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THEES UHLMANN – IMAGINARY CITIES

Ort: Lingen – Alter Schlachthof

Datum: 27.10.2011

Ich glaube, auf dieses Konzert habe ich bereits seit dem 05.06.2011 gewartet. Da habe ich nämlich zum ersten Mal ein paar der neuen Tracks von THEES UHLMANN beim Rock im Park gehört. Kurz vor der Veröffentlichung der ersten Soloplatte des TOMTE-Sängers und GHvC-Mitgründers hatte ich dann noch mal das Live-Vergnügen beim AREA 4 und jetzt stand für mich endlich der erste Gig in voller Länge ins Haus. Das selbstbetitelte Debüt hat’s bis auf Position 4 der Charts geschafft und entsprechend gut verkaufen sich auch die Tickets zur laufenden Tour. Während teilweise bereits ausverkaufte Clubs gemeldet wurden, gab’s im Alten Schlachthof noch ein paar Restkarten an der Abendkasse; am Ende war die Location aber mit nahezu 600 Fans ebenfalls weitgehend ausgebucht.

So durfte auch der Support aus dem fernen Kanada vor vollem Haus spielen und IMAGINARY CITIES legten pünktlich um 20.00 Uhr mit wunderbar beschwingten Sounds los. Die Band aus Winnipeg gibt es seit zwei Jahren, im Frühjahr ist beim Grand Hotel van Cleef der Erstling „Temporary Resident“ erschienen und der Chef hatte es sich nicht nehmen lassen, die Sängerin Marti Sarbit und den Multiinstrumentalisten Rusty Matyas, die nebst Verstärkung am Bass und den Drums angereist waren, während der Keyboarder daheim bleiben musste, in den Tourbus zu holen. Die propere Marti entpuppte sich dabei geradezu als menschlicher Flummy, so ausdauernd wie sie über die Bühne hüpfte, während sie ihre markante Stimme hören ließ. Von der besagten Langrille gab’s u.a. den Song „Say You“, der ein wenig Sixties-Flair verströmte und von Miss Sarbit am Schellenkranz begleitet wurde. Den Track „Bells of Cologne“ hat Rusty geschrieben, nachdem er in Köln (wo er im Juni mit den wunderbaren WEAKERTHANS gastiert hat) offensichtlich einen ziemlichen Kirchenglocken-Flash bekommen hat. Bei der Nummer übernahm er auch den Part des ausgefallenen Tastenmanns und brachte zudem seine Vocals mit ein, wie sich die beiden Herren an den Saiten überhaupt immer mal wieder des Gesangs annahmen. Für die 40 Minuten, die sie zum Einheizen der Emsländer hatten, bewegten sich IMAGINARY CITIES eher in ihrem munteren Repertoire und luden damit durchaus zum Mitklatschen ein. Des Weiteren sorgte die Singleauskopplung „Hummingbird“ gekonnt für gute Laune und auch das finale „That’s Where It’s At, Sam“ gefiel mit coolem Grummeln und viel Groove, bevor es auf die schrammelige Zielgerade ging. Eine gute Wahl, allerdings hätte der Ton ein wenig besser abgemischt sein dürfen.

