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THEES UHLMANN (Lesung)

Ort: Osnabrück - Rosenhof

Datum: 08.01.2020

Die Frage, ob man ein ausgesprochener HOSEN-Fan sein muss, um Spaß daran zu haben, aus einem Buch über DIE TOTEN HOSEN vorgelesen zu bekommen, wusste der Musiker und Schriftsteller THEES UHLMANN im voll besetzten Rosenhof äußerst kurzweilig zu beantworten. Enttäuscht wurden höchstens diejenigen, die eine chronologische Biografie der Düsseldorfer Punk-Institution oder brisantes Insider-Wissen erwarteten.

Um beides sollte es an diesem Mittwochabend nämlich nicht gehen. Vielmehr beschreibt der 45-jährige Junge von der Küste in „Thees Uhlmann über Die Toten Hosen“ sein Verhältnis zur Band und wie aus jugendlicher Bewunderung eine erwachsene Freundschaft wurde. Garniert wurde das Ganze mit Musik aus der eigenen Feder („Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop Videodrehs nach Hause fährt“ und „AVICII“) und natürlich von den Idolen der Jugend („Reisefieber“, „Freunde“ und „Liebeslied“), die jeweils mit der Akustikklampfe vorgetragen wurden. Dass im Falle von „Freunde“ der fehlende Tritt auf das Stimmgerät darin resultierte, dass der Sound sehr unplugged rüberkam, führte nur zur weiteren Erheiterung des Publikums, da Thees gleich einen Zehner anbot, um diesen Fauxpas aus dem Internet fernzuhalten. Aus den angekündigten 3 ½ Stunden bis zur Pause, der noch weitere 1 ½ Stunden Lesung folgen sollten, wurden am Ende tatsächlich drei Stunden Performance vom Feinsten. Man merkte Uhlo einfach zu jeder Sekunde an, dass er genau das macht, worauf er mit jeder Faser seines Herzens Bock hat und da wird ihm auch Mutti Uta Uhlmann schon längst verziehen haben, dass er seinerzeit sein seriöses Studium in Köln geschmissen und sich stattdessen in Hamburg der brotlosen Kunst mit TOMTE gewidmet und gemeinsam mit den beiden KETTCAR-Mitgliedern Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff das Indie-Label Grand Hotel van Cleef gegründet hat. Von der innigen Beziehung zu seiner Mutter wusste der Mann dann auch ausführlich zu berichten. Es ging um Weihnachtsrituale, angesäuselte Telefonate und den Umstand, dass die offensichtlich sehr bodenständige Mama ihn auch gern in die unprätentiöse Realität zurückholt. Etwa wenn sie anmerkt, dass er so was wie das ‚Fischlied‘ (gemeint ist der bisher erfolgreichste Song „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ vom selbstbetitelten 2011er Solo-Debüt) wohl nicht noch mal hinbekommen werde oder das Buch wohl doch nicht so erfolgreich sei, wenn es schon wieder aus den Bestsellerlisten verschwunden ist. Außerdem gibt es da noch eine Tochter, die am Wochenende auf einen heruntergekommenen Reiterhof irgendwo im weitläufigen Speckgürtel Berlins begleitet werden will. Wie das Auditorium jetzt weiß, wird da nicht nur gemeinsam gestriegelt, sondern mit der sog. ‚Pferdemutter‘ auch der örtliche Norma aufgesucht. Dabei handelt es sich erstens um die Erziehungsberechtigte eines weiteren Kindes, die zugleich als Fahrerin fungiert und zweitens um einen Supermarkt mit ungewöhnlichem Sortiment, das von Sixpacks mit tschechischem Bier in Zwei-Liter-PET-Flaschen gekrönt wird. Klingt erstmal nicht danach, als hätte dies alles mit den TOTEN HOSEN zu tun? Nun, das erste HOSEN-Konzert als 14-jähriger ist in der Erinnerung des Pop-Poeten zwar nur noch ein nebulöses Fragment, aber es legte womöglich den Grundstein für genau das, was THEES UHLMANN heute seinen Beruf nennt. Außerdem ließ der Autor seine Zuhörer daran teilhaben, wie Freundschaften zu Campino & Co entstanden, die auch das Management der Rheinländer mit einbezieht. Genannt sei hier Patrick Orth, der Geschäftsführer bei der HOSEN-Plattenfirma JKP ist und bei dem der Kollege Uhlmann auch schon mal im heimischen Kinderzimmer übernachtet hat. Allerdings befand der Orthsche Nachwuchs den erwachenden Thees als deutlich weniger cool als MARTERIA, der ebenfalls schon dort genächtigt hatte. Der Wahl-Hauptstädter schwärmte davon, wie korrekt die HOSEN und ihre Crew Support-Bands behandeln (eine solche war er 2013 vor 70.000 Zuschauern im Kölner Rhein-Energie-Stadion gemeinsam mit BAD RELIGION) und erzählte die sehr witzige Story, wie die deutsche Yellow Press aus ihm einen englischen Eisverkäufer gemacht hat, weil der zuständige Redakteur ein gemeinsames Foto mit DTK in Unkenntnis seiner Person falsch interpretiert hatte.

Wie so oft im Leben waren es auch bei THEES UHLMANN die kleinen Geschichten, die das Zuhören spannend machten. Das ging es nicht um den Glamour des Musikbusiness, sondern um Freundschaften und die Idee, sein Ding zu machen. „The struggle is real“ entfuhr es dem Hauptprotagonisten des Abends dann auch immer mal wieder, wenn er so richtig in seinem Element war. Dann konnte er sich auch hemmungslos über seine Metaphern und Bonmots freuen. Thees ist einfach ein freundlicher, den Menschen zugewandter Typ und deshalb dankte er auch den Machern des Rosenhofs und dem örtlichen Veranstalter für ihre Arbeit und merkte an, dass er sich immer noch über das Freibier freut, dass ihn backstage erwartet und brachte sein Unverständnis für manche HipHop-Kapellen zum Ausdruck, die dort ein totales Chaos hinterlassen und sogar Essen auf den Boden werfen – ganz nach dem Motto: Wir sind die großen Macker, was geht uns die Minijob-Putze an, die den Scheiß wegmachen muss. Eine solche Attitüde kann man dem blonden Typen aus der Kleinstadt Hemmoor zwischen Stade und Cuxhaven nun wirklich nicht vorwerfen. Wahrscheinlich würde vielmehr die gesamte Zuschauerschaft gern mal in Thees‘ Berliner Küche sitzen, über Gott und die Welt schwadronieren und dabei ein paar Flaschen des tschechischen Gerstensaftes konsumieren, das sich so gut im Kühlschrank macht.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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