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THE BOSSHOSS – THE PICTUREBOOKS

Ort: Münster – Skaters Palace

Datum: 02.10.2025

THE BOSSHOSS – gegründet 2004 in Berlin – haben Country-Rock in Deutschland neu definiert. Aus einem kleinen Cover-Projekt wurde eine Erfolgsstory mit Millionen verkaufter Tonträger, Gold- und Platinauszeichnungen, Festival-Headliner-Slots und TV-Präsenz bei The Voice of Germany. Ihr Mix aus staubigem Americana, Rock-Power und Berliner Coolness macht sie bis heute einzigartig. 20 Jahre nach der Veröffentlichung ihres Langspiel-Debüts „Internashville Urban Hymns“ haben THE BOSSHOSS ihr zehntes Studioalbum „Back To The Boots“ rausgebracht, das es aus dem Stand bis auf #2 der deutschen Albumcharts geschafft hat. Mit ihrem jüngsten Baby kehren die Spree-Cowboys zu ihren Roots zurück und dazu gehört für Alec Völkel (aka Boss Burns) und Sascha Vollmer (Hoss Power) auch eine Album Release Club Tour. Möglicherweise haben die beiden sich allerdings im Anschluss an das heutige Konzert gefragt, ob die Location eine gute Wahl war. Der Skaters Palace in Münster hat nämlich durchaus Charme, aber durch die baulichen Gegebenheiten wird bei einem – wie heute – ausverkauften Konzert vielen Besucher:innen eine gute Sicht auf das Bühnengeschehen verwehrt. Der guten Stimmung tat dies jedoch an diesem Vorfeiertags-Donnerstag keinen Abbruch und so wurde auch der Support zu früher Stunde um 19:30 Uhr freundlich begrüßt.

Dass es eine Vorband geben würde, ließ bereits das Drumkit erahnen, das am rechten Bühnenrand aufgebaut war und dessen Basstrommel ein großes „THE PICTUREBOOKS“ zierte. Die Band, deren Wurzeln in Gütersloh liegen, ist unlängst zum Ein-Mann-Projekt von Fynn Grabke geworden, weil die zweite Hälfte Philipp Mirtschink nach 15 Jahren seine Drumsticks zur Seite gelegt hat. Der Grund ist nachvollziehbar, denn Philipp ist Vater geworden und möchte sich intensiv um seine Tochter kümmern können, was als Musiker mit ausgedehnten Konzertreisen schwierig ist. Wer das Duo schon mal live gesehen hat, weiß, dass die beiden eine unfassbare Energie auf die Bühne gebracht haben und was in der Zweier-Konstellation schon unglaublich war, kann im Alleingang natürlich auf keinen Fall funktionieren. Deshalb lädt Fynn sich jetzt in wechselnden Besetzungen Musiker ein, mit ihm auf der Stage zu stehen. Für die Tour mit THE BOSSHOSS sind das Tim am Bass und Sam am Schlagzeug, ein guter Freund aus San Diego und ein anderer Freund aus London. Wer sich jetzt fragt, woher er bloß den Namen Grabke kennt: Fynns Vater ist Claus Grabke, der nicht nur 19-maliger deutscher Meister im Skateboarden ist, sondern auch als Musiker und Produzent arbeitet und als gelernter Tontechniker auch heuer im Skaters Palace – den er garantiert bestens kennt – für den guten Ton beim Auftritt seines Sohnes sorgte. Mama Grabke war ebenfalls in the house und bekam mit „Why Mother Why“ sogar ein eigenes Lied kredenzt. Wir wollen mal nicht hoffen, dass der Filius in der Nummer irgendwelche Kindheitstraumata aufgearbeitet hat, denn in dem coolen Song mit jeder Menge Wumms ermordet die Frau Mutter allerhand Männer. Diesbezüglich hatte Fynn irgendwann einen wirren Traum, in dem auch ein Gospelchor vorkam, der dann auch blitzschnell an einem Sonntag für den Track organisiert wurde. Da Grabke jun. inzwischen überwiegend in den USA lebt, gibt es dort zweifellos eine größere Auswahl als hierzulande, sonntags sind die im Regelfall jedoch ziemlich busy und mit dem Text hatten die Damen und Herren wohl am Anfang auch ihre Probleme. In der Westfalen-Metropole gab’s den Gospelchor vom Band, ansonsten wurde live und mit viel Elan gerockt, was das Auditorium auch mit viel Applaus belohnte. Neben dem gelungenen DEPECHE-MODE-Cover von „I Feel You“ sei beispielhaft noch „Artificial Tears“ vom gleichnamigen zweiten Album aus 2010 genannt. Das Stück brachte direkt die Köpfe zum Nicken und ging sogleich auch ins Bein, bevor es „The Rabbit And The Wolf“ vom 2014er „Imaginary Horse“ amtlich krachen ließ. Vom gleichen Longplayer stammte auch das finale „Your Kisses Burn Like Fire“, das etwas langsamer daherkam, aber ebenfalls rockte wie die Sau. Es kam noch zu gemeinsamen Publikumsgesängen, bevor sich THE PICTUREBOOKS nach einer guten halben Stunde vom in Stimmung gebrachten Auditorium verabschiedeten.