Für THEES UHLMANN waren um 21.00 Uhr jedoch alle Regler optimal ausgesteuert, auch wenn es auf der Bühne noch zwei kleinere „Pannen“ geben sollte – doch dazu später mehr. Zunächst einmal enterten Keyboarderin Julia Hügel (mit knallrot geschminkten Lippen und einem fast puppenhaften Gesicht, das häufig hinter der langen Mähne versteckt blieb) und der Bandleader die Stage und legten mit „Römer am Ende Roms“ und einer Mundharmonika im Anschlag gleich mit viel Gefühl los. „Das Mädchen von Kasse 2“ war insbesondere den fleißigen Helfern im Schlachthof gewidmet, während „Lat: 53.7 Lon: 9.11667“ (was für ein bescheuerten Songtitel!) die dörfliche Herkunft des gebürtigen Niedersachsen thematisierte. Jetzt wissen wir auch, dass Thees und sein Kumpel Olli sich nur an den örtlichen Altpapiersammlungen beteiligt haben, um die „Praline“-Hefte abzugreifen, die am Ende säckeweise auf dem Uhlmannschen Anwesen in Hemmoor vergraben wurden. Übrigens war besagter Olli mit seinem Sohn vor Ort und Yannick bekam gleich mal EUR 40,00 von Onkel Thees geschenkt, um „irgendeinen Blödsinn“ zu kaufen. Mit dem Track dürfte die blonde Labertasche seinem Auditorium aus dem Herzen gesprochen haben und er wirkte durchaus, als hätte er sich in der Emsländer Tiefebene sehr wohl gefühlt. Gemeinsam wurde „Vom Delta bis zur Quelle“ abgefeiert, bevor Herr Uhlmann erneut zur akustischen Gitarre griff und vom Kaffeeklatsch mit OLLI SCHULZ in Berlin berichtete. Wer sich gefragt hat, wann dem TOMTE-Fronter der Satz „Was man in der Jugend sündigt, zahlt das Alter einem heim“ eingefallen ist, wurde informiert, dass die Passage aus dem wunderbaren „Sommer in der Stadt“ ganz authentisch von einem Rentner aus Thees’ Berliner Viertel stammt. Das Zitat hat er sich gleich mal unter den Nagel gerissen, weil seine Platte eher erschien als der nächste OLLI-SCHULZ-Studio-Output. Für „New York“ (2006 auf dem TOMTE-Silberling „Buchstaben über der Stadt“ veröffentlicht) verließen alle außer Tobias Kuhn und Uhlmann die Bühne, um mit Mundharmonika und Wanderklampfe für Begeisterung zu sorgen. So richtig rund ging’s wenig später mit der kompletten Mannschaft, die von Nikolai Potthoff (Gitarre), Markus Perner (Schlagzeug) und Hubertus Steiner (Bass) ergänzt wurde. Auf der Setlist stand die Singleauskopplung „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“, den Titel Thees aber gar nicht hätte nennen müssen – die eröffnenden Klavierakkorde haben schließlich absoluten Wiedererkennungswert und natürlich wurde das Lied nach allen Regeln der Kunst abgefeiert – inklusive des Lingener „Gefangenchores“, der die „Uhhhhs“ übernahm. Für alle über 30, die womöglich am nächsten Tag die Nachwirkungen des Konzertes in den Knochen spüren würden, gab’s „Die Nacht war kurz (ich steh früh auf)“, ehe „17 Worte“ weiteren Einblick in die Seelenwelt des Hauptprotagonisten des Abends bot. Überhaupt sind die Texte bei THEES UHLMANN genauso wichtig wie die Musik und ohne die Sprüche und Geschichten zwischen den Songs wären die Konzerte nur halb so schön. Mein absoluter Höhepunkt kam schließlich mit „& Jay-Z singt uns ein Lied“. Zwar wollte Tobias’ Sechssaiter zunächst keine Töne mehr von sich geben, aber für solche Fälle hat Uhlmann zur Überbrückung ja immer ein paar Anekdoten in petto und schlussendlich stand meinem Lieblingsstück nichts mehr im Weg. Auf dem Longplayer ist an dieser Stelle CASPER mit von der Partie, der Song kam jedoch auch ohne den Rap-Kollegen ganz hervorragend rüber und so traten „Die Toten auf dem Rücksitz“ wenig später auf den Plan und wünschten eine gute Reise durchs Leben.

Hier endete das reguläre Set nach 70 Minuten, dem nach einem kurzen Break ein Solo von THEES UHLMANN folgen sollte. Bis der emotionale FC-St-Pauli-Track „Das hier ist Fußball“ erklingen konnte, mussten abermals „große“ technische Probleme bewältigt werden; nach wenigen Minuten war jedoch der passende Schalter umgelegt und es konnte weitergehen, bevor zu „Paris im Herbst“ die gesamte Mannschaft zurückkehrte. Nach einem ruhigen Start mit Markus an der Quetschkommode, ließen es die Musiker noch mal richtig krachen und Thees bekam auch endlich seine Herzchen. Leider musste die sympathische Rampensau nämlich feststellen, dass er die vermeintlichen „Herzen“-Gesten seines Publikums oftmals falsch gedeutet hat: die Leute hatten häufig einfach nur ihr Smartphone in der Hand, um festzuhalten „ob der Typ wohl seit der letzten Platte dicker geworden ist“ (als Sänger darf man lt. Thees alles – außer dick sein!)… Zum Ende des Gigs hatten die Lingener dann aber tatsächlich Herzchen für ihren Helden parat, der sich nach einem kurzen Ausflug ins Off gemeinsam mit seiner Band mit dem abermaligen Vortrag von „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ bedankte. Dank gab’s vom „Begründer des norddeutschen Bierbuddhismus“ auch fürs Zuhören, wobei der Herr „nix erwartet, aber dafür auch so tanzen darf wie er tanzt“. Zu THEES UHLMANN oder auch TOMTE kommt man ja auch nicht, um einen Circle Pit zu machen, sondern um zuzuhören und zu den schönen Melodien mitzuwippen. Ohne Zweifel wurde den Emsländern zum Zuhören und Mitwippen einiges geboten und so sah man am Schluss des Konzertes auch nur zufriedene Gesichter und auch ich konnte die Heimfahrt mit einem breiten Grinsen antreten und freue mich schon auf die nächste Gelegenheit für einen Uhlmann-Auftritt, die für mich mit dem Fest van Cleef kommen wird. Dann übrigens auch mit CASPER und bestimmt auch mit gegenseitigen Bühnenstippvisiten, schließlich hat Thees auch bei CASPER und dessen Titeltrack auf seinem Erfolgsalbum „Xoxo“ mitgemischt.

Setlist THEES UHLMANN

Römer am Ende Roms
Das Mädchen von Kasse 2
Lat: 53.7 Lon: 9.11667
Vom Delta bis zur Quelle
Sommer in der Stadt
New York (TOMTE-Song)
Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
Die Nacht war kurz (ich stehe früh auf)
17 Worte
& Jay-Z singt uns ein Lied
Die Toten auf dem Rücksitz

Das hier ist Fußball
Paris im Herbst

Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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