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SUNRISE AVENUE – SELIG – LIVINGSTON

Ort: Herford - Rathausplatz

Datum: 05.07.2009

Zum Abschluss der diesjährigen Herforder Sommerbühne hatten die Veranstalter gleich zwei hochkarätige Headliner nach Ostwestfalen geholt. SUNRISE AVENUE und SELIG waren die beiden Zugpferde am Sonntag, der seinem Namen alle Ehre machte. Als wir gegen 17.30 Uhr den Rathausplatz betraten, herrschten noch Temperaturen deutlich jenseits der 20-Grad-Marke und die Sonne machte den Eindruck, als wollte sie noch eine Weile mit aller Macht vom Himmel scheinen. Möglicherweise war es den Herfordern schon zu warm, denn noch war reichlich Platz vor der Bühne, wo ein großes Backdrop die erste Band des Abends ankündigte.

Den Anfang machten um 18 Uhr LIVINGSTON aus London, die inzwischen auch ein zweites Standbein in Berlin haben, was möglicherweise ihrem deutschen Gitarristen Jakob Nebel zu verdanken ist. Die fünf Jungs wurden vom überwiegend sehr jungen, weiblichen Publikum freundlich empfangen und es zeigte sich, dass OWL bei Konzerten nicht immer extrem zurückhaltend sein muss. Der stimmgewaltige Start von „Disease“, zu dem sich alle Protagonisten um Drummer Paolo Serafini versammelten, wurde mit entsprechendem Applaus belohnt und ganz offensichtlich hatten die Anwesenden Spaß am ebenso gefühlvollen wie knackigen Rock des Quintetts, das bereits mit REVOLVERHELD, THOMAS GODOJ und ICH + ICH (letztere waren übrigens bereits am Freitag in Herford, siehe Bericht) gemeinsam auf Tour war. Der barfüßige Sänger Beukes Willemse, der wie Gitarrist und Keyboarder Chris van Niekerk aus Südafrika stammt, hatte als besonderes Bonbon einen Song in seiner Heimatsprache in petto. Das Lied über die Kinder Afrikas wurde von Paolo und Jakob auf zwei Bongos begleitet; zum Schluss gab es sogar noch ein fulminantes Trommelsolo, bevor mit „Broken Silence“ eine Schmusenummer nach 40 Minuten den Auftritt der smarten Jungs beendete, die zweifelsohne jede Menge Schlag bei den Mädels hatten. Im Anschluss wurden noch zahlreiche Autogramme verteilt und Fotos mit neu gewonnenen Fans geschossen, die zudem die eine oder andere Kopie der Akustik-EP „Wide Asleep“ käuflich erwarben. Im Herbst soll übrigens das Debütalbum „Sign Language“ erscheinen.

Ein gelungener Auftakt – nun war allerdings Geduld gefragt, da es wohl irgendwelche technischen Probleme mit den Mikros gab. Nach 55 Minuten ging es jedoch mit SELIG weiter, die im vergangenen Jahr ihre Wiedervereinigung gefeiert und im März mit großem Erfolg ihren Longplayer „Und endlich unendlich“ veröffentlicht haben. Obwohl sich wahrscheinlich eine nicht unerhebliche Anzahl der Zuschauer im Jahr der SELIG-Gründung 1992 noch keine großen Gedanken über Musik gemacht hat, erfuhren die Hamburger durchweg positive Resonanzen. Auch ein Zigarettenverkäufer konnte sich dem krachenden „Hippie-Metal“ (O-Ton SELIG) nicht entziehen und schwang begeistert sein Fähnchen, während Fronter Jan Plewka auf der Bühne wie ein Gummiball umherhüpfte. Auf beiden Seiten des Fotograbens war man bester Laune, Jan klatschte seine Fans in den ersten Reihen ab und berichtete von einem spannenden Wochenende, das SELIG auf Festivals in Bremen und Bonn verbracht hatten. Entsprechend durfte auch das bandeigene Sonntags-Lieblingslied „Glaub mir“ mit seiner bluesigen Note nicht fehlen. Genauso wenig wie die erste Singleauskopplung„Schau schau“ vom aktuellen Album, die mit Begeisterung und Textsicherheit aufgenommen wurde. Daneben gab es einen bunten Strauß alter und neuer Tracks, die häufig mit langen, hochenergetischen Instrumentals einhergingen. Natürlich blieb Herrn Plewka nicht verborgen, dass er in Herford vor einem Auditorium spielte, das zu 90 % weiblich war – ein Umstand, der nicht unbedingt typisch für SELIG-Gigs ist, ihn jedoch bei „Die Besten“ zu einem Singspielchen animierte, bei dem die Frauen gegen die Männer antraten. Dezibeltechnisch lagen beide Gruppen einigermaßen gleich auf und so erwarben alle Anwesenden die Auszeichnung, „die Besten“ zu sein. Nach 65 Minuten, die überwiegend in die Vollen gingen, sollte der Zugabenblock mit dem hochemotionalen „Ohne dich“ beginnen, das allen gebrochenen Herzen gewidmet war. Gitarrist Christian Neander wechselte für die Nummer zeitweilig zur Akustikgitarre und bescherte dem Rathausplatz eine kollektive Gänsehaut, bevor es hieß: „Wir werden uns wiedersehen“! Hier war noch mal Mitsingen angesagt, auch wenn hier und da die Gesangspassagen etwas dünn ausfielen – so ist das wohl bei einem derart hohen Frauenanteil, immerhin blieb das ohrenbetäubende Gekreische aus, das beim TOKIO-HOTEL-Gig an gleicher Stelle vor fast auf den Tag genau drei Jahren durch die Kreisstadt gellte.

