Ort: Osnabrück – Lagerhalle
Datum: 21.03.2025
Honey (Schlagzeug & Gesang), Jane (Kontrabass, E-Bass, Saxofon & Gesang) und Ira (Akustikgitarre, Ukulele, Xylofon & Gesang) kennt man in Osnabrück insbesondere von der Maiwoche, wo sie als THE SILVERETTES regelmäßig mit temperamentvollem Rockabilly und ihrem sympathischen Auftreten für Furore sorgen. Nun ist es bis zur Maiwoche noch ein paar Wochen hin, doch die Damen gaben sich heuer im gut gefüllten Saal der Lagerhalle die Ehre, denn es galt, die Veröffentlichung des vierten Albums „The Silverettes Go International“ zu feiern. 14 Songs in 14 Sprachen finden sich auf der Langrille und die Mädels hatten sich sehr zur Freude ihrer Fans vorgenommen, jeden einzelnen Track der Platte zu spielen.
Dass es um kurz nach 20 Uhr zunächst nach Finnland gehen sollte, ließ bereits die finnische Flagge ahnen, die Iras Mikrofonständer zierte. Und in der Tat stand nach einer Ansage aus dem Off, die an entsprechende Durchsagen im Flugzeug erinnerte, mit „Usein Nautin Alkoholia“ ein temporeicher Abstecher in den hohen Norden an. Für „恋 和 焦らず – Koi Wa Aserazu“ aus Japan griff Ira zur Akustikklampfe, bevor für den schwedischen Beitrag „Ford 56“ Falko Burkert die Bühne enterte und beherzt in die Tasten griff. Der Pianist war im Übrigen nicht der einzige Herr, der die liebevoll dekorierte Stage mit den SILVERETTES teilte. Pomez di Lorenzo, Bandgründer, Produzent und Songwriter, betätigte sich am elektronischen Sechssaiter und weitere Gäste beiderlei Geschlechts sollten noch folgen. Drummerin Honey hat vietnamesische Wurzeln, da durfte natürlich auch ein Lied aus diesem Land nicht fehlen. „Loan Mắt Nhung“ hieß die erste ruhige Nummer, für die es natürlich auch eine entsprechende Flagge gab, über die allerdings im Publikum zunächst ein wenig gerätselt wurde. Mit den Stars & Stripes tat sich das Auditorium auch ein wenig schwer, was allerdings wohl mehr mit der aktuellen Regierung als mit dem Wiedererkennungswert der Landesfahne zu tun hatte. Und gegen den King (nicht Trump, sondern ELVIS PRESLEY) kann ja wohl auch niemand etwas haben, weshalb das smoothe „Pocketful of Rainbows“, bei dem rechts und links von der Bühne Seifenblasen in die Luft stiegen, auch gemeinsam abgefeiert wurde. Von den USA nach China ist es nur ein Katzensprung – zumindest an diesem Abend, denn schon fand man sich mit dem rhythmusbetonten „我要开花 – Wǒ Yào Kāihuā“ im Reich der Mitte wieder. Das mitreißende Lied, das ohne Piano auskam, wurde kräftig mitgeklatscht und insbesondere der starke Kontrabass war hier ein Highlight. Wobei der Gig mit Höhepunkten nicht sparte, denn zum russischen „Ах мамочка – Ah Mamutschka“ wurde es ziemlich voll auf der Bühne. Der deutsch-russische Chor KALINKA aus Lingen unterstrich überzeugend, was Ira, deren Muttersprache Russisch ist, zuvor gesagt hatte: Sprache und Herkunft spielen keine Rolle, Musik ist ein verbindendes Gefühl. Auf diese Weise wurde nicht nur der knackige russische Beitrag schwungvoll performt, die zwölf in Trachten gekleideten Frauen, die einen jungen Mann in ihren Reihen hatten, brachten in unterschiedlichen Besetzungen auch zwei facettenreiche Stücke im Alleingang zu Gehör und ernteten für ihren Auftritt tosenden Applaus. Die Rockabellas hatten die Pause derweil genutzt, um ihre T-Shirts und Jeans-Latzhosen gegen Leo-Minikleider zu tauschen. Nun stand die Ukraine auf dem Programm und auch hier war der KALINKA-Chor mit von der Partie. „Там, де нас нема – Tam, De Nas Nema“ ist in der Ukraine ein Hit und auch in der SILVERETTES-Bearbeitung sorgte der muntere Song für Begeisterung und wie schön wäre es, wenn gemeinsames Musizieren die verqueren Machtfantasien mancher Autokraten beenden könnte! „Tequila con Limon“ gibt es nicht nur in Mexiko, auch hierzulande schätzt man das Getränk, von dem es in der Lagerhalle auch ein Tablett voll für Band und Zuschauer gab, während die musikalische Darbietung zum Tanzen einlud. Für „Doll