Konzert Filter

THE BOSSHOSS – MARK BRAGG

Ort: Osnabrück - Hyde Park

Datum: 16.12.2006

Bereits zum dritten Mal sind die Spree-Cowboys Richtung Westen geritten, haben in Osnabrück Station gemacht und heuer hatten fast 1.500 Kuhjungen und -girls ihren Samstagabend-Ausgeh-Stetson mit dem Willen aufgesetzt, ihren Idole ihre Aufwartung zu machen und hatten auf diese Weise den Hyde Park nahezu ausverkauft. THE BOSSHOSS haben den Country in Deutschland mit ihren speziellen Variationen bekannter Hits salo(o)nfahig gemacht, und haben sich und ihre Musik nicht zuletzt auch mit Hilfe des Fernsehens einem breiten Publikum näher gebracht. Auftritte wie bei Tim Mälzers „Schmeckt nicht, gibt’s nicht“ erschließen ganz neue Fanschichten und entsprechend bunt gemischt war auch das Publikum, das zu einem Großteil den Park sonst üblicherweise nicht besuchen dürfte.

Das Septett war nicht allein unterwegs und so absolvierte MARK BRAGG aus Kanada am Fürstenauer Weg seinen letzten Support für die Feinripp-Unterhemden-Models, den er pünktlich um 20.00 Uhr von Nebelschwaden umgeben begann. Mr. Bragg hat im Sommer seinen zweiten Longplayer „Bear Music“ an den Start gebracht, der auch einige Stücke seines 2003er Debüts „The Reckless Kind“ enthält. Den Anfang machte das taufrische und flotte „Bear And The Bared Wire“, das der unscheinbare Mark gemeinsam mit seiner Band bestehend aus Gitarre, Bass, Drums und Keyboards vortrug. Ein Konzertveranstalter hat ihn mal als „BUDDY HOLLY auf Speed“ bezeichnet und so abwegig ist der Vergleich tatsächlich nicht. Irgendwie schien der Herr tatsächlich auf Droge zu sein. Anfangs schien er nur etwas nervös, irgendwie turnte er allerdings während des gesamten Auftritts ein wenig rastlos auf der Bühne herum, kniete auch schon mal auf dem Boden oder erzeugte wie bei „Born Trade“ Geräusche, indem er mit dem Mikro gegen sein rundes Bäuchlein klopfte. Das Publikum quittierte das Geschehen mit höflichem Klatschen, unverkennbar warteten die Leute jedoch gespannt auf den Hauptact. Dabei ist die BRAGG’sche Musik nicht uninteressant. „My Buick“ verband Jazzelemente mit südamerikanischen Rhythmen, bei denen der Keyboarder geradezu entrückt auf seine Tasten einhämmerte. „Amanda Lies“ war ein ruhigeres Stück mit einem schönen Gitarrensolo, bei dem die Stage in rotes Licht getaucht wurde. „Plans For The Boys“ erinnerte an den „Alabama Song“ der DOORS, was in erster Linie am Orgelpart gelegen haben dürfte. Nach einer guten halben Stunde verabschiedete sich das quirlige Stehaufmännchen gemeinsam mit seiner studentisch wirkenden Begleitband von den Osnabrückern. die freundlich Beifall klatschen, aber auf eine Zugabe verzichteten, vielleicht ahnten oder wussten sie auch, dass der Abend noch lang und schweißtreibend werden würde.

