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THE BOSSHOSS – JOBA

Ort: Osnabrück - Halle Gartlage

Datum: 05.12.2008

Sieht so aus als wäre der Dezember mein persönlicher THE BOSSHOSS-Monat. Im letzten Jahr habe ich die Jungs zu diesem Zeitpunkt in Münster gesehen, 2006 im Osnabrücker Hyde Park und heute beehrten die Spree-Cowboys zum zweiten Mal in diesem Jahr die alterwürdige Halle Gartlage. Im März hatten THE BOSSHOSS bereits vor ausverkauftem Haus gespielt, so dass ganz schnell ein Zusatztermin anberaumt wurde und auch an diesem Abend zeigte sich die Viehauktionshalle gut gefüllt. Offensichtlich sind die Berliner inzwischen eine feste Größe im Rock-Biz, an der man nicht mehr vorbeikommt und die Zeiten, in denen die siebenköpfige Band „nur“ im Countrylook gecovert haben, sind lange vorbei.

Bevor es mit dem Trash Country Punk Rock losgehen sollte, starteten pünktlich um 20.00 Uhr jedoch die Gewinner des MP3.de Newcomer Contests: JOBA aus Köln. Benannt ist das Septett nach dem 23-jährigen Sunnyboy, der für den Gesang und die sechs Saiten zuständig war. Ihm zur Seite standen ein Kontrabass, zahlreiche Percussions, Drums, Keys, eine weitere Gitarre und weitere Trompeten- Shaker- und Mundharmonika-Sounds. In Summe machte das einen sehr groovigen Style, der sich für akustischen Pop sehr rhythmusbetont gab. Zwischendrin gab’s mit „Fly Away With Me” auch mal eine gefühlvolle Ballade, bei der Schlagzeuger Andre Müller eine Pause einlegte und stattdessen das Publikum zum Feuerzeuge schwenken animierte. Wie üblich zeigten sich die Osnabrücker insgesamt recht zurückhaltend, spendeten aber immerhin freundlichen Applaus. Mit „Tequila Baby“ hauten JOBA einen Sommersong raus, der angesichts des regnerischen Schmuddelwetters draußen mit Polkaanklängen Sehnsucht nach warmem Wetter weckte. Nach einem Hinweis auf die Homepage und die käuflich zu erwerbende EP, schloss sich auch schon der letzte flotte Song „Every Little Thing“ an, mit dem die Truppe noch einmal gute Laune verbreitete, bevor sie nach einer knappen halben Stunde wieder abtrat.

Setlist JOBA
Handshake And Apology
I Can’t Get Ya
Fly Away With Me
Tequila Baby
Every Little Thing

