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TIAMAT – THE 69 EYES – AVA INFERI

Ort: Leipzig - Werk II

Datum: 12.02.2009

Haltet eure Töchter fest. Denn die Höllenhunde sind los. Pünktlich zur kältesten Zeit des Jahres rappeln sich TIAMAT auf und hechten in unsere Gefilde, um unsere eingefrorenen Knochen zum Kochen zu bringen. Doch die Zeiten, in denen sie für ausverkaufte Hallen sorgten, gehören der Vergangenheit an. Also besser noch fünf animalische Combos an die Leine genommen, damit der Kessel auch richtig zum Dampfen gebracht wird. Tragisch nur, dass die Folgen der Wirtschaftskrise mittlerweile auch in der Musikindustrie und bei deren Publikum angekommen sind. Nur so erklären wir uns, dass das Hellhounds-Fest einst noch mit 6 Bands lockte, jedoch nach vermutlich schlechtem Vorverkauf, GOTHMINISTER, NOVEMBRE und SCREAM SILENCE Buße tun mussten. So verkürzte sich das Programm an diesem Abend im sterilen Leipziger Werk II auf drei Bands. Neben dem Headliner TIAMAT, sollten THE 69 EYES, ohne neuem Album auf dem Markt, erwartungsgemäß für die restlichen Schreieinlagen und zahlreiche Besucher sorgen. Warum außerdem gerade AVA INFERI übrig blieb, kann man sich wohl auch mit den Kosten erklären. Es tut wohl an dieser Stelle nicht weiter Not zu erwähnen, dass einige glückliche Kartenbesitzer diesem Abend nicht mehr so recht mit groß aufkommender Vorfreude entgegenblickten, da eine zunehmende Kürzung des Programms bei Konzerten und Festivals noch nie für positive Furore sorgte.

Nichtsdestotrotz, die zwei Headliner blieben und so machten wir uns erwartungsvoll auf in die heiligen Hallen. 19.15Uhr: Das Werk II scheint gerade mal bis zur Hälfte gefüllt, als die Portugiesen von AVA INFERI ihren langatmigen Auftakt beginnen. Während draußen vor den Toren die letzten Klappergestelle noch versuchen, ihre für teuer Geld erworbenen Tickets an den Mann zu bringen, verschwinden einige von uns noch mal im angrenzenden Supermarkt oder halten sich am dauerbrennenden Glimmstängel aufrecht. Denn das Feuer in den Hallen will so gar nicht entfachen. Sängerin Carmen Susana Simões klettert die Tonleiter rauf und runter, während der Rest der Truppe versucht mit seinen krampfhaft dreschenden Bewegungen das Eis zum Schmelzen zu bringen. Bei uns sorgt das leider nur für kalte Füße. Das Publikum klebt wie Kaugummi am Boden fest und auch meine Limette will einfach nicht aus dem Glase hüpfen. Musikalisch wird hier monotoner Gothic mit leichten Doom-Einschüssen geboten. Fürs Auge gibt es nicht mehr als eine Sängerin in klischeehaftem Szenekleid, die scheinbar am Boden festgewachsen ist. Fazit: Das hätte man sich wirklich sparen können.

