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THE DILLINGER ESCAPE PLAN – POISON THE WELL – STOLEN BABIES

Ort: Hamburg - Logo

Datum: 06.03.2008

“Ausverkauft!” klebt an der Eingangstür. „Ausgerechnet im Logo!“ denke ich, in Bezugnahme auf die katastrophale Klimasituation, für die der Schuppen bekannt ist. Aber natürlich freut es mich sehr für die krisengebeutelte Band, die in den letzten Jahren so manche dicke Kröte schlucken musste (Schlagzeuger weg, da COHEED AND CAMBRIA angeklopften, Gitarrist weg, da Hand kaputt. Von den Schicksalsschlägen in den frühen Jahren ganz zu schweigen). Das letzte Mal gesehen hatte ich die Band im Hafenklang und das ist ja auch schon fast 8-9 Jahre her, damals noch mit Dimitri am Mikrofon. Und eins kann ich gleich feststellen: Der Alarm, den die Band auf der Bühne macht, hat sich in den Jahren in keinster Weise verändert. Schon damals blieb keine Brille auf der Nase und das ist heutzutage kein bisschen anders. Für die armen Menschen, die zitternd und ohne Ticket vor dem Logo auf ein Wunder warteten, tat es mir natürlich leid, aber das Logo ist nun mal nicht die Markthalle. Da sollte man seine Eintrittskarte schon frühzeitig sichern. Das letzte Mal sah ich solche Menschenmassen im Logo beim denkwürdigen FAR/ DEFTONES Auftritt oder in jüngerer Vergangenheit beim COHEED AND CAMBRIA/ THRICE Konzert.

Natürlich musste die Gelegenheit genutzt werden, ein Interview mit Sänger Greg Puciato zu führen, deswegen konnte ich leider nicht den Auftritt der STOLEN BABIES miterleben. Die Jungs und Mädchen machen ja eher einen kaputten Sound und sind hauptsächlich dafür bekannt, die eigentliche Band von Dillinger Schlagzeuger Gil Sharone zu sein. Hier müssen die Bilder für sich selbst sprechen. Deswegen steigen wir gleich mit den alten Hardcore-Recken von POISON THE WELL ein.

POISON THE WELL

Die Jungs haben ja auch schon eine bewegte Vergangenheit inklusive Major-Label-Ausflug hinter sich, sind aber jetzt bei Ferret Records unter Vertrag. Nach der EP „Distance only makes the heart grow fonder“ auf Good Life und dem auf Trustkill erschienenen Klassiker “Opposite of December” habe ich die Band aber zunehmend aus den Augen verloren, da mir der Stil-Wechsel hin zu noisigeren Tönen nicht so recht schmeckte. Auch das letzt jährige „Versions“ wurde nach kurzem Hören von mir zur Seite gelegt. Vielleicht sollte ich das ändern, denn das war absolut überzeugend, was die Band an diesem Abend präsentierte. Von der Originalbesetzung sind ja auch nur noch Drummer Chris Hornbrook und Gitarrist Ryan Primack übrig geblieben, wenngleich Sänger Jeffrey Moreira auch schon auf allen Full Lengths gesungen hat. Da ist es natürlich unvermeidlich, dass sich das Songwriting über die Jahre verändert. Trotzdem gehörten sie in meinen Augen, zu den wahren Vorreitern des Metalcore, sprangen aber von dem Zug ab, bevor er überhaupt erst ins Rollen kam. Jedenfalls gibt Moreira den stilgerechten Hardcore-Shouter und brüllt seine Texte griesgrämig ins zunehmend agiler werdende Publikum. „ErstTouraushilfsGitarrist“ und jetzt „KomplettinderBandGitarrist“ Brad Clifford ist eine reine Augenweide, wie er ständig wie ein Berserker durch die Gegend springt und seine extravagante Frisur hin und her schüttelt. Er macht auf jeden Fall jetzt schon den Eindruck, als ob er schon immer in der Band gewesen wäre. Alt-Gitarrist Ryan geht die Sache etwas ruhiger an, wenn auch nur etwas. Schlagzeuger Chris drummt barfuss, das bedeutet gleichzeitig eine 10 cm dicke Hornhaut unter den Füßen, bei den impulsiven Rhythmen, die den Raum durchdringen. Erste Crowdsurfer wurden gesichtet, auch wenn das im Logo eher Deckensurfer sind, da diese ja gleich über dem Kopf beginnt. Gleichzeitig wurden die ersten Rempler durch moshende Zuschauer gesichtet (oder versuchten die Menschen nur von der Theke nach draußen zu kommen, um eine Prise frische Luft einzuatmen?). Die Setlist umfasste Titel von allen Alben, wobei mein persönliches Highlight natürlich „Nerdy“ von der „December“-Scheibe war. Hätte ich nicht erwartet, dass die Jungs doch noch einige Songs der abgeschlossenen Vergangenheit bringen. Gelungener Einheizer und positive Überraschung, der aber nicht auf das folgende kollektive Austicken vorbereiten konnte, welches nun folgen sollte…