Eine kleine, etwa 30minütige Verschnaufpause folgte, dann hieß es den Cowboyhut in den Nacken geschoben und dem Treiben auf der noch dunklen Bühne folgen. Aus den Boxen erklang das „The Real BOSSHOSS“-Intro und während das riesige Backdrop und die beiden Kuhschädel rechts und links der Schießbude noch von Finsternis umgeben waren, enterten die Jungs aus Berlin/ Mississippi unter tosendem Applaus die Stage. Den musikalischen Anfang machte die brandaktuelle Singleauskopplung „Rodeo Radio“ von der gleichnamigen VÖ, die vor etwa einem halben Jahr erschienen ist und anders als das Erstlingswerk aus dem letzten Jahr neben den kongenialen Coverversionen auch selbstgeschriebene Stücke wie das eben Angesprochene enthält. Die glorreichen Sieben waren sämtlichst mit den obligatorischen, Jeans, weißen Feinripp-Unterhemden, Cowboystiefeln und Lederjacken angetan, der ein oder andere bestach zusätzlich noch mit einer coolen Sonnenbrille und so wurde im Country-Trash-Punk-Rock-Style zu Kehre gegangen, dass es nur so eine Freude war. Hoss Power an der Gitarre und am Gesang sowie Sänger Boss Burns zeigten eindrucksvoll, dass Stuhltanz nicht unbedingt im Altersheim beheimatet ist und das man(n) auch sehr, sehr cool auf einem Barhocker sitzen kann. Überhaupt sind die rauen Kerle an Coolness kaum zu überbieten. Hank Doodle (Mandoline, Mundharmonika und Waschbrett) saß dermaßen entspannt auf seinem Stuhl am linken Bühnenrand und blies die Mundharmonika zu „Ca Plane Pour Moi“ (im Original ein New Wave-Klassiker des Belgiers PLASTIC BERTRAND aus dem Jahr 1977) als säße er an einem einsamen Lagerfeuer. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt war auch das Publikum Feuer und Flamme und feierte entsprechend „My Favorite Game“ (THE CARDIGANS) ab. Der nächste Song war Hanks Bruder gewidmet, der wohl über ein wenig Drogenerfahrung verfügte. „Toxic“ versprüht eher Langeweile, wenn Skandalsternchen BRITNEY SPEARS zum Mikro greift, wenn diese Testosteron-Bomben gleiches tun, sieht die Sache schon ganz anders aus. Den Herren fressen dabei sowohl die männlichen als auch die weiblichen Zuschauer aus der Hand. Während Boss und Hoss ihre Körper auf den eigens für diesen Zweck vorgesehenen Alukästen zur Schau stellten, kam das Auditorium gern und nahezu vollzählig der Aufforderung zum Mitklatschen nach. Übrigens war die erste Reihe ausschließlich von Damen besetzt, was aber nicht heißt, dass sich die Herren vornehm und dezent im Hintergrund gehalten hätten. Erstens schienen sie in der Überzahl zu sein und zweitens hatten die XY-Chromosomen-Träger den unbedingten Willen, richtig Party zu machen. „I’m On A High“ entstammte wieder der Feder von Hoss Power. Der Song ließ ein wenig Zeit zum Durchatmen, verfügte aber auch über jede Menge Schmiss. Auch für „Rodeo Queen“ zeichnete der Stetsonträger verantwortlich, der der Einfachheit halber auf die Rückseite seiner Gitarre ein „THANX“ geklebt hatte und sich so viele Dankesworte sparen konnte. So sind sie, die schweigsamen Cowboys, die allein die Nächte in der Prärie verbringen, einzig das Lagerfeuer spendet ein wenig Wärme. Und dann fehlt es doch, ein holdes Weib – so entstand auch „Rodeo Queen“, ein richtig fetter Cowpunk-Titel. Mit „Hey Joe“ (JIMMY HENDRIX) ging es recht gemächlich weiter, bis der Song seine endgültige Betriebstemperatur erreicht hatte und Russ T. Nail an der Electric Axe den Bühnenrand okkupierte, um sich dort apart in Szene zu setzen. Mit den genialen Soloeinlagen, die zusätzlich auch noch Guss Brooks am Kontrabass und Ernesto Escobar de Tijuana an Percussions, Melodica und Rattle Snake zu Besten gaben, war dies ein erster Höhepunkt des Abends, der durchgängig auf hohem Niveau zelebriert wurde. Nachdem Boss und Hoss Gelegenheit zur Vorstellung ihrer Bandkollegen genutzt hatten, war die Zeit für einen Lovesong-Block gekommen: „It’s Not Unusual“ (TOM JONES) ließ Wunderkerzen und Feuerzeuge brennen und auch „I Say A Little Prayer“ (DIONNE WARWICK/ ARETHA FRANKLIN) erfreute die Country-Kuschelfraktion. Auch die meisten harten Kerle haben einen weichen Kern – der Rest konnte derweil zur Theke gehen und sich ein neues Kaltgetränk ordern, so wie es der Großteil der Band gehalten hat, irgendwann mussten ja auch die Flüssigkeitsverluste mal ausgeglichen werden.