Danach sind wir wohl nicht die Einzigen, die nun nach langwierigem Vorspann, vor Freude auf das finnische Goth’n’Roll – Paket, in die Hände klatschen. Ich bin mir sicher, dass THE 69 EYES die eigentlichen Headliner des Abends sind. Wie sonst erklärt man sich, dass man für fast alle Merchandise-Artikel der Finnen im Schnitt 5€ mehr verlangt als selbiges mit TIAMAT-Aufdrücken? Nach CRADLE OF FILTH- und SAMAEL-versüßter Umbaupause kommt das nun praller gefüllte Werk II mächtig ins Schwitzen. Mit „Framed In Blood“, einer der heißbegehrten älteren Songs, wird auf Anhieb der richtige Nerv getroffen. Die Gothicgirls und –boys verschmelzen sofort zu einer partygeilen Meute und geben ordentlich Stoff – Daumen hoch! Wie sich das für eine waschechte Rockerfraktion gehört, wurde auch die 100% Lederkluft ausgewählt. Jyrki hat die Coolheit mit Löffeln gefressen und bringt mit engem Lederbeinkleid, Lederjacke, passenden Handschuhen und dunkler Sonnenbrille die Mädchenherzen zum Hüpfen – ja ja, die Finnen wieder… Da haben es Drummer schon schwieriger. Also fiel Jussis Wahl heute auf die weiße Jeans und mit Windmaschine kräftig in Szene gesetzt, bekommt auch er seine verdiente Aufmerksamkeit. Seien wir mal ganz ehrlich, showtechnisch ist die Einfallslosigkeit Steuermann und jedes Konzert der Finnen wirkt, als würde man absolut die selben Bewegungen an den entsprechenden Stellen sehen. Aber was soll’s, dafür kann keiner so gut mit seinen Hüften kreisen, vom Podest springen und die Mädels mit seinem Wechselspiel des Sonnenbrille-auf-und-absetzens verrückt machen, wie Frauenschwarm und Angelmeister Jyrki 69. Als sofort nach dem Opener der Oberkracher „Never Say Die“ und danach der Klassiker „Gothic Girl“ ertönt, sind wir doch etwas über die Setlist überrascht. Mit dem seichten „Rocker“ und dem Partykiller „Christina Death“ kippt dies leider wieder in die eher langweilige Richtung – nun ja, Zeit um den Kopf still zu halten und Jussi genauestens analysierend beim Trommelspiel zu begutachten. Auffällig: Die älteren Herren der ersten Reihen flippen bei Jyrkis lasziven Tanzeinlagen völlig aus, dieses Szenario möchte ich gar nicht zu Ende denken. Romantik pur hagelt es dann bei dem Schmachtfetzen der Platte „Blessed Be“ schlechthin – „Stolen Season“ – einfach nur ohne Worte – wäre mein Kuli auf den Boden gefallen, ich hätte ihn wohl nicht mehr aufheben können… Doch genug der ewigen Gefühlsduselei!!! Mit den Dauerbrennern „Feel Berlin“ und „Dance D’Amour“ geht’s röhrend weiter (bis auf das fehlende Stöhnen am Ende des Zweitgenannten). „It can’t rain all the time“ – schöner hätte Brandon Lee es wohl nicht sagen können. Ein diabolisches Gelächter erschüttert Mark und Knochen und der charakteristische Riff ertönt. Lehnt euch zurück, es ist Zeit für das geniale „Brandon Lee“! Jussi strotzt nun vor Ekstase, spuckt, rotzt und lacht ins Mikro, während er stehend auf seinem Schlagzeug seinen Fellen Saures gibt – niedlich. Mit dem allseits beliebten „Perfect Skin“ und „Devils“ fliegen unzählige Plektren gegen unsere Denkkästen. Bravo! Die Zugaberufe werden natürlich erhört und so ballert uns abschließend „Lost Boys“ und das THE DOORS-Cover „L.A. Woman“ um die Ohren. Ich halte THE DOORS für eine der größten Bands, die je unsere Erde berührt haben, aber warum greift man nicht auf eigene Sachen wie „Wasting The Dawn“ zurück? Sei es drum, eine Show voller Rock, Goth, Schweiß und Sex gehört nun der Vergangenheit an – noch Fragen?