THE DILLINGER ESCAPE PLAN

Als wenn der Luftknappheit nicht genug wäre, schmeißen Dillinger erst einmal alle verfügbaren Nebelmaschinen an, die die Bühne in sekundenschnelle verschwinden lassen. Die in den umgebauten Racks eingelassenen Leuchtdioden fangen stroboskopartig zu blitzen an, dass jeder zart besaitete sofort epileptische Anfälle zu befürchten hat. Es brummt und knarrt und schließlich entern die Mannen die Bühne unter großem Gejohle. Schlagzeuger Gil Sharone findet den Weg zum Schlagzeug nicht gleich, nach Einsatz einer Taschenlampe sitzt dieser dann aber doch schließlich an seinem Platz. Dies war schon einmal der „Spinal Tap Moment of the Day“. Noch kicherte ich leise in mich hinein, als der Orkan über meinem Kopf losbrach: Da waren sie, die hammerharten, alles zermarternden Riffs, die einen nur hilflos vor sich hinzucken lassen können. Als wenn ein Schalter umgelegt wurde, war vor der Bühne nur noch ein einziges Knäuel aus Menschen zu beobachten, aus denen sich vereinzelt sogar Stagediver herausschälen konnten. Schreihals Greg Puciato tanzt wie ein Derwisch von einer Ecke zur Anderen der Bühne und hält sehr engen Kontakt mit den Zuschauern. Zwischendurch wird das Mikro in den Pulk gehalten, was natürlich von den sehr textsicheren Fans sofort mit Gesangseinlagen quittiert wird. Dabei hängen die Anhänger, ebenso wie Greg, fast an der Aufhängung der Scheinwerfer, das einem Angst und Bange um Mensch und Material wird. Wenn sich zwischendurch mal der Nebel lüftet, kann man sogar sehen, was für ein Weltklasse-Drummer hier am Werke ist. Die komplexesten Rhythmen und die schnellsten Beats spielt Herr Sharone mit einem wirklich eigenständigen Touch und ohne den Anschein zu erwecken, dass dieses mit Arbeit verwunden wäre. Obendrein umweht eine freundliche und sympathische Aura sein Auftreten (außerdem erinnert er mich ein bisschen an Kramer von „Seinfeld“). Der Rest der Bande agiert ebenfalls wie von der Tarantel gestochen. Während Neuzugang Jeff Tuttle aber öfter über seinen Effektgeräten hängt, zeigt sich das einzig überlebende Gründungsmitglied Ben Weinman von seiner suizidalen Seite und turnt das eine oder andere Mal mit seiner Gitarre ins Publikum. Ansonsten springt er wie bekloppt über die Bühne und legt sich dabei prompt auf die Nase. Kein Wunder, dass er sich vor kurzem erst den Fuß gebrochen hat. Umso verwunderlicher, dass dieser den ganzen Strapazen schon wieder gewachsen ist. So etwas nennt man Einsatz und richtige Liebe zu seiner Musik. Wer so abgeht, macht Musik nicht wegen Geld oder sonst etwas, er macht Musik, weil er muss! Von der Bühnenshow sollten sich andere Bands das eine oder andere abgucken, dann wäre im Publikum auch mehr los. Dieses ist in diesem Falle vielleicht sogar etwas dankbar, wenn TDEP zwischendurch die etwas ruhigeren Songs wie „Milk Lizard“ (inklusive der Trompeten-Samples), „Black Bubblegum“ oder „Setting fire to sleeping giants“ in das Set einstreuen. Die Songs werden vom Publikum genauso enthusiastisch entgegen genommen. Die Refrains erschallen aus allen Kehlen und Greg macht bei den cleanen Parts ebenfalls eine gute Figur. Aber erwartungsgemäß gibt es bei den Klassikern „Sugar Coated Sour“ und „43% Burnt“ den größten Alarm. Dass keine Verletzten zu beklagen sind, grenzt wirklich an ein Wunder. Selbst die weiblichen Fans halten wacker ihre Stellung. Einen Totalausfall gab es aber dann doch zu beklagen: Die Speicherkarte der Kamera hat sich bei dem Klima nach 10 Minuten verabschiedet…

Die Band und ihre Fans sind eine Einheit und gemeinsam haben diese für einen Konzertabend gesorgt, den man nicht so schnell vergessen wird. Und als die Tür vom Logo aufgeht, entweichen Kondenswolken in den Hamburger Nachthimmel, die den am späten Abend flanierenden Passanten Rätsel aufgaben… Wer diese Musik als seelenlosen Krach bezeichnet, liebe Kollegen vom Intro, hat die Band anscheinend nie live erlebt!

Copyright Fotos: Michael Päben

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