Doll Dolly“ – ein Stück von unserem deutschen Elvis PETER KRAUS – kehrte Falko ans Klavier zurück und an dieser Stelle sei erwähnt, dass der inzwischen 86-jährige auf der Konservenkost „The Silverettes Go International“ ebenfalls zu hören ist. Zweifellos eine große Auszeichnung für die SILVERETTES! Bevor es ins sonnige Italien gehen konnte, mussten noch Instrumente getauscht werden, denn Jane wechselte vom Kontrabass zum Saxofon und Ira verlegte sich vom Sechssaiter auf den Stahlsaiter, doch dann durfte mit dem hochenergetischen „Tintarella Di Luna“ ein weiterer Glanzpunkt abzufeiert werden. Das nachfolgende „Ranchinho Desfeito“ aus Brasilien nahm sich deutlich ruhiger aus, was aber nicht verwunderlich ist, denn das Stück von 1928 folgt der balladesken Samba-Canção -Traditon und kam mit einer minimalen Instrumentierung aus, für die Ira zum Xylofon griff. Für den Abstecher nach Tschechien versicherten sich die Mädels der Hilfe eines zweiten Gitarristen, der auf den Namen Felipe Henrique hörte und tatsächlich sorgte die E-Gitarre neben der ursprünglichen Instrumentierung aus Steh-Drumkit, Kontrabass, A- und E-Gitarre für gehörigen Wumms beim treibenden „Dej Mi Vic Své Lásky“. Das dieser Zustand jedoch noch gesteigert werden konnte, bewiesen die Musiker:innen mit „Ca Plane Pour Moi“ aus Belgien. Die Lagerhalle verwandelte sich in einen Hexenkessel und nachdem das Auditorium derart angefixt war, konnten die SILVERETTES natürlich auch nicht einfach gehen, nur weil die 14 Songs des neuen Silberlings gespielt waren.
Laute „Zugabe“-Rufe holten die SILVERETTES inklusive ihrer männlichen Verstärkung deshalb auch alsbald auf die Stage zurück und nach einer La-Ola-Welle sorgte „Whole Lotta Shakin“ für einen Komplettabriss auf der Bühne. Falko saß zwischenzeitlich nicht mehr auf seinem Klavierhocker, sondern stand darauf und Ira hatte mit ihrer Ukulele bewaffnet, Platz auf Janes Kontrabass genommen. Das doch etwas sperrige Instrument spielte sie wenig später wie eine Gitarre und wechselte für „Get It On“ dann auch zum elektrischen Tieftöner. Im Saal gab es praktisch kein Halten mehr und auch Ira und Jane ließen sich zu einer kleinen Tanzeinlage hinreißen. Nachdem zuvor bereits Falko und Philippe im Off verschwunden waren, bestritten die SILVERETTES das finale „Texas“ auch ohne Pomez. Geboten wurde toller Harmoniegesang mitsamt Iras Ukulele und Pfeifeinlagen von Jane. Um 21.40 Uhr verabschiedeten sich die ‚real Rock’n’Roll Chicks‘ schließlich von ihrer restlos begeisterten Zuschauerschaft, nachdem sie gemeinsam mit ihren Begleitmusikern und dem Auditorium ein Foto gemacht und versprochen hatten, wenig später mit allerlei CDs, Vinyl und Shirts am Merch-Stand zu sein, wo sie auch für weitere Pics zur Verfügung standen.
Das finale Maiwochen-Programm steht zwar noch nicht fest, aber wir gehen erst einmal davon aus, dass THE SILVERETTES wieder dabei sein werden. Den Auftritt sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen und zur Sicherheit auch den Studio-Output kaufen. Die 14 Songs sind wirklich erstklassig und es ist schon beeindruckend, dass sich die Mädels die Texte nicht nur für die Aufnahmen draufgeschafft haben, sondern auch live völlig entspannt Lyrics singen, die sie in Unkenntnis der Sprache schlicht auswendig lernen mussten.
Setlist
- Usein Nautin Alkoholia (Finnland)
- 恋 和 焦らず – Koi Wa Aserazu (Japan)
- Ford 56 (Schweden)
- Loan Mắt Nhung (Vietnam)
- Pocketful of Rainbows (USA)
- 我要开花 – Wǒ Yào Kāihuā (China)
- Ах мамочка – Ah Mamutschka (Russland)
- KALINKA Chor
- KALINKA Chor
- Там, де нас нема – Tam, De Nas Nema (Ukraine)
- Tequila con Limon (Mexiko)
- Doll Doll Dolly (Deutschland)
- Tintarella Di Luna (Italien)
- Ranchinho Desfeito (Brasilien)
- Dej Mi Vic Své Lásky (Tschechien)
- Ca Plane Pour Moi (Belgien)
- Whole Lotta Shakin
- Get It On
- Texas
Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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