Die Zuschauer wurden nunmehr vor die Wahl gestellt, ob sie die nächsten paar Stunden weiter Liebeslieder oder doch wieder ein Rock ‚N‘ Roll-Stück hören wollten. Mit der Aufforderung „Make some noise for the boys“ wurden die abgängigen Musiker auf die Bühne zurückgelockt und „Hot Stuff“ (DONNA SUMMER“ in bester Rock ‚N‘ Roll-Tradition intoniert. Gleichzeitig animierte Boss sein williges Publikum zum Mitklatschen und -schreien, nicht ohne seinen längst nur noch mit einem Unterhemd bekleideten Körper geschickt zur Geltung zu bringen. Ein neuerliches Highlight kündigte sich an: Der All-Time-Favourite von THE BOSSHOSS und gleichzeitig ihre erste Platte überhaupt, sollte zu Gehör gebracht werden. Das konnte natürlich nur „Hey Ya!“ (OUTKAST) sein, der Song, mit dem sie neben ihrer Version des Eis-Klassikers „Like Ice In The Sunshine“ bekannt geworden sind. Auf der Bühne brannte die Luft und auch im Publikum gab es kein Halten mehr. Boss, der wie Hoss die meiste Zeit auf einem Barhocker verweilte (was keinesfalls mit statischem Sitzen zu verwechseln ist – diese Art der Nutzung eines Sitzmöbels sucht ihresgleichen und ist nur schwer beschreibbar) vollführte auf den Alukästen eine sexy Tabledance-Nummer und verfügte, dass die Crowd das „Hey Ya!“ zu singen habe, was diese auch nur zu gern in die Tat umsetzte. Auch Ernesto hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl am rechten Bühnenrand, so dass auch er sich eine exponierte Position auf einem Metallquader zu Eigen machte. Im Folgenden hatte Hank ein ganz besonderes Instrument in petto, dessen Funktionsweise er auch bereitwillig dem Publikum erklärte und welches erstaunlich elektronische Geräusche von sich gab. Gemeinsam mit dem Megaphon, das von Boss verwendet wurde, kam es bei „Jesus Built My Hotrod“ zum Einsatz, ein Titel, der den Electro-Metallern MINISTRY entliehen wurde. Auch bei THE BOSSHOSS ging die Post bei diesem Track ganz gewaltig ab, das Publikum war kaum mehr zu halten, erst als Hank einen Anruf des Bandmanagers erhielt und erklärte „Hoss sei gefeuert und ein neuer Gitarrist müsse her“, kehrte etwas Ruhe ein. Schon bald war Ersatz in einem gewissen Robert gefunden, der auch Hoss‘ Saiteninstrument ein paar Töne entlocken konnte, so dass Mr. Power seinen Barhocker räumte und das Feld dem „Neuen aus dem Volk“ überließ. Da man schon dabei war, holte man auch noch Tourbusfahrer Udo aus dem nahen Lotte-Halen auf die Bühne und gab beiden ein Waschbrett in die Hand. Um dieses deutliche Männerübergewicht ein wenig ins Lot zu bringen, wurden noch zwei Chicks dazu gebeten. Die erste hörte auf den ungewöhnlichen Namen „Kiss Me“, der von Hoss gleich wörtlich genommen wurde. Den Namen „Katja“ der zweiten konnte der Ami nicht aussprechen, aber auch auf „Kate“ hörte der Wirbelwind bestens. So neu aufgestellt, erklang „Hot In Herre“ (NELLY), nicht in der ursprünglichen Hip Hop-Fassung, sondern wesentlich heißer im BOSSHOSS-Gewand. Nun hieß es tapfer sein: Der letzte Song des Abends wurde angekündigt, aber da Busfahrer Udo sich im Vorherigen als Sänger bewährt hatte, kam die Ansage, er sänge noch ein paar Lieder. Vorher ging es mit „Sabotage“ (BEASTIE BOYS) aber noch einmal richtig in die Vollen. Ein wahres Lichtgewitter inklusive weißer Rundumleuchten nahe des Schlagzeuges von Frank Doe entlud sich und sogar Guss, der sich mit seinem voluminösen Kontrabass bislang im hinteren Teil der Veranstaltung aufgehalten hatte, wagte sich nach vorn, um gegen 22.40 Uhr das reguläre Set zu beenden.

