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THEES UHLMANN – HONIG

Ort: Münster - Skaters Palace

Datum: 17.03.2012

Gestern noch Heimspiel in der Festhalle in Hemmoor, heute auswärts im Münsteraner Skaters Palace: THEES UHLMANN ist wieder on the road und nach dem Tourauftakt in den Gefilden seiner Jugend beehrte der Mitbegründer des Hamburger Kultlabels Grand Hotel van Cleef an diesem Samstagabend Westfalens Indie-Gemeinde. Sein selbstbetiteltes Solo-Debüt hat inzwischen schon ein paar Monate auf dem Buckel, da jedoch noch nicht die gesamte Republik flächendeckend in den Genuss des Live-Vortrages gekommen ist, hat der Cheffe erneut den Bandbus vollgetankt und in selbigen seine Mitstreiter Julia Hügel (Keys), Markus Perner (Drums), Hubert Steiner (Bass) und die beiden Gitarristen Nikolai Potthoff (mit dem er auch bei TOMTE gemeinsame Sache macht) und Tobias Kuhn verfrachtet. Letztgenannter hatte als Produzent übrigens wesentlichen Anteil an der Studio-Bastelarbeit zur Platte, die es immerhin bis auf Platz 4 der Albumcharts geschafft hat. Ähnlich gut wie der Silberling verkaufen sich auch die Konzerttickets, sodass der Skaters Palace nahezu ausverkauft war – ein ungewohntes Bild für den Herrn, der den Abend pünktlich um 20 Uhr eröffnen sollte.

Stefan HONIG (der heißt wirklich so) ist nämlich nach eigenem Bekunden eher Läden von der Größe des Teilchen und Beschleuniger an der Wolbecker Str. gewohnt und muss sich wohl erst an den Anblick von rund 1.000 Leuten gewöhnen. Außer in Hemmoor und Münster wird er dazu noch in Essen und Aschaffenburg Gelegenheit haben, danach heißt es für den Düsseldorfer Singer-Songwriter erst einmal wieder kleinere Brötchen backen, denn dann ist er wieder auf sich allein gestellt und bereist bis Anfang April noch sechs weitere Städte, um seinen Ende März erscheinenden Longplayer „Empty Orchestra“ zu supporten. Mit ruhigen Liedern mit leichtem Folk-Anschlag wie „Homesick“ oder „Swimming Lessons“ gab es zur Akustikklampfe schon mal einen ersten Eindruck, der allerdings ein wenig von technischen Mängeln getrübt wurde, da bis zum vierten Song „Morning Chorus“ (mit E-Gitarre und Sounds vom Band vorgetragen) die Boxen nur auf halber Kraft liefen und eigentlich nur in den ersten Reihen wirklich etwas zu verstehen war, was auch erklärte, dass nur dort ausgiebig applaudiert wurde. Insbesondere die Ansagen des bärtigen Brillenträgers fielen diesem Unbill zum Opfer, doch mit dem nächsten Track sollte es mit der Beschallung besser werden und das Auditorium durfte u.a. erfahren, dass Herr Honig die Nummer im Kindergarten geschrieben hat. Nun hatten wir es beim kleinen Stefan keineswegs mit einem musikalischen Wunderkind zu tun, nein, der AN-HORSE-Shirt-Träger war bis vor zwei Monaten Kindergärtner und hat während seiner beruflichten Tätigkeit diese Komposition zu Papier gebracht. Für „This Old House“ wechselte HONIG schließlich wieder zu dem Miniatur-Sechssaiter, den er bereits am Anfang geschultert hatte. Im Folgenden war der interaktive Part des Gigs angesagt, denn das Publikum war hier mit einer Gesangseinlage gefragt, die auch leidlich klappte, wenngleich man sagen muss, dass die selbständig ausgeführten Handclaps eindeutig besser geraten waren. Währenddessen geriet der Künstler auf der Stage regelrecht in Wallung und ließ seinen rauen Gesang erklingen, der bei „Brand New Bike“ (ein Musikwunsch, der auf der HONIG-Facebook-Seite gepostet worden war und umgehend erfüllt wurde) einen erstaunlich warmen Klang erhielt. Zu guter Letzt griff der Einzelkämpfer noch einmal zu seiner Elektro-Langaxt und drückte zudem bei seiner Beatbox auf „Play“, um am Ende auch das Instrument zur Seite zu legen und sich auf die Vocals zu konzentrieren. Die Zuschauer zeigten sich angetan und verabschiedeten Stefan HONIG nach 35 Minuten mit reichlich Applaus, nachdem sie zuvor selbst vermittels Akklamation für Takt und Rhythmus gesorgt hatten.

