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THE BASEBALLS – BOX IN THE ATTIC

Ort: Münster – Jovel

Datum: 17.05.2012

Es war mal eine Band, die wollte am Vatertag ein Open-Air-Konzert in Münster geben. Da hatte die Kapelle mit dem wohlklingenden Namen THE BASEBALLS allerdings die Rechnung ohne den Wettergott gemacht, der sich derart launisch zeigte, dass die Veranstalter sich schließlich entschlossen, den Gig ins trockene und warme Jovel zu verlegen. Dies war bereits im Vorfeld angekündigt worden, aber vielleicht war es nicht bis zu jedem Fan durchgedrungen; auf jeden Fall blieb das hintere Drittel des ehemaligen Autohauses an der Halle Münsterland relativ leer, gute 1.000 Besucher werden es jedoch trotzdem gewesen sein, die von den Voc’N’Rollern Sam, Digger und Basti so richtig was auf die Rockabilly-Mütze bekommen haben.

Bevor es so weit kam, war jedoch im doppelten Sinne zunächst etwas Geduld gefragt. Zum einen gab es – ganz ungewöhnlich für THE BASEBALLS – einen Support, der um kurz vor 20.00 Uhr startete und zum anderen gestaltete sich eben dieser ein wenig anstrengend. BOX IN THE ATTIC hatten zwar ein Heimspiel, aber so richtig wollte ihr Mix aus Funk, Jazz und Soul nicht zur Stimmung des Abends passen. Die Leute waren auf Rockabilly eingestellt und so war mehr als höflicher Applaus für Caro Kuri (Gesang), Bastian Müller (Gitarre), Simon Ranke (Saxophon), Konstantin Hauss und Manuel Bracker (Drums) leider nicht drin. Entsprechend bekamen sie dann auch die meisten Akklamationen für die Ankündigung ihres letzten Songs „Backwards“ – ganz einfach, weil das Publikum nach 45 Minuten Spielzeit mehr als genug hatte. Dabei waren BOX IN THE ATTIC gar nicht schlecht – nur wären sie an diesem Abend auf der Osnabrücker Maiwoche deutlich besser aufgehoben gewesen als im Jovel, wo sie als Einheizer für Fifties Rock’N’Roll definitiv falsch besetzt waren. Die Mucke war einfach zu frickelig und konnte das Auditorium wohl auch deshalb nur sehr begrenzt mitreißen und zum Klatschen und Tanzen animieren. Dabei war Caros Stimme ohne Fehl und Tadel und auch die Herren an den Instrumenten machten einen guten Job – ein jazzaffineres Publikum hätte das sicher auch zu schätzen gewusst.

Aber dieses Genre stand heute nun einmal nicht im Mittelpunkt. Vielmehr warteten insbesondere die jungen Damen mit den roten Herzchen-Luftballons in der ersten Reihe auf die Herren Sam, Digger und Basti, aber auch Daniel, der zum zweiten Mal live für Tomas Svensson hinter der Schießbude saß, hatte ganz offensichtlich bereits das Herz einiger Damen erobert, wie die Namen auf den Ballons verrieten. Und bei den BASEBALLS steht halt Oldschool R’N’R auf dem Programm, den die Jungs allerdings erst so richtig zur Entfaltung bringen, denn in erster Linie spielt Trio an den Mikros gemeinsam mit der vierköpfigen Band bekannte Popsongs, denen sie neue, maßgeschneiderte Rockabilly-Kleider verpasst haben. Entsprechend eröffneten Gitarrist Lars Vegas, Pianist Jan Miserre, Klaas Wendling am Kontrabass und Drummer Daniel mit dem Opener „No Diggity“ von BLACKSTREET gleich ordentlich und auch die drei gut gelaunten Fronter ließen nicht lange auf sich warten, so dass es gleich ein großes „Hello“ (MARTIN SOLVEIG & DRAGONETTE) geben konnte. Mit MEREDITH BROOKS’ „Bitch“ und ROBBIE WILLIAMS „Angels“ legte die Bühnenmannschaft umgehend zwei echte Leckerbissen nach und spätestens an dieser Stelle fraß Münster der Truppe vorbehaltlos aus der Hand. Mit viel Schmackes und dem „ersten westfälischen“ Spielchen, bei dem die Mitsingqualitäten der Zuschauerschaft getestet wurden, schloss sich „Don’t Feel Like Dancin’“ an, bevor „I Do“ zu hysterischem Gekreische im Auditorium führte, ehe es mit „I’m Not A Girl, Not Yet A Woman“ ein wenig ruhiger zur Sache ging und die Hauptprotagonisten für „Torn“ auf Barhockern am Bühnenrand Platz nahmen und für ordentlich Herzschmerz sorgten. Im „Candy Shop“ war Vollgas angesagt und mit ROXETTEs „The Look“ verwandelten die Musiker mittels des nächsten westfälischen Spieles das Jovel in einen Gospelchor, den die Anwesenden mit reichlich Leben füllten und den Song amtlich abfeierten. Oldschool Rock’N’Roll mit viel Klavier hatte „Roll Thru The Night“ auf dem Zettel, während es mit dem Klassiker „Surfin’ Bee“ instrumental und mit feinen Soli, jedoch ohne Sam, Digger und Basti zur Sache ging. Die versammelten beim folgenden „Hard Not To Cry“ (aus ihrer eigenen Feder) die BASEBALLS-Band um ein paar Mikrofonständer, um gemeinsam gehörig zu schmachten, wofür sie mit tosendem Applaus bedacht wurden. Drummer Daniel hielt sich gesanglich derweil zurück, wahrscheinlich sitzen die Texte noch nicht, schließlich stand an seinem Drumkit zumindest für den Fall der Fälle auch noch ein Notenständer mit dem entsprechenden Songmaterial. Dafür machte er aber mit seinen Handtrommeln, die bei „Follow Me“ zum Einsatz kamen eine ganz hervorragende Figur, bevor mit „Let’s Get Loud“ alle wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten und gemeinschaftliches Schnipsen angesagt war, zu dem auch ein wenig Pyro abgebrannt wurde. „Tik Tok“ ging derweil gleich wieder in die Vollen und auch der Herr Trommler ließ sich bei seinem Drum Solo keineswegs lumpen. Das Ganze endete nicht nur mit einem großen Paukenschlag, sondern auch mit sprühenden Funken, auf die gleich das nächste Highlight folgen sollte. Die Rede ist von der Performance zu „Chasing Cars“ (das sowieso schon eine Granate ist). Schönen Traditionen folgend wurde Jan crowdsurfend auf die Reise zu seinem Tasteninstrument geschickt, das auf einem Surfbrett befestigt, auf der anderen Seite der Bühne dem Publikum übergeben wurde. Die Zusammenführung von Mann und Maschine klappte auch bei den Westfalen reibungslos und so konnte Kollege Miserre bereits nach wenigen Sekunden beherzt und von zahlreichen Händen getragen in die Tasten hauen. Für „Hot’N’Cold“ hatten sich die Wahlberliner ein weiteres ihrer regionalen Spielchen einfallen lassen, bei dem insbesondere Digger gefragt war, der zur allgemeinen Erheiterung allerlei Autogeräusche nachzuahmen wusste. Rüdiger Brans aka Digger kommt übrigens gebürtig aus dem benachbarten Rheine und man munkelt, dass er inzwischen seine Zelte in Münster aufgeschlagen hat. Zumindest sprach man vom Bier, das von der Hauseinweihungsparty noch im Kühlschrank stehen müsste. Bei dieser Gelegenheit wären sicher auch die beiden Mädels gern dabei gewesen, die wohl mehr versehentlich die Schaumstoff-Backsteine gefangen hatten und somit auf die Stage beordert wurden, um ein wenig mitzusingen. „A Big Hunk O’Love“ hat im Original übrigens der King ELVIS PRESLEY gesungen und mit dieser Nummer wurde es noch einmal sehr authentisch, wobei auch das gecoverte „I’m Yours“ fantastisch und deutlich besser als die Vorlage war.