Setlist THE PICTUREBOOKS

  • Masquerade
  • I Feel You (DEPECHE-MODE-Cover)
  • Rain
  • Artifical Tears
  • The Rabbit And The Wolf
  • Why Mother Why
  • Your Kisses Burn Like Fire

Nun galt es, die Stage für den Auftritt von THE BOSSHOSS zu präparieren, immerhin mussten die sieben Bandmitglieder mit allerhand Equipment und zusätzlich auch noch die drei Tijuana Wonderbrass (oder wie Alec sagt: die Sexy-Texy-Hexies) Platz finden. Was bei THE BOSSHOSS auf jeden Fall von jeher nicht fehlen darf, sind die Kästen am Bühnenrand, auf denen insbesondere Boss seine durchaus körperbetonten Darbietungen zum Besten gibt. Um 20:30 Uhr wurde es dann auch dunkel im Saal und die Band nahm zum Intro Aufstellung an ihren Arbeitsplätzen für die nächsten 130 Minuten. „On The Road Again“ war passenderweise der erste Song, der performt wurde. Die Nummer stammte ebenso wie das nachfolgende „Lions Den“ vom neuen Album und ganz offensichtlich hatten sich die Fans schon ausgiebig mit der Scheibe beschäftigt und das Material für gut befunden. „Do It“ vom 2013er Platin-Longplayer „Flames of Fame“ wurde ebenfalls abgefeiert und inzwischen hatten sich auch die Wonderbrass am Ort des Geschehens eingefunden und sorgten mit kräftigem Gebläse für eine den letzten Sound-Schliff. Wer hätte gedacht, dass auch Hoss mal ein Skater war? Ist schon ein paar Tage her, immerhin wird der Mann im Dezember auch schon 54 Jahre alt, aber er bezeichnete Claus Grabke als Held seiner Jugend und das Skaten habe ihn auch zur Musik gebracht. Insofern machte das Skaters Palace als Venue sicher Sinn. Hätte man mich gefragt, hätte ich allerdings den Osnabrücker Hyde Park vorgeschlagen, dort waren die Jungs zu Beginn ihrer Karriere auch schon, die Park- und Sichtmöglichkeiten sind zudem eindeutig besser, vielleicht kann man die Kult-Disse am Fürstenauer Weg bei einer eventuellen Fortsetzung der Clubtour ja berücksichtigen. Boss Burns hatte offensichtlich sogar ein wenig ein schlechtes Gewissen, dass so viele Leute nur eine eingeschränkte Sicht auf die Stage hatten und versprach, immer mal wieder auch ganz rechts, praktisch schon abseits der Bühne, aufzulaufen. Dabei beließ er es aber nicht. Seiner Jacke und des Shirts längst entledigt, übte er sich zu „One More Time“ im Stagediven und ließ sich von den Fans einmal bis zum FOH und wieder zurück auf Händen tragen. Zuvor hatten Sascha und Alec gemeinsam ein Bad in der Menge genommen und „Ride It Like a Cowboy“ und „Back To The Boots“ am Mischpult performt. „Ride It Like a Cowboy“ im Alleingang, für den Titeltrack des aktuellen Longplayers war auch die restliche Mannschaft wieder zu ihren Arbeitsplätzen zurückgekehrt. Mit zehn von 20 gespielten Stücken lag der Fokus natürlich ganz klar auf der neuen Platte, doch selbstverständlich wurden auch alte Hits gebührend abgefeiert. So wie „Hey Ya!