Viel musste für THEES UHLMANN & Band im Anschluss nicht mehr vorbereitet werden. Das große Backdrop mit der Rückansicht des Wahl-Berliners, die auch das Albumcover ziert, prangte bereits im Bühnenhintergrund, die Instrumente waren ebenfalls schon an Ort und Stelle, also schnell noch ein paar Gitarren stimmen, Mikros austauschen, Getränke platzieren und Setlists auf dem Boden festkleben, dann war’s auch schon 21.00 Uhr und Fräulein Hügel schritt zu ihrem Tasteninstrument. Gefolgt wurde sie von Thees, der die Mundharmonika im Anschlag hatte und mit „Römer am Ende Roms“ alsbald für Verzückung im Zuschauerraum sorgte. Zwischenzeitlich war auch der Rest der Truppe an seinen Arbeitsplätzen angekommen und passend zum Stichwort „Arbeitsplatz“ wurde „Das Mädchen von Kasse 2“ nicht nur denjenigen gewidmet, die im Skaters Palace dafür sorgten, dass die Besucher einen entspannten Abend erleben konnten, sondern auch den Schlecker-MitarbeiterInnen, die gerade alles andere als entspannt, nach Thees’ Erfahrungen aber auch nicht immer besonders freundlich sind und gerade die böse Seite der freien Marktwirtschaft erleben. „Vom Delta bis zur Quelle“ war ein erster Höhepunkt, den es nach allen Regeln der Kunst abzufeiern galt, womit die Anwesenden auch gleich bei „Lat: 53.7 Lon: 9.11667“ (für mich heißt der Song allerdings seit ich ihn das erste Mal gehört habe „Hier komm ich her, hier bin ich geboren“ und genauso hat Herr Uhlmann ihn auch angekündigt) weitermachen konnten. Keine Frage, dass Thees angesichts des Song-Themas auch eine Anekdote vom Vorabend in der Heimatgemeinde Hemmoor parat hatte. Dort hat er nämlich nach geschätzten 20 Jahren seinen alten Fußballtrainer wieder getroffen und ihn gefragt, ob er wirklich so ein untalentierter dicker Junge war, wie er sich selbst in Erinnerung hat. Er war es und deshalb wird aus der Fußballerkarriere wohl auch nix mehr. Stattdessen hat’s ja ganz gut mit der Musik geklappt und Fußi geht schließlich passiv auch ziemlich entspannt. „Sommer in der Stadt“ war derweil dem Kollegen OLLI SCHULZ gewidmet, der tags zuvor mit seiner neuen Scheibe „S.O.S. – Save Olli Schulz“ in die Plattenläden gekommen ist. Da er diese annähernd sieben Monate nach Thees’ Erstling veröffentlich hat, beanspruchte der auch den Spruch „Was man in der Jugend sündigt, zahlt das Alter einem heim.“ für seine Selftitled und erzählte und Erlebnissen mit Schulz, die den beiden beim Kaffee trinken auf Neuköllns Straßen widerfahren sind. Ein weiteres Highlight, dessen Refrain eifrig mitgesungen wurde, ehe es auf der Stage recht übersichtlich wurde. Für die TOMTE-Nummer „New York“ (vom 2006er „Buchstaben über der Stadt“) nahmen sich alle Musiker außer Tobias und Thees eine Auszeit, währenddessen der Mann mit dem Hut zur Mundharmonika griff und der Typ in der stets präsenten Lederjacke in die Saiten seiner „Wandergitarre“ griff. Rote Nebelschwaden waberten über die Bühne, die Zuschauer zeigten sich textsicher und begeisterungsfähig – beides nahm beim folgenden Track, zu dem sich wieder die gesamte Mannschaft einfand, sogar noch zu, weshalb „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ lautstark mitgesungen wurde und die prägnanten „Uhs“ gar kein Ende nehmen wollten. Aus mehreren Hundert Kehlen waren diese auch noch zu hören, als die Band eigentlich gar nicht mehr spielte – sich dann aber eines Besseren besann und noch mal ordentlich nachlegte. „Die Nacht war kurz (ich stehe früh auf)“ (erneut mit dem Fronter an der Mundharmonika) war allen gewidmet, die am nächsten Morgen um 8.00 Uhr verkatert auf einem Kinderspielplatz sein würden. Dürfte übrigens eine überschaubare Zahl von Personen sein, wenn ich die Handzeichen zur Abfrage „Wer ist über 35 und hat ein Kind“ zur Grundlage meiner Hochrechnungen mache. Zum druckvollen „17 Worte“ war die Stage derweil in blaues Licht getaucht und hatte sich Thees derart in Schweiß getanzt, dass die geliebte Jacke doch noch fallen musste. Nicht nur „ein Fußball-Team war zu supporten“, auch die DONOTS bekamen eine lobende Strophe vom blonden Nordlicht, das noch einmal ausdrücklich betonte, wie gut seine Laune an diesem Samstagabend war. Deshalb nahm er es auch wohl mit größter Gelassenheit, dass für die nächste Nummer eigentlich ein Kollege fehlte, der zumindest bei der Konserve für den Rap im Mittelteil zuständig ist. Aber CASPER hatte keine Zeit, weil er beim Tätowierer war (O-Ton Thees) und deshalb rapte der Chef selbst bei „& JAY-Z singt uns ein Lied“. Es war wieder einmal einfach nur großartig, den Song live zu erleben und nicht nur das fette Instrumental erntete Begeisterungsstürme. Auch bei Herrn Uhlmann spielten die Emotionen verrückt, weshalb Tobias gleich zwei Küsse erntete, ehe mit dem melancholisch-schönen „Die Toten auf dem Rücksitz“ das reguläre Set nach einer Stunde endete.

