierbei auch wieder ein nicht zu übersehender Faktor.) Ich überstand drei, vier Lieder und musste dann aber an die frische Luft.

Fakt ist auch: so unglaublich schlecht und schlimm SEELENTHRON für mich war (von den wirklich billigen Lyrics ganz zu schweigen) – so wunderbar, genial und begeisternd war SPIRITUAL FRONT; wie die zwei entgegengesetzten Enden einer beidseitigen offenen Skala. Es fängt schon beim Outfit an: definitiv nicht unattraktive Südländer in schwarze Anzügen und Hemden und mit weißen Krawatten. Sänger Simone „Hellvis“ Salvatori zog nicht nur mich mit seiner lässig-sympathischen Arroganz und den englischen Ansagen mit charmantem italienischen Akzent in seinen Bann. Eröffnet wurde das Set mit „I walk the (Dead)Line“, pur sozusagen, nur mit Piano und der intensiven Stimme Simones. Dann meinen Alltimefave „We could fail again“ von der 2001 erschienenen „Nihilist Cocktails for Calypso Inferno“ in der „Nihilist EP“-Version; mit anderen Worten: zum Dahinschmelzen. Simone war mittlerweile dazu übergegangen, den größten Teil der nun folgenden Tracks mit seiner Akustikgitarre zu begleiten und so wurden zwei weitere Songs des aktuellen Outputs „Armageddon Gigolò“ intoniert. „Autopsy of a Love“ von der Split mit schon genannten ORDO ROSARIUS EQUILIBRIO gab es wieder „nur“ mit Tastenmannbegleitung und wieder rauschten Ameisenkolonnen die Rückgrate der Anwesenden herunter. Alles in allem bestand der Großteil des Sets aus neuen Songs und für ihre unzweifelhafte sofort-überzeugende Qualität steht auch, dass ich mir das neue Silberstück gleich vor Ort zugelegt habe. Einzelne Stücke hervorzuheben wäre überaus müßig. Im Vergleich zur konservierten Musik lässt sich eines sehr gut sagen: live ist SPIRITUAL FRONT eine Gewalt. Wo auf CD noch sachte Matt Howdens Viola säuselt, wird sie auf der Bühne nicht vermisst – im Gegenteil. Die Jazzbesen von Drummer Andrea haben mich vom ersten Takt an gebannt und auch der spärliche Einsatz der E-Gitarre kommt dem Sound nur zugute. Die Lieder klingen roher, intensiver und jedes Wackeln und Krächzen von Simone unterstreicht die Emotionen. Zwischendurch gab es Anekdoten über seinen verstorbenen Großvater („Song for the old Man“) und darüber, wie intim sich Simone denn mit dem armen Andreas Jufer, seines Zeichens der verantwortliche Konzerveranstalter, verstünde. Auch wenn es mit mehr als einem halben Augenzwinkern geäußert war, habe ich persönlich keinerlei Zweifel über Herrn Salvatoris Hedonismus und wie genau er ihn auslebt…

Und wie es so ist, wenn man einen Heidenspaß hat – die Zeit geht viel zu schnell vorbei. Eine Zugabe gab es im eigentlichen Sinne nämlich nicht, denn das wunderbare „No Kisses on the Mouth“ wurde nur deshalb nach dem Wiederbetreten der Bühne gespielt, weil es die charmanten Römer im eigentlichen Set vergessen hatten. Danach war endgültig Schicht im Schacht („no, we really don’t want to play another song“) – zu aller Anwesenden großem Bedauern. Ein wenig Zuversicht in den trüben Alltag zaubert vielleicht die Tatsache, dass es die Römer mit ihren Labelkollegen SAMSAS TRAUM im September durch Deutschland zieht. Nicht nur in diesem Zusammenhang lege ich die Bandhomepage der Nihilisten ans Herz – schon allein das Intro kann sich sehen lassen.

Setlist SEELENTHRON
Intro
Am Morgen
Der Tag
Gestrandet
Lauf der Zeiten
Bild aus der Erinnerung
Heimkehr
Leben
Aufbruch
Einstmals
Nur ein paar Zeilen

Setlist SPIRITUAL FRONT
I walk the (Dead) Line (piano/vox)
We could fail again
Bastard Angel
Cruisin’
Autopsy of a Love (piano/vox)
Jesus died in Las Vegas
Cold Love in a cold Coffin
Song for the old Man
Ragged Bed
Slave
No Kisses on the Mouth

Copyright Fotos: Daniele Cerami

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