Zuschauerschaft und Künstler machten nicht den Eindruck, als könne das schon das Ende gewesen sein. Entsprechend verließen die Herrschaften ihre Fans auch nur für eine Sekunde, um nach wenigen Zugaberufen, die Bitte um Nachschlag zu erfüllen. Den ersten Song des Kürprogrammes widmete man den weitgereisten BOSSHOSS-Freunden, die aus der Schweiz und sogar aus Arizona in die Osnabrücker Kult-Disco- und Konzertstätte gekommen sein sollten. Man versprach den Osnabrückern auch, vielleicht mal einen Song über die Hasestadt zu schreiben, allerdings seien Reime auf „Osnabrück“ im Englischen nur schwer zu finden, deshalb bliebe es einstweilen bei „Berlin, Mississippi“, eine Liebeserklärung an die Heimatstadt der Sieben – natürlich jenseits des großen Teiches. Der Siebener kommt schließlich aus den USA und spricht außer ein paar Brocken Deutsch („Guten Tag“ & „Danke“) nur Englisch. Die nächste Zugabe verlangte ein weiteres Mal die Mitarbeit des Publikums, diesmal nach Geschlecht geteilt, stießen die Anwesenden ein beherztes „Yee Haw“ aus, während Boss noch einmal seine Hüften kreisen ließ.

Es folgte eine weitere, kurze Unterbrechung, die mit einer Westernmelodie untermalt wurde, so dass der ein oder andere bereits das abrupte Ende des Gigs fürchtete. Weit gefehlt! Die Outlaws waren des Spielens noch nicht müde, schickten allerdings zuerst einmal Hoss allein auf die Bühne, de mit „Mary Me“ erneut das Aufblitzen von Feuerzeugen und Wunderkerzen auslöste. Zu ihm gesellten sich im Laufe der Darbietung Ernesto und Russ, und da annähernd 1.500 Kehlen sich die Lunge aus dem Leib schrieen, konnten auch die übrigen Herren Musiker nicht anders als zurück zu kommen und noch „Shake A Leg“ zu performen. Dass Boss sich bereits seines Unterhemdes entledigt hatte und mit bloßem, tätowierten Oberkörper seinen Gästen entgegen trat, dürfte zumindest dem weiblichen Teil sehr gelegen gekommen sein. Die Klackergeräusche von Ernestos Kastagnetten läuteten dann tatsächlich den letzten Song ein. Bis auch der letzte Ton verklungen war, sollte es hingegen noch ein wenig dauern, da „Word Up“ mit einer ausgiebigen Session gefeiert wurde. Hoss hatte sich zu diesem Zweck ein spezielles Saiteninstrument zugelegt, während die übrigen Spree-Cowboys noch mal eine ausgiebige Instrumental-Interpretation des CAMEO-Songs ablieferten. Endlich traute sich auch Frank nach vorn, für den man eigens eine Schlagzeug-Abteilung ins Rampenlicht gerückt hatte. Neben der eigentlichen Trommel versammelten sich die übrigen Bandmember um Mr. Doe und boten ihre Instrumente feil, damit er seiner schlagkräftigen Arbeit nachgehen konnte. Dabei goss man durchaus auch Wasser auf die Drums, so dass selbiges unter Franks Trommelwirbeln in alle Richtungen auseinander stob. Die Begeisterung der Zuschauer kannte keine Grenzen mehr und frenetisch wurden THE BOSSHOSS mit Beifall belohnt, bevor sie sich unwiderruflich von ihren vollends zufriedenen Fans verabschiedeten.

Was für ein Abend! Nahezu 2 1/2 Stunden feinster Countryrock/ Cowpunk der besonderen Sorte von echten Kerlen nonchalant in Szene gesetzt. Diese Musikrichtung ist sicher nicht jedermanns Sache, aber die Umsetzung zeigt mal wieder, dass in jedem Song durchaus Potenzial steckt und die Spielfreude der Unterhemdenträger sucht seinesgleichen. Das war beste Unterhaltung ohne den kleinsten Hänger, Patzer oder sonstigen Makel. Lediglich die Vorband wollte nicht so recht passen, hatte aber auch ihren eigenen Charme.

Setlist MARK BRAGG

Bear And The Barbed Wire
Born Trade
My Buick
The Letter
Amanda Lies
Your Kiss
Which Doctor
Plans for The Boys

Setlist THE BOSSHOSS
Rodeo Radio
Ca Plane Pour Moi
My Favorite Game
Toxic
I’m On A High
Rodeo Queen
Hey Joe
It’s Not Unusual
I Say A Little Prayer
Hot Stuff
HeyYa
Jesus Built My Hotrod
Hot In Herre
Sabotage

Berlin Mississippi
Yee Haw

Mary Me
Shake A Leg
Word Up

Copyright Fotos: Dirk Ruchay

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu MARK BRAGG auf terrorverlag.com

Mehr zu THE BOSSHOSS auf terrorverlag.com