So richtig war der Funke ja nicht bei den THE BOSSHOSS-Fans übergesprungen, ganz offensichtlich stand den Leuten der Sinn mehr nach Country Rock, obwohl dieses Mal erstaunlich wenige Cowboys und -Girls im Publikum waren. Vielleicht mag man es in der Hasestadt lieber dezent und verzichtet jenseits der 30 Lenze auf Country-Stuff wie Stetson, Cowboyhemd und –Stiefel und hält sich auch mit überschwänglicher Euphorie vornehm zurück? Wenngleich das krachende BOSSHOSS-Intro im Sixties-Stil um 21.00 Uhr durchaus begeistert aufgenommen wurde. Wenig später enterte auch schon Hoss Power allein mit seiner Akustikgitarre die Stage, legte im Dunkeln los, bevor sein extrem cooler Kollege Boss Burns den Weg auf den Steg vor der eigentlichen Bühne fand. Währenddessen startete eine fette Lightshow, der rote Samtvorhang im Hintergrund fiel und offenbarte den Rest der Band und ein riesiges BH-Backdrop. Der Siebener ließ sich nicht lange bitten und ging mit „Rodeo Radio“ vom gleichnamigen Album aus 2006 gleich in die Vollen. Was folgte war ein mitreißender Ritt durch die THE BOSSHOSS-Discographie, wobei die urbanen Cowboys ein deutliches Gewicht auf eigene Songs legten. Der erste Titel aus fremder Feder war „Polk Salad Annie“, das im Original von ELVIS PRESLEY gesungen wurde, bei dem THE BOSSHOSS aber auch eine einwandfreie Figur machten. Insbesondere Boss Burns, dessen lasziven Bewegungen denen des Kings in nichts nachstanden. Erstaunlicherweise ging er besonders beim kleinen, kugelbäuchigen Hank Williamson, der für Mundharmonika, Banjo und Stylophon zuständig war, oft auf Tuchfühlung – sollten die Herren etwa schwule Tendenzen zeigen? Seit „Brokeback Mountain“ ist das ja auch unter harten Kuhjungen nicht mehr undenkbar und warum auch nicht? Der Show hat’s auf jeden Fall nicht geschadet und natürlich durften auch Standards wie der „Stuhltanz“ mit den tanzenden Barhockern neben dem permanenten Posing nicht fehlen. Nach dem eruptiven Start wurde es mit „Rodeo Queen“ eine Spur ruhiger, wozu das Licht für die romantische Stimmung im eher schmucklosen Nachkriegszweckbau runtergedreht wurde und die Erhöhungen, auf denen sich jeweils Hank, Percussionist Ernesto Escobar de Tijuana und Drummer Frank Doe befanden, rot leuchteten. Zu besonderen Ehren kam „Hot In Herre“ von Hip Hopper NELLY, das in Osnabrück ordentlich abgefeiert und BO DIDDLEY gewidmet wurde. Nachdem Hoss seine Probleme mit dem überschäumenden Bier in seiner Mikrofonständer-Halterung beseitigt hatte, lieferte er sich zunächst ein Gesangsduell mit seinem Kumpel Boss, bevor dieser erst die Graben-Security und dann die Zuschauer in seine Singspielchen einbezog. Zwischendrin wagte er auch mal ein Engtänzchen mit Hank oder hielt seinen Mikro-Ständer als überdimensionale Penisverlängerung hoch. Ja, der Herr mit den schmalen Hüften war in einer sehr anzüglichen Stimmung, was vielleicht noch an der feucht-fröhlichen After-Show-Party vom Vortag lag, die erst um 6.00 Uhr morgens ein Ende fand. Jetzt war aber erst einmal die Zeit für den Unplugged-Teil des Gigs gekommen, zu dem sich alle in der vorderen Hälfte der Bühne versammelten und sich der Samtvorhang wieder schloss. Neben dem traurigen Säuferlied „Drowned In Lake Daniels“ vom 2005er Debüt „Internashville Urban Hymns“ brachte die Meute das druckvolle „Sugarman“ ohne elektrisches Zubehör zum Besten, während die Stage in kühles blaues Licht getaucht war. Als sich zum New-Wave-Klassiker „Ca Plane Pour Moi“ (PLASTIC BERTRAND) der samtene Stoff wieder zur Seite schob, gab es zunächst ein neues Backdrop mit knochigem Schädel und Stetson zu sehen, bevor die Mucke anfangs ein wenig nach Jazz klang. Das legte sich jedoch schnell und schon bald waren THE BOSSHOSS wieder in ihrem rockigen Element, wobei Ernesto zur Melodica griff und ausdauernd gefrickelt und gegniedelt wurde. Auch beim nächsten Track bewegten sich die coolen Jungs ein wenig abseits ihrer üblichen Pfade und brachten bei „ Free Love On A Free Love Free Way“ auch eine gewisse elektronische Note mit ins Spiel. Dazu verließ Ernesto erneut seinen Arbeitsplatz und sorgte mit einem umgehängten roten Keyboard für den besonderen Pfiff dieser Nummer vom letztjährigen „Stallion Battalion“, die ansonsten mit knackigen Drums und krachenden Langäxten gefiel. Im Folgenden war erneut das Auditorium gefordert, denn es galt den Klassiker „Yee Haw“ mit den entsprechenden Rufen zu untermalen, wozu die Halle in der Mitte geteilt wurde. Die Fans machten ihre Sache im vorherrschenden Licht- und Soundgewitter gut, auch wenn die Leute seltsam statisch blieben. Bei „Jumpin’ Around“ drängt sich ja ausgelassenes Hüpfen auf, aber während sich Boss im Kreischen übte, tat sich besonders auf den Rängen nur wenig. Deshalb gab’s beim letzten Song des regulären Sets auch ganz konkrete Anweisungen. Mit „Shake & Shout“ gab es nochmals richtig einen auf die Mütze und kam auch ein weiteres Mal das strange Stylophone zum Einsatz, bevor Hoss die Anwesenden aufforderte in die Knie zu gehen. Was folgte, war natürlich ein Massenspringen, bei dem endlich Bewegung in die Osnabrücker und die zahlenmäßig überlegenden Zugereisten kam. Gegen Ende eines Konzertes scheinen manche Zeitgenossen zu merken, dass nicht mehr viel Zeit für die Party bleibt und geben dann auch endlich mal Gas… Um 22.30 Uhr zeugten die zahlreichen Zugabe-Rufe zumindest davon, dass die Damen und Herren noch nicht genug hatten, so dass zunächst Hoss allein die Lage in der Halle checkte, bis wenig später auch seine Mitstreiter den Titeltrack „Stallion Battalion“ der aktuellen Studioplatte kongenial performten. Vollkommenes Ausrasten war dann endgültig beim MINISTRY-Cover „Jesus Built My Hotrod“ angesagt, wozu Boss abermals zur Flüstertüte griff und auch ein neues Backdrop seinen Platz im Hintergrund gefunden hatte. Neben den Blitzen, die sich auch auf großen Bannern rechts und links der Stage befanden, zierte das riesige Laken ein Pferd. ich nehme mal an, es handelt sich um den namensgebenden Hengst. Der Höhepunkt der Show sollte allerdings noch folgen, denn die OUTCAST-Adaption „Hey Ya“ mit der THE BOSSHOSS im April 2005 ihren Siegeszug angetreten haben, stand noch aus. Was folgte, war eine ultimative Party, bei der das Publikum kräftig mitklatsche, aus vollem Hals sang und auch das Tanzbein schwang. Derweil tummelten sich Boss, Hoss und Gitarrist Russ T. Rocket“auf dem Boden des Steges, irgendwo dazwischen steckte auch noch Hank, der in dem Knäuel aus Jeans und weißen Feinripp-Unterhemden aber nicht mehr zweifelfrei auszumachen war. Damit hätte das Konzert um 22.45 Uhr ausklingen können, aber jetzt waren die Zuschauer heiß und wollten längst noch nicht nach Hause. Deshalb war es an Hoss, den zweiten Zugabenblock allein mit seiner Akustikgitarre (die immer noch das Wort „Thankx“ auf der Rückseite trägt und bei Bedarf einfach als Dankesbekundung Richtung Publikum gedreht wurde) und dem schönen „Mary Marry Me“ zu bestreiten. Für den letzten Beitrag des Abend kamen natürlich wieder alle zurück – Boss hatte sich inzwischen schon seines Hemdes entledigt und präsentierte seinen reich bebilderten Oberkörper – schließlich stand auch noch die Bandvorstellung aus, bei der alle auch noch eine Soloeinlage zu „A Little Less Conversation“ (abermals ein ELVIS-Song) geben durften, wodurch endlich auch Drummer Frank Doe und Kontrabass-Mann Guss Brooks in den Fokus rückten, nachdem sie aufgrund ihrer sperrigen Instrumente den Abend über nicht ganz so präsent wie ihre Kollegen wirkten, aber natürlich wesentlichen Anteil am perfekten THE BOSSHOSS-Sound hatten.