“ – der ersten Single überhaupt, bei welcher der Perkussionist Tobias „Ernesto Escobar de Tijuana“ Fischer aus dem Bühnenhintergrund in den Vordergrund trat und seinen drahtigen Körper mitsamt Rhythmusinstrument in Bewegung setzte. Dem konnte sich die Zuschauerschaft keinesfalls entziehen und es wurde energisch mitgeklatscht, gesungen und getanzt. Das optische Gegenteil zu Tobi war Malcolm „Hank Williamson“ Arison, der besonders begeisterte, wenn er zur Mundharmonika griff, doch der kleine Kugelblitz machte an diversen Instrumenten eine gute Figur, blieb für mich allerdings aufgrund eines Pfeilers über weite Strecken unsichtbar. „I’ll Be Back“ hieß es wenig später und natürlich gehört dieser ikonische Satz dem Terminator Arnold Scharzenegger, der seine Stimme übrigens auch der Konservenkost geliehen hat. Es ging ordentlich rund im Skaters Palace und Alec Völkel stellte ein ums andere Mal eindrucksvoll unter Beweis, dass er mit seine 53 Jahren keinesfalls zum alten Eisen gehört und immer noch in shape ist. Wenn der Mann wie beim Evergreen „Polk Salad Annie“ Stuhltanz betreibt, hat das wahrlich auch nichts mit dem zu tun, was gemeinhin in Seniorenheimen angeboten wird. Zu meinen Highlights gehörte eine Nummer, die es ein wenig ruhiger angehen ließ, jedoch auch unfassbar cool ist und mit einer tollen Melodie ins Ohr geht. Die Rede ist von „Little Help“ vom „Black Is Beautiful“ aus 2018. Das Lied mit einer schönen Botschaft brachte eine wenig Neo-Soul-Style ins Geschehen und endete mit einer kleinen Akustik-Session. Derweil war ein Titel wie „Dance The Boogie“ („Electric Horseman“ 2023) selbstredend Programm und ging deshalb auch direkt auf die Hüften. Es gibt inzwischen nicht nur ein BOSSHOSS-Bier zu kaufen, bei den Jungs wird seit Jahren zwischendurch ein Underberg gekippt, der in Münster auch mit einigen Fans geteilt wurde, ehe mit dem entspannten „Grill Em All“ die ultimative Barbecue-Hymne angestimmt wurde. In der Folge waren Feuerzeuge und Handy-Lichter gefragt, um dem DOLLY-PARTON-Cover „Jolene“ einen würdigen Rahmen zu verpassen. Keine Frage, dass auch hier kräftig mitgesungen wurde! „Don’t Gimme That“ (2011 auf „Liberty of Action“ veröffentlicht) startete neben einem plötzlichen Geldsegen in Form von THE-BOSSHOSS-Dollars, die als Marketing-Gag ins Publikum geblasen wurden, sowie einer kleinen HipHop-Einlage. Das Stück hat wahrlich über die Jahre nichts an Coolness verloren, was in gleichem Maße für THE BOSSHOSS gilt. Kein Wunder, dass „Dos Bros“ von der gleichnamigen 2015er Langrille den Laden endgültig in einen Hexenkessel verwandelte. An dieser Stelle griff Sascha auch mal zum elektrischen Sechssaiter; überwiegend blieb der sympathische Hauptsongwriter der Kapelle jedoch seinen Akusikklampfen treu und auch das ‚THANX‘ prangt immer noch auf der Rückseite des Sechssaiters, der wahrscheinlich aber nicht mehr derselbe ist wie vor 20 Jahren.

