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SVEN REGENER (LESUNG)

Ort: Bielefeld – Ringlokschuppen

Datum: 06.05.2011

SVEN REGENER ist nicht nur seit 26 Jahren Kopf, Sänger, Gitarrist und Trompeter der wunderbaren Band ELEMENT OF CRIME, sondern auch Schriftsteller und Drehbuchautor. Sein bekanntestes Buch ist wohl „Herr Lehmann“, das auch sehr erfolgreich mit Christian Ulmen in der Titelrolle verfilmt wurde. Im März erschienen nun die Logbücher „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner“ sowohl in der althergebrachten gedruckten Darreichungsform sowie auch als Hörbuch. Fehlt zur Komplettierung nur noch die Lesereise, auf der sich der gebürtige Bremer mit Wahlheimat in Berlin momentan befindet und die ihn heuer nach Ostwestfalen, genauer gesagt in den Bielefelder Ringlokschuppen, verschlagen hat.

Worum geht’s im neuesten Werk? SVEN REGENER hat über einen Zeitraum von fünf Jahren für verschiedene Internet-Plattformen in unterschiedlichen Blogs zu äußerst facettenreichen Themen Statements abgegeben und sich hierzu der fachkundigen Meinung seines sehr geschätzten Freundes Hamburg-Heiner versichert, der aus der hanseatischen Ferne das Tun des großen Fabulierers und Schwadronierers kommentiert und gelenkt hat.

Einige dieser Logbücher brachte der 50-jährige Regener nun live und in Farbe zum Vortrag – im zweiten Teil sogar mit dem multimedialem Touch einer kleinen Diashow. Zunächst stellte Sven allerdings mit einer Flasche Bier bewaffnet am Lesepult stehend klar, dass es im Anschluss keine Signierstunde gäbe, da er an einer Soziophobie leide. Seit 1980 sei dies eine von der WHO anerkannte Krankheit, was ihm die Sache deutlich erleichtere. Man könnte es auch anders umschreiben: Er hat keinen Bock, sich mit Wildfremden über seine Arbeit und Nettigkeiten austauschen zu müssen und das finde ich auch völlig ok. Für diejenigen, die unbedingt ein signiertes Exemplar ihr eigen nennen wollten, lagen ja auch welche zum Verkauf aus, wie Regener versicherte. Zuvor gab es allerdings den „Zuender.zeit.de-Blog (die Jugendplattform der „Zeit“, was laut Sven aber noch nicht mal die Zielgruppe weiß) in voller Pracht zu hören. Erschienen ist er vom 01. bis 24.12.2005 und thematisiert – wie könnte es anders sein – die Adventszeit eines Rockstars. Dass der dann ausgerechnet darüber nachdachte, in welchem Takt „O Tannenbaum“ eigentlich korrekt gespielt werden muss, ist wenig glamourös, veranlasste Hamburg-Heiner jedoch sogar dazu, 48 Stunden Urlaub zu nehmen, um in Ruhe nach der Lösung zu suchen und amüsierte die Bielefelder köstlich.

Weiter ging’s mit Beobachtungen von der Frankfurter Buchmesse, die der Autor vom 14. bis 18.10.2008 zusammengetragen hat. „Sex auf der Buchmesse“ traf es inhaltlich nicht ganz, aber Sex im Titel ist wichtig, damit der Blog beim Googeln ganz oben erscheint. Statt nackter Tatsachen durften wir beim Packen der Medizintasche und der Suche nach dem Stand der Arno-Schmidt-Gesellschaft – pardon –Stiftung – dabei sein, und wissen jetzt, wie wichtig ein global nicht fehl zu deutender Name ist. DJ BOBO sind nämlich nach eigenem Bekunden unzählige Plattenverkäufe durch die Lappen gegangen, weil er bei der Wahl seines Künstlernamens nicht wusste, dass im asiatischen Raum „Bobo“ eine häufig genutzte Bezeichnung für das weibliche Geschlechtsorgan ist. Und welche Dramen sich abspielen, wenn ein Blogger nicht ins Netz kommt, kann der werte Leser sich ja wohl denken…

Nach einer 25-minütigen Pause versprach der Hauptprotagonist des Abends noch mehr Spannung, die im 2009er Blog „VÖ heißt nicht Vorderes Österreich“ verpackt war. Erschienen im Onlineteil der Wiener Zeitung „Der Standard“, machte sich Regener für das „ß“ und die Aussöhnung zwischen Österreich und Deutschland stark. Zu diesem Zwecke wollte er den Ösis sogar Schleswig-Holstein schenken (aber nur, wenn sie auch die HSH-Bank nähmen) und legte später sogar noch Sachsen obendrauf. Dass Österreich und das nördlichste Bundesland zwischen den beiden Meeren zusammengehören, sieht man ja schon an dem Umstand, dass Sissi als sie 1898 in Genf umgebracht wurde, in dem gleichen Hotel wohnte, in dem sich der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, 89 Jahre später das Leben nahm. Natürlich konnten diese Versuche, die Schlacht von Königgrätz vergessen zu machen, nicht unentdeckt bleiben, weshalb sich später sogar das Auswärtige Amt an Hamburg-Heiner gewandt hat und SVEN REGENER für sein Land in die „Geopolitik“ ging. Was es damit auf sich hatte? Der Buchstabenjongleur brachte den Alpenländlern deutsche Großstädte per Blog näher, indem er ihnen die wichtigsten Stichpunkte nannte. Beispiel Köln: „1/3 der Erwerbsbevölkerung beschäftigt sich mit der Herstellung von Kölnisch Wasser, 1/3 spielt in Kölsch-Rock-Bands, 1/3 bereitet den Karneval vor.“.

Mit diesen sehr unterhaltsamen Spezifizierungen regionaler Eigenheiten endete das Programm schließlich um 22.10 Uhr, aber glücklicherweise hatte Sven damit gerechnet, dass es Zugabewünsche geben könnte und noch etwas vorbereitet. Denn auch OWL und Bielefeld finden in de Logbüchern Erwähnung und so schloss der Abend mit einer Lobhudelei auf den schönen Flecken „Ostwestfalen, mon amour!“ und einem Foto vom „schönen, lieben Ostwestfalen“ (Ringlokschuppen-Veranstalter Marc Hülsewede mit dem ca. halb so großen SVEN REGENER im Arm). Der Herr Schriftsteller hatte zweifelsohne sehr kurzweilige Passagen der Logbücher ausgewählt, die in Kombination mit dem knarzigen Vortrag ihres Schöpfers den etwa 200 Anwesenden einen kurzweiligen Abend bescherten. SVEN REGENER ist auf der Bühne einfach immer ein Gewinn – egal ob er liest, redet, singt oder musiziert.

Copyright Fotos: Holger Ebert

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