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THE BASEBALLS (ZELT-MUSIK-FESTIVAL 2011)

Ort: Freiburg – Mundenhof

Datum: 16.07.2011

Wem an diesem Wochenende in Freiburg nach Livebeschallung war, hatte gleich zwei herausragende Möglichkeiten: Entweder das zum zehnten Male stattfindende Sea of Love am Tunisee mit dem wirklich wunderbaren Headliner MOBY, aber auch erheblichen logistischen Problemen, die unschöne Erinnerungen an die Love Parade in Duisburg wach riefen, aber glücklicherweise ohne ähnliche Folgen blieb. Oder das deutlich entspanntere Zelt-Musik-Festival, das seine 29. Auflage am Finalwochenende u.a. mit den BASEBALLS aus Berlin feierte. Bei bestem Wetter versammelten sich neben zahlreichen anderen Besuchern des ZMF, die das vielfältige Gratis-Angebot und die zahlreichen lukullischen Versuchungen open-air genossen, gut 2.000 Rockabilly-Fans im großen Zirkusrund, um zwei Stunden Rock’N’Roll at it’s best zu erleben.

Das aufwändige Backdrop kündete bereits davon, dass ein Ausflug in die Fünfziger und Sechziger auf dem Programm stand und passend dazu hatte sich der eine oder andere auch stilecht in Schale geworfen, um mit Digger, Basti, Sam und der vierköpfigen Baseballs-Band ab der ersten Minute steil zu gehen. Um 20.15 Uhr starteten die Jungs, die mit ihren Tollen und Karohemden aussahen, als wären sie direkt aus einem James-Dean-Film ins beschauliche Freiburg gebeamt worden, gleich mit dem knackigen „When Love Takes Over“ für das im Original DAVID GUETTA und KELLY ROWLAND verantwortlich zeichnen. Die Badenser brauchten nicht lange, um in Stimmung zu kommen, weshalb sich das rote Zelt schon bald in einen wahren Hexenkessel verwandelt hatte. Die BASEBALLS bewiesen einmal mehr mit allem Nachdruck, dass es keineswegs langweilig sein muss, wenn Radiohits gecovert werden und das Publikum, dass es erstaunlich textsicher war und reichlich Rhythmusgefühl hatte. Zum Mitklatschen und Singen bekam das bunt gemischte Auditorium denn auch reichlich Gelegenheit und auch getanzt werden durfte fast durchgängig. Zwischendurch wurde es aber auch etwas ruhiger, weil die drei Jungs, die aus Reutlingen (Sam), Rheine (Digger) und Magdeburg (Basti) stammen und sich 2007 in einem abgerockten Berliner Heavy-Metal-Probenbunker getroffen haben, nicht mehr die Jüngsten sind, auch mal eine kleine Pause vom Dauer-Hüftschwung brauchten. Zu diesem Zwecke wurde eine sehr gefühlvolle Version von NATALIE IMBRUGLIAs „Torn“ zum Besten gegeben, bei der auch ein Zuschauerchor nicht fehlte und minimale Mikroprobleme nicht weiter ins Gewicht fielen. Zuvor hatte die groovige BASEBALLS-Fassung des ROBBIE-WILLIAMS-Hits „Angels“ wie eine Granate eingeschlagen. Sogar eine kleine Pause für das Sanges-Trio war hier drin, denn die Fans übernahmen kurzerhand den gesamten Gesang – wie gesagt: Textsicherheit und Rhythmusgefühl sind in Südbaden reichlich vorhanden, davon legte auch das rhythmusbetonte „Follow Me“ (UNCLE KRACKER) Zeugnis ab. Ein weiterer Höhepunkt der Show war zweifellos „Hot’n’Cold“. Nicht nur, weil Basti fotografisch fest hielt, wie die Fans der Band-Aufforderung entsprechend ihre Taschen leerten und den Inhalt zeitgleich in die Luft warfen, sondern in erster Linie, weil die Nummer, an der sich KATY PERRY eine goldene Nase verdient hat, in der Rockabilly-Bearbeitung der Wahl-Berliner ein echter Kracher ist. Mit „Let’s Get Loud“ (JENNIFER LOPEZ) ging’s nahtlos weiter und spielte sich Pianist Jan Miserre, der wie die Kollegen an den Instrumenten ganz in schwarz/weiß gekleidet war in Ekstase, sodass er bald auf seinem Hocker stehend auf die Tasten eindrosch. Beim Vollgas-Instrumental-Intermezzo „Surfin’ Bee“ gönnten sich die drei Rampensäue noch mal einen kleinen Break, verzichteten aber anders als bei anderen Gigs auf neue Klamotten und hauten stattdessen mit ihrer Band ein Liebeslied für die Freiburger raus. Bei „Hard Not To Cry“ blieb nur Tomas Svensson hinter seiner Schießbude, der Rest versammelte sich um die Mikros und performte mehr oder weniger a cappella, wofür er abermals tosenden Applaus gab. Auf die Frage: „Bock auf Sex?“ gab’s vom Auditorium im Folgenden ein unüberhörbares „Ja!“, woraufhin „Sex On Fire“ auf dem Programm stand. Aus der KINGS-OF-LEON-Nummer machten die BASEBALLS einen absolut coolen Schmachter mit blitzschnellen Einlagen, die umgehend ins Bein gingen. Nimmt man den Songtitel zum Maßstab, hätte das knackige „I Don’t Feel Like Dancin’“ schon bei den SCISSOR SISTERS schon nicht die Dancefloors füllen dürfen – keine Frage, dass es da bei den BASEBALLS schon mal gar kein Halten gab! Auch die „Chasing Cars“ von SNOW PATROL hatten die Hauptstädter nach allen Regeln der Kunst aufgetunt. Ehrensache, dass der Stomper auch nach allen Regeln der Kunst abgefeiert und mit reichlich Beifall bedacht wurde. Mit dem grandiosen „I’m Yours“ (JASON MRAZ) kam leider auch schon der letzte Track des regulären Sets, bei dem die Instrumentalfraktion durch mitreißende Soli begeisterte (neben den Herren an Schlagzeug und Piano agierte am Kontrabass Klaas Wendling und am Sechssaiter Lars Vegas). Zu Recht ließen sich die Sieben im Anschluss von ihren Fans noch mal ausgiebig beklatschen und hatten unüberhörbar schon einige Damen an den Rand des Wahnsinns getrieben. Das Gebrüll der Ladies war bereits hysterisch zu nennen und wurde auch nicht besser, als die Jungs zu „Umbrella“ erneut die Stage enterten. Wenn die Frolleins am nächsten Tag nicht komplett heiser waren, dann weiß ich es auch nicht. Auf jeden Fall wurde die RIHANNA-Adaption, mit der THE BASEBALLS ihren Siegeszug begonnen haben, vor und auf der Bühne amtlich abgefeiert. Zu nennen wäre hier zweifellos noch Tomas’ treibendes Drum-Solo, dem bei „Let Me Love You“ allerdings Stagehand Fred die Show stahl, was wohl weniger daran lag, dass er ein paar Zeilen mitsang, sondern eher daran, dass er seinen Oberkörper entblößte, wodurch – wie hätte es anders sein können? – abermals heftige Kreischattacken bei einem gewissen Teil der weiblichen Zuschauerschaft ausgelöst wurden. Dass sich Basti, Digger und Sam nicht nur perfekt in Szene setzen können und fantastische Stimmen haben, ihre Begleitband sich am Mikro jedoch auch hören lassen kann, stellten die Herrschaften bei der Gelegenheit auch gleich klar, indem sie kurzerhand die Plätze tauschten, bevor es mit „Born This Way“ (wie bereits das einnehmende „Paparazzi“ bei LADY GAGA geklaut) die letzten Singspielchen, jede Menge Fußgetrappel und nicht enden wollende Akklamationen gab.