Leider endete hier nach 105 Minuten das reguläre Set, das nur so vorbeigeflogen war, aber selbstverständlich gingen THE BASEBALLS in die Verlängerung. Den Anfang machte „Never Ever“ von den ALL STAINTS, für das die Instrumentalfraktion zunächst auf sich gestellt war, da das Triumvirat noch einen Moment brauchte, um sich in frische schwarz-weiß-gemusterte Hemden zu werfen und die Saxofon-Koffer unter den Arm zu klemmen. Natürlich kamen die Blechinstrumente auch zum kongenialen Einsatz. Für „Quit Playing Games“ stand ein großes Bäumchen-Wechsel-Dich an, denn Jan, Lars und Klaas okkupierten die Mikros und überließen Basti, Sam und Digger ihre Instrumente. Alle Beteiligten waren sichtlich mit Freunde bei der Sache und so zählte dieser Track zweifellos zu den Highlights des Abends. Ein weiterer Glanzpunkt hörte auf den Namen „Umbrella“ (diesmal ohne Regenschirme im Publikum, soweit ich dies überblicken konnte) und mit „Born This Way“ legten die BASEBALLS ein derart fettes Finale hin, dass keine Wünsche offen blieben. Ein letztes westfälisches Singspielchen wurde noch mal in aller Ausführlichkeit zelebriert und auch ein imposanter Funkenregen durfte nicht fehlen, bis schließlich nach 130 Minuten der Abschied nicht mehr aufzuschieben war.

Ich habe die BASEBALLS nun bereits mehrfach und auch in relativ kurzen Abständen gesehen, aber das, was die Jungs da auf der Bühne abliefern, ist dermaßen energiegeladen und verbreitet vom ersten Ton an so viel gute Laune, dass ich mich an der Musik und der Show gar nicht satt sehen und hören kann. Diesmal war’s ein bisschen reduzierter, so gab’s nur ein Backdrop, keine Videoeinspieler und auch keinen Cocktailmixer, aber das tat der hervorragenden Stimmung keinen Abbruch. Nur den Support hätte man sich an dieser Stelle getrost sparen können.

Setlist THE BASEBALLS
No Diggity (BLACKSTREET)
Hello (MARTIN SOLVEIG & DRAGONETTE)
Bitch (MEREDITH BROOKS)
Angels (ROBBIE WILLIAMS)
Don’t Feel Like Dancin’ (SCISSOR SISTERS)
I Do (COLBIE CAILLAT)
I’m Not A Girl, Not Yet A Woman (BRITNEY SPEARS)
Torn (NATALIE IMBRUGLIA)
Candy Shop (50 CENT)
The Look (ROXETTE)
Roll Thru The Night
Surfin’ Bee (Instrumental)
Hard Not To Cry
Follow Me (UNCLE CRACKER)
Let’s Get Loud (JENNIFER LOPEZ)
Tik Tok (KESHA)
Drum Solo
Chasing Cars (SNOW PATROL)
Hot N Cold (KATY PERRY)
A Big Hunk O’Love (ELVIS PRESLEY)
I’m Yours (JASON MRAZ)
Outro

Never Ever (ALL SAINTS)
Quit Playing Games (BACKSTREET BOYS)
Umbrella (RIHANNA)
Born This Way (LADY GAGA)

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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