Dass sich das Repertoire der Hauptstädter inzwischen überwiegend aus eigenen Stücken zusammensetzt, zeugt von der musikalischen Weiterentwicklung der Truppe, die einmal mehr eine absolut überzeugende Show abgeliefert haben. THE BOSSHOSS spielen perfekt ihre Rolle des modernen Cowboys mitsamt den dazugehörigen modischen Accessoires und näselndem, breitem Englisch ohne ihr handwerkliches Können unter den Scheffel zu stellen. Das waren zwei absolut unterhaltsame Stunden mit einer beeindruckenden Bühnenshow mit allerhand Raffinessen und ich hoffe, dass ich auch im Dezember 2009 wieder ein Date mit den Jungs habe!

Setlist THE BOSSHOSS
Intro
Anarchy In The UK
Rodeo Radio
Remedy
Polk Salad Annie
Rodeo Queen
I’m On A High
Hot In Herre
Drowned In Lake Daniels
Sugarman
Ca Plane Pour Moi
Free Love On A Free Love Free Way
Yee Haw
Monkey Business
Jumpin’ Around
Shake & Shout

Stallion Battalion
Jesus Built My Hotrod
Hey Ya!
Mary Marry Me
A Little Less Conversation

Copyright Fotos: Dirk Ruchay

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