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TIERE STREICHELN MENSCHEN

Ort: Osnabrück – Lagerhalle

Datum: 03.05.2013

Hinter TIERE STREICHELN MENSCHEN stecken Sven van Thom und Martin „Gotti“ Gottschild. Den Erstgenannten kennt man als Musiker (Gitarrist bei SOFAPLANET, Sänger bei BEATPLANET, Soloalben „Phantomschmerz“ und „Ach“, Teilnahme beim Bundesvision Song Contest 2009), während der schnauzbärtige Kollege Gottschild seit Jahren auf den Lesebühnen der Republik unterwegs ist und u.a. aus seinen Büchern „Der Schatz im Silberblick“ und „Die schwarze Mamba“ reklamiert. Außerdem sind da noch seine „Diavorträge“, für die er sich zu Dias vom Flohmarkt absurde Geschichten ausdenkt. Unter dem Branding TIERE STREICHELN MENSCHEN treten die beiden regelmäßig gemeinsam sehr erfolgreich im Berliner Frannz Club auf; in Osnabrück sind die Herren noch ziemlich unbekannt und so half auch der Begriff „Action-Lesung“, der auf den Plakaten steht, um die Massen anzulocken, nur bedingt, denn im Spitzboden der Lagerhalle hatten sich vielleicht 30 Personen eingefunden, um den Herren ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

Davon ließen sich die Jungs mit der Berliner Schnauze jedoch nicht beirren und servierten ihren Kessel Buntes, wobei recht ausgewogen zwischen Musik und Text gependelt wurde. So erfuhr der Osnabrücker alles Nötige über die Unfreundlichkeit des Dienstleistungspersonals in der Hauptstadt (ab 19.45 Uhr sollte man beispielsweise in einem Spree-Aldi beim Gemüsekauf entsprechende Schutzkleidung tragen, um nicht vom genervten Kassenpersonal mit einem Bund Radieschen erschlagen zu werden), wenn Sven van Thom nicht gerade inklusive eines herzzerreißenden Gitarrensolos gegen den Partyzwang an Silvester wetterte. Herrlich abstrus waren auch Gottis Ausführungen, wie er bei 38 °C Raumtemperatur vermittels seines eigenen Schweißfilms und eines Ventilators über den Linoleumboden seiner Wohnung geglitten ist – nur im Wohnzimmer funktionierte das wegen des Teppichs nicht, aber da tat der Nasenhaarschneider gute Dienste. Währenddessen klärte Sven die Zuschauer über eine neue Musikrichtung auf: der Wikipedia-Schlager! Als musikalisches Beispiel folgte „Meine braune Freundin“, womit keineswegs eine Dame, sondern die Leber gemeint war. Wenig später monierte sich Herr Gottschlich über falsch verwendete Redewendungen im Sinne von „da wird doch der Hund im Wald verrückt“, bevor Meister van Thom erklärte, Hip Hop sei das nächste große Ding und er habe den ersten deutschsprachigen Rap überhaupt geschrieben. Das Stück war so schlecht, dass es schon wieder gut war und selbst sein Schöpfer konnte beim Vortrag nicht immer ernst bleiben. Wirklich großartig waren Gottis Erinnerungen an seinen Portugal-Urlaub mit Mutti – mitsamt einem wirklich überraschenden Schluss. Damit schickte das Duo die Anwesenden nach einer knappen Stunde in eine kurze Pause, um zehn Minuten später mit Erotik nachzulegen. Keine Frage, dass auch dieses Thema neben Sprechgesang schrägem Witz bot, ehe Gotti von der Beziehung mit seiner ersten Freundin Bianca berichtete. Abermals hatte er die Lacher auf seiner Seite, während „Zvenni“ pure Melancholie mit der Liedzeile „ich halte dir die Haare aus deinem Gesicht, wenn du kotzen musst“ bot. Sex zieht ja immer und deshalb hatte der Mann am Tisch noch eine entsprechende Story auf Lager, die jedoch mit einem Pups eine gänzlich überraschende Wendung nahm. Der Song „Schatz, halt’s Maul“ war einer Susanne gewidmet, die ihren ersten Hochzeitstag gemeinsam mit ihrem Mann Mario bei TIERE STREICHELN MENSCHEN feierte und sich sogar über Publikumsgesänge zu ihrem Ehrentag freuen durfte. Als sehr unterhaltsam stellte sich der Tagesablauf eines Schriftstellers heraus, wobei die unterschiedlichsten Geschäftsideen (vom Schreiben allein kann ja niemand leben) noch der harmloseste Teil waren. Sehr strange war auch Svens Tanzeinlage „Der Spatz“, auf die das große Finale folgte, für das der Diaprojektor angeworfen wurde. Mit den bereits erwähnten Flohmarkt-Dias schafft sich Gotti seine ganz eigene Welt, weil seine teure Prenzelberg-Wohnung so klein ist, dass er noch nicht mal eine Zeitung aufschlagen kann. Also müssen die Dias herhalten, zu denen er sich aberwitzige Geschichten ausdenkt. Insbesondere die Bildabfolge vom „Kuckucksvampir“ konnte mich an dieser Stelle bestens unterhalten. Blieb noch das Werbeliedchen „Polen“ über den Amazonas des Ostens, den Spreewald, und schon waren annähernd zwei Stunden wie im Fluge vergangen.

Den beiden Protagonisten wären ein paar mehr Zuschauer wirklich zu wünschen gewesen. Die Woche war mit zweimal Champions League Halbfinale, Tanz in den Mai, Maigang und bestem Wetter zum Beginn des Wochenendes vielleicht schon für viele zu voll gepackt und nicht der geeignete Zeitpunkt, um sich auf etwas Neues einzulassen. Diejenigen, die vor Ort waren, wurden in jedem Fall mit kurzweiliger Comedy unterhalten, die nie platt war, auch wenn’s gelegentlich derb wurde.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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