Ort: Bremen – Die Glocke
Datum: 10.09.2025
Wie mag es sein, wenn THEES UHLMANN ganz allein mit ner Gitarre mit reduziertem Bühnenbild auf der Stage steht? Davon kann man sich aktuell ein Bild machen, denn der 51-jährige Musiker, Autor und Mitbegründer des Kult-Labels Grand Hotel van Cleef ist auf großer Solo-Tour, die den Namen „Sincerely, Thees Uhlmann – Das Beste von Tomte bis heute“ trägt. Unter diesem Titel ist Ende 2024 eine Compilation mit insgesamt 29 Songs in die Plattenläden gekommen. Die feine Auswahl von Liedern aus TOMTE-Zeiten (1994 bis 2010) und Thees Solo-Jahren (seit 2011) schaffte es bis auf #7 der Album-Charts und bei so einem großen Interesse am künstlerischen Werk des Wahl-Berliners, überrascht es nicht, dass die besagte Tour bis auf wenige Restkarten für Halle an der Saale ausverkauft war. So war’s auch am Mittwochabend in der Glocke in Bremen, wobei: Thees sprach davon, dass der große Saal im ehrwürdigen Konzerthaus am Bremer Dom 1.311 Sitzplätze habe und 1.310 Tickets seien verkauft worden. Vielleicht wurde dieser letzte Platz aber auch für Bürgermeister Bovenschulte reserviert, der allerdings zeitgleich im Weserstadion als Redner und Ehrengast bei der Verleihung der Auszeichnung „Motor des Nordens“ fungierte. Sagen wir mal so: Ich hätte mit dem OB nicht tauschen wollen.
Kurzweiliger, launiger und emotionaler als Thees‘ Stelldichein kann die Veranstaltung auf keinen Fall gewesen sein, denn Uhlo gab erneut jede Menge Anekdoten zum Besten und bewies, dass seine bzw. die TOMTE-Songs auch mit kleinem Besteck hervorragend funktionieren. Es ging weit in die Vergangenheit zurück, denn mit „Pflügen“ stand ein Lied vom TOMTE-Debüt „Du weißt, was ich meine“ aus 1998 auf der Setlist. Die Platte wurde damals auf Marcus Wiebuschs (KETTCAR) Label B.A. Records rausgebracht und veranlasste einen Rezensenten zu der Feststellung „Genialität im Stadium der Andeutung“ – wie uns Kollege Uhlmann wissen ließ. Offensichtlich hatte Wiebusch, mit dem Thees 2002 gemeinsam mit dem KETTCAR-Bassisten und -Sänger Reimer Bustorff Grand Hotel van Cleef gegründet hat, erkannt, dass die Band Potenzial hatte und insbesondere der Fronter für die Musik brannte. Oder wie Marcus lakonisch gesagt haben soll: „Sonst hätte es ja keiner gemacht.“ Und was sagt Thees, wenn er als einziger untätowiert auf ner BROILERS-Aftershow-Party ist, auf die Frage, weshalb er gar keine Tattoos hat? „Ich bin so hart, dass die Farbe einfach an meiner Haut abgeplatzt ist.“ – und schon war auch eine Textzeile für den Song „Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop Videodrehs nach Hause fährt“ vom 2019er „Junkies und Scientologen“ erdacht! Nach dem steten Wechsel zwischen zwei Holzgitarren, griff der Hauptprotagonist des Abends für „Kaffee & Wein“ (2013 auf „#2“ erschienen) erstmals zur elektrischen Krachlatte, um das Stück mit dem schönen Satz „Wir haben einen exzellenten Ruf zu verlieren in schlechten Kreisen.“ voller Melancholie zu performen.