Annähernd zwei Stunden lang haben THE BASEBALLS jede Menge Spielfreude und Musikalität versprüht und es verstanden, ihr Publikum bestens zu unterhalten. Genau so muss Musik sein! Insbesondere, wenn es sie live auf die Ohren gibt! Das Konzept „Bekannter Track im neuen Gewand“ ist natürlich nicht neu: DICK BRAVE alias SASHA hat es im Rockabilly vorgemacht und THE BOSSHOSS haben ursprünglich gestandenen Hits ihren Country-Stempel aufgedrückt, ehe sie immer mehr eigene Stücke ins Repertoire genommen haben und auch damit Konzertsäle füllen und CDs verkaufen. Welche Halbwertszeit Basti, Sam und Digger mit ihrem Konzept haben, wage ich nicht zu prognostizieren; mit beiden BASEBALLS-Platten („Strike“ 2009 und „Strings’n’Stripes“ 2011) sind sie auf jeden Fall bis in die deutschen Top Ten marschiert und dürfen sich immerhin „erfolgreichste deutsche Band im Ausland“ nennen. Und ich bin gern beim nächsten Gig wieder mit von der Partie – selbst wenn ich dafür wieder einige Hundert Kilometer Autobahn fressen muss…

Setlist
Loves Takes Over
Bitch
Paparazzi
Hello
Crazy In Love
Angels
Follow Me
Torn
Candy Shop
Hot’n’Cold
Let’s Get Loud
Surfin’ Bee (Instrumental)
Hard Not To Cry
Sex On Fire
Tik Tok
I Don’t Feel Like Dancin’
Chasing Cars
I’m Yours

Umbrella
Let Me Love You
Born This Way

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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