Setlist THE 69EYES
Framed In Blood
Never Say Die
Gothic Girl
Rocker
Christina Death
From Dusk Till Dawn
Stolen Season
Feel Berlin
Stigmata
Dance D’Amour
Brandon Lee
Perfect Skin
Devils

Lost Boys
L.A. Woman

Zeit für den Anführer der höllischen Wauwaus – doch zugegeben, das riesige umgedrehte Kreuz auf der Bühne, welches in einer Tour hell erleuchtet wird, wirkt eher klischeehaft und peinlich. Als das Intro ertönt und die Jungs von TIAMAT die Bretter besteigen, bin ich nahezu entsetzt über die fehlende Begeisterung der Leipziger dem Headliner gegenüber. Es wirkte fast wie „Nun, jetzt habe ich einmal FÜR THE 69 EYES bezahlt und der letzte Bus fährt ja erst in 1,5 Stunden.“ Der unter Fans sehr geliebte Opener „Will they come?“ erregt hier die wenigsten. Auch ich vermisse Power, Dynamik und Leidenschaft auf der Bühne. Schwermütiger Gothic-Metal aus dem hohen Norden ist ja gut und schön aber verglichen mit den arschrockenden 69 EYES, braucht man etwas Zeit, um sich dieser Stimmung anzupassen. Das einzige, was sich auf der Bühne bewegt, ist die linke Hand von Frontmann Johan Edlund, die er ab und an dem Publikum entgegen streckt. Kommunikation gleich Null und irgendwie lässt mich das Gefühl nicht los, dass die Jungs heute nicht auf Hochtouren laufen. Doch, das Blatt wendet sich, Gott sei Dank, bei „Vote For Love“. Das Tempo steigt, die Stimmung auch – Party on, Wayne!!! „The next song is about love and peace“ Aha, ganz egal welche Höhenflieger da im Spiel waren, sie haben verdammt gut getan! „Equinox Of The Gods” drischt die Boxen ins Delirium, überschlägt sich dreimal mit Salto, bahnt sich leidenschaftlich in unser Hörorgan und zerlegt das Werk II in Schutt und Asche. Entweder lag es an der Setlist oder die Jungs bzw. das Publikum brauchten einfach nur eine längere Auftauzeit. Wer eigentlich nicht so recht die Band zuzuordnen wusste, hier kommt die schmerzerlösende Antwort „Brighter Than The Sun“, welches quietschfidel in Kopf und Beingestell wandert. Dieser Song hat den Rhythmus zum Abendbrot verspeist – dafür gibt es den bisher fettesten Applaus heute. Weiter geht’s mit eingängigen Melodien, nahgehenden Texten, leidenschaftlichen Riffs und schwerster aber reißender Melancholie – das Bier schwippt nur so über den Becherrand. Nach 12 Songs verschwinden die kaltblütigen Schweden von der Bildfläche. Doch die pochenden Zugaberufe holen sie schleunigst zurück. Johan lässt einen inbrünstigen Schrei vom Stapel – ich falle vor Schreck vom Barhocker – und die Show fährt mit „Via Dolorosa“ weiter auf Erfolgspfaden. Der nächste Klassiker von 1992 wird als ein ganz besonderer angekündigt und alles jubelt zu „The Sleeping Beauty“. Völlig unwissend werde auch ich nach einigen Sekunden in den atemberaubenden Bann dieses Schießgewehrsongs gezogen – herrlich! Nachdem der Mann an der Gitarre eine falsche Note gespielt hat, oder weiß der Geier, und von Johan fast stranguliert wurde, spielt er als Entschuldigung bei „Gaia“ das längste, genialste und zähnefletschendste Solo des ganzen Abends. Ich bin im wahrsten Sinne von den Socken – und mit mir auch ein Großteil des Publikums. So endet ein, im Rückblick mit starken Anfangsschwierigkeiten, wohlauf gelungener Abend. Die kläffenden Köter verziehen sich wieder zurück in ihren Käfig. Was bleibt? Nun ja, wir hoffen, bald wieder in den Genuss dieses höllisch-finsteren Infernos zu kommen…!!!

Setlist TIAMAT
Will They Come?
Raining Dead Angels
Cain
Until The Hellhounds Sleep Again
Do You Dream Of Me?
Divided
Vote For Love
Equinox Of The Gods
For Her Pleasure
Brighter Than The Sun
Wings Of Heaven
Cold Seed

Via Dolorosa
The Sleeping Beauty
Gaia

Copyright: Tine Kersten

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