Setlist SELIG
Ist es wichtig?
Schau schau
Du siehst gut aus
Sie hat geschrien
?
Glaub mir
Bruderlos
Kleine Schwester
Die alte Zeit zurück
Mädchen auf dem Dach
Die Besten
Arsch einer Göttin
Wenn ich wollte

Ohne dich
Wir werden uns wiedersehen

Außerdem mussten die Mädels ihre Stimmbänder für SUNRISE AVENUE schonen, die 20 Minuten später als letzte Kapelle die Stage enterten. Inzwischen hatte sich der Rathausinnenhof noch ein wenig gefüllt, gut 1.000 Besucher werden es sicher gewesen sein, die sich die Gelegenheit nicht entgehen ließen, sich von den fünf Finnen mit dynamischen Rocksongs und melodiösen Balladen beschallen zu lassen. Das Hauptaugenmerk lag diesbezüglich bei Nummern der im Mai erschienenen zweiten Langrille „Popgasm“, deren Texte sich die Herforder Weiblichkeit zweifelsohne schon in aller Ausführlichkeit zu Gemüte geführt hat. Ansonsten erlagen die Damen innerhalb kürzester Zeit dem Charme der deutschsprachigen Ansagen von Sänger Samu Haber und natürlich der Musik der Skandinavier, die neuerdings live von Keyboarder Osmo Ikonen unterstützt werden. Beim emotionalen „Forever Yours“ vom Erstling „On The Way To Wonderland“ war der Gute dann auch gleich für das elektrische Klaviergeklimper zuständig, während die Fans für den großen Chor sorgten. Mit der kommenden Single „Not Again“ ließen es SUNRISE AVENUE wieder krachen, doch schon „Monk Bay“ sorgte für heftiges Mitklatschen und viel Gefühl. Samu hatte seinen Sechssaiter für diesen Zweck gegen eine akustische Ausgabe vertauscht, die auch bei „Welcome To My Life“ zum Einsatz kam. Streicher- und Pianoklänge sorgten bei diesem Track über die Kapelle und ihr Leben für die nötige Portion Pathos – immerhin wollte die 2002 in Helsinki gegründete Combo bemerkenswerte 102 Produzenten nicht unter ihre Fittiche nehmen. Schließlich hat ein Fan sein Haus verkauft, um die Kohle für die Plattenaufnahme beizusteuern. Inzwischen haben die Jungs mehr als eine Gold- und Platinscheibe zu Hause und 102 Produzenten werden sich ärgern, einst mit dem Kopf geschüttelt zu haben. Dass sie ihren Erfolg auch den Radiostationen zu verdanken haben, bei denen die eingängigen Lieder rauf und runter gespielt werden, haben SUNRISE AVENUE dabei nicht vergessen und als Dankeschön wurde der erste SA-Song, der es ins Radio geschafft hat, ausgiebig abgefeiert. Die Rede ist selbstverständlich von „Fairytale Gone Bad“, zuvor verbreiteten jedoch der Stomper „Birds And Bees“ sowie das fröhliche „Destiny“ gute Laune. Für „Sail Away With Me“ agierte Gitarrist Riku Rajamaa zunächst allein am Bühnenrand bis sich Samu zu ihm gesellte und die beiden gemeinsam ein wenig Wild-West-Feeling aufkommen ließen, was an den Auftakt der Herforder Sommerbühne erinnerte, die am Donnerstag mit THE BOSSHOSS ihren Anfang genommen hatte. Der Sonntag Abend neigte sich hingegen langsam seinem Ende zu. Es dämmerte bereits, wodurch die opulente Lightshow nun auch richtig zur Geltung kam, die beim letzten Stück des regulären Sets die Stage in lilafarbenes Licht und Nebelschwaden tauchte. Zur ersten Zugabe kehrte anfangs nur Drummer Sami Osala zurück, der „Dream Like A Child“ mit Schlagzeuggewittern eröffnete, zu denen Lichtblitze in die aufkommende Dunkelheit schossen, während die Kollegen langsam wieder ihre Arbeitsplätze einnahmen. Es folgte noch eine kurze Bandvorstellung (die Finnen haben alle so unfassbar geile Namen!) und der Hinweis, dass Bassist Raul Ruutu seit Kurzem Präsident des finnischen Sauerkraut-Fanclubs ist, bevor „Nasty“ zum Abschluss alles in Grund und Boden rockte. Um 22 35 Uhr legten SUNRISE AVENUE ihre Instrumente zur Seite, um sich zu einem Band-Outro ausgiebig von ihren restlos begeisterten Fans zu verabschieden.

Für mich wurde es Zeit den Heimweg anzutreten, weshalb ich das Abschiedszeremoniell nicht bis zum Schluss verfolgte. Dem nicht enden wollenden Applaus nach zu urteilen, der mich auf dem Weg zum Auto begleitete, liege ich wohl nicht falsch, dass SUNRISE AVENUE einen gelungenen Abschluss der diesjährigen Herforder Sommerbühne hingelegt haben. Nicht weniger erstklassig präsentierten sich SELIG, die auf den ersten Blick sicherlich eine andere Zielgruppe haben, jedoch auch für beste Stimmung sorgten, während LIVINGSTON ihre Aufgabe als Einheizer souverän meisterten.

Setlist SUNRISE AVENUE
My Girl Is Mine
Rising Sun
The Whole Story
Forever Yours
Not Again
Monk Bay
Diamonds
Welcome To My Life
Birds And Bees
Destiny
Sail Away With Me
Fairytale Gone Bad
Something Sweet

Dream Like A Child
Nasty

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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