Nach der rund 25-minütigen Pause kam die E-Gitarre über einen längeren Zeitraum zum Einsatz, wobei auch mit absurden Stories nicht gespart wurde. Etwa wie THEES UHLMANN und „seine Frau“ Rainer G. Ott (seines Zeichens Geschäftsführer beim GHvC und im Vorfeld des heutigen Gigs Hinweisgeber aus dem Off, dass zu häufiges Fotografieren, womöglich auch noch mit Blitz, dazu führen würde, dass Marcus Wiebusch einem die Arme bräche) nach einem GRILLMASTER-FLASH-Konzert verbotenerweise im Metronom von Bremen nach Hamburg Riesling tranken und die volle Härte der Schaffnerin und zweier Securities zu spüren bekamen. Die Unterhaltung mit den Dreien war sehr nett, ein Bußgeld gab’s trotzdem, wofür die Übeltäter auch vollstes Verständnis zeigten. Desweiteren haben wir an diesem Abend gelernt, dass METALLICA „Nothing Else Matters“ vermutlich bei BAP geklaut haben, denn deren „Sendeschluss“ weist frappierend ähnlich klingende Akkorde auf. Thees outete sich als BAP-Fan und brachte deshalb auch diesen Track vom 1984er „Zwesche Salzjebäck un Bier“ zu Gehör. 41 Jahre hat die Nummer inzwischen schon auf dem Buckel, damals schrieb man ‚Sendeschluss‘ noch mit ‚ß‘ und eine ganze Reihe der Anwesenden waren noch gar nicht auf der Welt, weshalb Uhlo im Zusammenhang mit dem sentimentalen „Was wird aus Hannover“ auch noch mal erklärte, was es mit der Expo 2000 in Hannover auf sich hatte und freute sich darüber, dass KRAFTWERK für ihren sehr, sehr minimalistischen Electronica-Expo-Song geschmeidige 250.000,00 DM kassiert hatten. Immer wieder rückte seine Heimatstadt Hemmoor in den Mittelpunkt, die, das weiß man seit dem selbstbetitelten Solo-Debüt von 2011, die Koordinaten Lat: 53.7 Lon: 9.11667 hat. So heißt nämlich auch eines von Thees erfolgreichsten Liedern, das gemeinhin aber unter dem Titel „Hier komm ich her, hier bin ich geboren“ bekannt ist und angesagt wird. Aus Hemmoor war aber auch Thees Mutter Uta angereist, die ihrem Sohn im Vorfeld die Frage gestellt hatte, für wen er denn Vorprogramm mache, wenn die Glocke ausverkauft sei.
Neben diesen witzigen und nostalgischen Momenten gab es natürlich jede Menge tolle Musik zu hören, aber es gab auch ernste Augenblicke, etwa als Thees sich vor „17 Worte“ gegen Antisemitismus in jeder Form und egal von welcher Seite wandte. Anlass war das Textfragment „Dein Herz ist wie eine Berliner Synagoge, es wird Tag und Nacht bewacht“, das leider aktueller nicht sein könnte. Mit dem Stück „Avicii“ brachte der Künstler währenddessen das Thema Depressionen zur Sprache, was mit viel Beifall quittiert wurde. Für Benni, der in Neustadt am Rübenberge, nahe Hannover gelegen, geboren wurde, wird die Nummer „Römer am Ende Roms“ ganz besonders im Gedächtnis bleiben, da er Thees an dieser Stelle auf der Mundharmonika begleiten durfte. In den Uhlmannschen Bandkreisen spricht man allerdings nicht von einer Mundharmonika, sondern von ‚der Zahnspange‘, die Thees Hemmoorer Zahnarzt, der gleichzeitig auch Tierarzt gewesen sein soll, dem siebenjährigen Thees aus kosmetischen Gründen auch verpassen wollte. Der fand’s sogar cool, doch Papa Michael entschied, dass kosmetische Gründe nicht ausreichend waren für derartige Ausgaben und so fiel die Zahnkorrektur aus.
Mit „Ich sang die ganze Zeit von dir“ vom 2006er „Buchstaben über der Stadt“ (mit #4 das erfolgreichste TOMTE-Album) endete das reguläre Set nach annähernd 2 ½ Stunden mit einem echten Highlight und tosendem Applaus, doch natürlich konnte der Abend nicht ohne eine Zugabe enden. Die nutzte Herr Uhlmann, um sich auszumalen, wie es wäre, eine ganze Woche jeden Abend in einer anderen Konzertlocation in Bremen zu spielen. Angefangen beim Eisen, einer Kneipe, wo TOMTE einst vor einem sehr überschaubaren Publikum ihren ersten Gig in der Hansestadt an der Weser absolvierten, über das Aladin, wo um 21.20 Uhr Schluss zu sein hat, weil dann Disco ist, bis zum Radiokonzert bei Bremen 4, das live übertragen zu Stirnrunzeln an den Empfangsgeräten führen könnte. In der Glocke gab es noch „Junkies und Scientologen“ und „Die Schönheit der Chance“ auf die Ohren, was mit Standing Ovations quittiert wurde. Mein Kozerterlebnis wäre absolut perfekt gewesen, wenn auch noch „Was den Himmel erhellt“ und „& Jay-Z singt uns ein Lied“ auf der Setlist gestanden hätten, aber ich meckere auf allerhöchstem Niveau, sogar die A1 war ja frei, was für eine zügige An- und Abreise sorgte, und das ist wahrlich nicht der Normalfall.
Setlist
- Danke für die Angst
- New York (TOMTE)
- 17 Worte
- Zugvögel
- Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop Videodrehs nach Hause fährt
- Pflügen (TOMTE)
- Was wird aus Hannover
- Schreit den Namen meiner Mutter (TOMTE)
- Kaffee & Wein
- Sendeschluss (BAP-Cover)
- Lat: 53.7 Lon: 9.11667
- Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
- Fünf Jahre nicht gesungen
- Die Toten auf dem Rücksitz
- Avicii
- Römer am Ende Roms
- Ich sang die ganze Zeit von dir (TOMTE)
- Junkies und Scientologen
- Die Schönheit der Chance (TOMTE)
Copyright Foto: Ingo Pertramer

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