Sämtliches Pulver hatte THEES UHLMANN jedoch noch nicht verschossen und so kam er noch einmal mit seiner akustischen Krachlatte zurück und performte allein sein „Das hier ist Fußball“, das er seinem Lieblingsverein, dem FC St. Pauli, zum 100. Geburtstag vor zwei Jahren geschrieben hat. Da es nicht nur die „Weltpokalsiegerbesieger“ sondern auch Preußen Münster nicht leicht haben, wurden die Lokalmatadoren ebenfalls textlich bedacht, bevor es mit „Paris im Herbst“ mit viel Dramatik und Markus Perner am Schifferklavier auf die Zielgerade ging. Damit endete eigentlich die Setlist, aber da die Münsteraner noch nicht genug hatten, die Kapelle jedoch laut ihrem Leader nur eine beschissene Schülerband mit nur wenigen Songs ist, blieb den Protagonisten nur, ihr Heil in der Wiederholung zu suchen. Also gab’s noch mal „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ auf die Ohren. Hätten sie mir noch eine Freude machen wollen, wäre gleich im Anschluss auch „& JAY-Z singt uns ein Lied“ ein zweites Mal gespielt worden, aber um 22.20 Uhr hieß es tatsächlich Abschied nehmen. Nicht unbedingt für lange, denn am 29. März gastieren THEES UHLMANN & Band im benachbarten Osnabrück. Wer also noch nicht genug bekommen hat, kann sich im Rosenhof einen Nachschlag holen. Noch gibt es Karten und selbstverständlich werde ich mir diese Gelegenheit für einen weiteren wunderbaren Konzertabend mit Thees & Konsorten vor der eigenen Haustür schon mal gar nicht entgehen lassen.

Setlist THEES UHLMANN
Römer am Ende Roms
Das Mädchen von Kasse 2
Vom Delta bis zur Quelle
Lat: 53.7 Lon: 9.11667
Sommer in der Stadt
New York (TOMTE-Song)
Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
Die Nacht war kurz (ich stehe früh auf)
17 Worte
& Jay-Z singt uns ein Lied
Die Toten auf dem Rücksitz

Das hier ist Fußball
Paris im Herbst

Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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