Mit diesem schweißtreibenden Energiebündel verabschiedeten sich die Herrschaften um 22:10 Uhr für einen Moment ins Off, kehrten jedoch mit „My Way“ nicht minder hochtourig zurück. Die drei Bläser Semjon Barias (Trompete), Stefan Kapitzke (Saxofon) und Rob Gutowski (Posaune) hatten ihre großen Sombreros gegen mexikanische Wrestling-Masken getauscht und sorgten für dezenten Grusel, bevor sie bei „German Angst“ mit Trachtenhüten bewaffnet Oktoberfest-Blasmusik offerierten. Es kam, wie es kommen musste: Alec befahl eine große Schunkelrunde! Was die Bayern können, ist für Westfalen ja schließlich ein Klacks! Wer noch nie auf einem Gig von THE BOSSHOSS war, fragte sich womöglich, ob es okay war, dass der oberkörperfreie Drummer Ansgar „Sir Frank Doe“ Freyberg durchs Publikum marschierte und Frauen „einsammelte“. Gibt es womöglich bei den Spree-Cowboys eine Row-Zero-Problematik wie bei RAMMSTEIN? Nein, keine Angst! Die Damen durften mit auf die Bühne und beim finalen „Word Up!“ mitwirken. Auch das hat Tradition und gab den Musikern auch noch einmal Gelegenheit für ein Solo. Sir Frank Doe verlagerte seinen Tätigkeitsbereich sodann auch an den Bühnenrand und beschränkte sich auf eine Trommel, auf deren Felle einige Damen Wasser kippen durften, was für einen klasse Effekt sorgte, wenn er mit seinen Trommelstöcken dafür sorgte, dass die Tropfen auseinanderstoben. André „Guss Brooks“ Neumann, der den Abend über zwischen E- und Kontrabass wechselte, zeigte Ganzkörpereinsatz beim Spielen des großen hölzernen Instruments, indem er sich auf selbiges legte. Alec ließ es sich nicht nehmen, sich dann auch noch auf Guss zu positionieren, da kam Leadgitarrist Stefan „Russ T. Rocket“ Buehler doch einfach davon: er machte einfach konsequent einen guten Job, warf fleißig Plektren in Richtung der Crowd und rückte nur hier und da in den Mittelpunkt, wenn er auch mal auf einem der Kästen in Positur ging. Sascha schnappte sich zum Abschluss noch Hanks Banjo, es war ein großes Gewusel auf der Stage und der Abschluss eines großartigen Konzertes, das um 22:40 Uhr endete. THE BOSSHOSS haben unverkennbar Bock, auch nach 20 Jahren zeigen die Jungs keine Ermüdungserscheinungen, sind dabei glücklicherweise in Würde gealtert und liefern eine Show ab, die einfach Spaß macht und unterstreicht, dass sie schon lange keine bloße Coverband mehr sind, sondern ihr Handwerk verstehen und immer noch mit Herzblut bei der Sache sind.

Setlist THE BOSSHOSS

  • Intro
  • On The Road Again
  • Lions Den
  • Do It
  • Hey Ya!
  • I’ll Be Back
  • Win WIn
  • Polk Salad Annie (TONY-JOE-WHITE-Cover)
  • Little Help
  • Burn Baby Burn
  • Ride It Like a Cowboy
  • Back To The Boots
  • Dance The Boogie
  • One More Time
  • Grill Em All
  • Jolene (DOLLY-PARTON-Cover)
  • Don’t Gimme That
  • Dos Bros
  • My Way
  • German Angst
  • Word Up! (CAMEO-Cover)

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

 

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