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TOCOTRONIC

Ort: Münster - Skaters Palace

Datum: 23.03.2010

Sie hören den Begriff ja nicht gern, aber zweifelsohne zählen TOCOTRONIC zu den wichtigsten Vertretern der Hamburger Schule. Bei den Herren von Lowtzow (Gesang/ Gitarre), Müller (Bass), Zank (Schlagzeug/ Gesang) und McPhail (Gitarre) schimpft sich der Schrammel-Indie „Diskursrock“, aber das sind Nebensächlichkeiten, denn schließlich kommt es in erster Linie auf die konkrete Umsetzung an und die hat auch im 17. Jahr der Bandgeschichte jede Menge Fans, wie nicht nur der Platz-1-Charterfolg des neunten, Ende Januar erschienenden Studio-Albums „Schall und Wahn“ beweist. Passend zum aktuellen Silberling gibt es natürlich auch eine Tour, die vielerorts schon lange ausverkauft ist und auch in den Skater’s Palace rund 1.000 Tocotronicer strömen ließ.

Im Gegensatz zu ihrem zwei Jahre zurückliegenden Besuch am Dahlweg, hatte das Quartett heuer auf aufwändige Videotechnik verzichtet und stattdessen das Fräulein DILLON mit auf die Reise genommen, deren Auftritt allerdings meinen beruflichen Verpflichtungen zum Opfer fiel. Stattdessen startete ich kurz nach 20.30 Uhr direkt mit TOCOTRONIC durch, die sich für den Anfang das Liebeslied „Eure Liebe tötet mich“ ausgesucht hatten. Ein relativ sanfter Einstieg also, der jedoch nicht ohne Drive war und von rockigen 105 Minuten gefolgt wurde. Mit dem flotten „Ein leiser Hauch von Terror“ und dem groovigen „Die Folter endet nie“ gab’s direkt zwei weitere Tracks der „Schall und Wahn“ auf die Ohren, ehe „Die Grenzen des guten Geschmacks“ vom 2000er „K.O.O.K.“ dem ein oder anderen Zuschauer begeisterte Rufe entlockte. Speziell für die weiblichen und männlichen Dandys sowie alle außerirdischen Zwitterwesen war das fantastische „Verschwör dich gegen dich“ gedacht, das vor drei Jahren auf „Kapitulation“ erschienen ist und ebenso wie das launige „Imitationen“ bereits zu den Klassikern der Band zählt und für Bewegung in der Halle sorgte. Auch der Titelsong „Schall und Wahn“ wusste mit knackigen Akkorden zu gefallen, was in gleicher Weise für die stampfenden Rhythmen von „Aber hier leben, nein danke“ („Pure Vernunft darf niemals siegen“ – 2005) galt. Bei „Jenseits des Kanals“ wurde die gefühlvolle Stimmung insbesondere von Ricks grandioser Arbeit an der Langaxt dominiert, ehe Arne für „Ich werde nie mehr allein sein“/“Bitte gebt mir meinen Verstand zurück“ seinen Job hinter der Schießbude an den Kollegen McPhail abgab und stattdessen das Mikro übernahm. Arne Zank ist sicherlich nicht der begnadetste Sänger unter der Sonne, doch der Ausflug in die TOCOTRONIC-Anfangstage machte allen Beteiligten Spaß. Überhaupt zeigten sich die Protagonisten des Abends hervorragend gelaunt, weshalb ich Dirk von Lowtzow auch abnehme, dass er sich wirklich gefreut hat, wieder in Münster auf der Bühne zu stehen. Die Herrschaften bewiesen ungebremste Spielfreude und so erhielt auch Arnes leicht dadaistische Vortrag tosenden Applaus, ehe es mit dem blitzschnellen „Jungs, hier kommt der Masterplan“ (vom ersten Album „Digital ist besser“ aus 1995) und Dirk am Mikro weiterging. Was wäre ein TOCOTRONIC-Konzert ohne „Let There Be Rock“? Selbstverständlich durfte der bisher größte und inzwischen elf Jahre alte Charterfolg des Quartetts nicht fehlen und wurde natürlich auch gebührend abgefeiert, während Herr von Lowtzow sich im Produzieren feiner Verstärkerrückkopplungen übte. Spätestens die aktuelle Single „Mach es nicht selbst“ mit ihren markanten Drums ging dann auch dem Allerletzten ins Bein und zum krachenden „Drüben auf dem Hügel“ wurde der erste Crowdsurfer gesichtet. Jetzt gab es endgültig kein Halten im Skater’s Palace und „Keine Meisterwerke mehr“ wurde nicht minder in Grund in Boden gerockt wie „Stürmt das Schloss“ mit seinen Stakkatosounds, ehe „Gift“ für einen kurzen Moment eine Verschnaufpause bot, bevor Jans Bass durch Mark und Bein ging und einen fantastischen Instrumentalpart einläutete, der gleichzeitig das Ende der regulären Spielzeit markierte. Nach einer kurzen Bandvorstellung, die von heftigen Akklamationen begleitet wurden, verschwanden TOCOTRONIC im Off, um mit „Mein Ruin“ vom letzten Longplayer amtlich nachzulegen. Es wurde erneut wie der Teufel gerockt und fast schien es als würden die Sechssaiter singen. Auch mit „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“ („Es ist egal, aber“ – 1997) ging es noch einmal ordentlich rund, was vom Punk-Geschrammel von „Sag alles ab“ noch getoppt werden konnte. Inzwischen zeugte Dirks klatschnasses schwarzes Oberhemd davon, dass hier nicht nur ein bisschen die Wandergitarre gezupft worden war, doch für einen Song reichte die Energie auf beiden Seiten des Fotograbens noch: „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“ führte ein weiteres Mal an den Anfang der TOCOTRONIC-Discographie und setzte viele Emotionen frei, die sich in einem finalen Instrumentalgewitter entluden, bei dem die Gitarren noch jaulten als die Kapelle bereits die Stage verlassen hatte.

Nachdem die Verstärker vom Netz genommen waren, begleitete ein deutschsprachiger Chanson das Auditorium in den angenehmen Frühlingsabend, wo sich viele noch die Zigarette-danach gönnten. Die entspannten Gesichter ließen darauf schließen, dass die Gäste nicht weniger Spaß hatten als die Gastgeber und auch ich wusste einmal mehr, weshalb Musik einen so großen Stellenwert in meinem Leben genießt.

Setlist
Eure Liebe tötet mich
Ein leiser Hauch von Terror
Die Folter endet nie
Die Grenzen des guten Geschmacks
Verschwör dich gegen dich
Schall und Wahn
Aber hier leben, nein danke
Imitationen
Jenseits des Kanals
Ich werde nie mehr allein sein/Bitte gebt mir meinen Verstand zurück
Jungs hier kommt der Masterplan
Let There Be Rock
Macht es nicht selbst
Drüben auf dem Hügel
Keine Meisterwerke mehr
Stürmt das Schloss
Gift

Mein Ruin
Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen
Sag alles ab

Die Idee ist gut doch die Welt noch nicht bereit

Copyright Fotos: Karsten Rzehak

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